Drastischer Gewinneinbruch bei den Kinos

von am 20.10.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft, Studie

Drastischer Gewinneinbruch bei den Kinos

Studie: Finanzielle Auswirkungen von Covid-19 auf die deutsche Kinowirtschaft

20.10.2020. Den Kinobetreibern droht für das Jahr 2020 eine erwartete Reduzierung des Gewinns vor Steuern von rund 300 bis 400 Mio. Euro im Vergleich zum Durchschnittsfall. Das ergibt sich aus einer Analyse der Auswirkungen von Covid-19 auf die Kosten und Einnahmen der Kinos der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC im Auftrag der Filmförderungsanstalt FFA. Der Untersuchung liegt die Annahme zugrunde, dass aufgrund der Abstandsregeln nur 20 Prozent der Sitzplätze genutzt werden können, wodurch insbesondere am Wochenende weniger Tickets verkauft als nachgefragt werden. Zudem haben die Verfasser zwei Szenarien bestimmt: In Szenario 2 gehen sie davon aus, dass im Verlauf des Jahres besonders attraktive Filmstarts weiter verschoben werden und es dadurch zu einem Besuchsaufkommen von nur noch 50 Prozent im Dezember kommt. Im Gegensatz dazu betrachtet Szenario 1 die Bedeutung von internationalen Blockbuster-Starts für den Kinomarkt: Würden diese, wie im Sommer geplant, nicht weiter verschoben, läge der Filmbesuch im Dezember bei 80 Prozent des Durchschnittsbesuchs. Beide Szenarien setzen allerdings voraus, dass es nicht erneut zu einer flächendeckenden Schließung der Kinos kommt.

Um das Infektionsgeschehen durch die Pandemie Covid-19 einzudämmen, wurde in den Leitlinien gegen die Ausbreitung des Coronavirus vom 16. März 2020 von Bund und Ländern unter anderem die Schließung aller Kinos beschlossen. Über die Wieder-Öffnung von Kinos wurde auf Ebene der Bundesländer in eigener Verantwortung entschieden: Seit Mai 2020 durften Kinos in einzelnen Bundesländern, ab dem 30. Juni 2020 in allen Bundesländern, wieder öffnen, allerdings verbunden mit verschiedenen Auflagen, um die gesundheitliche Sicherheit der Kinobesucher zu gewährleisten.

Die Covid-19 Pandemie hat damit für die Kinobetreiber erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen: Für den Zeitraum der vollständigen Schließung entfielen die Einnahmen aus dem Kinobetrieb vollständig, wobei insbesondere die Fixkosten weiterhin angefallen sind. Die Wiedereröffnung ist mit zusätzlichen Kosten für die Hygienemaßnahmen verbunden; gleichzeitig dürften die Besucherzahlen aufgrund der Auflagen und eines zumindest kurzfristig reduzierten Angebotes von publikumsstarken Filmen zurückgehen.

Nach Angaben der FFA gab es im Jahr 2019 deutschlandweit 1.734 Kinos mit 4.961 Kinosälen und 798.442 Sitzplätzen. Durchschnittlich wurden in den Jahren 2017 bis 2019 jährlich insgesamt 115,4 Mio. Kino-Tickets verkauft und ein jährlicher Umsatz aus Ticketverkäufen von rund 1 Mrd. Euro generiert. Einschließlich der Umsätze aus Concession2 und 3D-Brillen lag der gesamte durchschnittliche jährliche Umsatz bei rund 1,5 Mrd. Euro. Typischerweise verkaufen deutsche Kinos im 1. und im 4. Quartal deutlich mehr Tickets als im 2. und 3. Quartal: In den Sommermonaten und in der Urlaubssaison ist das Interesse an Kinobesuchen eher geringer. Entsprechend werden im 1. Und 4 Quartal durchschnittlich 26 Prozent bzw. 30 Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaftet. Die Struktur der Kinobranche ist geprägt durch die Anzahl an Kinosälen je Kino. Den größten Anteil an verkauften Tickets und Umsätzen haben Kinos mit 7 bis 9 Sälen. Über alle Quartale hinweg verzeichnen diese Kinos den höchsten Umsatzanteil mit 35 bis 40 Prozent (bei knapp 30 Prozent des Sitzplatzangebots). Jeweils etwa 20 Prozent des Gesamtumsatzes entfallen auf Kinos mit 1 bis 3, 4 bis 6 und 10 oder mehr Sälen.

Mit der schrittweisen Lockerung der Ausgangsbeschränkungen in Deutschland durften auch Kinos ihren Betrieb wieder aufnehmen, wobei die Termine der Wieder-Öffnungen vom Bundesland abhingen. Bundesweit gilt in allen Kinos, sowohl in den Sälen als auch im Eingangsbereich und auf den Gängen, das Abstandsgebot von 1,5 m. In den Kinosälen sind damit nur noch geschätzt rund 20 Prozent der ursprünglichen Sitzplätze verfügbar, mit entsprechenden Auswirkungen auf den potentiellen Umsatz. Andere Voraussetzungen der Öffnung sind länderspezifisch. So gelten in Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Bremen Obergrenzen für Veranstaltungsbesucher. Außerdem ist in 10 von 16 Bundesländern vor Wiederaufnahme des Kinobetriebs die Vorlage eines von den Kinobetreibern entwickelten und vom zuständigen Gesundheitsamt genehmigten Hygienekonzepts erforderlich. Seit dem 30. Juni 2020 dürfen Kinos in allen Bundesländern wieder öffnen. Die AG Kino rief Donnerstag, den 2. Juli 2020 als Tag der Wiedereröffnung aus. Nach Angaben von Comscore blieben jedoch auch nach dem ersten Juli-Wochenende weiterhin über die Hälfte der Spielbetriebe geschlossen.

Aufgrund des Abstandsgebotes in Folge der Covid-19-Pandemie können nach Öffnung der Kinos nicht alle Sitzplätze besetzt werden. Die eingeschränkte Sitzplatzanzahl kann damit wesentliche Auswirkungen auf die erwarteten Besucherzahlen haben.

Im Jahr 2019 betrug die Anzahl der Sitzplätze aller deutschen Kinos rund 800.000. Mit den Annahmen von durchschnittlich zwischen 2,5 bis 3,5 Vorstellungen pro Kinosaal und Tag und, dass aufgrund der Covid-19-Abstandsregeln nur 20 Prozent der Sitzplätze eines Kinosaales genutzt werden können, stehen pro Monat durchschnittlich zwischen 12,2 Mio. und 17,1 Mio. Sitzplätze in deutschen Kinos zur Verfügung. Die Kinobesuche sind insbesondere am Wochenende beliebt: Ein Viertel der Kinobesuche der Jahre 2017 bis 2019 fand am Samstag statt, 18 Prozent am Sonntag. Wird die Anzahl der durchschnittlich zur Verfügung stehenden Tickets der durchschnittlichen monatlichen Ticketnachfrage unter Berücksichtigung des Besucherverhaltens im Wochenverlauf gegenübergestellt, ist erkennbar, dass das aufgrund der Abstandregeln eingeschränkte Ticketangebot die durchschnittliche Nachfrage am Wochenende nicht erfüllen kann.

Unter der Annahme, dass die Ticketnachfrage über alle Kinos hinweg gleichverteilt ist, fehlen im Zeitraum Juli bis Dezember 2020 zwischen rund 1,1 Mio. und 5,1 Mio. Sitzplätze. Dies entspricht einem Rückgang von ca. 1 bis 4 Prozent der jährlich im Durchschnitt verkauften Tickets (rd. 115 Mio. verkaufte Tickets). Allerdings wird das Filmangebot 2020 aufgrund der Covid-19 Pandemie nicht dem eines Durchschnittjahres entsprechen. Insbesondere die Anzahl der Starts besucherstarker Filme wird im restlichen Verlauf des Jahres 2020 sinken. In Folge dessen wird entsprechend auch die Nachfrage nach Kinotickets zurückgehen.

Es ist wahrscheinlich, dass Kinobesucher ihr Verhalten als Reaktion auf Covid-19 anpassen werden:

  • Potentielle Kinobesucher, gerade die der Risikogruppen, verspüren angesichts bestehender Infektionsrisiken Unbehagen, mit einer größeren Gruppe unbekannter Personen längere Zeit in einem geschlossenen Raum zu verbringen, und gehen daher nicht ins Kino.
  • Gerade das junge Publikum geht auch in Kleingruppen ins Kino. Das damit verbundene Kinoerlebnis ist durch die Abstandsregelungen nicht möglich.
  • Der Kinobesuch hängt insbesondere von dem aktuellen Filmangebot ab.

Viele geplante Filmstarts wurden mit der Schließung der Kinos verschoben und es ist noch unklar, ob es bei der jetzigen Planung der Filmstarts bleibt. Da insbesondere Starts von US-Filmen häufig weltweit gleichzeitig erfolgen, ist nicht ausgeschlossen, dass die hohe Anzahl von Neuinfektionen mit Covid-19 in einigen Ländern zu erneuten Verschiebungen internationaler Filme führt. Damit sinkt der Anreiz, ins Kino zu gehen. Insgesamt ist zu erwarten, dass die Nachfrage nach Kinobesuchen nach der Wiederöffnung der Kinos deutlich unter dem durchschnittlichen Wert der Vorjahre liegen wird. Um den erwarteten Umsatz der Kinobetreiber nach Wiedereröffnung der Kinos abzuleiten, haben wir Annahmen zum Besucherverhalten getroffen und zwei Szenarien gebildet.

Beiden Szenarien liegen folgende grundsätzliche Annahmen zu Grunde:

  • Der Kinobetrieb wird maßgeblich im Juli 2020 wieder aufgenommen. Im Mai und Juni 2020 wurden von einzelnen Kinos wieder Filme gezeigt und Autokinos gewannen an Popularität.
  • Es kommt zu keiner mit wesentlichen Einschränkungen verbundenen zweiten Covid-19 Welle in Deutschland in 2020.
  • Das Abstandsgebot und die Hygienemaßnahmen bleiben bis zum Ende des Jahres 2020 bestehen.

Neben den grundsätzlichen Aspekten, die zu einem Nachfragerückgang führen (Unbehagen, fehlendes Gruppenerlebnis) wird insbesondere das Filmangebot und dessen Attraktivität das Besucherverhalten beeinflussen. Wir haben zwei Szenarien definiert, die sich hinsichtlich des Filmangebots unterscheiden und den Verlauf des monatlichen Besucherverhaltens in Relation zu den durchschnittlichen Besucherzahlen der Jahre 2017 bis 2019 abbilden. Dabei wurde hier eine aggregierte Annahme getroffen, keine detaillierte Unterlegung zu Neustarts und der Popularität einzelner Filme. Finanzielle Auswirkungen von Covid-19 auf Kinobetreiber September 2020.

Szenario 1:

Neben den bekannten Verschiebungen von Filmstarts gibt es keine wesentlichen zusätzlichen Verschiebungen im Verlauf des Jahres 2020. Das Besucheraufkommen liegt im Dezember 2020 bei 80 Prozent des durchschnittlichen Besucheraufkommens. Das reduzierte Sitzplatzangebot führt zu keiner zusätzlichen Beschränkung der Nachfrage.

Szenario 2:

Im Laufe des Jahres gibt es weitere wesentliche Verschiebungen von Filmstarts mit besonders hoher Attraktivität für Kinobesucher, einem Kinobesuch wird weiterhin zögerlich entgegengeblickt. Das Besucheraufkommen liegt im Dezember 2020 bei 50 Prozent des durchschnittlichen Besucheraufkommens.

Eine Erweiterung der Kapazität durch Veränderung der Abstands- oder Hygieneregeln (z.B. Abstandsgebot von einem Meter, Einführung einer Maskenpflicht) hätte nur dann einen signifikanten Effekt auf den Umsatz der Kinobetreiber, wenn gleichzeitig wieder attraktive Filme gezeigt würden. Um das Filmangebot attraktiver zu gestalten, kann eine gesonderte Incentivierung der Verleihe bzw. Produzenten in Erwägung gezogen werden.

In beiden Szenarien basieren die Werte der Kinobesucher als Anteil der Kinobesucher im Durchschnittsjahr für März bis Mai 2020 auf den tatsächlich beobachteten Besucherzahlen. Für den Monat Juni 2020 wurde – orientiert an dem Wert für Mai – ein Anteil von 15 Prozent in beiden Szenarien gesetzt. Darüber hinaus wurde der Anteil der Kinobesucher in den nachfolgenden Monaten linear bis zu dem angenommenen Wert in Dezember 2020 (Szenario 1: 80 Prozent, Szenario 2: 50 Prozent) fortgeschrieben.

Auf Grundlage der monatlichen Umsätze aus Ticketverkäufen und Informationen zu Umsätzen aus Concession und 3D-Brillen für die Jahre 2017 bis 2019 werden die monatlichen Gesamtumsätze abgeleitet, die in einem durchschnittlichen Jahr, also ohne mit der Pandemie verbundene Auswirkungen, zu erwarten gewesen wären. Erlöse aus Werbung, wie zum Beispiel Leinwandwerbung, und Vermietung, zum Beispiel für Firmen-Events, werden in unserer Umsatzaufstellung nicht berücksichtigt, da uns hierzu keine Informationen vorliegen.

Da die Ticketkäufe, die Ausgaben für Concession und für 3D-Brillen von der Anzahl der Kinobesucher abhängen, werden über die angenommenen Auswirkungen von Covid-19 auf das Besucherverhalten die erwarteten Umsätze nach Wiedereröffnung der Kinos (kurz: Covid-19 Fall) abgeschätzt.

Dabei gehen wir zusätzlich davon aus,

  • dass sich die Preise je Ticket nicht verändern2 und
  • dass die Ausgaben von Kinobesucher für Concession und 3-D Brillen auch in Zeiten mit Einschränkungen durch Covid-19 durchschnittlich unverändert bleiben.

So lässt sich ein durchschnittlicher Gesamtjahresumsatz1 der Kinobetreiber von rund 1.500 Mio. Euro ableiten. Unter diesen Annahmen lässt sich für das Jahr 2020 ein Gesamtjahresumsatz

ableiten:

  • Im Szenario 1 von rund 800 Mio. Euro.
  • Im Szenario 2 von rund 650 Mio. Euro.

Mit den durch Covid-19 verbundenen Einschränkungen werden sich auch die bei den Kinobetreibern anfallenden Kosten verändern. Je nach Kostenart hängen diese Veränderungen entweder unmittelbar mit der Veränderung der Anzahl der Besucher ab oder sie sind von der Besucheranzahl im wesentlichen unabhängig. Da Informationen zu den aggregierten Kosten der Kinobetreiber nach Kostenarten oder insgesamt nicht vorliegen, werden diese überschlägig abgeleitet. Hierbei ist zu beachten, dass die Kostenstruktur eines Kinos je nach Kino-Typ variieren kann. Basierend auf einem Jahresumsatz von 1.500 Mio. Euro pro Jahr und einer angenommenen Umsatzrendite von 4 bis 5 Prozent (vor Steuern)* lassen sich durchschnittliche Gesamtkosten von rund 1.425 Mio. Euro ableiten. Wir haben die folgenden vereinfachenden Annahmen getroffen:

  • Die Kosten für Filmmiete, FFA, GEMA und für Material werden als linear abhängig von der Anzahl der Kinobesuche verstanden, so dass ihre Entwicklung im Zeitverlauf den Annahmen über das Verhalten der Kinobesucher entspricht. (Die Entwicklung der Kosten wird somit als Differenz aus 100 Prozent und dem Anteil der Kinobesucher dargestellt, die je Szenario ins Kino gehen – vgl. Folie 15.)
  • Für die Personalkosten wird angenommen, dass sie während des Lockdowns deutlich abgenommen haben (u.a. durch Inanspruchnahme von Kurzarbeitergeld) und mit der Öffnung ab Juli nahezu ihr altes Niveau erreichen.
  • Die Fixkosten für Miete, Abschreibungen oder Kapitalkosten verändern sich im Jahresverlauf trotz Covid-19 nicht. Es ist zwar möglich, dass Vermieter oder Darlehensgeber ihre Forderungen aufschieben. Da diese jedoch nicht entfallen, sondern lediglich zu einem späteren Zeitpunkt zu entrichten sind, wird die Höhe der Infrastrukturkosten unverändert angesetzt.
  • Raumkosten werden aufgrund erhöhtem Reinigungsbedarfs mit der Öffnung zum Juli als ansteigend angenommen. Dies gilt ebenso für die Marketingkosten, die mit der Öffnung und ggf. mit der Verbreitung des Hygienekonzepts der Kinos verbunden sind.
  • Einmalig anfallende Kosten zur Ausarbeitung und Umsetzung der Hygienemaßnahmen, zum Beispiel für bauliche Veränderungen, werden vereinfachend nicht in die Berechnung mit aufgenommen. Diese werden als Teil der ansteigenden Raumkosten verstanden.

Fazit:

In einem durchschnittlichen Jahr erwirtschaften die Kinobetreiber einen Gesamtumsatz von ca. 1.500 Mio. Euro. Bei einer Umsatzrendite von 4,5 Prozent belaufen sich die Kosten auf rund 1.425 Mio. Euro. Daraus ergibt sich ein Gewinn vor Steuern von rund 75 Mio. Euro. Im Covid-19 Fall sinkt der Jahresumsatz für 2020 aufgrund des dargestellten Besucherverhaltens auf einen Wert zwischen 650 und 800 Mio. Euro. Auch die Gesamtkosten der Kinobetreiber werden aufgrund der zuvor dargestellten Annahmen sinken, auf einen Wert zwischen 975 und 1.025 Mio. Euro. Damit ergibt sich für die Kinobetreiber eine erwartete Reduzierung des Gewinns vor Steuern von rund 300 bis 400 Mio. Euro im Vergleich zum Durchschnittsfall. Aggregiert betrachtet, geht damit das Ergebnis vor Steuern im Vergleich zu dem durchschnittlichen Wert der Jahre 2017 bis 2019 um das 4-Fache bis 5,3-Fache zurück. In diesem Ergebnis sind die Wirkungen, die durch den Wegfall bzw. die Verringerung von Einnahmen aus Werbung und Vermietung entstehen, nicht enthalten.

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