Die Auswertungskaskade ist Geschichte

von am 20.04.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

Die Auswertungskaskade ist Geschichte

Verband der Filmverleiher zur kleinen FFG-Novelle: Ausfallfonds für Verleihfirmen, Abgabe auf Centerebene

20.04.2021. Die Covid-19 Pandemie trifft die Kinobranche mit voller Wucht: der Umsatzrückgang (2020 zu 2019) im Kino betrug an die 70 Prozent, vergleichbar war und ist der Rückgang für die Filmverleiher. Im ersten Quartal 2021 lag der Rückgang im Kino bei 99 Prozent; nur einige wenige Autokinos können überhaupt Filme öffentlich vorführen. Die Perspektive 2021 ist schlecht; eine halbe Milliarde Euro Box-Office Umsatz für das 1. Halbjahr 2021 kann wohl bereits abgeschrieben werden. Ob und wann die Kinos wieder bundesweit öffnen können, ist weiterhin völlig unklar. Wir hoffen auf eine Öffnungsperspektive, die evidenzbasierten Regeln folgt mit einer klaren, transparenten und bundesweiten Geltung, die dann regional nach identischen Kriterien umgesetzt wird.

Das FFA-Budget 2021 und wohl auch die Budgets in den Jahren 2022 und 2023 wird nur geringe FFA-Kinoabgabemittel ausweisen. Ein Großteil der Kinoleinwände werden Abgabefrei sein, denn die Bezugsgröße der Abgabe richtet sich nach dem Nettokartenumsatz des Vorjahres, der ja leider in den Jahren 2020 und 2021 nicht berauschend war beziehungsweise sein wird. Ohne eine Aufstockung durch die BKM würden der FFA pro Jahr circa 15-22 Mio. Euro allein aus der Kinoabgabe fehlen. In §151 Absatz 4 FFG wird bestimmt, dass bei der Berechnung der Filmmiete, die Kinoabgabe vorabzuziehen ist. Aufgrund dieser Vorschrift wird die Kinoabgabe in Höhe des Filmmietensatzes von den Verleihern und Produzenten wirtschaftlich getragen.

Ausfallfonds für aktuelle Kinostarts

Sobald die Kinos wieder öffnen können, verlagert sich das wirtschaftliche Risiko, einen Film ins Kino zu bringen auf den Verleiher, der den Film bewerben und die Filmkopien herstellen muss. Solange die Gefahr besteht, dass die Kinos pandemiebedingt wieder schließen müssen, benötigen wir ein Absicherungsprogramm für Verleihfirmen, die in diesem fragilen Übergangszeitraum erhebliche Eigenmittel in die Herausbringung neuer Kinofilme investieren. Ein Ausfallfonds für Kinostarts muss daher ins Leben gerufen werden, um die Kinofilm-Vermarktung mit hohen Eigenmitteln der Verleiher während der Dauer der Pandemie abzusichern. Diese Absicherung wäre, ähnlich wie die bereits existierende Absicherung im Bereich der Kino- und TV-Produktionen, ein notwendiges und geeignetes Instrument, um eine schnelle Wiederbelieferung der Kinos mit aktuellen Kinofilmen zu ermöglichen. 

Ausgehend von den Erfahrungswerten des 2. Lockdowns im Oktober 2020 erwarten wir nach Wiedereröffnung pro Monat circa 50 aktuelle neue Kinofilme mit mindestens 6.000 Kopien. Dies entspricht bei Investitionskosten von 3.000 bis 4.000 Euro je Kopie/inklusive aller Media- und Non-Media-Kosten einer geschätzten Investitionssumme von zwischen Euro 18 – 24 Mio. pro Monat. Das Ausfallrisiko sollte einen Zeitraum von 6 Wochen, jeweils 3 Wochen vor und 3 Wochen nach Kinostart berücksichtigen, so dass ein Gesamtbudget von circa 25-33 Mio. Euro für einen sechs-Wochen-Zeitraum kalkuliert werden müsste. Abgesichert werden sollen nicht nur deutsche geförderte Produktionen, sondern alle aktuell gestarteten Kinofilme, unabhängig vom Herstellungsland. Wie beim Produktionsausfallfonds die Produzenten, sollten auch die Verleiher einen vergleichbaren Eigenanteil tragen.

Die traditionelle Auswertungskaskade für Kinofilme ist Geschichte

Die Pandemie hat die traditionellen Auswertungsstrukturen für Kinofilme weltweit pulverisiert. Die Kinos sind geschlossen und die Streamingdienste verbuchen weltweit rasante Zuwachsraten. Zur neuen Kinorealität gehört die Gewissheit, dass zu den neuen Anbietern von Streamingplattformen auch die US-Studios gehören, die nun selbst den „Direct to Consumer“-Weg einschlagen. In welcher Form und in welche Richtung diese neue Positionierung die internationale Auswertungsstrategie für Kinofilme nach der Pandemie auch für andere Player prägen wird, ist noch offen. Sicher ist jedoch, dass die traditionelle Auswertungskaskade für Kinofilme bereits jetzt Geschichte ist. Diese Entwicklung gilt auch für die deutschsprachigen Märkte. Sämtliche Marktforschungsdaten belegen die hohen Nutzungen von Streamingplattformen und Mediatheken, aber erfreulicherweise auch die große Affinität der Streaming-Nutzer für den Kinofilm und deren Hoffnung auf einen baldigen Kinobesuch. Die Streaming-Nutzung ist innerhalb kürzester Zeit für Millionen Bundesbürger zu einer alltäglichen Verhaltensweise geworden, auf die der Kunde nicht mehr verzichten will.

Die FFG-Sperrfristen des 4. Kapitels im 4. Abschnitt beziehen sich auf die deutschen Kinofilme, die mit Mitteln der Filmförderungsanstalt gefördert worden sind. Die regulären Sperrfristen betragen 6 Monate für Video, Video-on-Demand und Pay per View, 12 Monate für Pay-TV und 18 Monate für Free TV. Die FFG-Sperrfristen, die ursprünglich die üblichen Filmverwertungsstrukturen für Kinofilme abbildeten, wirken heute, nach den Erfahrungen von 14 Monaten Pandemie, wie aus der Zeit gefallen. Ein großer Teil der internationalen Kinofilmproduktionen folgt heute komplett anderen Mustern.  Diverse Produktionen wurden und werden exklusiv auf Streamingplattformen angeboten; für die Zeit des Kino-Reboots werden zumindest in der Übergangsphase parallele Auswertungen und/oder zeitlich extrem verkürzte Fristen der internationalen Filmverleiher zum neuen Kinoalltag gehören.

Noch ist offen, in welcher Form die „alte“ Auswertungskaskade, wie sie als regelmäßige Sperrfristen im §53 Absatz 2 Ziffer 1 bis 3 genannt werden, überhaupt noch generell von jedem Kinofilm durchlaufen werden. Bisher hat ein deutscher Kinofilm, bis auf das Privileg der Pay-TV-Auswertung, praktisch jede einzelne der im FFG genannten Nutzungen durchlaufen. Ob dies so bleiben wird, wissen wir nicht. Wir gehen aber davon aus, dass diese Folgen der Pandemie für die Auswertung von Kinofilmen sowohl in der zweiten Jahreshälfte 2021 als auch in den Jahren 2022 und 2023 zu spüren sein werden. Deshalb ist es von überragender Bedeutung, dass der deutsche Kinofilm im Wettbewerb seine Handelsqualität nicht verliert. Der deutsche Kinofilm benötigt eine vergleichbare Flexibilität wie der internationale Kinofilm und deshalb muss das Sperrfristenregime für FFA-geförderte Kinofilme kurzfristig verändert werden und zwar für die Zeit nach der Pandemie und für die Zeit in der Pandemie.

Forderung: Exklusives Kinofenster drei Monate ab 3. Quartal 2021

Wir sind deshalb der Meinung, dass bereits mit dieser Reform und dabei mit Geltung ab dem 3. Quartal 2021 Pandemie-unabhängig und bis Ende 2023 das exklusive Kinofenster für FFA geförderte Filme auf 3 Monate beschränkt werden sollte. Die Formulierung des §55a FFG-E (neu) erfolgte zu einer Zeit als die oben beschriebenen gravierenden Änderungen in der Auswertungskaskade nur in ersten Ansätzen erkennbar waren. Die Gesetzgeber*in strebte eine Regelung nur für den Fall der Pandemie an, konnte aber nicht antizipieren, dass durch die Pandemie das Auswertungssystem des Kinofilms komplett verändert worden ist. Ob und wie sich dieses System nach der erfolgreichen Überwindung der Pandemie weiter fortentwickeln wird, ist derzeit völlig ungewiss. §55a FFG-E (neu) soll Antwort auf die Frage geben, ob und wie FFA-geförderte Filme ausgewertet werden können, falls die Filmbranche von einem erneuten Lockdown betroffen sein würde. In der Pandemie soll ein Kinostart durch eine On-Demand-Auswertung ersetzt werden können. Die Idee ist gut und richtig, nur sollte die Regelung bereits spätestens zum 3. Quartal dieses Jahres gelten, nicht erst ab Beginn des nächsten Jahres.

Zudem plant die Gesetzgeber*in, die gesamte Kinowirtschaft an den Einnahmen des Verleihers durch die On-Demand Auswertung zu beteiligen – und zwar unabhängig davon, ob der Verleiher bereits seine Bewerbungs- und andere mit der Auswertung verbundenen Kosten bereits eingespielt hat. Dies benachteiligt die Verleiher über Gebühr und ist in dem vorgesehenen Ausmaß nicht gerechtfertigt. Aus unserer Sicht gibt es für die Beteiligungspflicht der Kinowirtschaft bei FFA-geförderten Kinofilmen keinen sachlich gerechtfertigten Grund.  Die Beteiligung der Kinowirtschaft erfolgte in der Vergangenheit wegen der gesetzlichen FFG-Verpflichtung, nicht aufgrund eines vor dem Hintergrund der Covid19-Pandemie entwickelten Geschäftsmodells. Hätten die betroffenen Produzenten und Verleiher die Filmtheaterbranche nicht eingebunden, hätten sie sämtliche Fördermittel zurückzahlen müssen. Im Falle der Pandemie ist ein Geschäftsmodell mit der Kinowirtschaft, die ja eben ihr Geschäft nicht wahrnehmen kann, objektiv nicht möglich. Zumindest bis 2024 ist auch nicht damit zu rechnen, dass die Filmabgabe der Kinos, die ja prozentual in Höhe der Filmmiete sogar von Produktion und Verleih wirtschaftlich getragen wird, nennenswert, also in 2stelliger Millionenhöhe zur Finanzierung der Kinoherstellung und –Vermarktung beitragen wird.

Der Gesetzgeber stülpt zudem ein förderpolitisch antiquierteres Abstimmungsmodell (Vetorecht des Kinovertreters im FFA-Präsidium, Beteiligung der Kinowirtschaft) über Pandemie-bedingte Lockdown- szenarien. Aus unserer Sicht sollten allein die vom Lockdown betroffenen Produzenten, Verleiher und der FFA-Vorstand bei den einzelnen Filmen mögliche Auswertungsszenarien bewerten und entscheiden, ob und welche Optionen gewählt werden (können).

Forderung: Rückwirkende Geltung und Streichung des §55a FFG-E (neu) Absatz 1 Nr. 2 sowie Absatz 2 letzter Halbsatz

Da wir davon ausgehen, dass die Folgen der Pandemie im Kino sowohl in der zweiten Jahreshälfte 2021 als auch in den Jahren 2022 und 2023 zu spüren sein werden, regen wir dringend an, dass der neue § 55a FFG-E ebenfalls bereits zum 3. Quartal 2021 gelten soll und nicht erst ab dem 01.01.2022.

§55a Absatz 1 Nr. 2 sowie Absatz 2 letzter Halbsatz FFG-E (neu) ist zudem zu streichen. Hilfsweise regen wir an, dass die Beteiligung der Kinowirtschaft erst dann einsetzen sollte, wenn der Filmverleih sein eingesetztes Risikokapital erwirtschaftet hat.

Forderung: Kinoabgabe auf Centerebene regeln

Das FFG regelt in § 151 FFG die Kinoabgabepflicht. Diese Pflicht gilt je Spielstelle. Ein Nettoumsatz aus Ticketverkäufen unter 100.000 Euro ist abgabefrei. Zwischen 100- und bis zu 200 Teuro beträgt die Kinoabgabe 1,8 Prozent, zwischen 200 und bis zu 300 Teuro beträgt die Abgabe 2,4 Prozent und über 300 Teuro liegt die Abgabe bei 3 Prozent. Es kommt häufig vor, dass in einem Kinocenter mit vier oder mehr Leinwänden diese vier unterschiedlichen Abgabesätze zum Tragen kommen. In §151 Absatz 4 FFG wird bestimmt, dass bei der Berechnung der Filmmiete, die Abgabe vorabzuziehen ist. Aufgrund dieser Vorschrift wird die Kinoabgabe in Höhe des Filmmietensatzes von den Verleihern und Produzenten wirtschaftlich getragen. Ein Beispiel: ein Nettokartenumsatz in Höhe von 100 Euro und einer Abgabelast von 3 Prozent führt zu einer Abrechnungsgrundlage von 97 Euro. Beträgt die Filmmiete 50 Prozent beträgt der Theateranteil 48,50 Euro und der Verleihanteil ebenfalls 48,50 Euro; der Theaterbetreiber zahlt an die FFA 3 Euro, dieser Betrag wird wirtschaftlich jeweils zu 50 Prozent in Höhe von 1,50 Euro von Kino und Verleih getragen.

Leider müssen wir bei der Überprüfung der Abrechnungen der Kinos immer wieder feststellen, dass die eingesetzten Filme nicht auf den richtigen Leinwänden abgerechnet werden. Bei den mehr als 700.000 Gutschriften, die pro Jahr zwischen Verleih und Kino zur Abrechnung kommen, handelt es sich leider nicht nur um wenige Einzelfälle. Falsche Leinwandzuordnungen führen dann häufig zu unkorrekten Abgabesätzen bei der Berechnung der Filmmiete. Da die Verleihfirmen keine offizielle Kenntnis über die Abgabepflicht der einzelnen Leinwand haben, können die Verleiher dies unkorrekten Abrechnungen auch nicht korrigieren. Auch der bei der letzten FFG- Novelle eingefügte Satz 2 in §151 Absatz 4 FFG hat in der Abrechnungspraxis zu keiner höheren Abrechnungstransparenz geführt, da die exakte rechnerische Zuordnung und Überprüfung der Umsätze und Besucher auf die einzelnen Leinwände nur bei Kenntnis der Umsatz- und Besucher-Daten der einzelnen Leinwände bestehen:

„Hierbei können die Vertragsparteien vereinbaren, dass bei der Berechnung der Filmabgabe an Stelle der konkreten Abgabesätze der einzelnen Leinwände der durchschnittliche Abgabesatz der Betriebsstätte zugrunde gelegt wird.

Vor diesem Hintergrund fordern wir eine Abgabepflicht auf Centerebene. Diese veränderte Zuordnung der Abgabepflicht kann aufkommensneutral gestaltet werden und würde im Ergebnis dazu führen, dass ein Kinocenter auf allen Spielstellen immer nur einen Abgabesatz hätte. Auf Verleiherseite würde dies zu einer enormen Vereinfachung führen, weil letztlich nicht mehr je Leinwand, sondern je Kinoobjekt abgerechnet werden könnte. Der Kontrollaufwand würde erheblich reduziert.  Auch für die Filmförderungsanstalt würde dieser Systemwechsel die Abrechnung der Abgabe vereinfachen.

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