„Das Fernsehen nimmt den Wettbewerb mit Streaming-Plattformen an“

von am 17.03.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Kreativwirtschaft, Medienwirtschaft, Medienwissenschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Privater Rundfunk, Rundfunk

„Das Fernsehen nimmt den Wettbewerb mit Streaming-Plattformen an“
Dr. Frauke Gerlach, Direktorin des Grimme-Instituts

Der Jahrgang 2020 zeigt, welche ausdifferenzierte Bandbreite im Fernsehen möglich ist

17.03.2021. Interview mit Dr. Frauke Gerlach, Direktorin des Grimme-Instituts

69 Produktionen und Spezialleistungen sind für den 57. Grimme-Preis 2021 nominiert. Aus mehr als 850 Einreichungen wählten die Kommissionen in den Kategorien Information & Kultur, Fiktion, Unterhaltung und Kinder & Jugend ihre diesjährigen Favoriten aus. Die Preisträger des 57. Grimme-Preises werden am 11. Mai 2021 bekanntgegeben. Erstmals in der Geschichte des Preises gab es keine Präsenzsitzungen der Gremien, die Sichtungen erfolgen in mehreren digitalen Sitzungswochen. „Der Blick auf das Preisjahr 2020 offenbart einen kreativen Schub und zeigt, was das Fernsehen der Gegenwart leisten kann“, so Dr. Frauke Gerlach, Direktorin des Grimme-Instituts gegenüber medienpolitik.net. Das Fernsehen sei insgesamt in Bewegung und profitiere vom Trend zu Streaming-Angeboten, weil es zunehmend den Wettbewerb annehme. Wünschenswert wäre, wenn die Programmierung des linearen Fernsehens, gerade in der Primetime, überdacht und man mehr Vielfalt und unterschiedliche Blickwinkel sehen würde. Es stelle sich außerdem die Frage, welchen Nutzen die Sender haben, wenn Sie ihre Produktionen auf den Streaming Plattformen verbreiten.

medienpolitik.net: Frau Gerlach, Fernsehen während der Corona-Pandemie – ist es qualitativ besser oder schlechter geworden?

Gerlach: Der Blick auf das Preisjahr 2020 offenbart einen kreativen Schub und zeigt, was das Fernsehen der Gegenwart leisten kann. Das Fernsehjahr 2020 war in jeder Hinsicht ein bemerkenswertes Preisjahr. Die Stoffe, Themen, Formate sowie der Einsatz audiovisueller Techniken und die Bandbreite der Dramaturgien sind vielschichtig, aktuell und variationsreich. Bekannte Stereotype werden an vielen Stellen aufgebrochen, gewohnte Pfade verlassen und Bewährtes weiterentwickelt. Einen kausalen Zusammenhang zwischen der bemerkenswerten Fernseh-Qualität und den außergewöhnlichen Bedingungen der Corona-Pandemie kann ich für das Jahr 2020 nicht sehen. Denn viele Produktionen wurden 2020 zwar veröffentlicht oder gesendet, aber schon früher hergestellt oder auf den Weg gebracht. Der Produktionszyklus hat in Deutschland in der Regel einen längeren Vorlauf, vor allem im Fiktionalen und bei langen Dokumentarfilmen. Die Frage, welche Auswirkungen die Corona-Pandemie jenseits der Magazine und Nachrichtenformate auf die Fernsehqualität hat, können wir insgesamt sicher erst 2021 und 2022 sehen und bewerten. Dann erst kann die Frage beantwortet werden, ob und wie sich die Produktionsbedingungen auf die Inhalte und Qualität ausgewirkt haben. Die wirtschaftlichen Auswirkungen und tiefgreifenden Einschnitte für die Branche und die Kreativen sehen wir allerdings schon heute, viele Existenzen sind bedroht. Auch damit müssen wir uns als Gesellschaft auseinandersetzen, wenn wir über die Folgen der Pandemie sprechen.

medienpolitik.net: Hat die Krise auch Neues hervorgebracht, sind neue Trends abzulesen?

Gerlach: Was in diesem Preisjahr besonders auffällt, ist, die Miniserie, das kleine Stück, das zu Hause oder mobil unterhält oder informiert. Ganz neu ist dieser Trend nicht, er hat sich aber ausdifferenziert. Die Produktionen, die in kurzer Zeit und zum Teil unter dem Eindruck des kollektiven Ausnahmezustandes entstanden sind, zeigen, dass Projekte schnell und unkonventionell umgesetzt werden können. In diesem für die gesamte Kreativbranche so schwierigen Jahr gab es auch kurzfristig Produktionsmöglichkeiten, die ohne die Pandemie sicherlich so nicht entstanden wären. Es ist sehr wahrscheinlich, dass in diesem Bereich weiter experimentiert und produziert wird. Nicht alles, was in diesem Zusammenhang aufgefallen ist, konnte nominiert werden, aber vieles wurde intensiv diskutiert. Mit den Verbreitungsmöglichkeiten durch die Mediatheken und anderer Plattformen sehen wir auch anhand der Miniserie die Befreiung vom formatierten Programm des linearen Fernsehens. Es öffnen sich kreative Räume, die die Bandbreite des Fernsehens deutlich erweitern.

medienpolitik.net: Wie aktuell, im Sinne von relevant und aufklärend, ist der Jahrgang 2020?

Gerlach: In allen Kategorien des Grimme-Preises werden gesellschaftliche Themen, die uns gegenwärtig bewegen, verarbeitet, die Klimakrise, der Rechtsextremismus und -terrorismus, Rassismus und Sexismus. In vielen Produktionen sehen wir außerdem das Bemühen darum, einen Beitrag zum Diskurs zu leisten und das auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Das ist aus meiner Sicht ermutigend und zeigt, dass das Fernsehen eine wichtige Kommunikationsfunktion hat. Sicher, es geht immer mehr, aber ich kann wirklich nur empfehlen, sich die Liste der Nominierungen anzuschauen und in die Mediatheken zu gehen und in die Produktionen reinzuschauen. Das Fernsehen ist nach wie vor ein wichtiger Faktor zur Information, Aufklärung und zur Unterhaltung, auch und gerade im digitalen Zeitalter. Die Bemühungen der Sender und Produzierenden um Aktualität und Relevanz sind deutlich zu erkennen und vor allem auch anzuerkennen. Dies gilt auch für private Sender, vorbildlich ist in diesem Zusammenhang das ProSieben Spezial „Rechts. Deutsch. Radikal“. Über alle Kategorien hinweg können wir außerdem sehen, dass die Corona-Pandemie inhaltlich wie auch gestalterisch aufgegriffen wurde. Es geht um Alltagssituationen in Videokonferenzen, „Social Distancing“, die Situation von Senioren in Alten- und Pflegeheimen und schwerwiegende soziale Probleme wie „häusliche Gewalt“.

„Das Fernsehen ist nach wie vor ein wichtiger Faktor zur Information, Aufklärung und zur Unterhaltung, auch und gerade im digitalen Zeitalter.“

medienpolitik.net: Wie behauptet sich der Dokumentarfilm? Es müsste doch angesichts vielfältiger globaler Themen – nicht nur Corona – eine hohe Zeit für ihn sein.

Gerlach: Der Dokumentarfilm ist in unserer globalen, digitalen und unübersichtlichen Welt von herausragender Bedeutung. Er kann sich Zeit nehmen und in die Tiefe gehen, intensiv recherchieren und hinterfragen. Der Dokumentarfilm vermag, jenseits der Kurzatmigkeit des journalistischen Tagesgeschäftes, das mehr und mehr geprägt ist von den Aufmerksamkeitsmechanismen der Echtzeitkommuniktion, einen spezifischen Zugang zu Themen und Fragestellungen zu wählen. Ein Dokumentarfilm wie „Loveparade – Die Verhandlung“ (Docdays Productions/Arpa Films für WDR/ARTE) erfüllt darüber hinaus eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Es gab keinen Untersuchungsausschuss in Nordrhein-Westfalen zur Aufarbeitung der politischen Verantwortung. Insofern kam dem Strafprozess eine herausragende Bedeutung zu. Damit stand dieses komplizierte Verfahren unter großem Erwartungsdruck. Das Filmteam begleitet die Verhandlungen, bei denen es an 184 Prozesstagen um die Frage der strafrechtlichen Verantwortung für die Duisburger Katastrophe ging. Für den Dokumentarfilm wurden ca. 3500 Seiten und 250 Stunden Dreh- und Archivmaterial ausgewertet, eine Herkulesarbeit der Dokumentarfilmer. Die Produktion zeigt, wie schwer eine solche Aufarbeitung im Rahmen eines strafrechtlichen Verfahrens für die Betroffenen, aber auch für das Gericht ist. Vorbildlich und von großer Relevanz ist auch die dokumentarische Serie „Afghanistan. Das verwundete Land“ (LOOKSfilm für NDR/ARTE). In vier Teilen, die jeweils ca. 50 Minuten umfassen, werden 40 Jahre Krieg ergründet und nachgezeichnet. Die dokumentarische Serie versucht verständlich zu machen, worum es bei dem kriegerischen Konflikt geht, vom Truppenabzug der Sowjetunion im Jahr 1989 über den 11. September 2001 bis heute. Die dokumentarische Serie nimmt sich die Zeit, die notwendig ist, um die Verstrickungen, Interessen und gesellschaftlichen Auswirkungen zumindest ansatzweise zu verstehen. Die Serie gehört aus meiner Sicht nicht nur in Wohnzimmer, sondern auch in Unterrichtsräume, digital oder analog.

medienpolitik.net: Es sind ebenso viele Fernsehfilme wie Serien nominiert. Was sagt das über das gegenwärtige Fernsehen aus?

Gerlach: Das Fernsehen ist insgesamt in Bewegung. Mit ungewöhnlichen Formaten, vielschichtigen Themen und gesellschaftlicher Relevanz zeigt nicht nur die Serie, welche ausdifferenzierte Bandbreite im Fernsehen möglich ist. Dieses Preisjahr ist ein ausgesprochen starkes Fernsehfilm-Jahr. Es wurden außergewöhnliche Fernsehmomente geschaffen, bei denen zu sehen ist, was der 90minüter kann. Von der Digitalisierung des Menschen erzählt der Fernsehfilm „Exit“ (Sommerhaus Filmproduktion für SWR) eindrücklich, mit visuellen, dramaturgischen und musikalischen Elementen, die wir in der Regel im Kinosaal erleben, aber selten als Fernsehfilm. Die formal eher klassischen Stücke, wie „Wir wären andere Menschen“ (Akzente Film & Fernsehproduktion für ZDF) oder „Das Verhör in der Nacht“ (Network Movie Film- und Fernsehproduktion für ZDF/ARTE) fesseln durch ihre Geschichten, der Dramaturgie und herausragenden darstellerischen Leistungen.

„Es stellt sich die Frage, welchen Nutzen die Sender haben, wenn Sie ihre Produktionen auf den Streaming Plattformen verbreiten.“

medienpolitik.net: Die Streamingangebote haben während der Corona-Pandemie einen Boom erlebt, zulasten des klassischen TV-Konsums. Wie kann sich das Fernsehen gegen diesen Trend stemmen?

Gerlach: Aus meiner Sicht profitiert das klassische Fernsehen gleichwohl, weil es zunehmend den Wettbewerb annimmt. Wir haben diese Tendenz beim seriellen Erzählen erlebt. Die Nominierungen zeigen Experimentierbereitschaft und kreative, ungewöhnliche Formate und Stoffe. Wünschenswert wäre, wenn die Programmierung des linearen Fernsehens, gerade in der Primetime, überdacht würde und wir mehr Vielfalt und unterschiedliche Blickwinkel sehen würden. Es stellt sich außerdem die Frage, welchen Nutzen die Sender haben, wenn Sie ihre Produktionen auf den Streaming Plattformen verbreiten. Die eigene Marke der Fernsehsender wird für unbefangene Nutzerinnen und Nutzer nicht nur unsichtbar, sondern es entsteht der Eindruck, dass es sich um Produktionen der Plattformbetreiber handelt. Wie an so vielen Stellen im Netz, geht es auch hier um Sichtbarkeit und den Schutz der eigenen Marke.

medienpolitik.net: Sie haben im November 2020 das Projekt meinfernsehen2021 gestartet. Warum?

Gerlach: Es geht bei #meinfernsehen2021 um ein dreistufiges Partizipationsverfahren, indem über Fernsehqualität diskutiert wird. Dabei debattiert der Fernsehzuschauer und die Fernsehzuschauerin über das Fernsehen der Zukunft. Das Partizipationsverfahren soll den Blick weiten. Der Diskurs über Medien und ihre Qualität wird in der Regel zwischen Expertinnen und Experten, etablierten Akteuren der Zivilgesellschaft und der Medienpolitik geführt. Wir wollen wissen, was das Publikum über Qualität denkt. Es geht um den konstruktiven Diskurs und konkrete Vorschläge für das Fernsehen der Zukunft. Das Partizipationsverfahren wird vom Grimme-Institut, dem Düsseldorfer Institut für Internet und Demokratie (DIID) an der Heinrich-Heine-Universität und der Bundeszentrale für politische Bildung verantwortet und durchgeführt. Mit sechs unabhängigen Moderatorinnen und Moderatoren wird der Diskurs ohne unseren Einfluss auf die Diskussionen gewährleistet. Das Grimme-Institut und das DIID werten alle Beiträge aus und veröffentlichen sie. Die Ergebnisse der ersten zwei Phasen sind bereits unter https://meinfernsehen2021.diid.hhu.de/ nachzulesen.

medienpolitik.net: Es geht anscheinend nur um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Warum diese Eingrenzung?

Gerlach: Wir haben lange über diese Eingrenzung diskutiert. Es ist nicht explizit ausgeschlossen über das Privatfernsehen zu debattieren. Die Fokussierung ergibt sich aus unserer Perspektive aus der Finanzierung. Ganz vereinfacht ausgedrückt, ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk schlussendlich „unser“ Medium, jeder Haushalt ist an seiner Finanzierung beteiligt. Zudem erfüllt der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen ausdifferenzierten Auftrag, der auch gesellschaftlich zu debattieren ist.

medienpolitik.net: Wie ist die bisherige Beteiligung?
Gerlach: Nach Abschluss der zweiten Phase, Stand. 14.02.21, gab es 2726 Beiträge, inklusive Beiträge der Moderation und 637 Personen hatten Zugriff, konnten Beiträge lesen oder welche verfassen. Über die große Resonanz und den insgesamt doch sehr konstruktiven Diskurs freuen wir uns sehr. Wir waren am Anfang selbst sehr gespannt, wie die Beteiligung aussehen wird.

„Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erfüllt einen ausdifferenzierten Auftrag, der auch gesellschaftlich zu debattieren ist.“

medienpolitik.net: Kristallisieren sich schon Schwerpunkte für Veränderungen und Erwartungen heraus?

Gerlach: Es wurde intensiv über Nachrichten und Informationsformate diskutiert, dabei wurde auch der Frage nachgegangen, wie neutral Inhalte überhaupt sein können. Ein weiterer gewichtiger Punkt war die Auseinandersetzung mit den Regionalprogrammen und was diese leisten sollten. Es ging aber auch um die Organisation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und darum, ob seine Inhalte auf globalen Plattformen verbreitet werden sollen. In technischer Hinsicht war die Nutzerfreundlichkeit der Mediatheken ein zentrales Thema. Die Auswertung der dritten Phase, der Abstimmungsprozess, ist gegenwärtig in Arbeit, so dass ich hierzu auf unsere Veranstaltung am 27.05.2021 verweisen muss. Wir stellen dort die wesentlichen Abstimmungsergebnisse und Vorschläge vor und diskutieren sie.

medienpolitik.net: Was passiert mit den Ideen? Wer soll diese umsetzen?

Gerlach: Aus der Perspektive des Grimme-Instituts erhalten wir Erkenntnisse, die in unseren Mediendiskurs einfließen sollen. Es geht uns auch darum eigene Blickwinkel kritisch zu hinterfragen und andere Standpunkte einzunehmen, den „Marler-Elfenbeinturm“ zu verlassen. Darüber hinaus fließen Aspekte der Medienbildung ein, denn es geht auch darum, darüber zu debattieren, wie Wissen über Qualität vermittelt werden kann. Deshalb haben wir u. a. auch über die Volkshochschulen in Deutschland dazu eingeladen, sich am Partizipationsverfahren zu beteiligen. Darüber hinaus wollen wir die Ergebnisse und Vorschläge an die Verantwortlichen der Sender und die Medienpolitik adressieren und mit ihnen diskutieren. Impulse können in die Debatte um die Reform des Auftrages des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einfließen. Auch wenn das Partizipationsverfahren nicht repräsentativ ist, zeigt es uns doch einen Ausschnitt derjenigen, die sich für das Fernsehen interessieren und es mitgestalten wollen. Solche Rückkoppelungsprozesse halte ich auch künftig für wichtig. Nicht zuletzt gibt es eine Fülle von Material für weitere Mediendiskurse und Forschungsvorhaben, vielleicht auch für ein nächstes Partizipationsverfahren.

Print article