„Ich sehe mit Sorge wie ernst die Lage ist“

von am 10.02.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Ich sehe mit Sorge wie ernst die Lage ist“
Prof. Dr. Karola Wille, Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks, MDR

ARD will auch in der Corona-Pandemie das Auftragsvolumen für Produzenten stabil halten

10.02.2021. Interview mit Prof. Dr. Karola Wille, Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR)

Nach einem einjährigen Gesprächsprozess mit der Produzentenallianz hat die ARD-Sendergruppe jüngst gemeinsam mit der Degeto eine neue Selbstverpflichtungserklärung für ausgewogene Vertragsbedingungen und eine faire Aufteilung von Verwertungsrechten beschlossen. Außerdem hat die ARD zugesichert, dass bei ARD-Produktionen in den Ländern, die zurzeit nicht vom Ausfallfonds II abgesichert sind, der bisherige Mechanismus beibehalten wird, wodurch zumindest 50 Prozent Ausfallsicherung durch die ARD Sendergruppe gewährleistet bleiben. Es sei eine große Leistung aller Beteiligten bei den Sendern und den beteiligten Produktionsfirmen und Mitwirkenden vor und hinter der Kamera, betont Karola Wille, Intendantin des MDR, dass es bislang weitgehend gelungen sei, das Publikum auch im herausfordernden Pandemie-Jahr 2020 mit einem guten und vielfältigen Programmangebot zu versorgen“. Dazu hätte auch ein Rettungspaket beigetragen, das „quasi über Nacht“ geschnürt worden sei. Die Hilfsmaßnahmen der ARD würden einen „beträchtlichen zweistelligen Millionenbetrag“ verursachen. Fragen an die „Filmintendantin“ der ARD zum Ausfallfonds II, zu den Auftragsproduktionen während der Corona-Pandemie und die Zusammenarbeit mit der Produzentenallianz.

medienpolitik.net: Frau Wille, 2020 war für Produzentinnen und Produzenten ein schwieriges Jahr, mit strengeren Sicherheitsvorschriften, Drehabbrüchen und Unterbrechungen. Wie groß sind die negativen Auswirkungen für das Programmangebot ARD?

Wille: Am sichtbarsten wurden Corona-Folgen in der ARD-Nachmittags-Sendeschiene, als unsere beiden täglichen Serien „Sturm der Liebe“ und „Rote Rosen“ drei bzw. sechs Wochen Wiederholungen senden mussten, bis neue Folgen produziert werden konnten. Im Vor- und Hauptabend hat man auf Publikum im Studio verzichtet, die Sendungen wurden und werden aber nach wie vor in gleich hoher Qualität produziert. Wir sind sehr froh, dass es bislang weitgehend gelungen ist, unser Publikum auch im herausfordernden Pandemie-Jahr 2020 mit einem gewohnt guten und vielfältigen Programmangebot zu versorgen – eine große Leistung aller Beteiligten bei den Sendern und den beteiligten Produktionsfirmen und Mitwirkenden vor und hinter der Kamera. Das hat auch damit zu tun, dass die ARD quasi über Nacht ein Rettungspaket geschnürt hat, um die finanziellen Auswirkungen auf die Produzentinnen und Produzenten abzumildern. Auch die Produzentenallianz ist sofort tätig geworden und hat einen Kurzarbeits-Tarifvertrag mit der Gewerkschaft und dem Bundesverband Schauspiel verabschieden können. Anfang Juni hat die für die Branche zuständige Berufsgenossenschaft die ersten Hygieneregeln mit verbindlichen Arbeitssicherheitsvorschriften in Bezug auf Covid-19 verabschiedet. Diese sind seitdem immer wieder aktualisiert und verschärft worden. Auch hier hat die ARD umgehend reagiert: die aus der Anwendung dieser Bestimmungen resultierenden Hygienekosten werden von den Landesrundfunkanstalten und der Degeto vollumfänglich, also zu 100 Prozent, getragen.

medienpolitik.net: Die ARD hat in der Corona-Pandemie bei Drehverschiebungen oder Abbrüchen sowie für die Hygienekonzepte – wie eben von Ihnen geschildert – auch finanzielle Unterstützung geben. Auf welche Summe belaufen sich diese Hilfsmaßnahmen?

Wille: Es sind derzeit noch nicht alle Schäden final abgerechnet, aber wir gehen davon aus, dass die von der ARD zugesagten freiwilligen Hilfsmaßnahmen seit März 2020 sowie die Finanzierung der Hygienemaßnahmen zusammen einen beträchtlichen zweistelligen Millionenbetrag verursachen werden.

„Starke Produzenten brauchen verlässliche Rahmenbedingungen – gerade jetzt.“

medienpolitik.net: 2019 vergab die ARD für 845,5 Millionen Euro Aufträge an die Produzentenbranche. Das Gesamtvolumen stieg im Vergleich zu 2018 um 31 Millionen Euro. Setzt sich diese Tendenz – trotz Corona -auch 2020 fort?

Wille: Die ARD ist der größte Auftraggeber für die gesamtdeutsche Film- und Fernsehbranche. Dieser Verantwortung sind wir uns bewusst.  Es bleibt bei unserer Zusage, dass wir gerade in der Krise auch weiterhin das Ziel verfolgen, unsere Partnerinnen und Partner aus der Produktionswirtschaft kontinuierlich und verlässlich zu beauftragen. Welche Auswirkungen die Pandemie auf unsere Auftragssituation insgesamt hat, können wir derzeit aber noch nicht mit Sicherheit sagen. Der Zuwachs um rund 31 Millionen Euro in 2019 ist auf ein erhöhtes Koproduktionsvolumen sowie eine weiterreichende Berücksichtigung von Online-Formaten zurückzuführen. Von dem Finanzvolumen, das die ARD an die Produzentenlandschaft vergeben hat, gingen abermals fast drei Viertel an von den einzelnen Rundfunkanstalten unabhängige Produktionsunternehmen bzw. Lizenzgebende.

medienpolitik.net: Ende Dezember ist der Ausfallfonds II für TV-Produktionen vereinbart worden. Warum hat es nahezu ein halbes Jahr gedauert, sich darauf zu verständigen?

Wille: Das war sicher ein nicht ganz einfacher Abstimmungsprozess zwischen 16 Bundesländern, den der Federführer NRW da zu meistern hatte. Aber insgesamt hat die Branche ergebnisorientiert zusammengearbeitet. Es war dabei eine besondere Erfahrung, wie intensiv und konstruktiv alle öffentlich-rechtlichen und die privaten Sendergruppen hier miteinander in den Austausch gegangen sind.

medienpolitik.net: Warum haben Sie persönlich so für diesen Fonds gekämpft?

Wille: Weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass unsere wunderbare und sehr vielfältige Kreativlandschaft durch diese Corona-Pandemie nicht verloren gehen darf. Ich sehe mit Sorge wie ernst die Lage ist. Gerade letzte Woche hat die Produzentenallianz noch einmal auf diese Situation aufmerksam gemacht. Pandemie-bedingte Risiken sind für Produktionsunternehmen nicht versicherbar. Deshalb sind sie ohne einen Ausfallfonds, der für den großen Bereich der TV-Produktionen gilt, existentiellen Risiken ausgesetzt. Die Sender können und konnten dieses Risiko alleine nicht auffangen. Deswegen ist der Ausfallfonds II so wichtig. Ganz entscheidend war hier auch das unermüdliche Engagement der Allianz Deutscher Produzenten. Im Übrigen habe ich daran, wie schnell in anderen europäischen Staaten Ausfallfonds-Beispiele entstanden sind, gesehen, wie gut so etwas funktionieren kann.

„Wir brauchen Verlässlichkeit und zugleich einen Schub – wenn nicht sogar eine Explosion von Kreativität, wie wir sie gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern auf Produzentenseite in dieser Pandemie bewiesen haben.“

medienpolitik.net: Wie hat sich der Ausfallfonds II auf das Produktionsgeschehen ausgewirkt? Hat es zu der von den Produzenten erhofften größeren Sicherheit geführt? Die Hilfsmaßnahmen können rückwirkend zum 1. November gewährt werden. Werden sie schon in Anspruch genommen?

Wille: Die meisten Drehstarts haben wir üblicherweise im Zeitraum zwischen April und Oktober, in den  Wintermonaten wird in der Regel deutlich weniger gedreht. Der Ausfallfonds II trägt also maßgeblich dazu bei, dass die meisten Produktionen wie geplant angegangen werden können. Und ja, es gibt erste Anträge, die an den Ausfallfonds gerichtet wurden. Wir gehen davon aus, dass mit steigender Produktionstätigkeit weitere Anträge an den Fonds folgen werden. Denn bei aller Vorsicht und der Wirksamkeit der Hygienemaßnahmen an den Sets ist es eine statistische Wahrscheinlichkeit, dass es zu vereinzelten Einschränkungen durch Corona kommt, und sei es durch sog. Falsch-Positiv-Testungen – leider auch ein gelegentlich auftretender Fall.

medienpolitik.net: Die ARD hat jetzt ihre Zusage zur Übernahme von 50 Prozent für Corona-bedingte Mehrkosten für TV-Produktionen verlängert, bei denen die Ausfallfonds I und II nicht greifen, die aber die Voraussetzungen der ARD-Zusage erfüllen. Welche Produktionen sind das und warum decken die beiden Fonds diese nicht ab?

Wille: Der Ausfallfonds I gilt nur für Kinofilme und High-End-Serienproduktionen. Der Ausfallfonds II greift nur dann, wenn der Produzent bzw. die Produzentin ihren Hauptsitz in einem Bundesland hat, das in den Fonds einzahlt. Da das aktuell nur 9 von 16 Bundesländern tun, haben andere Produktionsfirmen das Nachsehen. Die ARD beauftragt aber bundesweit. Auch Dreharbeiten deutscher Produzenten im Ausland fallen nicht darunter. Hinzu kommt ein Wettlauf mit der Zeit, denn die Antragstellung zur Teilnahme am Ausfallfonds II erfolgt nicht mit Produktionsstart, sondern frühestens mit Eintritt des Schadensfalls. Damit könnten zum entscheidenden Zeitpunkt die Mittel des entsprechenden Bundeslandes im Fonds bereits aufgebraucht sein. Es gibt also Fälle, die von dem Ausfallfonds II nicht erfasst sein werden und genau dafür gilt unsere generelle Zusage zur Übernahme von 50 Prozent der Corona-bedingten Mehrkosten. Es ist ein klares Signal an die Produzentinnen und Produzenten, dass wir auch in solchen Fällen als verlässlicher Partner an ihrer Seite stehen.

„Die besten Voraussetzungen für gutes Programm schaffen und damit unserem eigenen Anspruch an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland immer wieder aufs Neue gerecht werden.“

medienpolitik.net: Die ARD-Landesrundfunkanstalten haben die „Eckpunkte für ausgewogene Vertragsbedingungen und eine faire Aufteilung der Verwertungsrechte bei Produktionen für die Genres Fiktion, Unterhaltung und Dokumentation“ weiterentwickelt und deren Fortschreibung bis 31. Dezember 2024 beschlossen. Wo liegen hier die Vorteile für die Produzenten?

Wille: Starke Produzenten brauchen verlässliche Rahmenbedingungen – gerade jetzt. Mit der Fortentwicklung ist und bleibt die ARD auch in den nächsten vier Jahren ein fester Anker für Produzentinnen und Produzenten in Deutschland – mit sicheren und weiterentwickelten Eckpunkten. Die Verbesserungen betreffen vor allem den Kalkulationsrealismus bei dokumentarischen Produktionen, eine größere finanzielle Beteiligung von Produzenten an der kommerziellen Verwertung ihrer Produktionen und eine Rechteteilung, die die Dynamik der Marktentwicklungen aufgreift. Und wir haben Zukunftsthemen wie Social Media und Green Production aufgegriffen. Wir hatten diesen ARD-weiten Evaluationsprozess ja bereits 2019 aufgesetzt und ich bin froh, dass wir es trotz der Coronakrise geschafft haben, ihn gemeinsam abzuschließen. Wichtig waren dabei auch die konstruktiven und offenen Gespräche mit der Produzentenallianz und den anderen Produzentenverbänden. Wir stellen mit den weiterentwickelten Eckpunkten wichtige Weichen für die nächsten vier Jahre. Es geht uns immer darum, das bestmögliche Programm – linear und nonlinear – für die Menschen in unserem Land zu machen. Voraussetzung dafür sind auskömmlich finanzierte Produktionen mit ausgewogenen Vertragsbedingungen und einer fairen Aufteilung der Verwertungsrechte, die die Veränderungen der Umfeldbedingungen aufgreifen.

medienpolitik.net: Wo liegen die Vorteile für die ARD?

Wille: Ich bin überzeugt: die beste Voraussetzung für gutes Programm ist eine starke und vielfältige Kreativlandschaft in Deutschland. Denn eine vielfältige Produzentenlandschaft sichert vielfältige Blickwinkel. Wir wollen daher Kreativitätspotentiale bewahren, freisetzen und fördern – auf allen Ebenen und in allen Genres – das gilt für fiktionale, unterhaltende und dokumentarische Produktionen. Dafür braucht es beides: Verlässlichkeit und zugleich einen Schub – wenn nicht sogar eine Explosion von Kreativität, wie wir sie gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern auf Produzentenseite in vielen Bereichen in dieser Pandemie bewiesen haben. In der Corona-Zeit sind wir noch enger zusammen gerückt. Da gilt der alte Satz: Gerade in Krisenzeiten beweisen sich Partnerschaften und Belastbarkeit im Miteinander. Denn wir erfüllen unseren Programmauftrag nur so gut, wie wir leistungsstarke Produzentinnen und Produzenten an unserer Seite haben. Dafür schaffen die ARD-Eckpunkte Rahmenbedingungen sowohl für die Mediathek als auch für lineare Angebote. Kurzum: es geht darum, die besten Voraussetzungen für gutes Programm zu schaffen und damit unserem eigenen Anspruch an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland immer wieder aufs Neue gerecht zu werden.

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