Kann Instagram auch Politik?

von am 06.10.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Gesellschaftspolitik, Internet, Kommunikationswissenschaft, Medienordnung, Medienwissenschaft, Social Media, Studie

Kann Instagram auch Politik?

Neue Studie: Beeinflussung der Informationsnutzung und Effekte für die Meinungsbildung durch politische Inhalte

06.10.2020. Ein Viertel der Deutschen nutzt tägliche soziale Medien sei es, um sich mit Freunden auszutauschen, sich zu unterhalten oder über verschiedene Themenbereiche zu informieren. Nach wie vor ist Facebook in der Gesamtbevölkerung das meistgenutzte Social Media-Angebot, wird insbesondere in den jüngeren Altersgruppen aber zunehmend von einer anderen Plattform abgelöst: Instagram. Obwohl die Foto- und Videosharing-Plattform seit 2012 ebenfalls zu Facebook Inc. gehört, unterscheidet sich Instagram in vielerlei Hinsicht vom Hauptangebot der Konzernmutter. Dabei ist vor allem der Fokus auf (Audio-)Visualität zentral. Während Facebook oder auch Twitter das Verbreiten von verschiedenen Inhaltstypen ermöglichen, verlangt Instagram explizit das Teilen von Bild- oder Videodateien. In den Anfangstagen wurde die Plattform vor allem für die private Kommunikation genutzt. Doch neben Selfies mit Retro-Filter, Fotos von Avocado-Toasts oder Aufnahmen von Aktivitäten mit Freunden finden sich auf Instagram zunehmend auch nachrichtliche und politische Informationen.

So hat etwa der Instagram-Account der Tagesschau über 1,34 Millionen Abonnenten dem Account der @bundeskanzlerin Angela Merkel folgen mehr als 1,10 Millionen Instagram-Nutzer (Stand: 28. Januar 2020). In den USA wird die Plattform derzeit zudem als zentrale Online-Arena für den kommenden Präsidentschaftswahlkampf gehandelt und als Chance gesehen, insbesondere junge Menschen und Wähler mit politischen Inhalten zu erreichen. Gleichzeitig wird befürchtet, dass Instagram zu einer „major site for disinformation“ werden könnte, nicht zuletzt aufgrund des Bildern und Videos zugeschriebenen persuasiven Potenzials.

Welche Bedeutung hat Instagram für die Nutzung von politischen Informationen und Nachrichten?

Ein Blick auf aktuelle Nutzungsstatistiken sowie die Kommunikationsaktivitäten von politischen Akteur*innen und Nachrichtenanbietern hat gezeigt, dass Instagram für die (politische) Informationsnutzung immer relevanter wird. So ist die Foto- und Videosharing-Plattform unter 18- bis 24-jährigen Onliner* innen mittlerweile das soziale Medium, das am häufigsten für die Rezeption und Nutzung von Nachrichteninhalten verwendet wird (Hölig & Hasebrink, 2019) – und auch Politiker*innen haben Instagram als wichtiges Outlet für die Kommunikation mit Wähler*innen erkannt.

Die bestehenden Studien zur Rolle von Instagram in der Kommunikation von Parteien/Politiker* innen und Medien- und Nachrichtenanbietern zeigen, dass beide Akteursgruppen vor allem hoffen, auf Instagram junge (bzw. jüngere) Nutzer* innen mit ihren Inhalten zu erreichen. Daneben wird das Potenzial für die Wähler* innen- bzw. Publikumsbindung geschätzt, insbesondere da Instagram besonders gut für das Gewähren eines Blickes „hinter die Kulissen“ geeignet scheint. Untersuchungen zu den Inhalten politischer Instagram-Posts zeigen auch, dass Politik auf Instagram nicht nur personalisiert, sondern auch plattformkonform („insta-friendly“) ästhetisiert wird. Trotz der dadurch suggerierten Nähe zu den Nutzer*innen, scheint Instagram vor allem für die Verbreitung bzw. Vermittlung von Informationen verwendet zu werden, während Interaktionen und Diskussionen kaum bedeutsam sind. Angesichts dieser Tendenzen wird eine Entpolitisierung bzw. „Lifestylisierung“ von Politik befürchtet, wobei unklar ist, ob diese allgemeinen Trends in der Politikdarstellung durch Instagram tatsächlich verschärft werden oder dort nur besonders anschaulich beobachtet werden können.

„Ein Blick auf aktuelle Nutzungsstatistiken sowie die Kommunikationsaktivitäten zeigt, dass Instagram für die (politische) Informationsnutzung immer relevanter wird.“

Durch den vergleichsweise schnellen Wandel vom vorrangig für die private und interpersonale Kommunikation genutzten Bilderdienst hin zu einer auch öffentlich relevanten Informationsplattform, steht die sozialwissenschaftliche Forschung zu Instagram jedoch noch am Anfang. Insbesondere neuere Funktionen wie Stories oder Instagram TV wurden bislang kaum in den Blick genommen. Der Großteil der oben beschriebenen bisherigen Arbeiten ist darüber hinaus eher explorativ angelegt, an einzelnen Accounts orientiert und – im Fall der Kommunikation von politischen Akteur*innen – zudem überwiegend auf Kampagnen- und Wahlkampfphasen fokussiert.

Wie beeinflussen die Besonderheiten der Plattform die Rezeption von Information?

Gerechtfertigt ist ein wissenschaftlicher Blick auf die (politische) Informationsnutzung auf Instagram jedoch nicht zuletzt aufgrund der Besonderheiten der Informationsumgebung. Der Fokus auf Visualität und Ästhetisierung, die unvermeidliche Personalisierung des Informationsangebots, der vermeintlich oder tatsächlich „beiläufige“ Kontakt mit einzelnen politischen Inhalten, die zudem mit anderen Inhaltstypen konkurrieren und mit sozialen Kontextinformationen versehen sind, verändern den Prozess der Informationsnutzung und haben aus theoretischer Perspektive Implikationen für die Meinungsbildung. Es muss weiterführend erforscht werden, inwiefern Nutzer*innen durch Instagram-Posts oder -Stories politisches Wissen erwerben können oder welche Inhalts- und Darstellungsmerkmale darüber entscheiden, ob eine weiterführende Auseinandersetzung mit einem auf Instagram entdeckten politischen Thema stattfindet.

Welche Effekte ergeben sich für die Meinungsbildung?

Auch bei Betrachtung von „normalen“ Instagram-Inhalten stellt sich die Frage nach den Effekten dieser Art von Politikvermittlung. So könnte der stark visuelle Fokus, insbesondere auf ästhetisierte und/oder inszenierte Bilder, dazu führen, dass sich die Auswahl an kommunizierten Themen nicht an deren Wichtigkeit, sondern an ihrer Darstellbarkeit und „Instagrammability“ orientiert. Darüber hinaus ist aus der psychologischen Forschung bekannt, dass Bilder besser erinnert werden als textuelle Informationen und so auch für die Urteilsbildung besondere Relevanz besitzen. Entsprechende Untersuchungen zeigen beispielsweise, wie Kamerawinkel, die Arbeit mit hellem oder dunklem Bildhintergrund, Gesichtsausdrücke oder daraus ableitbare Emotionen beeinflussen, wie Politikerinnen und Politkern beurteilt werden. Die Instagram-Profile und die dort geteilten Inhalte könnten also eine zunehmend zentrale Rolle für die Wahrnehmung und Evaluation der Persönlichkeit oder Sympathie der politisch handelnden Personen spielen. Werden politischen Informationen und Nachrichten vorrangig oder ausschließlich auf Instagram abgerufen, kann dies aber auch hinsichtlich der breiteren Informationsversorgung problematisch sein. Ähnlich wie bei der Konzernmutter Facebook sorgt die durch Algorithmen und Nutzerpräferenzen gesteuerte Auslieferung von Inhalten dafür, dass der Kontakt mit politischen Informationen vor allem für diejenigen zu erwarten ist, die sich ohnehin schon für Politik und das tagesaktuelle Geschehen interessieren.

Da im öffentlichen Diskurs die Befürchtungen steigen, dass sich Ausmaß und Wirkungspotenzial von (audio-)visueller Desinformation vergrößern, müssen diesbezügliche Fragen verstärkt durch empirische Forschungsergebnisse gesichert werden. Zudem ist ein eingehender Blick auf (audio-)visuelle politische Memes angeraten, vor allem auf solche, die hasserfüllte oder extremistische Inhalte mit „Witzen“ und Unterhaltungselementen verbinden.

Im Bereich der informationellen Instagram-Nutzung zeigen sich mithin noch vielfältige Anschlusspunkte für weitere Forschung. Zunächst einmal scheint es nötig, erneut bzw. im größeren Rahmen mit politischen Akteur*innen sowie Medien- und Nachrichtenanbietern über ihre Instagram-Kommunikationsstrategien und -praktiken zu sprechen. Angesichts des schnellen Wachstums der Plattform sowie der Etablierung neuer Features wäre etwa zu klären, ob Politiker*innen und Medien ihre Kommunikationsaktivitäten auf Instagram professionalisiert haben und statt Intuition und Bauchgefühl stärker auf strategische Überlegungen setzen.

Zu Untersuchungen zur Wirkung politischer Instagram-Inhalte liegen insbesondere im Bereich (Influencer-)Marketing schon einige Befunde aus Experimentalstudien vor (siehe z. B. Colliander & Marder, 2018; Scheunert et al., 2018; Veirman et al., 2017). Mögliche Effekte verschiedener Formen von Politikdarstellung oder der Informationsvermittlung durch Nachrichtenanbieter sollten nun systematisch in den Blick genommen werden: Zentral scheint dabei, eine typische Herausforderung experimenteller Social Media-Forschung, nämlich die extern valide Abbildung der Rezeptionssituation zu adressieren. So wird insbesondere die Non-Exklusivität bzw. „Stream-Logik“ (spezifische Inhalte sind Teil eines inhaltlich breit gefächerten Stroms an Posts) und die Sozialität der Informationsumgebung auf sozialen Medien häufig nur unzureichend abgebildet. Statt auf statische Stimuli zu setzen, sollte daher künftig auch im Kontext von Instagram stärker auf Tools gesetzt werden, die das Erfassen tatsächlichen Browsing- bzw. Surf-Verhaltens ermöglichen (siehe z. B. Unkel, 2019). Nur so kann hinreichend analysiert werden, ob die Nutzung von Social Media-Plattformen – und insbesondere von Instagram – für die Politik eine wichtige Basisarbeit darstellt oder im Stadium der personalisierten Selbstinszenierung stecken bleibt.

Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung.

https://www.kas.de/documents/252038/7995358/Kann+Instagram+auch+Politik.pdf/e8c04db5-0be9-101f-12d6-1b57dd64add3?version=1.0&t=1597911238796

Die Autorinnen:

Prof. Dr. Diana Rieger lehrt am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Dr. Anna Sophie Kümpel ist Akademische Rätin a. Z. am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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