Dem Missbrauch von Marktmacht vorbeugen

von am 21.04.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

Dem Missbrauch von Marktmacht vorbeugen

AG Kino: Filmförderungsgesetz ohne Veränderungen verlängern

21.04.2021. Die AG Kino – Gilde Deutscher Filmkunsttheater, die vor allem die Interessen der Betreiber von Arthouse- und kleineren Kinos vertritt, schlägt in einer Stellungnahme eine Verlängerung des Filmförderungsgesetzes in der gültigen Fassung vor. Das würde den aktuellen Regierungsentwurf für eine kleine Novellierung, über den gegenwärtig der Bundestag berät, obsolet machen. Die aktuelle Krise und ihre noch unabsehbaren Folgen bedürften der intensiven Begleitung, so der Filmkunsttheaterverband: „Die Pandemie werde vor allem zu einer Beschleunigung der schon vor der Krise sichtbaren Tendenzen führen – gleich ob diese als Chancen oder Risiken verstanden werden. Jetzt gilt es, diese Entwicklung zu steuern. Auch wenn vieles in seiner Folgewirkung noch nicht völlig absehbar ist, ist klar, dass die Weichen für die Zukunft jetzt gestellt werden. Die Vorbereitung der Novellierung des Filmförderungsgesetzes für die Zeit nach der Krise, also für den Zeitraum ab 2024 muss daher auch schon jetzt beginnen.“ Entscheidend sei, dass bereits jetzt umfassende Marktanalysen erstellt und in den Gremien der FFA diskutiert würden, heißt es in der Stellungnahme. Zugleich unterbreitet die AG Kino Änderungsvorschläge für eine kleine Novellierung. Dazu gehören eine Neuregelung der Medienchronologie, um die Marktdynamik aufzugreifen und einen fairen Marktzugang für die unabhängigen Betriebe zu sichern, eine Präzisierung der Referenzkinoförderung sowie eine „uneingeschränkte Transparenz der Abgabezahlungen“ an die FFA.

Vorbemerkung zur Stellungnahme der AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater zur Novellierung des Filmförderungsgesetzes

Wir befinden uns in einem Ausnahmezustand. Die COVID-19-Pandemie wütet weiter, auch wenn mit den Impfungen begonnen wurde und zumindest hierzulande große Hoffnungen auf einer deutlichen Verbesserung der Lage ruhen. In Zeiten dieser globalen Unsicherheit ist eine Fortschreibung des FFGs um zwei weitere Jahre die einzig richtige Lösung. Die Filmwirtschaft befindet sich europaweit noch immer im freiem Fall. Die höchste Priorität aller Beteiligten muss daher sein, den Aufprall zu mildern und den Markt zu retten. Erst danach können unter genauer Analyse der entstandenen Schäden die Weichen für ein zukünftiges Filmförderungsgesetz gestellt werden. Wir wissen nicht, wann es wieder etwas wie Normalbetrieb in der Filmbranche geben wird. Klar ist aber, dass es noch dauern wird, bis wir wieder in gewohnter Form bei Festivals die Vielfalt der Siebten Kunst feiern, bis wieder etwas wie Normalität am Set oder im Kino möglich ist. Auch nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs in den Kinos sind wir vor einem Business-as-usual weit entfernt. Weil Auflagen keine Vollkapazitäten ermöglichen, weil gerade das ältere Publikum und Risikogruppen noch länger das Zusammensein mit Fremden in geschlossenen Räumen vermeiden, weil Festivals als Plattform und Vitrinen für Filmkunst fehlen und weil Studios und Verleiher angesichts des Vorgenannten den Start zugkräftiger Filme verschieben oder diese direkt an Streaming-Plattformen geben.

Wie gefährlich eine Pandemie für die Vielfalt von Film ist, zeigt ein Blick auf die Auswirkungen der Spanischen Grippe 1918. Die US-amerikanische Filmbranche war bis zum Ausbruch der Pandemie vielfältig und unabhängig, doch durch die wirtschaftlichen Schäden bündelte sich im Anschluss die Marktmacht bei wenigen Studios in Hollywood, die über Jahrzehnte Bedingungen in der Produktion, Distribution und dem Abspiel diktierten. Wo sich Marktmacht konzentriert, leidet die künstlerische Vielfalt. Hauptfokus der gesamten Filmbranche muss es daher sein, in der jetzigen Krise das wirtschaftliche Überleben so vieler Marktteilnehmer1 wie möglich zu sichern. Dass die Kinos für dieses Ziel auch bereit sind, für sie harte Entscheidungen im Interesse der Sicherung anderer Branchenzweige zu treffen, haben sie in den vergangenen Wochen bewiesen. Ein neues FFG muss einen fünfjährigen Normalbetrieb nach der Corona-Krise gestalten. Annahmen aus den 2010er-Jahren, wie sich das kommende Jahrzehnt entwickeln würde, sind völlig überholt. Vermutlich wissen wir frühestens Mitte nächsten Jahres, wie sich der Markt verändert hat, wie stark die Marktmonopolisierung vorangeschritten ist und wer die lange Durststrecke nicht überwunden hat oder massiv geschwächt aus ihr hervorgeht. Schon vor der aktuellen Krise hat die Machtkonzentration auf allen Ebenen der Filmbranche besorgniserregende Ausmaße angenommen.

Sicher ist: „Superhelden“, „Star Wars“ und alles, was Algorithmen belohnen, wird es auch nach der Krise geben. Aber was ist mit dem kulturell anspruchsvollen Film? Phänomene wie „Systemsprenger“ und „Parasite“ zeigen, wie entscheidend Filmfestivals und der exklusive Start im Kino für die Veredelung eines Films über alle Verwertungsstufen hinweg und im Erfolgsfall über viele Jahre und Jahrzehnte hinaus sind. Programmkinos bringen Filmkunst nicht nur in die Nachbarschaft. Durch ihr Herzblut und Engagement können Filme wie „Parasite“ oder „Systemsprenger“ zum Phänomen werden. Beide Werke hätten bei einer ausschließlichen Online-Verwertung niemals so viele Menschen gesehen. Diese Filme brauchen jedes einzelne Kino und jeden einzelnen Gast, damit sie gemacht werden können. Ansonsten geht uns eine ganze Kunstform verloren.

Was bedeutet all dies für die Novellierung des FFG?

Das globalisierte Geschäft bedienen bestens die US-Amerikaner und auch China wird eine stärkere Rolle spielen. Der europäische Filmmarkt hingegen bleibt mittelständisch geprägt oder er verschwindet. Beides, die sprachliche und kulturelle Vielfalt ebenso wie die kleinteilig fragmentierte Struktur, sind Last und Chance zugleich.Ohne die Kenntnis über die Struktur der Filmbranche nach der Pandemie lassen sich schwerlich Weichen für die Zukunft stellen. Derzeit benötigen wir dringend die volle Konzentration der Förderinstitutionen und der für die Branche zuständigen Politik darauf, die filmwirtschaftlichen

Folgen des Stillstands abzumildern und die nationale wie europäische Filmwirtschaft überhaupt am Leben zu halten. Im Übrigen ist es wichtiger denn je, die nun gewonnene Zeit für die überfällige Strukturdebatte über Ziele und Mittel der Filmförderung zu führen. Denn in den letzten Jahren hat die Quantität zu-, die Qualität abgenommen. Jahr für Jahr zeigt sich, dass mehr Filme nicht zu mehr Besuchern führen. Es braucht dringend Konzepte zur Gegensteuerung. Mit Mittelware und halbherzig herausgebrachten Filmen durchzukommen war schon vor der Corona-Krise vorbei. Das Publikumsverhalten wird nach der Corona-Pandemie noch gnadenloser sein.

„Auch nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs in den Kinos sind wir vor einem Business-as-usual weit entfernt.“

Auch wenn es richtig ist, in der aktuellen Lage auf eine grundlegende Novellierung zu verzichten, sind wir davon überzeugt, dass die Weichen für die Zukunft jetzt gestellt werden müssen. Daher wollen wir die Zeit bis zur nächsten Gesetzesnovelle nutzen, um gemeinschaftlich eine tiefgreifende Analyse und Bestandsaufnahme des durch die Digitalisierung und den Folgen der Corona-Pandemie veränderten Filmmarkts vorzunehmen und zu bewerten, auf welche Veränderungen ein neues Filmförderungsgesetz reagieren muss und welche Maßnahmen dafür besonders geeignet sind. Es nützt wenig, vorschnelle Annahmen zu treffen in einer Zeit, in der sich angebliche Wahrheiten innerhalb von Wochen erübrigen: das schnelle Aufleben und Sterben der Autokinos innerhalb kurzer Zeit ist nur ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Entscheidend dafür, dass dieser Prozess jetzt angestoßen und zielgerichtet vorangetrieben werden kann, ist nach unserer Einschätzung auch eine Kontinuität in den Gremien der Filmförderungsanstalt. Daher plädieren wir dafür, die Amtszeit der berufenen und gewählten Organe so wie die Förderkommissionen auch um zwei Jahre zu verlängern. Wird dies nicht angestrebt, sollte zumindest im Präsidium der FFA der elementaren Rolle der Kinos als Rückgrat der gesamten Kinofilmwirtschaft Rechnung getragen werden und die Filmtheater mit zwei Personen im Präsidium vertreten sein.

Wir sehen einen immensen Analyseauftrag, der Basis für zukünftige Reformen werden muss. So erleben wir bereits jetzt, dass die Corona-Krise mit Abstandsregelungen und anderen Auflagen auch neue Probleme mit sich bringt. Zum Großteil beschleunigt sie aber gefährliche Entwicklungen, auf die wir bereits in unserer Stellungnahme zur Novellierung vom 25. April 2019 hingewiesen haben. Allen voran steht die weitere Konzentration von Marktmacht und Ausbildung von Monopolen. Dieser Prozess wurde damals bereits an Hand der Übernahme von Fox durch Disney sowie dem Kampf um die Vorherrschaft am globalen Streamingmarkt veranschaulicht. Seit Beginn der Corona-Krise beobachten wir mit Sorge, wie große Konzerne ihre Marktmacht ausnutzen, um durch gezieltes Unterpreisen kleinere Konkurrenz auszuschalten. Als Beispiel sei die Übereinkunft von Universal und AMC genannt, die das Auswertungsfenster umgeht, solange die große Kinokette sich noch einen größeren Teil vom Kuchen schnappen kann, ebenso sorgt uns die Niedrigpreispolitik von Kinoketten, die kleinere und unabhängige Kinos in die Insolvenz treiben soll.

„Ob Deutschland und Europa eine Strategie entwickeln, die Vielfalt ihrer unabhängigen Film- und Kinowirtschaft im Zeitalter von Monopolisierung zu schützen, wird entscheidend für deren Fortbestand sein.“

Die Zeit drängt auch deshalb, da sich der Film- und Kinomarkt schon vor der Pandemie in einem radikalen Umbruch befand. Global agierende Streamingplattformen gewinnen an Einfluss bei der Produktion, Finanzierung und Verwertung audiovisueller Inhalte. Dies verändert den Fernseh-, den Video- und den Kinomarkt und fordert alle Unternehmen in diesen Bereichen heraus. Bereits vor der COVID-19-Krise beobachteten wir, wie der Weltmarktführer immer aggressiver seine Vorherrschaft auszubauen versucht, während andere global agierende Konzerne stärker an diesem Wachstumsmarkt partizipieren wollen. Begleitet wird diese Entwicklung von einer zunehmenden Marktkonzentration. In einer Welt, in der wenige globale Konzerne den Ton angeben und wie Amazon und Apple ganze Distributionskanäle beherrschen, werden besondere Kraftanstrengungen erforderlich sein, um die Wettbewerbsfähigkeit der mittelständischen Marktteilnehmer zu erhalten – gleich ob Produktion, Verleih oder Kino. Ob Deutschland und Europa eine Strategie entwickeln, die Vielfalt ihrer unabhängigen Film- und Kinowirtschaft im Zeitalter von Monopolisierung zu schützen, wird entscheidend für deren Fortbestand sein. In den zwei Jahren bis zum nächsten Filmförderungsgesetz muss aber auch selbstkritisch untersucht werden, warum der deutsche Kinofilm weiter so schlecht beim Publikum reüssiert, Investition und Ertrag wirtschaftlich wie künstlerisch nicht übereinstimmen. Daher ist das gesamte Konzept der deutschen Filmförderung auf ihren Anteil an dieser Misere zu untersuchen. Zugleich sind innovative Förderansätze zur Stärkung der deutschen Filmwirtschaft zu diskutieren.

Wenige Tage vor dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie hat ein eindrucksvolles Beispiel die Leuchtkraft von Arthouse-Kinos für den anspruchsvollen Kinofilm noch einmal klar und deutlich unter Beweis gestellt. Der Oscar-Gewinn von „Parasite“ war der Höhepunkt eines Monate andauernden Hypes, der Programmkinos auf der ganzen Welt mit Publikum aller Altersgruppen und sozialer Schichten füllte. Eine weitere zentrale Frage, die sich die Branche im Zuge der Novellierung stellen muss ist, warum ein solcher Erfolg mit deutschen Originalstoffen nicht gelingt („Das perfekte Geheimnis“, der besucherstärkste Film 2019, war schließlich, so wunderbar er auch gelungen ist, ein Remake). Dabei gibt es einen Hunger für intelligentes Kino beim Publikum. Beispiel: Viele erfolgreiche internationale Kinofilme haben 2019 das Auseinanderdriften von Arm und Reich verhandelt, jedoch auf komplett unterschiedliche Art und Weise. „Knives Out“ servierte eine bissige Satire, „Joker“ nahm sich dem Thema als unkonventionelle Comic-Neuinterpretation an, in Jordan Peeles „Wir“ wird aus Klassenkampf ein überaus schlauer und unvorhersehbarer Horrorfilm, und in „Hustlers“ erzählt ein Stripper-Drama mit nackter Haut von den Auswirkungen der Finanzkrise von 2007. Vom Oscar-Gewinner „Parasite“ ganz zu schweigen. Allen diesen Filmen ist gemein, dass sie Unterhaltung und Gesellschaftskritik intelligent und künstlerisch geschickt miteinander verbinden und damit besonders zugänglich für unterschiedliche Publika sind.

„Anstatt Forderungskataloge aus den vergangenen Jahrzehnten abzuhandeln, sollten wir uns jetzt gemeinsam neue Leitbilder, Strategien und Strukturen für die Filmförderung entwickeln.“

Die deutsche Filmbranche verstrickt sich dagegen weiter in unsinnigen U- und E-Debatten, die an der Realität der Sehgewohnheiten des Publikums vorbeigehen und im Ergebnis der produzierten Filme zwischen platter Verwechslungskomödie und überintellektuellem Akademikerdrama wenig Raum lassen. Dabei ist Crossover-Potenzial wichtig. Wir brauchen Filme, die im Arthouse so gut funktionieren, dass Multiplexe sie spielen wollen. Einzig „Systemsprenger“ hat als deutscher Film in diesem Sinne für Furore gesorgt. Warum? Weil er intensiv und mit konsequenter Regie gemacht ist. Kein Wischiwaschi, keine Upper-Class Kunstprobleme, sondern knallhart drauf auf die Realität. Doch auch ein guter Film kann kolossal scheitern. Warum haben beispielsweise „Systemsprenger“ und „Parasite“ funktioniert? Beides sind nicht nur extrem gut gemachte Filme, beide waren auf Festivals und gewannen Filmpreise, beide hatten sehr gute digitale Kampagnen und haben so das sogenannte ‚Momentum‘ kreiert und für sich genutzt.

Daher sehen wir die Stärkung des lokalen und digitalen Marketings als unerlässlich für eine Zukunft des deutschen Kinofilms. Eine gut vorbereitete und durchgeführte Marketingkampagne eines Kinostarts schafft Sichtbarkeit und Erfolg für Filme bis ans Ende der Auswertungskette. Immer wieder stoßen wir in Gesprächen mit Verleih und Produktion auf die Ansicht, dass man ja Trailer und Plakate produziere und damit Marketing mache. Die Herstellung dieser Materialien allein ist keine ausgeklügelte Marketingstrategie. Kein Staubsauger-Hersteller würde davon ausgehen, dass die Vermarktung seines Produkts damit erledigt ist, dass Produktfotos hergestellt und irgendwo veröffentlicht wurden. Die Tatsache, dass Herausbringungsbudgets weiter schrumpfen und die Frage, wie, wo, wann und weshalb ein Film sein Publikum finden soll, unzureichend vor und während der Produktion mitentwickelt wird, ist nicht weiter hinzunehmen.

Die preisgekrönte amerikanische Regisseurin Lulu Wang bringt es auf den Punkt: „Wenn Menschen nicht wissen, dass es dich gibt, ist es egal, wie breit dein Publikum [angelegt] ist.“ Nur ein ordentlich vorbereiteter und beworbener Kinostart schafft Sichtbarkeit für Filme und Filmschaffende, wie Lulu Wang weiter ausführt: „Eine Sache, über die wir bei vielen dieser größeren Streaming-Plattformen nicht sprechen, ist, dass sie ein anderes Geschäftsmodell verfolgen. Es geht [beim Filmeinkauf] nicht unbedingt darum, Geld zu verdienen, es geht um die Marke. Sie bauen ihre Marke auf, und wenn man ein etablierter Filmschaffender ist, ist man selbst eine Marke, mit der sie arbeiten möchten, um den Aufbau ihrer eigenen Marke zu unterstützen. Aber Filmnachwuchs, neue Stimmen bringen keine Marke mit. Diese Marke muss erst aufgebaut werden. Ich weiß das jetzt, denn unser Film ist seit vier Monaten in den Kinos (…) Ich weiß, dass ich das höher dotierte [Streaming-]Angebot angenommen hätte, wäre nicht diese Energie in mich gesteckt worden, um mich als eigene Marke aufzubauen.“ Gerade der Arthouse-Sektor verfügt über Kraft und Kompetenz, neue Talente zu finden und aufzubauen. Es muss daher massiv in höher budgetierte Marketing-Kampagnen investiert werden, insbesondere im lokalen Marketing und an der Schnittstelle zwischen Verleih und Kino. Die tollste Marketing-Kampagne der Welt wird jedoch aus einem mittelklassigen Film keinen Erfolg machen. Diese Zeiten sind endgültig vorbei, dafür ist das Überangebot zu groß. Das Publikum mag durchschnittliche Filme zu Hause und nebenbei streamen, den Weg ins Kino nimmt es aber nur noch auf sich, wenn es davon überzeugt ist, einen erstklassigen Film zu sehen. Filme, die diesem Anspruch nicht gerecht werden, müssen so früh wie möglich aus der Förderung verschwinden.

Diversität ist ein weiterer Maßstab, an dem sich Filmförderung messen wird. Wenn wir alle gesellschaftlichen Gruppen, Alters- und Bildungsstufen für Kino begeistern wollen, müssen wir dafür sorgen, dass diese auch in den geförderten Filmen und entscheidenden Gremien repräsentiert sind. Die oben beschriebene Eintönigkeit des deutschen Films hängt zum großen Teil mit einem Mangel an solcher Diversität zusammen. Die gesamte Branche hat hier noch großen Nachholbedarf zu leisten. Mit der Diversitätsstudie ist ein guter Anfang gesetzt. Zusätzlich zu den bereits getroffenen Maßnahmen um mehr Geschlechtergerechtigkeit sind daher Anpassungen in der Besetzung der Organe sowie innovative Förderkriterien wie in Schweden oder Großbritannien zu prüfen und zu entwickeln.

„Die deutsche Filmbranche verstrickt sich weiter in unsinnigen U- und E-Debatten, die an der Realität der Sehgewohnheiten des Publikums vorbeigehen.“

Die Corona-Krise hat eines noch einmal eindrucksvoll gezeigt: die Bereitschaft zu unternehmerischem Risiko ist bei den Teilnehmern der Filmvermarktungskette sehr unterschiedlich ausgeprägt. Während Kinos trotz geringer Kapazitäten und hohen Auflagen nach dem ersten Lockdown so schnell wie möglich wieder eröffneten, um der Filmwirtschaft wieder Einnahmen zu generieren, hielten Verleiher gut geförderte deutsche Filme zurück. Es sollte nicht sein, dass immer wieder darüber diskutiert wird, wie mittels eines Erlöskorridors Gewinne der Kinos verteilt werden, Verluste aufgrund leerer Säle aber vorwiegend bei den Kinos bleiben. Während die Kinos seit Monaten durch Stillstand geschwächt werden, dreht sich die Filmwelt rasant weiter. Es gilt daher, den digitalen Wandel auch im Filmmarkt aktiv zu gestalten, wenn die strukturelle Revolution nicht zu einem irreversiblen Kinosterben führen soll. Dabei geht es nicht nur um den Erhalt des Kulturorts Kino als Gebäude mit zeitgemäßer technischer Ausstattung. Es geht auch darum, das Geschäftsmodell der unabhängigen Kinowirtschaft angesichts der rasant voranschreitenden Marktkonzentration zu sichern. Dazu zählt zuallererst die Wahrung des exklusiven Kinofensters und damit verbunden der Medienchronologie. Als nachbarschaftliche Institution mit einem umfassenden gesellschaftlichen Engagement und einer hohen Grundkostenstruktur ist der Kulturort Kino auf die Exklusivität existenziell angewiesen. So machen die Filmkunstkinos ein Drittel ihres Umsatzes mit Filmen, die sie in den ersten drei Wochen ab Bundesstart spielen, ein Drittel mit Filmen zwischen der vierten und sechsten Woche sowie ein weiteres Drittel ab der siebten Spielwoche. Dies hat zwei Gründe. Zum einen werden Kinos oftmals erst ab der 4. Spielwoche oder später mit Filmen beliefert. Zum anderen leben die Filme im Kontrast zum Mainstreammarkt angesichts des begrenzten Marketingbudgets von der Mundpropaganda. Für das Arthouse-Publikum ist eine lange Spielzeit auch ein Qualitätskriterium für einen Film. Filmkunstkinos setzen auch angesichts der begrenzten Saalkapazitäten – nur eine Minderheit verfügt über drei bis maximal sieben Leinwände – die Filme zielgerichtet ein, zum Beispiel im Familienprogramm am Wochenende und besonders anspruchsvolle Filme am Nachmittag oder in den Matineen auch weit nach dem Bundesstart. Wir sind der festen Überzeugung, dass die Sperrfristen keineswegs obsolet geworden sind. Im Gegenteil: Wenn Konzerne die Regeln setzen, werden sie mächtiger als Staaten. Genau dies passiert, wenn globale Konzerne versuchen, mit Prestigeprojekten und immensen Marketingbudgets ihr aggressives Geschäftsmodell durchzusetzen.

Wenn Werke, die dezidiert für die große Leinwand geschaffen sind, missbraucht werden, um Kinofilmfestivals als Marketingarena für die Streamingplattform umzufunktionieren und eine begrenzte Kinoauswertung zu betreiben, die den Minimalanforderungen für die Qualifizierung von Kinofilmpreisen dienen und daneben die Kinoexklusivität außer Kraft setzen sollen, ist die Zeit zum Handeln überreif. Als geeigneter Ansatz erscheint uns hierzu die bewährte Reglementierung der Medienchronologie in Frankreich. Dort treffen die betroffenen Branchenverbände eine Vereinbarung über die Auswertungsfenster der einzelnen Distributionskanäle, die dann von der Regierung per Dekret für drei Jahre für alle im Kino startenden Filme für verbindlich erklärt wird. Mit diesem Weg gelingt in unserem Nachbarland nachhaltig der Schutz der Kinos und die Förderung der heimischen Filmkultur. Nur durch sorgfältiges Management hat das französische Kino, wie Nicolas Seydoux, als Präsident von Gaumont sowohl Kinobetreiber als auch Film- und Fernsehproduzent es ausdrückt, als eines von nur zwei großen Filmindustrien in der westlichen Welt neben der US-amerikanischen überlebt. Ohne geschütztes Kinofenster ist das Filmförderungsgesetz obsolet. Denn nur wenn wir Kino als Entität betrachten, hat es eine Zukunft. Seydoux spitzt es treffend zu: „Damit ein Film Kino ist, muss er im Kino herausgebracht werden. Das ist meine Definition. Sie wird nicht von allen geteilt, aber wenn man ein lebendiges Kino will, gibt es keine andere Wahl.” In diesem Sinne sind funktionierende Sperrfristen elementar für den Erfolg der Novelle. Kurz: Ohne Kinos gibt es keinen Kinofilm, Kino und Kinofilm bedingen einander!

Konklusion

Ob Deutschland und Europa eine Strategie entwickeln, die Vielfalt ihrer unabhängigen Film- und Kinowirtschaft im Zeitalter von Monopolisierung zu schützen, wird entscheidend für deren Fortbestand sein. Wir haben es in der Hand, ob sich die Folgen der Corona-Krise langfristig positiv oder negativ auswirken werden. Wir müssen die gesellschaftlichen Änderungen antizipieren. Anstatt Forderungskataloge aus den vergangenen Jahrzehnten abzuhandeln, sollten wir uns jetzt Gedanken über das Große und Ganze machen – und gemeinsam neue Leitbilder, Strategien und Strukturen für die Filmförderung entwickeln. So machen wir nicht nur diese fit für eine veränderte Welt, wir bringen auch die Kunstform, die wir alle lieben, weiter voran. Das ist eine einzigartige Chance.

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