Kulturauftrag als Sparauftrag

von am 02.02.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Gesellschaftspolitik, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren

Kulturauftrag als Sparauftrag
Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Im Gegensatz zur ARD baut der öffentlich-rechtliche Rundfunk Frankreichs sein Kulturangebot aus

02.02.2021. Von Helmut Hartung, Chefredakteur, medienpolitik.net

Gestern hat in Frankreich ein der Kultur gewidmeten Sender der öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt France Télévisions namens „Kulturbox“ den Betrieb aufgenommen. Nach Informationen der FAZ steht ein Budget von fünf Millionen Euro zur Verfügung. Wie die Intendantin Delphine Ernotte informierte, soll der Sender jeden Abend eine Theateraufführung oder ein Konzert übertragen. Auch die darstellende Kunst soll gepflegt werden. Rund um die Inszenierungen werden Berichte und Live-Interviews mit Darstellern, Autoren und Kritikern ausgestrahlt. Wie Delphine Ernotte gegen über der FAZ sagte, habe die zuständige Ministerin „voller Begeisterung“ zugestimmt. Das Kulturangebot soll solange ausgestrahlt werden, bis der Kulturbereich wieder öffnet. Aber auch danach, so verspricht die Intendantin, werde man „fünfmal mehr Zeit“ als bisher für die Kultur zur Verfügung stellen. Während in Paris der Start der Kulturbox bekannt gegeben worden ist, teilte der federführende ARD-Sender MDR mit, dass die geplante ARD-Kulturplattform, vorerst nicht entwickelt werde. Für dieses digitale Angebot hatte die ARD einen Etat in Höhe von fünf Millionen Euro veranschlagt.

Die Entscheidung der ARD überrascht nicht: Der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow hatte bereits im November, noch vor der endgültigen Entscheidung in Sachsen-Anhalt über die Erhöhung des Rundfunkbeitrags angekündigt, dass das Kulturprojekt abgesagt werden könnte. Ohne die Beitragserhöhung würde der ARD das Geld dafür fehlen, erklärte Buhrow damals gegenüber der „Berliner Zeitung“.  Diese Drohgebärde und Entscheidung gegen die durch die Corona-Pandemie stark leidende Kultur, ist ein Armutszeugnis für die ARD. Dem französischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk stehen jährlich 3,2 Milliarden Euro zur Verfügung, der ARD fast 6 Milliarden. Während es in Frankreich ohne jahrelange Debatte über den Auftrag möglich ist, kurzfristig fünf Millionen Euro für ein kulturelles Projekt zur Verfügung zu stellen, ist der reichere Verbund der neun Landesrundfunkanstalten dazu nicht in der Lage.

Warum klappt das beim ZDF besser? Vor zwei Jahren ist ZDFkultur gestartet. Ob Kunst, Literatur, Musik, Comedy oder Debatten: Das digitale Kulturangebot des ZDF bündelt und produziert Inhalte aus diversen Genres der Hoch- und Popkultur. Hier können auch Konzerte, die während der Pandemie produziert worden sind, wie „Klassik auf der Couch“, erlebt werden. Auf Facebook ist ZDFkultur bereits seit dem Start aktiv und verzeichnet dort mehr als 215.000 Abonnentinnen und Abonnenten sowie zuletzt durchschnittlich acht Millionen Videosichtungen im Monat. Auch auf YouTube soll das Social-Media-Angebot (neben den bereits bestehenden Formaten „13 Fragen“ und „Germania“) ausgeweitet werden. Das ZDF und Deutschlandradio haben zudem angekündigt, künftig noch enger zusammenarbeiten und Kulturinhalte somit verstärkt auf mehreren Kanälen auszuspielen. Das gilt auch für die Literaturformate „Blaues Sofa“, „Das literarische Quartett“ und „Sachbuchbestenliste“. Die Mediatheken beider öffentlich-rechtlichen Sender sollen dazu besser vernetzt werden und passende Audio- und Video-Inhalte wechselseitig in das Angebot verlinkt und integriert werden.

France Télévisions will nach der Corona-Krise „fünfmal mehr Zeit“ als bisher für die Kultur zur Verfügung stellen.

Als die Idee beim ZDF für ZDFkultur entstand, hatte man der ARD angeboten, sich zu beteiligen und eine gemeinsame öffentlich-rechtliche Kulturplattform zu schaffen. Das hätte Kosten gespart und endlich einen beitragsfinanzierten, digitalen Kulturraum ermöglicht. Zudem hätten die vielen Kulturangebote, die in den ARD-Anstalten auch während der Corona-Epidemie entstehen, ein breiteres Publikum gefunden. Doch die ARD lehnt aus organisatorischen Gründen ab.

Die neue Intendantin des Bayerischen Rundfunks Katja Wildermuth bekräftigte gegenüber DWDL.de, dass sich die Frage nach der digitalen Kulturplattform derzeit nicht stelle. Wenn es in Sachen Rundfunkbeitrag eine Entscheidung gebe, werde sie sich das Projekt für den BR anschauen. Wildermuth, die zuletzt beim NDR und MDR für die Kulturbereiche zuständig war, sieht gleichzeitig die Notwendigkeit, gerade im Digitalen „die Kräfte zu bündeln“ und die Kulturinhalte möglich nutzerfreundlich zu kuratieren, um so eine hohe Sichtbarkeit zu gewährleisten.

Doch leider passt der Stopp der Kulturplattform zu einer Vielzahl von Meldungen der letzten Wochen aus den Landesrundfunkanstalten wie NDR oder WDR, Kulturangebote einzustellen oder zu reduzieren. France Télévisions will nach der Corona-Krise „fünfmal mehr Zeit“ als bisher für die Kultur zur Verfügung stellen. Für die ARD anscheinend eine utopische Vorstellung. Im Gegenteil, der ARD-Vorsitzende hat ja bereits Programmreduzierungen angekündigt, die anscheinend zuerst die Kultur treffen könnten. Die Länder, die ja nun eine baldige Reform des Auftrages der öffentlich-rechtlichen Sender angekündigt hatten, sollten den kulturellen Auftrag quantitativ eindeutiger fassen als bisher.

Print article