Die meisten Menschen erachten unabhängigen Journalismus als ausgesprochen wichtig

von am 10.11.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Gesellschaftspolitik, Internet, Journalismus, Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, Social Media

Die meisten Menschen erachten unabhängigen Journalismus als ausgesprochen wichtig
Von Prof. Dr. Uwe Hasebrink und Dr. Sascha Hölig, Leibniz-Institut für Medienforschung │ Hans-Bredow-Institut (HBI)

Soziale Medien, Falschinformationen und ihr Einfluss auf die Meinungsbildung

10.11.2020. Von Prof. Dr. Uwe Hasebrink und Dr. Sascha Hölig, Leibniz-Institut für Medienforschung │ Hans-Bredow-Institut (HBI)

Über im Internet kursierende falsche Informationen wird seit längerem rege diskutiert. Insbesondere im Kontext von Information zu COVID-19 und von Wahlen kann ihre zunehmende Verbreitung beobachtet werden. Auch wenn etablierte Nachrichtenmedien und -inhalte von einzelnen Akteuren gern als „Fake News“ bezeichnet werden, richtet sich der Fokus der Debatte in der Regel nicht auf klassische Nachrichtenanbieter. Im Verdacht der Verbreitung von falschen oder irreführenden Informationen stehen vielmehr soziale Medien und Online-Angebote, die sich eher an den politischen Rändern verorten lassen, so genannte „alternative“ Medienangebote. Oft wird implizit davon ausgegangen, dass der Kontakt mit dieser Art von Angeboten bzw. darüber verbreiteten Desinformationen automatisch zu der vom Absender intendierten Wirkung führt. Dabei wird oft vergessen, dass die Angebote, in welchen derartige Informationen kursieren, für die meisten Menschen lediglich eine Informationsquelle unter vielen sind und durchaus davon ausgegangen werden kann, dass die oft unterstellten einfachen Wirkmechanismen nicht in dieser Form gegeben sind.

Wir möchten in diesem Beitrag ein Gesamtbild am Beispiel von Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA zeichnen, welches sich aus verschiedenen Komponenten zusammensetzt. Zunächst betrachten wir das Interesse an Nachrichten und die verwendeten Nachrichtenquellen mit einer besonderen Perspektive auf soziale und so genannte „alternative“ Medien, die gemeinhin als Treiber für Desinformationen gelten. Im weiteren Verlauf beleuchten wir Aspekte des Vertrauens in Nachrichten verschiedener Quellen sowie bestehende Bedenken, Fakten und Fiktion nicht auseinanderhalten zu können. Abschließend betrachten wir diese Erkenntnisse vor dem Hintergrund der eingeschätzten Wichtigkeit des Journalismus für das Funktionieren einer Gesellschaft und das Nachrichteninteresse der Nutzer, die ihr Nachrichtenrepertoire nicht nur auf etablierte Angebote reduzieren, wodurch mancher Befund in einem neuen Licht erscheint. Die zugrunde gelegten Daten stammen aus dem Reuters Institute Digital News Survey 2020, welcher unter Koordination des in Oxford (UK) ansässigen Reuters Institute for the Study of Journalism seit 2012 in mittlerweile 40 Ländern durchgeführt wird. Das Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut ist seit 2013 als Kooperationspartner für die deutsche Teilstudie2 verantwortlich; die Erhebung im Jahr 2020 wurde von den Medienanstalten und vom Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) unterstützt.

Nachrichteninteresse und Nutzungshäufigkeit

Im Vergleich der vier Länder ist das Interesse an Nachrichten in Deutschland am höchsten. 71 Prozent der Befragten interessieren sich überaus oder sehr für das aktuelle Weltgeschehen. Am niedrigsten ist der Anteil der interessierten Internetnutzer in Frankreich. Lediglich 45 Prozent äußern solch ein hohes Interesse. Dennoch ist die mindestens tägliche Nachrichtennutzung auch in Frankreich weit verbreitet. 83 Prozent schauen, lesen oder hören jeden Tag die Nachrichten. In Deutschland informieren sich 86 Prozent der erwachsenen Internetnutzer mindestens täglich über das Nachrichtengeschehen. In den USA berichten gut drei von vier Onlinern von einer täglichen Nachrichtennutzung, was im Vergleich der vier Länder dem geringsten Anteil unter den Befragten entspricht.

Quellen für Nachrichten

Die in den vier Ländern am weitesten verbreitete Quelle für Nachrichten ist inzwischen das Internet In Deutschland erreichen Nachrichten im linearen Programmfernsehen im Jahr 2020 dasselbe Niveau wie Online-Nachrichten. Die Anteile der erwachsenen Onliner, die regelmäßig, also mindestens einmal pro Woche, Nachrichten im Fernsehen anschauen, bewegen sich zwischen 55 Prozent in Großbritannien und 70 Prozent in Deutschland. Nachrichteninhalte im Internet werden von 66 Prozent der Onliner in Frankreich regelmäßig genutzt und von 77 Prozent in Großbritannien. Deutschland und die USA liegen mit 70 bzw. 72 Prozent dazwischen. Die am meisten genutzten Quellen im Internet sind in allen Ländern Inhalte klassischer Nachrichtenmedien. Neben den Online-Angeboten traditioneller Medienmarken haben sich auch soziale Medien als Quelle für Nachrichten etabliert Aufgrund der algorithmisierten Auswahl der Inhalte, die sich unter anderem an den individuellen Präferenzen der Nutzer orientiert, wird in diesem Zusammenhang oft von einer eingeengten Sichtweise auf das aktuelle Geschehen gewarnt, den so genannten Filterblasen. Richtig ist sicherlich, dass die Newsfeeds und Timelines in sozialen Medien stark an den Interessen der jeweiligen Nutzerinnen und Nutzer ausgerichtet sind; auf der anderen Seite stellen soziale Medien in der Regel lediglich eine weitere mögliche Nachrichtenquelle neben anderen dar. In Deutschland erfahren 37 Prozent der befragten erwachsenen Onliner regelmäßig auch über soziale Medien von Nachrichteninhalten, in den USA sind es 48 Prozent und in Frankreich und Großbritannien jeweils 39 Prozent. Die Anteile derer, die soziale Medien als ihre wichtigste Nachrichtenquelle ansehen, bewegen sich zwischen 10 Prozent in Deutschland und 19 Prozent in den USA. In beiden Fällen werden ergänzend dazu regelmäßig auch weitere Online-Nachrichtenquellen oder klassisches Fernsehen, Radio oder Zeitungen und Zeitschriften genutzt. Der Anteil der erwachsenen Internetnutzer, die ausschließlich über soziale Medien vom Nachrichtengeschehen erfahren, ist in den vier Ländern vergleichsweise gering. In Deutschland nutzen knapp vier Prozent kein weiteres Nachrichtenangebot, in Großbritannien sind es sechs Prozent, in Frankreich sieben und in den USA acht Prozent.

Ergänzend zu sozialen Medien und den online und offline angebotenen Inhalten traditioneller Nachrichtenangebote bietet das Internet auch so genannten „alternativen“ Medien eine einfache Möglichkeit, ihre in der Regel an den Rändern des politischen Spektrums verankerten Inhalte einem Publikum zur Verfügung zu stellen. Diese Gruppe von Medien ist im Hinblick auf ihre Zielsetzungen, ideologischen Orientierungen und journalistischen Darstellungsformen keineswegs homogen und besteht in den vier Ländern aus ganz unterschiedlichen Angeboten. Da es keinen allgemein verständlichen Oberbegriff für diese Angebote gibt, wurden in den vier Ländern jeweils einige konkrete Medien abgefragt, die aus Expertenperspektive insofern den so genannten „alternativen“ Medien zugerechnet werden können, als sie sich ideologisch und hinsichtlich ihrer Themenselektion von klassischen journalistischen Medien abgrenzen.

Aus einer Auswahl an genannten Marken, kennen in den USA mit 61 Prozent die meisten Internetnutzer Medien aus diesem Bereich. Genutzt werden sie von fast jedem vierten Onliner im Alter über 18 Jahren (23 Prozent). In den drei europäischen Ländern sind Online-Angebote aus diesen Bereichen weniger bekannt und werden nach eigenen Angaben auch deutlich weniger besucht. 22 Prozent der erwachsenen Internetnutzer aus Deutschland haben bereits von einer der genannten Marken, wie z.B. „Junge Freiheit“ oder „Tichys Einblick“ gehört und neun Prozent nutzen zumindest eines der abgefragten Angebote regelmäßig.

„Die meisten Menschen erachten einen unabhängigen Journalismus als ausgesprochen wichtig für das Funktionieren einer Gesellschaft.“

Vertrauen in Nachrichten

Die im Vergleich der vier Länder am geringsten ausgeprägte Nutzung sozialer und so genannter „alternativer Medien“ in Deutschland geht einher mit dem höchsten Vertrauen in Nachrichtenmedien Tendenziell ist das Vertrauen in die von den Nutzern selbst regelmäßig verwendeten Nachrichtenmedien größer als das Vertrauen in die Nachrichtenmedien allgemein. In Deutschland stimmen 59 Prozent der befragten erwachsenen Onliner der Aussage zu, dass sie glauben, dem Großteil der von ihnen genutzten Nachrichten meist vertrauen zu können. Den Nachrichten allgemein vertrauen 45 Prozent. Die entsprechenden Anteile sind in den drei weiteren untersuchten Ländern deutlich geringer. Auf einem ähnlichen Niveau in allen vier Ländern sind hingegen die Werte hinsichtlich des Vertrauens in Nachrichten, die die Menschen über soziale Medien erreichen. In Deutschland, den USA und Frankreich sagen 14 bzw. 13 Prozent der erwachsenen Onliner, dass sie diesen Informationen meist vertrauen. In Großbritannien sind es sogar nur sechs Prozent. In ihren Tendenzen sind die Muster in den vier Ländern sehr ähnlich. Den Nachrichten, die die Menschen selbst nutzen, wird gemeinhin am ehesten vertraut. Der Landschaft der insgesamt verfügbaren Nachrichtenangebote stehen erwachsene Onliner im Vergleich schon skeptischer gegenüber, während den Nachrichten in sozialen Medien vergleichsweise wenig Nutzer ihr Vertrauen schenken. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die meisten Menschen im Hinblick auf nachrichtliche Informationen eher nicht auf die Inhalte in sozialen Medien verlassen.

Falschinformationen

Insbesondere im Kontext von Nachrichten im Internet und in sozialen Medien tauchen immer wieder falsche Nachrichten und zielgerichtete Desinformationen auf. Professionelle Nachrichtenmedien versuchen durch Initiativen, wie zum Beispiel Faktenchecker, diesen nachzugehen und richtig zu stellen. Allerdings passieren auch im professionellen Journalismus Fehler. Sei es aus Zeitdruck, aus Oberflächlichkeit, aufgrund etwas zu ambitioniert zugespitzter Einordnung oder und zu starker Reduktion von Komplexität. Das Internet und soziale Medien sind ideale Bühnen für Kritiker der Nachrichtenmedien, das Kommunizieren eigener Agenden und die Bereitstellung „alternativer Wahrheiten“. Insbesondere in Deutschland zeigen empirische, auf repräsentativer Basis erhobene Daten zwar, dass das Vertrauen in Journalismus und Nachrichtenmedien in der Bevölkerung deutlich ausgeprägter ist, als es der Blick in soziale Medien und Kommentarspalten nahelegen könnte. Dennoch tragen tatsächliche Fehler und anhaltende Debatten über Falschinformationen zu einer Verunsicherung der Rezipienten von Nachrichten bei. Das vergleichsweise hohe Vertrauen in die Nachrichtenmedien in Deutschland spiegelt sich auch in den kleinen Anteilen der erwachsenen Onliner wider, die Bedenken äußern, bei Online-Nachrichten zu erkennen, was Fakten und was Falschmeldungen sind Während in den USA, Großbritannien und Frankreich über 60 Prozent entsprechende Unsicherheiten angeben, sind es in Deutschland 37 Prozent. Mit 22 Prozent ist hierzulande auch der Anteil derjenigen, die explizit keine Bedenken haben, mehr als doppelt so groß wie in den anderen Ländern. Für die Gründe, die hinter den gering ausgeprägten Bedenken liegen, gibt es nur wenig empirische Anhaltspunkte. Spezifische Zusammenhänge mit Alter, Geschlecht, Bildung oder politischer Orientierung lassen sich nicht identifizieren. Die Spannweite möglicher Ursachen kann von der besser eingeschätzten allgemeinen Qualität der Online-Nachrichtenmedien über höher eingeschätzte Medien- bzw. Nachrichtenkompetenz bis hin zu der allgemeinen Tendenz reichen, generell vergleichsweise wenig Bedenken zu äußern, wofür Deutsche allerdings gemeinhin nicht unbedingt bekannt sind. Ein Hinweis auf die Ursachen lässt sich in dem Vergleich finden, welchen Institutionen gegenüber in den Ländern die größte Sorge besteht, dass diese Quelle falscher oder irreführender Informationen sind. Bei dieser Frage, die nur eine Antwortoption zugelassen hat, sehen in den USA, Großbritannien und Frankreich jeweils rund 40 Prozent die eigene Regierung bzw. eigene Politiker oder Parteien als Hauptquelle. In Deutschland wurde zwar ebenfalls diese Antwort am häufigsten gegeben, allerdings „nur“ von einem Viertel (25 Prozent); dafür ist man hier besorgter über die Informationsaktivitäten ausländischer Regierungen. Während in Deutschland, Großbritannien und Frankreich falsche oder irreführende Informationen am zweithäufigsten von Aktivisten bzw. Aktivistengruppen befürchtet werden, stehen in den USA Journalisten und Nachrichtenorganisationen an Platz zwei hinter der eigenen Regierung. Auf die Frage, über welche Wege falsche oder irreführende Informationen am ehesten verbreitet werden, wird in den vier untersuchten Ländern von den meisten Befragten Facebook genannt, in Deutschland und den USA sind dies jeweils 35 Prozent der Befragten. Während in den drei anderen Ländern mehr als 20 Prozent Nachrichtenwebsites und -apps nennen, sind nur 13 Prozent der Deutschen dieser Auffassung. Im Hinblick auf die Rolle anderer Verbreitungswege für falsche und irreführende Informationen ähneln Nachrichtenwebsites/ -apps Suchmaschinen Facebook Twitter YouTube Messenger-Apps keine der Genannten.

„Der Journalismus wird in allen Ländern als wichtig erachtet; er hat damit das große Potential, weiterhin die entscheidende Instanz zu sein, auf die sich die Nutzerinnen und Nutzer verlassen.“

Relevanz des Journalismus für das Funktionieren einer Gesellschaft

Einigkeit besteht zwischen den vier untersuchten Ländern zwar darin, dass jeweils der größte Anteil der erwachsenen Internetnutzer einen unabhängigen Journalismus für das Funktionieren einer Gesellschaft für sehr oder für äußerst wichtig hält. Im Detail zeigen sich aber beachtliche Unterschiede: In Deutschland ist der Anteil mit 79 Prozent am höchsten, etwa zwei Drittel sind es in den USA (66 Prozent), in Großbritannien 60 Prozent und in Frankreich nur knapp die Hälfte (49 Prozent). Diese Auffassung ist zwar bei Älteren und Menschen mit höherer formaler Bildung weiter verbreitet als bei Jüngeren und Menschen mit niedrigerer formaler Bildung, aber in der Tendenz überwiegt in allen Gruppen die Überzeugung, dass Journalismus eine relevante Instanz ist. Diese Einschätzung teilen übrigens auch die Anhänger aller politischen Lager in den Ländern, auch wenn vermutlich unterschiedliche Konzeptionen von Journalismus angenommen werden können. Ein deutlicher Zusammenhang zeigt sich auch zwischen der Einschätzung der Bedeutung unabhängigen Journalismus‘ und dem Nachrichteninteresse: Über alle Befragten in den vier Ländern hinweg zeigt sich, dass diejenigen, die der Auffassung sind, dass Journalismus für das Funktionieren der Gesellschaft wichtig ist, sich stärker für Nachrichten interessieren. Der genannte Zusammenhang zwischen dem Nachrichteninteresse und der Einschätzung der Bedeutung eines unabhängigen Journalismus führt zu einer abschließenden Auswertung, die der Frage nachgeht, wie die oben beschriebene Nutzung von sozialen Medien und sogenannten „alternativen“ Medien mit der Haltung gegenüber dem Journalismus und dem Nachrichteninteresse zusammenhängt. In der öffentlichen Diskussion spielt die Sorge eine große Rolle, dass Personen, die soziale oder „alternative“ Medien als Nachrichtenquelle nutzen und sich vom klassischen Journalismus abwenden, besonders anfällig für Falschinformationen oder einseitige Weltbilder sind.

Die Befunde zeigen für die vier Länder ein sehr ähnliches Muster. Verglichen mit der Gesamtbevölkerung sind die Nutzer, die neben sozialen Medien keine weiteren Quellen für Nachrichten angeben, nur wenig am Nachrichtengeschehen interessiert. Diese Gruppe scheint also soziale Medien aus den verschiedensten Gründen zu nutzen und dabei eher nebenbei auch etwas über nachrichtenrelevante Inhalte zu erfahren. Diese mit Anteilen in den vier Ländern zwischen vier und acht Prozent relativ kleine Gruppe gibt also im Hinblick auf die möglichen Konsequenzen von falschen oder irreführenden Meldungen Anlass zur Sorge. Die Nutzer, die soziale Medien als eine ergänzende Quelle für Nachrichten betrachten, sind hingegen in der Regel deutlich stärker an Nachrichten interessiert, weshalb davon auszugehen ist, dass sie ein relativ breites Nachrichtenrepertoire aufweisen und ihren Blick auf die Welt durch Informationen in sozialen Medien erweitern. Ähnlich verhält es sich mit den Nutzern sogenannter „alternativer“ Online-Medien. Diese Gruppe ist in allen vier Ländern am stärksten an Nachrichten interessiert, so dass nicht davon auszugehen ist, dass sich die betreffenden Nutzer ausschließlich in dieser Art von Medienangeboten informieren. Vielmehr dienen diese in den meisten Fällen als Ergänzung innerhalb eines durch klassische Medienmarken geprägten Nachrichtenrepertoires. Auch in diesem Fall kann daher nicht ohne weiteres von einer Verengung des Blicks auf die Welt gesprochen werden, sondern eher davon, dass das Bild, das sich aus den klassischen Nachrichtenmedien ergibt, um andere Perspektiven erweitert wird.

Fazit

Der hier vorgenommene internationale Vergleich zeigt, dass das Vertrauen in den Journalismus und in Nachrichtenmedien in Deutschland relativ hoch ist, Bedenken im Hinblick auf Falschmeldungen sind relativ gering, und Nachrichten in sozialen Medien wird wenig Vertrauen entgegengebracht. Auch in Frankreich, Großbritannien und den USA ist das Vertrauen in Nachrichten in sozialen Medien sehr gering, allerdings sind in diesen Ländern die Zweifel gegenüber dem Journalismus, gegenüber Falschmeldungen und gegenüber der eigenen Regierung als möglicher Quelle von Desinformation deutlich stärker ausgeprägt. Neben diesem Unterschied, zeigen sich recht ähnliche Muster in dem Zusammenspiel zwischen Vertrauen, Nutzung von Nachrichten außerhalb der klassischen Medien und den Bedenken gegenüber falschen bzw. irreführenden Informationen. Die meisten Menschen erachten einen unabhängigen Journalismus als ausgesprochen wichtig für das Funktionieren einer Gesellschaft. Auch aus diesem Grund ist ein prinzipielles Interesse an Nachrichten vorhanden, und die deutliche Mehrheit der erwachsenen Onliner nutzt regelmäßig Nachrichten. Dennoch ist das Vertrauen in die angebotenen Nachrichteninhalte durchaus begrenzt, was als Anzeichen für wahrgenommene Defizite auf Seiten der Angebote gedeutet werden kann. Zwar ist das Vertrauen in Nachrichten im Allgemeinen und in die selbst genutzten Nachrichten deutlich größer als das Vertrauen in Nachrichten in sozialen Medien und Bedenken über Falschinformationen werden am ehesten gegenüber der Politik geäußert, aber dennoch verlassen sich viele Menschen nicht nur auf die Informationen klassischer Nachrichtenanbieter. Menschen, die ihr Nachrichtenrepertoire durch soziale oder durch sogenannte „alternative“ Medien ergänzen, haben in der Regel ein stärker ausgeprägtes Interesse an Nachrichten als der Durchschnitt der Bevölkerung. Offenbar besteht hier das Bedürfnis, den Blick auf die Welt um Perspektiven zu erweitern, welche an anderen Stellen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Vor dem Hintergrund einer größeren Vielfalt scheint in Kauf genommen zu werden, dass man auch falschen oder irreführenden Informationen begegnet, was sich in dem geringen Vertrauen in Nachrichten in sozialen Medien spiegelt. Auch die Nachrichten traditioneller Medienangebote sind in sozialen Medien oftmals so gestaltet, dass sie durch Emotionalität und Zuspitzung der Logik der Algorithmen folgen und viel Aufmerksamkeit generieren. Ob das der richtige Weg ist, Vertrauen in den Nachrichtenjournalismus zurückzugewinnen, darf bezweifelt werden. Der Journalismus wird in allen Ländern als wichtig erachtet; er hat damit das große Potential, weiterhin die entscheidende Instanz zu sein, auf die sich die Nutzerinnen und Nutzer verlassen. Dafür erwarten sie aber auch die Einhaltung journalistischer Standards wie Relevanz, Perspektivenvielfalt und Sorgfalt und Transparenz bei der Recherche.

Unveränderter Abdruck aus „Vielfaltsbericht der Medienanstalten 2020“ mit freundlicher Genehmigung der Medienanstalten

https://www.die-medienanstalten.de/publikationen/vielfaltsbericht/vielfaltsbericht-der-medienanstalten-2020

Print article