Ein klare und verlässliche Perspektive für die Film- und Kinobranche

von am 15.04.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienkompetenz, Medienwirtschaft

Ein klare und verlässliche Perspektive für die Film- und Kinobranche
Thomas Hacker, Medienpolitischer Sprecher der Fraktion der FDP im Deutschen Bundestag

Wer Zukunft für großes Kino will, muss die deutsche Filmförderung im europäischen Kontext reformieren

15.04.2021. Von Thomas Hacker, Medienpolitischer Sprecher der Fraktion der Freien Demokraten im Deutschen Bundestag und Obmann im Ausschuss für Kultur und Medien

Die Vorfreude auf genau diesen einen Film, der Geruch von frischem Popcorn schon an der Kasse, die Suche nach dem richtigen samtbezogenen Sitzplatz bis hin zum erlösenden Kino-Gong. Es sind diese unbeschwerten Momente, die wohl jedem Kino-Fan nach über einem Jahr Corona-Pandemie schlicht und einfach fehlen. Momente, die uns unmissverständlich zeigen, dass Kino eben weitaus mehr ist, als nur einen Film zu gucken. Die deutsche Kinowirtschaft und die bundesweit 1728 Spielstätten blicken auf ein katastrophales Jahr zurück. Und die Perspektive für dieses fortgeschrittene Jahr 2021 könnte kaum miserabler sein.

Gerade einmal sechs Monate war in den letzten 12 Monaten ein Betrieb möglich – bei einer Auslastung von rund 25 Prozent der Sitzplatzkapazitäten. Während der nächste James Bond immer wieder verschoben wurde, wurde für andere Produktionen der Kinostart gleich vollständig abgesagt. Seit über fünf Monaten sind die Kinos jetzt bundesweit dauerhaft geschlossen und durch den Verlust von Werbe- und Gastroeinnahmen bei konstant hohen Betriebskosten droht vielen Betrieben in den kommenden Wochen der Ruin. Die finanziellen Polster sind fast aufgebraucht, während die Lücken in den staatlichen Hilfen weiterhin evident sind. Die Kino- und Filmlandschaft kämpft mit ihrem endgültigen Aus – wie der Rest unserer Kulturbranche. Noch können wir sie aber retten.

Die Forderungen nach einer klaren und verlässlichen Perspektive für die Film- und Kinobranche ist kein Ausdruck von Resignation oder Leichtsinn. Es ist die absolut verständliche Erwartung einer gesamten Branche an die Politik, die ohne Filme und Zuschauer ihrer gesellschaftlichen Bedeutung nicht nachkommen kann – und ja schließlich auch von ihrem Einkommen leben will.

Gerade weil eine Öffnung von Kinos unter den notwendigen Sicherheits- und Hygiene-Auflagen bereits heute verantwortungsvoll möglich ist. Nicht zuletzt mit dem Maßnahmenprogramm „Neustart Kultur“ haben die Betreiber schon in den Monaten der 1. Welle die notwendigen technischen Maßnahmen umgesetzt, um das Infektionsrisiko durch Aerosole in geschlossenen Räumen zu minimieren. Mit einem Frischluftanteil von bis zu 100 Prozent und dem richtigen Sitzabstand kann kein Kino nachgewiesenermaßen zum Infektionsherd werden. Eine bundesweit einheitliche Öffnung ist zugleich Voraussetzung für einen wirtschaftlichen Betrieb der Kinos mit nationalen und internationalen Produktionen. Die Film- und Kinowirtschaft bringt eine funktionierende und weitreichende Wertschöpfungskette mit sich. Diese Kette bedingt einander, um richtig funktionieren zu können. Ein Kino braucht ein breites und interessantes Filmangebot und seine Zuschauer um bestehen zu können. Jeglicher Einschnitt bei Produktion und Ticketverkauf hat weitreichende Konsequenzen für den Verleih und Vertrieb von Filmen. Die Verleihfirmen sind als Risikoinvestoren ein elementarer Teil der Branche und fundamental für den Erfolg eines Filmes. Angefangen von der Auswahl der Projekte, der Mitfinanzierung, die Begleitung der Herstellung des Films bis hin zur Marketing- und PR-Arbeit. Mit Minimumgarantien und hohen Herausbringungskosten tragen sie maßgeblich zur Finanzierung von Filmprojekten bei, bis diese schließlich in Kinos oder Kulturbetrieben aufgeführt werden können. Diese Realitäten müssen die Verantwortlichen auf der politischen Bühne bedenken, wenn sie leidenschaftlich und ehrfürchtig vom großen Kulturort Kino sprechen, sich auf den roten Teppich bei der nächsten Berlinale freuen oder eine Novellierung des Filmförderungsgesetzes (FFG) beschließen.

Während man noch zu Beginn der Wahlperiode eine große Reform der Filmförderung ankündigte, dann von der typischen Ideenlosigkeit der Großen Koalition eingeholt wurde, bleibt den Verantwortlichen im Kanzleramt jetzt keine andere Alternative als die bestehenden Regelungen „pandemiebedingt“ um zwei weitere Jahre zu verlängern. „Wir wollen die Filmförderung in Zeiten der Pandemie flexibler machen und so die Weichen Richtung Zukunft stellen“, so die verheißungsvollen Worte von Kulturstaatsministerin Monika Grütters Mitte Januar zur Verabschiedung des Entwurfes zur Änderung des zum Jahresende auslaufenden FFG, über den wir aktuell im Deutschen Bundestag beraten. Unsere Erwartungen sind so verhalten wie realistisch.

„Jeglicher Einschnitt bei Produktion und Ticketverkauf hat weitreichende Konsequenzen für den Verleih und Vertrieb von Filmen.“

Man kann der Bundesregierung für die Pandemie und deren Verlauf wahrlich keinen Vorwurf machen, doch eine reine Verlängerung von Fördermechanismen bei punktueller Flexibilisierung verbietet es, einfach großspurig von „Weichen Richtung Zukunft“ zu sprechen. Gerade wenn es unseren europäischen Nachbarn heute schon besser gelingt, durch klare Förder- und Anreizsysteme sowie Cluster- und Infrastrukturmaßnahmen den internationalen Wettbewerb um begehrte Produktionen für sich zu entscheiden. Seit der letzten Novelle 2016 haben sich Rahmenbedingungen nationaler wie internationaler Filmproduktionen so fundamental wie radikal verändert. Verändertes Zuschauer- und Nutzerverhaltens trifft auf neue Globalplayer in einem permanent wachsenden Streaming-Markt, deren Eigenproduktionen mit Budgets von bis zu 160 Millionen US-Dollar konventionellen Kinofilmen in Nichts nachstehen. Diesem Wettbewerb kann sich die deutsche Filmwirtschaft nicht mehr entziehen.

Wer Zukunft für großes Kino will, muss die deutsche Filmförderung im europäischen Kontext reformieren. Dazu gehört auch, Nachhaltigkeit, Gendergerechtigkeit, Diversität in Gremienbesetzung und -entscheidungen, Abgabeverpflichtungen sowie Abgabelasten als auch Verwertungsketten mit exklusiven Auswertungsfenstern in der Ausgestaltung des künftigen FFG zu berücksichtigen. Vor allem müssen wir kritisch hinterfragen: Funktioniert die bisherige Filmförderung überhaupt? Im Vor-Corona-Jahr 2019 wurde für den Filmbereich mit 455,92 Millionen Euro so viel Geld wie nie zuvor bereitgestellt. Die Kinobilanz sieht dabei wie folgt aus: 606 Kinofilme, davon 252 deutsche Filme. Rund 118,6 Millionen Kinotickets wurden bundesweit verkauft, 24,9 Millionen Tickets für deutsche Produktionen. Die Statistik zeigt, dass das FFG weitestgehend ineffektiv ist, wenn es um die direkte Stärkung des Kinos und der Filmbranche in Deutschland geht.

„Für eine Stärkung der Kinowirtschaft und des Film- und Medienstandortes Deutschland brauchen wir eine grundlegende Überarbeitung des FFG, die Qualität und Quantität neu austariert und neue Impulse setzt.“

Für eine Stärkung der Kinowirtschaft und des Film- und Medienstandortes Deutschland brauchen wir eine grundlegende Überarbeitung des FFG, die Qualität und Quantität neu austariert und neue Impulse setzt. Als Freie Demokraten im Deutschen Bundestag bekennen wir uns zur großen kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutung der deutschen Film- und Kinolandschaft durch eine zielgerichtete wie nachhaltige Förderung, die europäisch vergleichbar, unbürokratisch und praxistauglich ist. Das FFG muss daher u.a. endlich kohärent und komplementär zur Förderung auf Länder- und Bundesebene aufgestellt werden. Entscheidend ist vor allem aber mittel- und langfristig die Fördersysteme der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und der Filmförderungsanstalt (FFA) zusammenzuführen und dieses durch ein einheitliches Anreizsystem mit beispielsweise Steuervergünstigungen, Zuschüssen oder Steuerkrediten zu ersetzen.

Ambitionierte Ideen und Formate dürfen nicht mehr vorab durch starre Gremienentscheidungen von einer Förderung ausgeschlossen werden. Mit einer Umstellung der Drehbuchförderung auf eine „Incentive-Förderung“, die sich direkt an den Autoren orientiert, gewährleisten und ermöglichen wir größtmögliche künstlerische Freiheit bei der Drehbucherstellung – und damit auch mehr cineastische Export-Erfolge.

Wie in vielen Politikbereichen unseres Landes müssen wir in einem digitalen Zeitalter auch bei der Förderung unserer Kino- und Filmlandschaft bereit für ein Umdenken sein. Bis zur nächsten Novelle des FFG 2023 müssen wir eine kluge Antwort darauf haben, ob eine reine Verengung der Förderung auf Kinofilme noch zeitgemäß ist und wie wir im europäischen Rahmen wettbewerbsfähig bleiben wollen. Die aktuellen Regelungen im Entwurf zum Filmförderungsgesetz, die erst ab 2022 unbürokratische Flexibilisierungen bei höherer Gewalt zulassen, werden vermutlich viele nicht mehr erreichen. Mit dem zeitnahen Aufbau eines Ausfallfonds für verschobene und gestoppte Kinostarts könnten zumindest unmittelbar die Herausbringungsrisiken für Verleihfirmen in einer unberechenbaren Zeit reduziert werden. Gemäß Brancheneinschätzung müsste dieser rund 50 aktuelle deutsche und internationale Kinoproduktionen absichern. Die bisher im Rahmen von „Neustart Kultur“ für Filmverleiher vorgesehenen 14 Millionen Euro können die Verluste nicht ansatzweise kompensieren. Bei den November- und Dezemberhilfen fallen die Verleiher zugleich vollständig durch das Raster, da sie nicht als „unmittelbare Betroffene“ angesehen werden. Für das Überleben der deutschen Film- und Kinobranche braucht es ein Verständnis, dass jeder den anderen braucht. Wie formulierte es der Vorsitzende der AG Kino, Dr. Christian Bräuer, im vergangenen Herbst so treffend: „Ohne das Kino braucht niemand ein Filmförderungsgesetz“

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