„Kino muss wieder sichtbar sein“

von am 15.02.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft

„Kino muss wieder sichtbar sein“
Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF KINO und Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des VdF
Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF KINO und Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des VdF

Wiedereröffnung der Kinos: Idealerweise zu Ostern mit bundesweit einheitlichem Termin

15.02.2021. Interview mit Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des Hauptverbandes Deutscher Filmtheater (HDF KINO) und Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verbandes der Filmverleiher (VdF)

In einem Brief hat sich die Allianz aller Kino- und Verleihverbände an die Kanzlerin, den Chef des Kanzleramtes sowie sämtliche Ministerpräsidenten gewandt, um auf die für die Kinos notwendigen Rahmenbedingungen bei einer kommenden Wiedereröffnung hinzuweisen. Die Verbände AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater, AG Verleih – Verband unabhängiger Verleiher, der Bundesverband kommunale Filmarbeit, der HDF KINO sowie der Verband der Filmverleiher betonen die Notwendigkeit einer baldigen, konkreten Öffnungsperspektive, um die enormen Schäden nicht noch weiter anwachsen zu lassen. Kulturorte wie Kinos dürften in der Wiedereröffnungsplanung zeitlich nicht benachteiligt werden, heißt es in dem Schreiben. Angesichts der Tatsache, dass Kulturstätten wie auch die Kinos mit fest installierten Sitzplätzen und Lüftungsanlagen sowie bewährten Hygienekonzepten und einer funktionierenden Kontaktverfolgung als vergleichsweise besonders sicher gelten, wäre es kaum begreiflich und auch rechtlich äußerst fragwürdig, wenn Handel und Gastronomie vor den Kulturorten öffnen dürften. Sofern sich die positive Entwicklung des Infektionsgeschehens fortsetze und die Pandemie auch mit Mutationen beherrschbar bleibe, plädieren die Kinos für einen Wiedereröffnungstermin zu Ostern.

medienpolitik.net: In den Monaten, in denen die Kinos geschlossen sind, ist die Nutzung von VoD-Angeboten über Streamingplattformen gestiegen. Müssen Sie nicht auch dadurch ein deutlich geringeres Interesse an einem Kinobesuch befürchten?

Berg: Ich bin da ganz optimistisch. Je mehr die Kinos wieder in den Normalbetrieb zurückkehren, desto geringer ist die Konkurrenz. Für viele Gäste ist Kino eben nicht nur eine Filmabspielstätte, sondern gerade in Zeiten von sehr viel „allein vor dem Bildschirm sitzen“ ein sozialer Treffpunkt, ein Familienfreizeitort oder ein Ort für Verliebte, der ein ganz besonderes Gemeinschaftserlebnis auf sich vereinigt. Und genau dieses Bedürfnis der Gäste wollen wir endlich wieder bedienen, sobald wir öffnen dürfen.

Klingsporn: Ich selbst gehöre ja auch zu den Verbrauchern, die die neuen Streamingplattformen gerne nutzen. Trotzdem oder gerade deswegen vermisse ich das Kinoerlebnis. Es gibt keine schönere Nutzungsform für Filme, als einen guten Film in einem perfekten Kino in der Gemeinschaft zu erleben. Und mit diesem Gefühl werde ich nicht alleine sein.

medienpolitik.net: Sie fordern, einen einheitlichen Öffnungstermin für alle Kinos. Ist das realistisch, da die Inzidenz in den Bundesländern bisher unterschiedlich ist?

Berg: Im ersten Lockdown haben wir erlebt, was es bedeutet, wenn jedes Bundesland individuelle Termine und Regelungen erlässt: Es gab zu Beginn kaum neue Filme. Diesen Fehler sollte die Politik nicht noch einmal machen. Die Kinos sind darauf angewiesen, mit der Wiederöffnung unter wirtschaftlich tragbaren Bedingungen arbeiten zu können. Deshalb ist ein einheitlicher Eröffnungstermin für uns zwingend.

Klingsporn: Ich möchte an dieser Stelle den FFA-Präsidenten zitieren, der in seinem Brief an die MPs sinngemäß geschrieben hat, dass der bundeseinheitliche Termin für die Kinos von existentieller Bedeutung ist. Dieser Termin ist machbar, führt zu keinen Mehrkosten, sondern setzt nur Vernunft und guten Willen zwischen den politischen Entscheidern in den  beteiligten Bundesländern voraus.

„Dieser Termin ist machbar, führt zu keinen Mehrkosten, sondern setzt nur Vernunft und guten Willen zwischen den politischen Entscheidern in den  beteiligten Bundesländern voraus.“ (Johannes Klingsporn)

medienpolitik.net: Wovon sollte die Öffnung der Kinos abhängig gemacht werden?

Berg: Die Kinos haben bereits nach dem ersten Lockdown bewiesen, dass sie aufgrund ihrer Hygiene- und Sicherheitsstandards sowie den guten Möglichkeiten der Kontaktverfolgung trotz Pandemiegeschehen vergleichsweise sichere Orte sind. Wenn die Infektionen in den nächsten Wochen hoffentlich weiter zurückgehen und die Mutationen beherrschbar bleiben, sehen wir die Voraussetzungen für eine Wiedereröffnung erfüllt – auch wenn die Pandemie dann noch nicht endgültig vorbei ist.

medienpolitik.net: Wie groß müsste der zeitliche Vorlauf für die Kinobetreiber und Verleiher sein? Wie schnell könnten beide Partner reagieren?

Klingsporn: Viele Verleiher haben derzeit fertige Vermarktungspläne für ihre Filme in der Schublade, die sie ja bereits mehrfach überarbeitet haben. Die kritische Größe sind die Buchungsfristen bei den Mediaplänen, die bestimmte Vorlaufzeiten erzwingen. Es gibt bei unseren Mitgliedern die Bereitschaft, die Wiedereröffnung mit einem Bundesstart aktueller neuer Kinofilme zu begleiten. Diese Begleitung gelingt nur, wenn die Wiedereröffnung bundesweit abgestimmt angekündigt wird. Vier Wochen sind aus Verleihsicht bei einem nennenswerten Vermarktungsbudget die absolute Grenze nach unten.

Berg: 4 Wochen Vorlauf gilt ebenfalls für das „hochfahren“ der Kinos.

„Die Branche muss die Chance bekommen, wirtschaftlich so schnell wie möglich wieder Tritt zufassen.“ (Christine Berg)

medienpolitik.net: Welche Überlegungen gibt es, wenn der Eröffnungstermin steht, die Kinos wieder in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken?

Berg: Wir benötigen, neben dem bereits sehr guten Marketing vor Ort, auch eine nationale Kampagne. Kino muss wieder sichtbar sein und wir müssen das Vertrauen des Publikums wieder gewinnen. Das wird nicht von heute auf morgen möglich sein. Daher suchen wir Partner für eine einmalige gemeinsame Kampagne.

Klingsporn: Wir wollen die Filme und den Erlebnisort Kino sprechen lassen und setzen ganz klar auf eine gemeinschaftliche Kampagne „Das ist Kino“.

medienpolitik.net: Wird es den „großen“ Eröffnungsfilm geben?

Klingsporn: Es wird nicht den, sondern sicherlich mehrere wichtige Erstaufführungen geben, denn wir wissen, dass die kinoaffinen potentiellen Kinogänger zu verschiedenen Zielgruppen gehören und deshalb eine Vielfalt im Angebot erwartet wird.

medienpolitik.net: Sie orientieren für die Wiedereröffnung der Kinos auf Ostern. Warum?

Berg: Bei einer anhaltend rückläufigen Pandemieentwicklung benötigen die Kinos eine realistische, aber auch zeitlich greifbare Perspektive. Vor dem Hintergrund der enormen Verluste und bisher nur teilweise ausgezahlten Förderhilfen müssen wir unseren Gästen endlich wieder ein Angebot machen können. Die Branche muss die Chance bekommen, wirtschaftlich so schnell wie möglich wieder Tritt zufassen.

Klingsporn: Die Pandemie ist eine Zeit der Desorientierung und der Unklarheit. Es ist uns bei der großen wirtschaftlichen Not unserer Mitglieder sehr schwer gefallen, trotz aktuell sinkender Inzidenzwerte auf den späten Ostertermin zu setzen. Wir sind aber gemeinsam der Überzeugung, dass der Ostertermin ein Anker sein kann, der unseren Mitgliedern und den Kinogängern Orientierung gibt.   

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