„Von jungen Influencern geht eine Gefahr für Kinder und Jugendliche aus“

von am 01.02.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Gesellschaftspolitik, Jugendmedienschutz, Medienkompetenz, Medienordnung, Medienpolitik, Medienregulierung, Medienwissenschaft, Social Media

„Von jungen Influencern geht eine Gefahr für Kinder und Jugendliche aus“
Dr. Marc Jan Eumann, Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) und Direktor der Medienanstalt Rheinland-Pfalz, Foto Stefan Blume

Neue Analyse belegt große Probleme für den Jugendschutz in alternativer Medien und durch Influencer

01.02.2021. Interview mit Dr. Marc Jan Eumann, Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) und Direktor der Medienanstalt Rheinland-Pfalz

Die Medienanstalten wollen ihre Aktivitäten gegen jugendgefährdende Inhalte in sozialen Netzwerken verstärken. In einer Schwerpunktanalyse „Alternative Medien und Influencer als Multiplikatoren von Hass, Desinformation und Verschwörungstheorien“ untersuchten die 14 Landesmedienanstalten mehr als 700 relevante Webseiten, YouTube-Kanäle und Social-Media-Angebote. In rund 35 Prozent der Fälle stellten sie dabei einen Anfangsverdacht auf strafbare, jugendgefährdende oder entwicklungsbeeinträchtigende Inhalte fest. Vor allem bei VK- und Telegram-Angeboten fand sich vergleichsweise häufig ein Anfangsverdacht. Auffällig ist eine Häufung der Verdachtsfälle bei rechtsextremen und rechtspopulistischen Angeboten sowie bei Angeboten aus dem rechtsesoterischen Spektrum. Der relativ hohe Anteil an Angeboten mit Anfangsverdacht zeige, so Dr. Marc Jan Eumann, Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz, dass es im Bereich alternativer Medien und Influencer aus der Sicht des Jugendschutzes ein großes Problem gibt. Vor allem von jungen Influencern, die ihre Ideologien über soziale Netzwerke teilen, gehe eine Gefahr für Kinder und Jugendliche aus. Denn je jugendaffiner ein Angebot ist, desto gefährlicher ist es.

medienpolitik.net: Herr EumannDie Medienanstalten haben jüngst eine Schwerpunktanalyse zum Thema „Alternative Medien und Influencer als Multiplikatoren von Hass, Desinformation und Verschwörungstheorien“ durchgeführt. Warum?

Eumann: Alternative Medien und Influencer erzielen im Kontext von Desinformation und Verschwörungstheorien oft große Reichweiten und fungieren als Multiplikatoren. Ihre Inhalte werden vielfach geteilt und weiterverbreitet und lösen besonders hasserfüllte Diskussionen aus. Auch Kinder und Jugendliche werden mit solchen Inhalten konfrontiert und können davon nachhaltig desorientiert, verunsichert oder geängstigt werden. Die Schwerpunktanalyse haben die Medienanstalten deshalb auf Bitte der Kommission für Jugendmedienschutz durchgeführt, um strafbare, rechtswidrige, jugendgefährdende und entwicklungsbeeinträchtigende Inhalte in diesem Kontext zu identifizieren und zu verfolgen.

medienpolitik.net: Warum wurden besonders Influencer berücksichtigt, die zumeist als „Werbebotschafter“ eine Rolle spielen und die Medienanstalten beschäftigen?

Eumann: Ausschlaggebend waren für die Vorauswahl zum Beispiel Angebote, die bereits im Rahmen einer Studie von unabhängigen Wissenschaftlern als relevant bewertet wurden, Verfassungsschutzberichte oder Empfehlungen innerhalb des Netzwerks alternativer Medien und Influencer. Als besonders relevant eingestuft wurden dabei jugendaffine Angebote mit großer Reichweite und hoher Aktualität bzw. Angebote auf Plattformen, die von älteren Kindern und Jugendlichen viel genutzt werden. Ob und welche Form von Werbung die untersuchten Influencer über ihre Kanäle verbreiten, spielte für die Zusammenstellung der zu untersuchenden Angebote für die Schwerpunktanalyse keine Rolle.

medienpolitik.net:  Welche neuen Erkenntnisse hat diese Analyse gebracht? Mit Hass, Desinformation und Verschwörungstheorien in sozialen Netzwerken haben sich schon mehrere Studien beschäftigt.

Eumann: Die Schwerpunktanalyse leistet eine umfangreiche, plattformübergreifende Recherche, Sichtung und Prüfung einschlägiger Online-Angebote. Sie zielt darauf, strafbare, jugendgefährdende und entwicklungsbeeinträchtigende Inhalte zu identifizieren, zu dokumentieren und zu verfolgen. Im Unterschied zu bereits erfolgten Studien liefert sie dabei konkrete Anwendungs-, Diskussions- und Abgrenzungsbeispiele für die Bewertung einschlägiger Wirkungsrisiken und für die Spruchpraxis der Kommission für Jugendmedienschutz und der Medienanstalten.

„Die Untersuchung hat gezeigt, dass einige Anbieter bevorzugt Inhalte teilen, die besonders hasserfüllte Kommentare auslösen und diese dann nach zwei bis drei Tagen löschen.“

medienpolitik.net: In rund 35 Prozent der Fälle stellte die Analyse dabei einen Anfangsverdacht auf strafbare, jugendgefährdende oder entwicklungsbeeinträchtigende Inhalte fest. Wie kann man diese Zahl einordnen? Ist es mehr als Sie erwartet hatten?

Eumann: Der relativ hohe Anteil an Angeboten mit Anfangsverdacht zeigt, dass es im Bereich alternativer Medien und Influencer aus der Sicht des Jugendschutzes ein großes Problem gibt: Zahlreiche dieser Angebote, die unter anderem Desinformation verbreiten, können Kinder und Jugendliche nachhaltig beeinträchtigen oder gefährden. Dies zeigt, dass es richtig und wichtig war, genau diese Angebote in einer Schwerpunktuntersuchung näher zu analysieren: Wie bei einer Verkehrskontrolle an besonders kritischen Straßenabschnitten, konnten die Medienanstalten mit der Auswahl besonders kritischer Angebote für diese Analyse eine Vielzahl von Gefährdungen identifizieren und können nun gegen die Verantwortlichen vorgehen.

medienpolitik.net: Wie groß ist die Gefahr, die von Inhalten sozialer Netzwerke für Kinder und Jugendliche ausgeht?

Eumann: In Bezug auf alternative Medien und Influencer ist die Gefahr sehr groß. Vor allem von jungen Influencern, die ihre Ideologien über soziale Netzwerke teilen, geht eine Gefahr für Kinder und Jugendliche aus. Denn je jugendaffiner ein Angebot ist, desto gefährlicher ist es. Problematisch sind in den sozialen Netzwerken außerdem nicht nur die Beiträge selbst, sondern vor allem auch die Kommentare dazu: Dort finden sich tendenziell mehr und extremere Hasskommentare, Desinformation und Verschwörungstheorien. In der Gesamtwirkung verstärken sie oft das Risiko einer möglichen Jugendgefährdung oder Entwicklungsbeeinträchtigung des Angebots. Die Untersuchung hat gezeigt, dass einige Anbieter bevorzugt Inhalte teilen, die besonders hasserfüllte Kommentare auslösen und diese dann nach zwei bis drei Tagen löschen. In der Zwischenzeit haben sie ihre Wirkung aber natürlich im Zweifel schon entfaltet.

„Besonders besorgniserregend sind Beiträge, die ganz offensiv die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnen, die Rechtsstaatlichkeit in Frage stellen oder zu Gewalt aufrufen.“

medienpolitik.net: Wie können Jugendliche besser geschützt werden?

Eumann: Wichtig ist vor allem die Verfolgung von Inhalteanbietern, die gegen geltendes Recht verstoßen, um ihnen die Grenzen und die Konsequenzen ihres Handelns aufzuzeigen. Dazu gehört, dass die Anbieter sozialer Netzwerke ihrer Verantwortung nachkommen und gemeldete Angebote schnell entfernen, um deren weitere Verbreitung zu unterbinden. Ein ganz zentraler Punkt ist aber auch, dass Eltern mit ihren Kindern im Gespräch bleiben, ihnen Ängste nehmen und erklären, was hinter den Verschwörungstheorien steckt. Und grundsätzlich gilt: Je besser zumindest ältere Kinder und Jugendliche darin geschult sind, Angebote kritisch zu hinterfragen, und je gefestigter ihre politische Bildung ist, desto wahrscheinlicher gelingt ihnen im Zweifelsfall eine kompetente Einordnung der Inhalte.

medienpolitik.net: Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus dieser Analyse?

Eumann: Das Gefährdungspotenzial für Kinder und Jugendliche durch alternative Medien und Influencer ist groß – das hat die Analyse ganz klar gezeigt. Aussagen wie „Wieder stirbt ein Kind unter Maske!?“ oder „Sie nehmen dir die Kinder weg für Blut!“ oder „…die Zunge herausreißen auch öffentlich“ wirken. Besonders besorgniserregend sind Beiträge, die ganz offensiv die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnen, die Rechtsstaatlichkeit in Frage stellen oder zu Gewalt aufrufen. So etwas kann darf für Kinder und Jugendliche, die sich in unserer Gesellschaft positiv und frei von Misstrauen entwickeln sollen, kein Orientierungspunkt sein. Man sagt: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ In diesem Fall besteht das Dorf aus schlagkräftiger Medienaufsicht, verlässlicher Justiz, verantwortungsbewussten Plattformanbietern, tatkräftigen (Medien-)Pädagogen, zivilcouragierten Mitbürgern und vielen mehr. Sie alle braucht es, um Kinder und Jugendliche gezielt vor den Gefahren durch Desinformation, Hass und Verschwörungstheorien zu schützen.

medienpolitik.net: Was geschieht in den Fällen, in denen ein Anfangsverdacht festgestellt worden ist?

Eumann: Strafbare Inhalte werden an die Staatsanwaltschaften weitergeleitet oder – wenn der Anbieter nicht ermittelt werden kann – den jeweiligen Plattformen gemeldet, damit sie entfernt werden. Gegen die Anbieter von entwicklungsbeeinträchtigenden oder jugendgefährdenden Inhalten können die Landesmedienanstalten Verwaltungs- und Ordnungswidrigkeitenverfahren einleiten. Die Kommission für Jugendmedienschutz entscheidet dabei über die zu verhängenden Maßnahmen wie beispielsweise Bußgelder.

medienpolitik.net: Werden die Medienanstalten die Analyse fortsetzen?

Eumann: Die jeweils zuständigen Landesmedienanstalten halten die in der Schwerpunktanalyse identifizierten Verdachtsfälle weiter unter Beobachtung und können so auf neue potenziell gefährdende Inhalte der Anbieter reagieren. Neue alternative Medien oder Influencer mit Risikopotential für Kinder und Jugendliche werden den Medienanstalten vor dem Hintergrund dieser Schwerpunktanalyse und im Rahmen ihres kontinuierlichen Monitorings relevanter Angebote auffallen, bei dem sie auch von jugendschutz.net unterstützt werden.

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