„Der point of no return ist bei DAB+ längst überschritten“

von am 02.10.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Hörfunk, Infrastruktur, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Rundfunk, Technik

„Der point of no return ist bei DAB+ längst überschritten“
Arnold Stender, Geschäftsführer Media Broadcast

Media Broadcast baut zweites bundesweites Digitalradionetz für 67 Millionen Hörer

02.10.2020. Interview mit Arnold Stender, Geschäftsführer Media Broadcast

Media Broadcast errichtet gegenwärtig das Sendernetz für die zweite nationale DAB+ Plattform. Danach sollen rund 67 Millionen Hörer bis zu 16 Programme über die Plattform von Antenne Deutschland mobil empfangen können. Über 71 Standorte werden somit rund 83 Prozent der Bevölkerung versorgt. Je nach Region werden die Programme auf unterschiedlichen Frequenzen übertragen. DAB+ Radiogeräte wechseln automatisch auf den Kanal mit dem jeweils besten lokalen Empfang, so dass für den Hörer ein bundesweit durchgängiger Empfang sichergestellt wird. Bereits in der ersten Ausbaustufe des neuen nationalen Sendernetzes wird von 71 Standorten gesendet. Diese Standorte werden alle zum Sendestart im Oktober 2020 oder in Einzelfällen kurz danach in Betrieb gehen. Ein weiterer Ausbau ist mit steigender DAB+ Nutzung im Laufe der kommenden Jahre geplant.Wir glauben“, so Arnold Stender, Geschäftsführer Media Broadcast, in einem medienpolitik.net-Interview, dass die zweite bundesweite Plattform mit ihren attraktiven Programmen ein wichtiger Baustein für den Erfolg von DAB+ sein wird.

medienpolitik.net: Herr Stender, Sie beginnen jetzt mit dem Aufbau des DAB+-Sendernetzes für die zweite nationale DAB+ Plattform. Es existiert bereits eine nationale DAB+ Plattform, warum können die Programme für die 2. Plattform nicht über das bestehende Netz verbreitet werden?

Stender: Wir freuen uns sehr, am 5. Oktober für die Programmplattform von Antenne Deutschland das Sendernetz für den zweiten bundesweiten Multiplex in Betrieb zu nehmen. Das war in der aktuellen Situation ein Kraftakt, aber jetzt werden wir in der ersten Ausbaustufe mit 71 Senderstandorten gleich 67 Mio. Einwohner erreichen. Für den zweiten Bundesmux musste ein komplett neues Netz geplant und aufgebaut werden, lediglich auf bestehende Antennen konnte zurückgegriffen werden. Daher können die neuen Programme nicht über das Netz des ersten Bundesmux verbreitet werden. Ein weiterer Ausbau des Netzes für Antenne Deutschland ist natürlich vorgesehen.

medienpolitik.net: Wie ist heute die Abdeckung für die 1. Nationale Plattform?

Stender: Über den ersten DAB+ Bundesmux erreichen wir Ende 2020 eine Autobahnabdeckung von mehr als 99 Prozent, 98 Prozent der Fläche Deutschlands sind mobil versorgt und 85 Prozent der Bevölkerung können die Programme innerhalb geschlossener Räume empfangen.

medienpolitik.net: Wie viele Hörer können die zweite nationale DAB+-Plattform bis Ende des Jahres nutzen?

Stender: Wir sind froh, mit unserem Netz gleich zu Beginn eine sehr große Reichweite erzielen zu können. So kommt der weit überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung in den Genuss der neuen Programme auf der Antenne Deutschland-Plattform. In der ersten Ausbaustufe werden 67 Mio. Hörer diese Programme außerhalb von Gebäuden hören können; das sind 83 Prozent der Bevölkerung. Für 49 Mio. Einwohner oder 61 Prozent der Bevölkerung wird der Empfang im Haus möglich sein. 85 Prozent der deutschen Autobahnen werden versorgt. Dies wird bis auf die Standorte Schwerin und Molbergen, die aus technischen Gründen erst Anfang 2021 aufgeschaltet werden können, bis Ende dieses Jahres erreicht werden.

medienpolitik.net: Bis wann ist eine 100-Prozent DAB+-Abdeckung für beide Plattformen realistisch?

Stender: Bei dem ersten Bundesmux kann man demnächst fast schon von einer Flächendeckung sprechen, der Fokus liegt bei der Verbesserung des Empfangs innerhalb von Gebäuden. Beim zweiten Bundesmux plant Antenne Deutschland bereits einen weiteren Netzausbau, der zu gegebener Zeit bekannt gegeben wird. Insgesamt müssen wir aber realistisch sein. Gerade über die Antenne Deutschland-Plattform werden ausschließlich Programme privater Programmveranstalter verbreitet. Deren werbebasierte Geschäftsmodelle werden es kaum zulassen, ein Netz mit 100 Prozent Flächendeckung zu finanzieren.

„Der zweite Bundesmux wird die zweite Lok vor dem DAB+-Zug sein und neuen Schub geben.“

medienpolitik.net: Wie viel Media-Broadcast-Know-how steckt in den DAB+ Sendernetzen?

Stender: 100 Prozent! Media Broadcast als DAB+-Pionier der ersten Stunde ist alleiniger Sendernetzbetreiber der Antenne Deutschland. Als solcher hat unser Unternehmen das gesamte Netz des zweiten Bundesmux geplant und konzipiert. In allen unseren zahlreichen bundesweiten wie regionalen DAB+-Netzen stecken die Erfahrung und das Know-how von rund zehn Jahren DAB+-Sendernetzbetrieb. Beim zweiten Bundesmux hat Media Broadcast einen Dienstleister mit dem Betrieb von einem Teil der Sender beauftragt, übt aber auch insofern die volle Kontrolle aus.

medienpolitik.net: Wie sind Sie insgesamt mit den Angeboten und der Nutzung von DAB+ zufrieden?

Stender: Zunächst ist inzwischen völlig klar: der point of no return ist bei DAB+ längst überschritten, ebenso sind die lange dogmatisch geführten Diskussionen pro und contra DAB+ überwunden. DAB+ ist als wesentlicher digitaler Radiodistributionsweg in einem Mix unterschiedlicher Übertragungsinfrastrukturen etabliert. Wo neue Multiplexe eröffnet werden, zieht dies die rege Nachfrage von Radioveranstaltern nach sich, auch von bisherigen DAB+-Skeptikern. Hinsichtlich der Hörerakzeptanz hat der jüngst veröffentlichte Digitalisierungsbericht wieder eindrücklich gezeigt: DAB+-Radioempfang ist weiter auf Wachstumskurs mit inzwischen DAB+-Geräten in jedem vierten Haushalt. Durch die DAB+-Einbaupflicht für Autos ist weiteres starkes Wachstum zu erwarten. Schließlich zeigt der Bericht bei DAB+ das stärkste Wachstum aller Radioempfangsarten. Was die Angebote betrifft freuen wir uns natürlich auf einen Zuwachs von wirklich neuen Programmen und starken Marken auf der Plattform von Antenne Deutschland!

medienpolitik.net: Welche Bedeutung hat die zweite nationale DAB+-Plattform für die weitere Akzeptanz von DAB+?

Stender: Wir glauben, dass die zweite bundesweite Plattform mit ihren attraktiven Programmen ein wichtiger Baustein für den Erfolg von DAB+ sein wird. Mehr Vielfalt, neue Formate und alles bundesweit verfügbar ist nach unseren Untersuchungen aus Hörersicht ausgesprochen reizvoll. Wir sind sicher: der zweite Bundesmux wird die zweite Lok vor dem DAB+-Zug sein und neuen Schub geben.

„Künftig wird es einen Mix aus unterschiedlichen Radioempfangs- bzw. -distributionswegen geben, und an DAB+ führt kein Weg vorbei“

medienpolitik.net: Was treibt DAB+ gegenwärtig voran?

Stender: Neben den zusätzlichen Programmen auf dem zweiten Bundesmux wird natürlich der ab Dezember verpflichtende Einbau von DAB+-Geräten in alle Neuwagen für einen Boost bei der Endgeräteverfügbarkeit führen. Das ist ein weiterer ganz wichtiger Baustein für den Erfolg von DAB+, die Hörerakzeptanz und die Profitabilität der Geschäftsmodelle privater Radioveranstalter. Darüber hinaus ist es ein Mix aus vielen weiteren Faktoren, die das dynamische Wachstum von DAB+ derzeit vorantreiben, angefangen vom DAB+ Einstieg und den damit verbundenen Marketingaktivitäten vieler Veranstalter, über den voranschreitenden Netzausbau bis zu den Anstrengungen der Endgerätehersteller, attraktive Radios in den Handel zu bringen.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt DAB+ für Media-Broadcast?

Stender: Wir setzen seit einiger Zeit ausschließlich auf digitale Verbreitungswege. Neben DVB-T2 machen wir uns viele Gedanken über 5G, sei es 5G Broadcast oder 5G-Campus-Lösungen, aber DAB+ steht momentan klar im Fokus unserer aktuellen Aktivitäten. Wir haben hier viel investiert und werden dies auch weiterhin tun. Ich kann sagen, DAB+ ist unsere Leidenschaft!

medienpolitik.net: Die Radionutzung über das Internet steigt ebenfalls, G5 ist im Anmarsch. Welche Zukunft haben terrestrische Hörfunknetze?

Stender: Die Zeiten, wo Radionutzung zu 100 Prozentüber einen Verbreitungsweg erfolgte, sind vorbei. Künftig wird es einen Mix aus unterschiedlichen Radioempfangs- bzw. -distributionswegen geben, und an DAB+ führt kein Weg vorbei. Wachsende Hörerzahlen und zunehmende Veranstalternachfrage sprechen eine genauso klare Sprache wie der gesellschaftspolitische Wert von terrestrischen Rundfunknetzen. Leistungsfähige und sichere terrestrische Hörfunknetze werden zunehmend ein wichtiger Baustein zur unabhängigen und qualitativen Information der Bürger bleiben, gerade in Krisenzeiten. Die Terrestrik ist deshalb auch aus Sicht der Politik systemrelevant.

medienpolitik.net: UKW ist noch immer die meistgenutzte Empfangsart für Hörfunk. Sie haben Ihre Sendeanlagen vor fast drei Jahren verkauft. Warum war diese Entscheidung dennoch richtig?

Stender: Diese Frage stellt sich für uns offen gesagt nicht. Media Broadcast ist durch und durch digital, das können wir, und auf die digitale Karte setzen wir kompromisslos. Das seit vielen Monaten sehr dynamische DAB+ Wachstum und die Aussichten für die kommenden Monate zeigen, dass dies die richtige Strategie für uns war und ist.

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