„Dafür braucht es Mut und Unabhängigkeit“

von am 25.11.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

„Dafür braucht es Mut und Unabhängigkeit“
Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF, Foto ZDF, Markus Hintzen

ZDF-Intendant sieht ARTE als Plattform für den kulturellen Diskurs in Europa

25.11.2020. Interview mit Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

ARTE gehört zu den TV-Gewinnern dieses Jahres. Lag der Sender-Marktanteil in den letzten Jahren immer um 1,1 Prozent beim Gesamtpublikum, so wurde dieser Wert im 1. Halbjahr 2020 mit 1,2 bis 1,3 Prozent überschritten, was einer Steigerung von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. In Frankreich stieg der Marktanteil sogar von 2,5 Prozent auf 2,8 Prozent. Auch bei den 14- bis 49-Jährigen konnte der Sender an Akzeptanz gewinnen. Für Dr. Thomas Bellut, ZDF-Intendant und stellvertretender Vorsitzender der Gesellschafterversammlung von ARTE Deutschland verfüge der deutsch-französische Kultursender bei der digitalen Nutzung über beste Voraussetzungen, um einen Beitrag beim Aufbau einer europäischen Öffentlichkeit leisten zu können: „Mit deutlich über einer Milliarde Videostreams pro Jahr ist ARTE schon jetzt eine starke europäische Online-Plattform.“ Es gäbe großes Potential in den Bereichen Information, Dokumentation, Geschichte und europäische Fiktion. Der Gemeinschaftssender könnte sich damit zu einer Plattform für den kulturellen Austausch, für kultivierte Information und den Diskurs in Europa weiterentwickeln. Seine deutsch-französische Gründungs-DNA müsste aber erhalten bleiben, betont Bellut.

medienpolitik.net: Herr Bellut, die Länder wollen den Auftrag modifizieren und weniger Angebote beauftragen. Warum sollte ARTE weiterhin zu den beauftragten Angeboten gehören?

Bellut: ARTE ist eine länderübergreifend erfolgreiche Medienmarke mit einem einzigartigen Kulturangebot, das vom Publikum sehr geschätzt wird. Die Bedeutung einer europäischen Öffentlichkeit nimmt zu. Auch die Pflege des kulturellen europäischen Erbes spielt eine Rolle und es wird immer wichtiger, die starken audiovisuellen Inhalte, von denen Europa mehr hat als jeder andere Kontinent, zu vernetzen und verfügbar zu machen. Genaugenommen arbeiten wir mit ARTE seit dreißig Jahren kontinuierlich an diesem Projekt und haben wertvolle Erfahrungen gesammelt. Wer über das digitale Zusammenwachsen Europas, über eine europäische Öffentlichkeit, über den Dialog der Kulturen im „public open space“ nachdenkt, der sollte sich zunächst ARTE anschauen.

medienpolitik.net: Was kann ARTE für Europa leisten?

Bellut: Nur wer sich für seine Nachbarn interessiert, hat auch die Chance, sie wirklich kennen zu lernen. ARTE ist relevant und experimentierfreudig. Der Sender steht wie kein anderer für interkulturelle Vielfalt, für den Reiz des Perspektivwechsels. So entsteht Dialog und echtes Verständnis im kunterbunten Haus Europa.

medienpolitik.net: ARTE koproduziert jedes Jahr zahlreiche Programme mit seinen rund zehn Partnersendern in Europa und ist überall in Europa zum Teil in sechs Sprachen zu empfangen. Soll und kann ARTE weiter zu einem europäischen Sender ausgebaut werden?

Bellut: ARTE ist ja schon ein europäischer Sender. Die Filme und Beiträge, die er produziert und zeigt, entstehen fast ausschließlich in Europa, gemacht von Autorinnen und Autoren aus dem gesamten Spektrum europäischer Kultur. Nehmen Sie die europäische Spielfilmkoproduktion, nehmen Sie den Dokumentarfilm – ARTE ist bei den meisten relevanten europäischen Projekten beteiligt. Dabei ist der finanzielle Einsatz oft gar nicht entscheidend. Der Markenwert von ARTE erleichtert es den Produzierenden, weitere Partner und Förderungen zu gewinnen. ARTE steht für kreative, besondere Inhalte. Dieser Markenkern muss im Prozess einer weiteren Europäisierung erhalten bleiben.

„Der Markenwert von ARTE erleichtert es den Produzierenden, weitere Partner und Förderungen zu gewinnen.“

medienpolitik.net: ARTE ist ein „öffentlich-rechtlicher europäischer Kulturkanal“. Muss ARTE als europäisches Projekt nicht politischer werden, mit einem größeren Anteil an Informationsangeboten?

Bellut: Genau da hat das ZDF in den letzten Jahren wesentliche Impulse gesetzt. Unsere ARTE-Abteilung steuert 20 Prozent des Gesamtprogramms bei – mit einem Kulturbegriff, der gesellschaftliche Relevanz in den Mittelpunkt stellt, ohne das Spielerische zu vernachlässigen. Zum Beispiel „Re:“ das werktägliche Reportageformat. In den jährlich fast 200 Filmen geht es um Europa in seiner Vielfalt, um seine Bewohnerinnen und Bewohner und deren Lebensumstände. Geschichten, die auf Augenhöhe erzählt sind, erklärend, ohne zu belehren. Das ist immer auch politisch. Oder denken Sie an die Themenabende am Dienstag – investigative Stories und hintergründige Dokumentationen. Auch das ist Information auf höchstem Niveau. Dabei ist ARTE Deutschland stark vertreten.

medienpolitik.net: Haben ZDF und ARD den Auftrag für einen europäischen Kanal?

Bellut: Im Staatsvertrag zwischen Frankreich und den damals noch neun deutschen Bundesländern steht der europäische Auftrag ganz weit oben. Aber ARTE wird allein aus Deutschland und Frankreich finanziert. Wirtschaftlich ist der Sender dafür ausgestattet, seine Programme nur in diesen beiden Ländern zu senden. Trotzdem reicht ARTE heute schon weiter. Mit einer verstärkten Vernetzung und Zusammenarbeit mit weiteren europäischen Partnern kann für die Verbreitung noch viel getan werden. Für eine flächendeckende Versorgung Europas reichen die Mittel aber bei weitem nicht aus.

medienpolitik.net: Gibt es Interesse von weiteren Ländern, Partner von ARTE zu werden?

Bellut: Das gibt es in der Tat, aber Partnerschaften müssen dann auch mit Leben erfüllt werden. Da gilt, wie gesagt, dass Personal und Mittel begrenzt sind.

medienpolitik.net: Wie lange muss es ARTE noch linear geben? Würde eine rein digitale Verbreitung angesichts der Reichweite nicht sinnvoll sein?

Bellut: Das lineare Fernsehen ist nach wie vor die Form, mit der wir die große Mehrheit der Zuschauerinnen und Zuschauer erreichen.

medienpolitik.net: Seit einiger Zeit wird über eine europäische Online-Plattform als Gegengewicht zu globalen Plattformen diskutiert. Inwieweit könnte ARTE sozusagen die Keimzelle einer solchen Plattform sein?

Bellut: Mit deutlich über einer Milliarde Videostreams pro Jahr ist ARTE schon jetzt eine starke europäische Online-Plattform. Gerade im Digitalen hat ARTE beste Voraussetzungen, um einen Beitrag beim Aufbau einer europäischen Öffentlichkeit leisten zu können. Die Streaming-Plattform ARTEConcert könnte ein Schaufenster europäischer Musikkultur werden. Es gibt großes Potential in den Bereichen Information, Dokumentation, Geschichte und europäische Fiktion. ARTE könnte sichdamit zu einer Plattform für den kulturellen Austausch, für kultivierte Information und den Diskurs in Europa weiterentwickeln. Seine deutsch-französische Gründungs-DNA müsste dabei aber erhalten bleiben.

„Gerade im Digitalen hat ARTE beste Voraussetzungen, um einen Beitrag beim Aufbau einer europäischen Öffentlichkeit leisten zu können.“

medienpolitik.net: Wer müsste dafür den Auftrag geben?

Bellut: Für ARTE sind Frankreich und die deutschen Bundesländer zuständig.

medienpolitik.net: Können Sie sich vorstellen, dass sich daran auch Institutionen wie Museen und u.Ä. beteiligen, so wie bei ZDFkultur?

Bellut: ARTE pflegt in Frankreich und bei uns Partnerschaften mit weit über 100 europäischen Einrichtungen – ob beim Stummfilm, dem Europäischen Filmerbe, bei den großen Museen, in den zahllosen Festivalkooperationen und vielen anderen Institutionen. Im Rahmen der Europäischen Opernsaison hat sich ARTE mit den führenden Opernhäusern vernetzt. Es geht darum, mehr Programm zu generieren und die Reichweiten wechselseitig zu verstärken.

medienpolitik.net: Oder auch private Sender?

Bellut: Zusammenarbeit ist möglich und die gibt es auch. Der nichtkommerzielle Charakter von ARTE gehört aber ganz wesentlich zum Kern und Charme der Marke.

medienpolitik.net: Wie könnte eine solche Plattform finanziert werden? Auch mit Mitteln der EU?

Bellut: Hier in Deutschland gibt es aus guten Gründen eine staatsferne Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Für eine europäische Plattform jenseits von ARTE gibt es kein Konzept und schon gar keine Beauftragung oder ein Modell der Finanzierung. Bezogen auf ARTE wäre vielleicht ein unkonditionierter Rechteabgeltungsfonds aus EU-Mitteln vorstellbar, der eine europaweite Verbreitung von ARTE ermöglichen könnte. Ich bin aber eher skeptisch, ob so etwas möglich wäre.

medienpolitik.net: Sie sind ein Anhänger der Vernetzung von Angeboten. Könnte als erster Schritt vor einer Plattform nicht eine Vernetzung der Mediatheken verschiedener europäischer Sender erfolgen?

Bellut: Daran arbeiten wir pragmatisch und behutsam. Das Ziel ist lohnend: Eine digitale europäische Medienöffentlichkeit, die das europäische Wertesystem widerspiegelt. Dafür braucht es Mut und Unabhängigkeit und die Bereitschaft, sich gegenseitig auszuhalten, auch wenn es manchmal schwerfällt. Wichtig wäre es vor allem als ein Gegenentwurf zu denen, die den Austausch von Informationen ausschließlich dazu nutzen, um Informationen über die Nutzer ihrer Systeme zu erhalten und damit sehr viel Geld zu verdienen. Als Teil eines solchen Gegenentwurfs hat ARTE viel zu bieten.

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