„One size fits all“ war gestern

von am 11.02.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Journalismus, Medienwirtschaft, Verlage

„One size fits all“ war gestern

Reuters Studie 2021: Medienmanager und Journalisten weltweit zuversichtlich

11.02.2021. Von Dr. Uwe Sander, Autor und Berater

Ungeachtet der anhaltenden Pandemie gehen Führungskräfte im digitalen Journalismus weltweit mit Zuversicht ans Werk. 73 Prozent sehen im laufenden Jahr gute Chancen für ihr Unternehmen. Das geht aus der jüngsten Umfrage des Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford hervor. Das Institut hat im Dezember vergangenen Jahres insgesamt 234 Chefredakteure, andere leitende Journalisten und hochrangige Medienmanager aus 43 Ländern nach Plänen und Prognosen für 2021 befragt.

Nic Newman, der Autor der Reuters Studie, nennt einen zentralen Befund: Covid-19 forciert die digitale Transformation und die Hinwendung zu nutzerfinanzierten Geschäftsmodellen. Beides ist nachvollziehbar. Die Pandemie liefert zum einen überzeugende neue Argumente für das Virtuelle, wie jeder Homeoffice Worker weiß. Zum anderen hat sie das Werbegeschäft zeitweise beeinträchtigt, die Wertschätzung für verlässliche Information und professionellen Journalismus hingegen gestärkt.

Laut Reuters stehen Digital-Abos 2021 für den wichtigsten Erlösstrom

Auf die Frage, welche Erlösarten für den digitalen Journalismus ihres Hauses 2021 wichtig oder sehr wichtig sein werden, nennen drei Viertel (76 Prozent) Einnahmen aus Digital-Abos. Display-Werbung und Native Advertising rangieren mit 66 beziehungsweise 61 Prozent dahinter. Vor zwei Jahren hatten die Führungskräfte aus aller Welt noch dem Anzeigengeschäft die erste Priorität zugeschrieben (Reuters Digital News Report 2018). Doch seither ist viel passiert. Jüngste Erfolgsmeldungen von A wie Aftenposten bis Z wie ZEIT zeigen das beispielhaft.

Mit einigem Abstand folgen Veranstaltungen, womöglich auch virtuelle, mit 40 Prozent Nennungen und der E-Commerce mit 29 Prozent. Zahlungsströme von Google, Facebook & Co. spielen für fast jede vierte Führungskraft eine Rolle, wobei es sich um Lizenzeinnahmen oder um Innovationshilfen handeln kann. In diesem Kontext ist erwähnenswert, dass gut ein Drittel in diesem Jahr mit Rückenwind von Regierungsseite rechnet. Da mag mancher an medien- oder wettbewerbspolitische Regulierung gedacht haben, über die gegenwärtig in der EU und in den USA debattiert wird.

Nutzerfinanzierung funktioniert auch nach dem Guardian-Modell

Markennahe Geschäfte sind für 14 Prozent wichtig. Das können etwa Merchandising wie bei der New York Times sein oder Software-Lizensierung wie bei der Washington Post und bei Schibsted sein.

Auf diesen Anteilswert kommen auch Crowdfunding und Spenden der Nutzer. Dabei handelt es sich um eine Form der freiwilligen Nutzerfinanzierung, die als Alternative zum Abo-Modell in England vom Guardian und in Deutschland von der Tageszeitung praktiziert wird – ziemlich erfolgreich, wie beide jüngst meldeten.

Die finanzielle Unterstützung durch Stiftungen und andere philanthropische Organisationen ist für ein Zehntel der Führungskräfte wichtig. Eine eher untergeordnete Rolle spielen Micropayments, die von sechs Prozent genannt werden. Im Durchschnitt zählt jeder Befragte vier dieser Erlösströme auf.

„One size fits all“ war gestern

Ein Fazit? Die Nutzer werden einen entscheidenden Finanzierungsbeitrag für digitalen Journalismus leisten. Doch „One size fits all“ war gestern. Das eine neue, beliebig skalierbare Geschäftsmodell ist nicht in Sicht. Die Zukunft wird vielfältiger als die Vergangenheit sein.

Quelle: Editorial Media

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