„Für die KEK den Zugang zu Daten aller Streaming-Anbieter sichern“

von am 15.03.2021 in Aktuelle Top Themen, Digitale Medien, Kommunikationswissenschaft, Medienordnung, Medienpolitik, Medienrecht, Medienregulierung, Medienwissenschaft

„Für die KEK den Zugang zu Daten aller Streaming-Anbieter sichern“
Prof. Dr. Georgios Gounalakis, Vorsitzender der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK)

Fragen zum Gutachten zur Nutzungserfassung von Video-Streaming-Angeboten

15.03.2021. Interview mit Prof. Dr. Georgios Gounalakis, Vorsitzender der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK), Professur für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht, Rechtsvergleichung und Medienrecht, Philipps-Universität Marburg

Video-Streaming-Angebote prägen zunehmend die Medienlandschaft. In der Form des Live-Streamings handelt es sich um Rundfunk, in der nichtlinearen Form des Video-on-Demand (VoD) besteht eine deutliche Nähe zum linearen Fernsehen. Das lineare Fernsehen steht bislang im Zentrum der medienkonzentrationsrechtlichen Regulierung. Demgegenüber fehlt es im Hinblick auf Video-Streaming-Angebote an einer umfassenden Erhebung und Ausweisung von Nutzungsdaten. Streaming-Anbieter verfügen grundsätzlich über Messdaten, die für eine medienkonzentrationsrechtliche Nutzungserfassung verwendet werden können. Für eine anbieterübergreifende Vergleichbarkeit der Daten bedarf es jedoch einheitlicher Standards bei der Datenerhebung. Zudem ist eine gesetzliche Regelung erforderlich, durch die der KEK ein Zugang zu diesen Daten eröffnet wird. Dies sind einige Erkenntnisse aus dem Gutachten „Ansätze für eine Nutzungserfassung von Video-Streaming-Angeboten“, das das Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS (Berlin) im Auftrag der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) erstellt hat. Die Gutachter empfehlen, eine technische Vollerhebung anzustreben und diese um ein repräsentatives Panel anzureichern. So könnte eine Video-Gesamtnutzung ausgewiesen werden.

medienpolitik.net: Herr Gounalakis, welche Relevanz haben Streaming-Angebote für die Mediennutzung?

Gounalakis: Wenn man sich die Entwicklung – nicht nur in Deutschland, sondern insbesondere international – vor Augen hält, wird deutlich, dass im Bereich des Video-Streamings enorme Summen bewegt und große Anstrengungen unternommen werden, um Zuschauer für die jeweiligen Angebote zu begeistern. Die KEK hat bereits in ihrem 21. Jahresbericht unter dem Thema „Internationale Konzentrationsprozesse im Medienbereich“ aufgezeigt, dass Unternehmen wie Netflix, Amazon, Google, Facebook und Apple den tradierten Medienunternehmen zunehmend und vor allem im Videobereich Konkurrenz machen. Dabei reduzieren vor allem jüngere Nutzer den linearen Fernsehkonsum zu Gunsten von Abrufinhalten von Streamingdiensten. Auch dies hat die KEK im vorgenannten Bericht im Beitrag „Zukunft des linearen Fernsehens“ verdeutlicht. Dem Video-Streaming kommt jedenfalls eine erhebliche strategische Bedeutung zu. Welche Auswirkungen die Streaming-Nutzung auf das klassische Fernsehen hat, lässt sich zwar in etwa abschätzen, aber noch nicht konkret beziffern. Es liegen hierzu mitunter sehr unterschiedliche Erhebungen und Aussagen vor. Daher hat die KEK ein Gutachten eingeholt, um durch das Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme FOKUS Ansätze zur Nutzungserfassung von Video-Streaming-Angeboten untersuchen zu lassen.

medienpolitik.net: Wie und von wem werden die Reichweiten bisher erfasst?

Gounalakis: Es gibt mehrere Studien und Erhebungen zur Video-Streaming-Nutzung. Praktisch alle Streaming-Anbieter sowie die großen Marktforschungsunternehmen als auch die AGF Videoforschung erheben Nutzungsdaten von Video-Streaming-Angeboten. Aber auch viele kleinere Anbieter und Forschungseinheiten beschäftigen sich mit diesem Thema. Das führt einerseits zu vielen ganz unterschiedlichen Erhebungsmethoden und auch Zielrichtungen von Erhebungen. Gleichzeitig gibt es bislang jedoch keinen vollständigen und regelmäßig aktualisierten „Marktüberblick“. Größere Aufmerksamkeit hat zuletzt der AGF Smart Meter-Ansatz erlangt, bei dem neben der bereits bestehenden Streaming-Messung additiv mittels Mess-Router-Technologie die Sehdauer von ausgewählten Streamingdiensten wie beispielsweise Netflix, Amazon Prime Video und auch YouTube an SmartTVs gemessen wird.

medienpolitik.net: Warum sind die Daten der AGF-Videoforschung nicht ausreichend?

Gounalakis: Die AGF betreibt seit längerem einen großen Aufwand, um neben den klassischen Zuschaueranteilen auch die Nutzung von Streaming-Angeboten regelmäßig und möglichst umfassend ausweisen zu können. Diesbezüglich gibt es, wie bereits angesprochen, vielversprechende Ansätze und Entwicklungen. Die Erfassung der Nutzung von Streaming-Angeboten ist und bleibt aber komplex, weil sie neben einer Vielzahl von Ausspielwegen immer die Bereitschaft eines Anbieters voraussetzt, sich in einem System nach vergleichbaren Grundsätzen messen zu lassen. Das „klassische“ lineare Fernsehen wird ganz überwiegend über das heimische Fernsehgerät konsumiert. Diese Nutzung lässt sich verhältnismäßig leicht erfassen, da sie in weiten Teilen autonom erfolgen kann. Für die Nutzung von Streaming-Inhalten gilt das leider nicht: Hier stehen eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Endgeräten – vom SmartTV über Spielekonsolen bis hin zu mobilen Endgeräten – sowie verschiedene Empfangswege zur Verfügung. Daher ist eine vollständige Nutzungserfassung ungeheuer aufwendig. Gegenwärtig kann noch kein Unternehmen eine umfassende Abbildung der gesamten Streaming-Nutzung leisten.

„Die Streaming-Anbieter haben grundsätzlich alle Daten hinsichtlich der von ihnen ausgespielten Inhalte vorliegen.“

medienpolitik.net: Inwieweit sind die bisher erhobenen Daten mit denen der klassischen Fernsehforschung vergleichbar oder kompatibel?

Gounalakis: Das ist eine weitere Schwierigkeit. Eine kombinierte Nutzungserfassung von Sehdaueranteilen für klassisches Fernsehen und Streaming wäre natürlich ideal. Hierfür sind aber gleichartige Messgrößen und Grundgesamtheiten erforderlich. Die AGF kann gegenwärtig zwar eine Gesamtreichweite ausweisen, dies jedoch nicht in Form von klassischen Marktanteilen, da dieser Ausweis definitorisch voraussetzt, dass ein Gesamtmarkt abgebildet wird.

medienpolitik.net: Aber verfügen nicht die Streaming-Anbieter selbst über aussagefähige Daten?

Gounalakis: Ja, das ist auch ein Ergebnis des Gutachtens. Die Streaming-Anbieter haben grundsätzlich alle Daten hinsichtlich der von ihnen ausgespielten Inhalte vorliegen. Aber auch hier gibt es ein Problem: Die Anbieter wissen zwar sehr genau, was sie ausspielen, nicht jedoch, wie viele Nutzer ihre Angebote tatsächlich ansehen. Sie können nicht erfassen, wie viele Personen zum Beispiel vor dem Fernseher sitzen. Daher ist zusätzlich eine Panel-Erhebung erforderlich.

medienpolitik.net: Wie wichtig ist es für das medienkonzentrationsrechtliche Regulierungssystem vergleichbare Daten zu haben?

Gounalakis: Die Formel ist letztlich recht simpel: Je weniger konsistent die Datenlage, desto größer die Unschärfe des Gesamtbildes. Innerhalb einer Mediengattung ist es für eine möglichst aussagekräftige und umfassende Abbildung der Nutzung und des damit verbundenen Meinungsbildungseinflusses wichtig, eine einheitliche Währung zugrunde zu legen. Dies ermöglicht eine Gesamtbetrachtung ohne Brüche. Es sollte letztlich nicht darauf ankommen, ob eine Fernsehsendung per Satellit, per Kabel oder per Live-Stream über das Internet empfangen wird. Eine solche kombinierte Ausweisung ist aber zugegebenermaßen nicht trivial.

medienpolitik.net: Ist das für die Novellierung des Medienkonzentrationsrechts, das die Länder ja gegenwärtig planen, unabdingbar?

Gounalakis: Lassen Sie uns einmal von der Einführung eines Gesamtmeinungsmarktmodells ausgehen. Hierfür müssten dann mehrere unterschiedliche Mediengattungen nebeneinander betrachtet werden. Dies ist für die KEK nicht neu. Auch nach der bisherigen Rechtslage ist die KEK aufgerufen, den durch Aktivitäten auf völlig unterschiedlichen Medienmärkten erzielten Meinungseinfluss von Unternehmen letztlich in Form von Zuschaueranteilen auszudrücken. Anders als nach der bestehenden Rechtslage wären dann aber auch Abruf-Inhalte (Video-on-Demand) Teil des Gesamtmarkts, und nicht erst anknüpfend an hohe Zuschaueranteile als sogenannter medienrelevanter verwandter Markt in die Prüfung einzubeziehen. Hierfür würde die KEK eine valide Datengrundlage benötigen.

„Je weniger konsistent die Datenlage, desto größer die Unschärfe des Gesamtbildes.“

medienpolitik.net: Wie könnten diese Daten künftig erhoben werden?

Gounalakis: Das Fraunhofer-Gutachten zeigt hier Möglichkeiten auf. Vereinfacht gesagt, könnten die bei den Streaming-Anbietern vorliegenden Daten verwendet und mit Daten eines Panels kombiniert werden. Panels stellen verkleinerte Abbilder der Grundgesamtheit dar – hier also der Gesamtheit der Nutzer eines Mediums.

medienpolitik.net: Welche politischen und technischen Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden?

Gounalakis: Die technischen Voraussetzungen bestehen bereits. Alle Streaming-Anbieter erheben aus unterschiedlichen Beweggründen Daten zu den ausgespielten Inhalten. Hier bedarf es sozusagen lediglich der Verständigung auf eine gemeinsame Sprache. Auch Panels bestehen bereits, zum Beispiel bei der AGF Videoforschung, von der die KEK auch schon Daten bezieht. Der Gesetzgeber müsste lediglich sicherstellen, dass der KEK ein Zugang zu den Daten aller Streaming-Anbieter eröffnet wird. Diesbezüglich kann klarstellend an die bereits bestehende Regelung zur Erfassung von Nutzungsdaten durch die KEK in § 61 MStV, die Ermittlung der Zuschaueranteile also, angeknüpft werden.

medienpolitik.net: Bis wann könnte dieses neue Erhebungssystem einsatzbereit sein?

Gounalakis: Das ist nicht leicht zu prognostizieren. Der Fortgang der Novellierung des Medienkonzentrationsrechts wird hierbei ein Faktor sein. Sicherlich ist auch ein gewisser Umsetzungswille bei allen Beteiligten erforderlich. Und natürlich müssten gewisse Details geklärt werden, wie zum Beispiel, wer die erforderlichen Daten sammeln, auswerten und mit Paneldaten kombinieren kann.

medienpolitik.net: Beim Medienkonzentrationsrecht geht es um Informationen und Angebote, die für die Meinungsbildung relevant sind. Ist dazu eine sogenannte Vollerhebung notwendig?

Gounalakis: Eine Vollerhebung ist, wie es der Begriff verdeutlicht, umfassend. Hieraus ergeben sich die aussagekräftigsten Daten. Je weniger genau man bereits bei der Datenerfassung ist, desto weniger aussagekräftig sind am Ende die zur Verfügung stehenden Daten. Das Gutachten zeigt aber auch hier Alternativen auf. Ist eine Vollerhebung nicht umsetzbar, kann auch ein repräsentatives Panel als Ausgangsbasis dienen und mit möglichst großen Teilerhebungen angereichert werden.

Print article