„Das Kino ist als Zugpferd für das Recoupement nicht ersetzbar“

von am 07.10.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft

„Das Kino ist als Zugpferd für das Recoupement nicht ersetzbar“
Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino

Kinobetreiber wollen über das exklusive Kino-Auswertungsfenster verhandeln

07.10.2020. Interview mit Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HdF Kino

„Anhand der aktuellen Erfahrungen mit den während Corona ins Netz abgewanderten Filmen scheint es sich zu bestätigen, dass diese in ihren Gewinnmargen keineswegs an eine reguläre Kinoauswertung heranreichen“, betont HdF-Kino-Vorstand Chistine Berg in einem medienpolitik.net-Gespräch.  Vielmehr würden die alternativen Auswertungsversuche belegen, dass Kino besonders bei hochpreisigen Produktionen innerhalb der Auswertungskaskade als Zugpferd für das Recoupement nicht ersetzbar sei. Erst die Aufmerksamkeit durch das Kino „veredelt“ einen großen Film und verschaffe ihm auch den Schub für die weitere Verwertung. Dennoch dürften die Kinobetreiber nicht in Protektionismus verfallen und die Augen vor aktuellen Entwicklungen rund um neue Distributionswege verschließen. Das Ziel müsse es sein, die Veränderungen in den Auswertungsstrategien der Studios und Plattformen aktiv mitzugestalten. Für den Gesamtmarkt müssten deshalb „zentrale Eckpunkte für verschiedene Release-Szenarien“ verhandelt werden. In dem Gespräch fordert Berg eine größere Solidarität innerhalb der Filmbranche ein:Nur mit starken deutschen Filmen können wir eine größere Unabhängigkeit erreichen. Aber wir haben es alle versäumt, uns – auch gegenüber der Politik – gegenseitig zu unterstützen.“

medienpolitik.net: Frau Berg,  Sie hatten vor vier Wochen große Hoffnungen auf den Start von „Tenet“ gesetzt. Waren der Film sowie die Zuschauerzahlen der große Aufbruch?

Berg: Sowohl „Tenet“, der inzwischen fast 1,3 Millionen Besucher begeistert hat, als auch „After Truth“ mit fast 800.000 Besuchern haben eindrücklich bewiesen, dass die Menschen wieder ins Kino kommen, wenn es attraktive neue Filme gibt. Aber kaum in Fahrt gekommen, wurde der große Aufbruch gestoppt, da weitere Filme wieder verschoben wurden und eine Lücke entstanden ist. Nach wie vor ist es unverständlich, warum so wenige große deutsche Produktionen nicht den „goldenen Herbst“ nutzen und ihre Filme fast ohne Konkurrenz ins Kino bringen. Es kann die große Stunde des deutschen Films werden und die Kinos würden ihn mit Freude unterstützen.

medienpolitik.net: Spielen inzwischen alle Kinos wieder?

Berg: Unsere Mitgliedskinos haben sich immer für einen frühestmöglichen Wiedereröffnungstermin ausgesprochen und diesen auch wahrgenommen. Damit haben sie dazu beigetragen, dass unsere Branche wieder ins Laufen gekommen ist. Mehr als ¾ der Kinos haben bereits geöffnet und spielen neben den Neustarts auch viele Klassiker oder kuratieren eigene Reihen. Das wird vom Publikum gut angenommen. Aber weiterhin sind die Abstandsregeln unser zentrales Thema, für das wir uns seit Monaten einsetzen und zu dem wir bereits einige Erfolge erzielen konnten. So haben wir es geschafft, dass neben Nordrhein-Westfalen nun auch Sachsen, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und – ganz neu – auch Niedersachsen eine maßvolle Reduzierung der Abstandsregelung vorgenommen haben.

medienpolitik.net: Sie sagten gerade, dass durch fehlende Filme der „große Aufbruch“ gestoppt worden ist…

Berg: Warner Bros. hat mit „Gott, du kannst ein Arsch sein!“ und „Jim Knopf und die wilde 13“ gerade zwei größere Produktionen gestartet. Als nächstes können sich alle auf „Es ist zu deinem Besten“, „Drachenreiter“, „Der geheime Garten“ und „Greenland“ freuen. Damit ist das Angebot an besucherstarken Filmen aber eindeutig zu gering und die Branche ist dringend aufgefordert, ihre Startstrategien zu überdenken und den gemeinschaftlich gemachten Neuanfang nicht ins Leere laufen zu lassen.

„Nach wie vor ist es unverständlich, warum so wenige große deutsche Produktionen nicht den ‚goldenen Herbst‘ nutzen und ihre Filme fast ohne Konkurrenz ins Kino bringen.“

medienpolitik.net: Der Kinobesuch ging im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im ersten Halbjahr 2020 um 51,7 Prozent auf 25,9 Millionen verkaufte Tickets zurück, der Kinoumsatz um 52,3 Prozent auf 220,1 Millionen Euro. Was erwarten Sie vom 2. Halbjahr?

Berg: Aktuell reden wir über einen Rückgang von über 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr, sowohl bei den Besucherzahlen als auch bei den Umsätzen. Machen wir uns nichts vor, 2020 wird auch für unsere Branche ein finanzielles Disaster werden und mit viel Kraft und guten Filmen schaffen wir es vielleicht, nicht mehr als 60 Prozent Verlust gegenüber dem Vorjahr zu machen. Dafür benötigen wir drei Dinge: gute Filme, machbare Abstände und das Vertrauen des Publikums.

medienpolitik.net: Was wird von den Verlusten inzwischen durch zusätzliche Kinoförderungen und Corona-Hilfen abgedeckt und was müssen die Kinobetreiber selbst versuchen zu stemmen?

Berg: Grundsätzlich stehen allen Betrieben – auch den Kinos – die Überbrückungshilfen des Wirtschaftsministeriums zur Verfügung. Damit wird – je nach Höhe der Umsatzverluste – ein Teil der Fixkosten bezuschusst. Das Programm wurde bis zum Jahresende verlängert und in einigen Punkten nachjustiert. Kritisch bleibt jedoch, dass die Hilfen auf Unternehmensebene und nicht pro Standort gezahlt werden, wodurch Betreiber*innen mit mehreren Kinos systematisch benachteiligt werden und die Förderung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Dadurch werden der Mittelstand sowie die großen Häuser benachteiligt bzw. – noch schlimmer – sie werden bei der Förderung komplett außen vorgelassen. Umso wichtiger wird es jetzt, dass diese Lücke mit dem Zukunftsprogramm Kino III geschlossen wird und insbesondere solchen Häusern zugutekommt, die noch keine Unterstützung erhalten. Was die Länder angeht, werden die Hilfen des Bundes außerdem durch eigene Programme flankiert, z.B. in Bayern mit einer Kino-Anlaufhilfe, die weitere Unterstützung pro fehlendem Besucher garantiert. Ein Modell, für das sich übrigens der HDF sehr stark gemacht hat und wir auch als Blaupause für die nun ausstehenden Billigkeitsleistungen der BKM empfehlen.

medienpolitik.net: Das Zukunftsprogramm Kino wird auch 2021 fortgesetzt mit 15 Millionen Euro. Sie fordern das Doppelte. Warum? 

Berg: Weil der Bedarf riesig ist und die Nachfrage trotz einer Erhöhung auf 22 Millionen Euro in diesem Jahr nicht gedeckt werden konnte! Auf der Agenda für 2020 stand ursprünglich der Abbau des enormen Investitionsstaus in den Kinos, sei es im Bereich digitaler Kundenansprache, neuester Bild- und Tontechnik oder modernem Ambiente. Mit dem Zukunftsprogramm Kino und einem Umsatzplus aus 2019 waren die Voraussetzungen dafür gut. Die meisten Rücklagen wurden jedoch durch die Corona-Krise vollständig aufgebraucht und das Zukunftsprogramm Kino wurde für notwendige pandemiebedingte Maßnahmen herangezogen. Dies bedeutet, dass die verschobenen Investitionen im kommenden Jahr aber nun dringend angeschoben werden müssen.

„2020 wird auch für unsere Branche ein finanzielles Disaster werden“

medienpolitik.net: Sehen Sie also bereits pessimistisch auf das Jahr 2021?
Berg: Die Forderung nach weiteren Finanzhilfen hat nichts mit Pessimismus zu tun. Tatsächlich könnte es im kommenden Jahr eher der Fall sein, dass wir uns vor einem Film(über)angebot kaum retten können. Unser Ziel ist es, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und nicht abhängig von Fördergeldern zu sein.Dennoch werden wir das im Zuge der Pandemie entstandene finanzielle Defizit und die damit geringer gewordenen Spielräume für Neuinvestitionen nicht aus eigener Kraft stemmen können. Und nach der Krise wird es um so wichtiger, notwendige Investitionen in die Spielstätten voranzutreiben, um Kino auch künftig als den „Goldstandard“ der Filmauswertung zu positionieren.

medienpolitik.net: Sie haben in dieser für die Filmwirtschaft schwierigen Zeit „gemeinsames Handeln, partnerschaftlich und mit Weitblick“ angemahnt. Ist Ihre Mahnung gehört worden? Wie solidarisch ist die Filmwirtschaft heute?

Berg: Mit den Verleihern sind wir im regelmäßigen Gespräch und tauschen uns zu unseren jeweiligen Positionen aus. Wir haben berechtigte Hoffnung, dass dies die Basis für eine gute Zusammenarbeit in einigen Bereichen sein wird. Dennoch treffen in der aktuellen Lage alle Beteiligten ihre Entscheidungen für sich. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In der Krise hat sich gezeigt, wie wichtig der deutsche Film für den Markt ist. Es ist klar geworden, dass die deutschen Produzenten und Kreativen auch in Zukunft unser Rückgrat sind und unbedingt gestärkt werden müssen. Nur mit starken deutschen Filmen können wir eine größere Unabhängigkeit erreichen. Aber wir haben es alle versäumt, uns – auch gegenüber der Politik – gegenseitig zu unterstützen. Wichtig ist das, was wir aus der Krise mitnehmen und in Zukunft verändern wollen: Für uns ist ein engeres Zusammenrücken bei künftigen zentralen Themen elementar.

medienpolitik.net: Staatsministerin Monika Grütters hatte sich kürzlich in Leipzig bei der Filmmesse erneut für Veränderungen bei den Abstandregeln, nach dem Beispiel von NRW, ausgesprochen, um eine bessere Auslastung der Kinos zu erreichen. Wie sehen Sie die Chancen dafür angesichts steigender Corona-Zahlen?

Berg: Sicherheit und Wirtschaftlichkeit in Einklang zu bringen, das ist die große Herausforderung, der wir uns seit Beginn der pandemiebedingten Krise stellen. Allen Kinobetreibern ist klar, dass sie ihrem Publikum für einen längeren Zeitraum keine 100 Prozentige Auslastung bieten werden. Das ist auch nicht gewollt, da die Kinos das Thema mit viel Verantwortungsbewusstsein und Augenmaß behandeln. Wir erheben keinesfalls pauschale Forderungen nach weiteren Reduzierungen. Im Gegensatz zu Restaurants, die ihre Angebote im Sommer vielfach nach draußen verlegt haben, mussten sich die Kinos aber von vornherein darauf einstellen, dass ihr Betrieb nun einmal drinnen stattfindet. Die umfangreichen Sicherheitskonzepte (u.a. Wegeleitungen, versetzte Spielzeiten und angepasste Saalpläne) funktionieren reibungslos. Man beachte, dass es bisher nicht einen einzigen bekannten Covid-Fall im Zusammenhang mit einem Kinobesuch gegeben hat.
Dies gilt auch für die Erfahrungen in unseren europäischen Nachbarländern, wie z.B. in Frankreich und Österreich, wo weniger als 1,5 Meter Abstand gelten. Auch hier gibt es keine bekannten Infektionsgeschehnisse im Zusammenhang mit einem Kinobesuch.
Hinzu kommt, dass die hochleistungsfähigen Lüftungssysteme der Kinos sowie die Tatsache, dass im Saal kaum gesprochen wird, zusätzlich dafür sorgen, dass die Aerosolbelastungen im Kinosaal ohnehin äußerst gering sind. Wir sind hierzu im regelmäßigen Austausch mit den Entscheidern in den verschiedenen Bundesländern. Zuletzt gab es ein Treffen mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten, der unsere Argumente sehr gut nachvollziehen konnte. Nun gibt es eine Lockerung in Niedersachsen und wir sprechen aktuell mit allen anderen Ländern, allen voran mit Bayern.

„Für uns ist ein engeres Zusammenrücken bei künftigen zentralen Themen elementar.“

medienpolitik.net: Nachdem mehrere für das Kino geplante Filme auf Streaming-Plattformen gezeigt worden sind und sich in den USA durch einen Deal zwischen Universal und AMC eine Verkürzung der Exklusivfrist andeutet, gibt es auch in Deutschland Forderungen aus der Branche das Kino-Auswertungsfenster zu verkürzen. Wäre das nicht eine logische Konsequenz aus der gewachsenen Streamingnutzung?
Berg: Anhand der aktuellen Erfahrungen mit den während Corona ins Netz abgewanderten Filmen scheint es sich eher zu bestätigen, dass diese in ihren Gewinnmargen keineswegs an eine reguläre Kinoauswertung heranreichen. Vielmehr belegen die alternativen Auswertungsversuche, dass Kino besonders bei hochpreisigen Produktionen innerhalb der Auswertungskaskade als Zugpferd für das Recoupement nicht ersetzbar ist. Die Streamingzahlen sind ja auch deshalb so stark gestiegen, weil es im Shutdown keine Alternativen gab. Jetzt, wo wir langsam, aber kontinuierlich zum regulären Betrieb zurückkehren, dürfte allen Beteiligten in der Branche klar sein, dass sich eine Auswertung großer Produktionen nur über Plattformen nicht lohnt. Erst die Aufmerksamkeit durch das Kino „veredelt“ einen großen Film und verschafft ihm auch den Schub für die weitere Verwertung.

medienpolitik.net: Ich habe den Eindruck, das Kino hat durch die monatelange Schließung an Relevanz für die Freizeit und die kulturellen Erlebnisse der Bürger verloren. Wie wollen Sie die potenziellen Kinobesucher zurückgewinnen, vor allem die Jugendlichen?
Berg: Eine Umfrage der Firma S&L Research aus der zweiten Septemberhälfte hat dazu interessante Ergebnisse geliefert. Mehr als ein Drittel aller Befragten gab an, mittlerweile wieder ein Kino besucht zu haben. Im Juni lag diese Zahl noch bei gerade einmal 7 Prozent. Fast 50 Prozent derjenigen, die bereits wieder im Kino waren, gehörten der Altersgruppe der 16-19jährigen an. Also gerade die jungen Menschen gehen bereits wieder ins Kino. 76 Prozent aller Befragten gaben an, dass sie einen bestimmten Film sehen wollten, 70 Prozent wollten endlich wieder einen Film auf der großen Leinwand sehen. Wir sind daher durchaus positiv gestimmt, was das Interesse auch gerade der jungen Menschen am Kinobesuch angeht, und hoffen, dass dieser Trend von einem steigenden Filmangebot weiter befeuert wird.

medienpolitik.net: Trotz aller Bedenken wäre der HDF KINO im Zusammenhang mit der FFG-Novelle bereit einer Reduzierung des Kinofensters für geförderte Filme im FFG auf vier Monate zuzustimmen. Warum und unter welchen Bedingungen?

Berg: Zunächst einmal möchte ich klarstellen, dass die exklusive Auswertung von Kinofilmen auf der großen Leinwand ein Grundpfeiler der Filmwirtschaft und Garant für eine hohe Sichtbarkeit von Filmwerken ist. Es gilt nach wie vor, dieses erprobte Geschäftsmodell zum Nutzen aller Akteure der Wertschöpfungskette im Filmförderungsgesetz zu verankern. Wir dürfen aber nicht in reinen Protektionismus verfallen und die Augen vor aktuellen Entwicklungen rund um neue Distributionswege verschließen. Ganz im Gegenteil – unser Ziel muss es sein, die Veränderungen in den Auswertungsstrategien der Studios und Plattformen aktiv mitzugestalten. Hierfür brauchen wir jedoch Schützenhilfe durch die Politik. Denn in einem dürfen wir uns nichts vormachen: Im Gegensatz zum US-Markt ist die Branche hierzulande sehr kleinteilig strukturiert und verfügt damit von Haus aus über keine besonders starke Verhandlungsposition. Daher schlagen wir vor, der Branche über das FFG einen Anreiz zu geben, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und für den Gesamtmarkt zentrale Eckpunkte für verschiedene Release-Szenarien zu verhandeln. Unser Pfund, das wir in den Ring werfen würden, sind die sechs Monate Sperrfrist für deutsche Filme. Im Gegenzug dazu wollen wir in solchen Verhandlungsrunden aber auch über internationale Produktionen sprechen und ausloten, in welchen Punkten wir hier einheitliche Rahmenbedingungen für alle Filme festzurren können. Ich sehe darin die große Chance, der Branche mit einem geringen gesetzgeberischen Aufwand im Rahmen des FFG-Verlängerungsgesetzes den Raum zu geben, neue Geschäftsmodelle auszutesten.


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