„Wir können nur mit den Mitteln fördern, die wir haben“

von am 18.11.2020 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

„Wir können nur mit den Mitteln fördern, die wir haben“
Bernd Neumann, Präsident der Filmförderungsanstalt (FFA), Foto_Brockshus

FFA-Präsident fordert von der EU-Kommission Übergangslösung, um Förderlücke bei MEDIA-Programm zu verhindern

18.11.2020. Interview mit Prof. Dr. h.c. Bernd Neumann, Präsident der Filmförderungsanstalt (FFA)

Das EU-MEDIA-Programm ist der Kern der grenzüberschreitenden europäischen Zusammenarbeit im Filmbereich, so Bernd Neumann in einem medienpolitik.net-Interview Davon profitiere auch die „immer internationaler ausgerichtete deutsche Filmwirtschaft in erheblichen Maße“. Durch den Streit über den EU-Haushalt für die Jahre 2021 bis 2027 ist auch dieses Programm, das Ende 2020 ausläuft, gefährdet. Der Präsident der Filmförderungsanstalt fordert deshalb von der Kommission eine Übergangslösung, um eine Förderlücke zu vermeiden. Das EU-Programm Creative Europe, von dem MEDIA ein Unterprogramm ist, soll von knapp 1,46 Mrd. Euro auf 2,2 Mrd. Euro steigen. Gerade in Pandemiezeiten wie jetzt, sei eine „Forcierung grenzüberschreitender Aktivitäten“ wichtig betont der ehemalige Kulturstaatsminister. Nach seiner Auffassung seien die Auswirkungen auf die Kinos coronabedingt gravierend. Er befürchte, dass der FFA in diesem und im nächsten Jahren ungefähr ein Drittel der Einnahmen fehlen werde. Die Filmabgabe der Kinos könnte mehr oder weniger komplett ausfallen. Zwar werde auch die Filmabgabe der Videoabrufdienste steigen, allerdings könnte damit der Rückgang bei der Filmabgabe der Kinos nicht ausgeglichen werden. Durch eine Sonderzuweisung durch Kulturstaatsministerin Monika Grütters müsse die FFA dennoch die Filmförderung wahrscheinlich nicht reduzieren.

medienpolitik.net: Herr Neumann, das Europäische Parlament und die Europäische Kommission haben sich jetzt über den mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) geeinigt. Ist damit die MEDIA-Förderung ab 1. Januar 2021 gesichert?

Neumann: Ja, und zwar zu meiner allergrößten Erleichterung. Allerdings setzt dieses voraus, dass auch Polen und Ungarn dem MFR zustimmen, damit er endgültig verabschiedet werden kann. Strittig ist nicht der Finanzrahmen als solcher, sondern die mögliche Ahndung von Verstößen gegen die Rechtsstaatlichkeit. Im MFR wurde das EU-Programm Creative Europe, von dem MEDIA ein Unterprogramm ist, nämlich erfreulicherweise von knapp 1,46 Mrd. Euro auf 2,2 Mrd. Euro erhöht.

medienpolitik.net: Wie soll sich diese Förderung in den nächsten Jahren entwickeln?

Neumann: Am wichtigsten ist es jetzt, die Kontinuität von MEDIA sicherzustellen und zu verhindern, dass sich nach dem 1. Januar 2021 eine „Förderlücke“ auftut. Die endgültige Verabschiedung des Budgets verschiebt sich, so dass es fraglich ist, ob in den verbleibenden wenigen Wochen dieses Jahres die neuen Förderprogramme fertig werden. Deshalb brauchen wir eine Übergangslösung. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Kommission, der Rat und das Parlament unsere Auffassung teilen und eine solche Lösung gefunden wird. Wichtige Themen sind natürlich auch der Austritt des Filmlandes Großbritannien aus der EU und die Vereinfachung und bessere Koordinierung der EU-Förderungen – ein Dauerbrennerthema. Noch wichtiger erscheint mir aber, dass sich das Programm mit strukturellen Spätfolgen der Pandemie auseinandersetzt. Hier muss auch die EU Verantwortung übernehmen und darf die Lösung der Probleme nicht allein den Nationalstaaten überlassen.

„Das MEDIA-Programm muss sich mit strukturellen Spätfolgen der Pandemie auseinandersetzen.“

medienpolitik.net: Welche Bedeutung hat die MEDIA-Förderung für die deutsche Filmwirtschaft?

Neumann: MEDIA ist der Kern der grenzüberschreitenden europäischen Zusammenarbeit im Filmbereich! Entscheidend ist, dass es stets um europäische Projekte und Maßnahmen geht. So wird die europäische Filmwirtschaft als Ganzes unterstützt, wovon natürlich auch die immer internationaler ausgerichtete deutsche in erheblichen Maße profitiert. Darüber hinaus werden unsere nationalen Akteure durch MEDIA dabei unterstützt, europäische Partner für Koproduktionen und andere Kooperationen zu finden. Damit ist die MEDIA-Förderung nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine, die die Internationalität der Branche vorantreibt. Gerade in Pandemiezeiten wie jetzt sehen wir, wie fragil internationale Zusammenarbeit ist: Grenzen werden geschlossen, Koproduktionen sind erschwert, Filmfestivals und ‑messen können nicht wie gewohnt stattfinden. Auch hierfür brauchen wir MEDIA, weil nur die Forcierung grenzüberschreitender Aktivitäten die Neigung zur nationalen Abschottung in der Krise abmildert.

medienpolitik.net: Erneut haben Kinos für Wochen geschlossen. Welche Konsequenzen hat das für die FFA-Finanzierung?

Neumann: Die Auswirkungen sind gravierend. Ich befürchte, dass uns in diesem und im nächsten Jahren ungefähr ein Drittel unserer Einnahmen fehlen wird. Die Filmabgabe der Kinos könnte mehr oder weniger komplett ausfallen. Dazu kommen die Stundungen von Darlehenstilgungen, die wir den Kinos gewährt haben, um sie in dieser schweren Zeit zu entlasten. Meine Hoffnungen auf eine zumindest leichte Erholung im Herbst wurden ja durch die November-Schließungen enttäuscht, und ob die Kinos im Dezember spielen dürfen, ist ja höchst fraglich. Man kann also keine ernsthafte Prognose über die nächsten Wochen oder gar Monate abgeben – aber eins ist für mich sicher: Wenn die Kinos wieder aufhaben, werden die Menschen das Angebot dankbar annehmen. Der Boom der Autokinos im Sommer oder das vergleichsweise gute letzte Wochenende vor der November-Schließung zeigen, dass es ein großes Bedürfnis nach dem Kinoerlebnis gibt.

medienpolitik.net: Ist absehbar, dass die FFA die Förderung reduzieren muss?

Neumann: Wir können nur mit den Mitteln fördern, die wir haben. Glücklicherweise hat Kulturstaatsministerin Grütters eine nicht zweckgebundene Sonderzuweisung in Höhe von 19 Mio. Euro zusätzlich zum regulären FFA-Haushalt zur Verfügung gestellt. Damit kann ein Teil der Einnahmeverluste in diesem und im nächsten Jahr ausgeglichen werden. Einnahmeausfälle werden aber auch durch die zusätzlichen 11 Mio. Euro aus BKM-Mitteln für die FFA-Verleihförderung abgemildert. Wie die FFA-Förderung für das kommende Jahr aussieht und ob Umschichtungen nötig werden, sehen wir dann.

„Das Publikum möchte das Filmerlebnis im Kino. Filme daheim zu sehen, ist kein Ersatz dafür.“

medienpolitik.net: Streamingplattformen erleben während der Corona-Pandemie einen Aufschwung, auch Spielfilme, die ursprünglich für das Kino geplant worden sind, werden jetzt dort veröffentlicht. Erwarten Sie höhere Abgaben von Netflix &Co.?

Neumann: Zunächst möchte ich feststellen, dass Filme durch die Streamingdienste in Zeiten geschlossener Kinos die Menschen überhaupt erst erreicht haben und dadurch Produktionsunternehmen ansonsten sichere Verluste ausgleichen konnten. Das ist durchaus positiv, finde ich. Gefährlich wäre eine Entwicklung, in der sich die Leute das Kino abgewöhnen – aber das glaube ich nicht. Das Publikum möchte das Filmerlebnis im Kino. Filme daheim zu sehen, ist kein Ersatz dafür. Um Ihre Frage zu beantworten: ja, natürlich. Die Filmabgabe der Videoabrufdienste richtet sich nach dem Umsatz, den sie mit Kinofilmen erzielen – nicht mit Serien, Fernsehfilmen oder ähnlichem. Wenn die Umsätze steigen, steigen also auch die Abgaben, allerdings nicht in dem Maße, dass damit der Rückgang bei der Filmabgabe der Kinos auch nur annähernd ausgeglichen werden kann.

medienpolitik.net: Es existiert ein Entwurf für eine kleine FFG-Novelle. Ist es angesichts der unklaren Entwicklung überhaupt sinnvoll, dass FFG jetzt zu novellieren?

Neumann: Das Filmförderungsgesetz wird ja gar nicht wirklich novelliert, sondern mit leichten Änderungen und verringerter Laufzeit verlängert. Und dies ist angesichts des gegenwärtig herrschenden Ausnahmezustands eine sehr kluge Entscheidung. Es werden Regelungen im Falle höherer Gewalt sowie eine neue Vorschrift zur ökologisch nachhaltigen Herstellung von Filmen ergänzt und darüber hinaus einige Formalien korrigiert. Weitergehende Änderungen werden vertagt – und das ist gut, um aktuelle Entwicklungen abzuwarten, aus den Erfahrungen die Konsequenzen zu ziehen und diese umzusetzen. Denn so bitter die Pandemie für unsere Branche ist, haben wir auch viel über die Notwendigkeit gelernt, in Extremfällen flexibel reagieren und handeln zu müssen. Die um zwei Jahre verschobene „große“ Novellierung bietet die Chance für ein zukunfts- und pandemiefesteres Filmförderungsgesetz.

Staatsminister a.D. Prof. Dr. h.c. Bernd Neumann

Bernd Neumann ist seit Februar 2014 Präsident der Filmförderungsanstalt (FFA). Zuvor war er von 2005 bis 2013 Staatsminister bei der Bundeskanzlerin und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien. Von 1991 bis 1994 war Neumann Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Forschung und Technologie sowie von 1994 bis 1998 beim Bundesminister für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie. Von 1987 bis 2013 war Neumann Mitglied des Deutschen Bundestages und hier von 1998 bis 2005 Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Ausschuss für Kultur und Medien. Zuvor gehörte Neumann von 1971 bis 1987 der Bremischen Bürgerschaft an, ab 1973 als Vorsitzender der CDU-Fraktion. Von 1979 bis 2008 war er Landesvorsitzender der CDU Bremen. Von 2006 bis 2017 war er als Vertreter des Bundes im ZDF-Verwaltungsrat.

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