„Sperrfristen durch Vereinbarung der Verbände regeln“

von am 14.04.2021 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft

„Sperrfristen durch Vereinbarung der Verbände regeln“
Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF KINO e.V.

Forderung des HDF Kino: Flexibilisierung der Sperrfristen bereits in der aktuellen Novelle berücksichtigen

14.04.2021. Interview mit Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF KINO e.V.

Der Deutsche Bundestag diskutiert gegenwärtig den Regierungsentwurf für eine Novellierung des Filmfördergesetzes (FFG), das ab 1. Januar 2022 in Kraft treten soll. Aufgrund der Corona-Pandemie gilt die Neufassung des Filmförderungsgesetzes nicht für fünf, sondern nur für zwei Jahre. Die Filmförderungsanstalt (FFA), kann Ausnahmen gewähren – zum Beispiel, wenn einzelne Förder- oder Auszahlungsvoraussetzungen aufgrund höherer Gewalt nicht erfüllt werden können. Außerdem soll die Auswertung von Filmen im Kino durch eine Online-Auswertung auf kostenpflichtigen Videoabrufdiensten ersetzt werden können. In einem Gespräch mit medienpolitik.net fordert Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF KINO, in dem Übergangsgesetz anstelle der bisher vorgesehenen sechs Monate bereits eine Flexibilisierung des exklusiven Kinoauswertungsfensters vorzusehen. Diese flexiblere Lösung, die einen geringeren Zeitraum umfassen kann, soll auf einer Vereinbarung der Branchenverbände beruhen. Zudem müsse definiert werden so Berg, was eine „maßgebliche Beteiligung“ der Kinos bei eine durch „höhere Gewalt“ bedingte Auswertung von Kinofilmen auf Streaming-Plattformen konkrete bedeute.

medienpolitik.net: Frau Berg, angenommen, in Deutschland würden ausländische Streamingdienste zum Schutz der deutschen Kultur verboten. Würde das langfristig die Kinos stabilisieren?

Berg: Das würde keinen Sinn ergeben, weil die Streamingdienste inzwischen zu unserem Alltag gehören. Sie sind zudem ein Teil der Branche geworden und haben hier viele Veränderungen mit sich gebracht. Wir sollten, statt unrealistischen Träume nachzuhängen, noch konsequenter in die Zukunft sehen und die Voraussetzungen schaffen, dass der „Kuchen“ größer und fair verteilt wird.

medienpolitik.net: Wie können sich die Kinos ihren angemessenen Anteil am Kuchen sichern?

Berg: Im Moment sind die Plattformen natürlich klar im Vorteil, weil die Kinos geschlossen sind. Aber wie sieht die Zukunft aus, wenn wir wieder geöffnet haben? Wie schaffen wir es, das Vertrauen des Publikums wieder zurück zu gewinnen? Wir sind überzeugt, dass uns das gelingt, weil das Kinoerlebnis durch seine spezifische Rezeptionsart etwas Besonderes ist und kein anderes Medium dieses emotionale Erlebnis erzeugen und uns ersetzen kann. Zudem zeigen wir die besonderen Filme. Die Kinos werden das Publikum wieder zurückholen können, müssen dafür aber auch einiges leisten.

medienpolitik.net: Das hört sich nach einem friedlichen Nebeneinander von Kino und Streamingplattformen an?

Berg: Wir werden uns miteinander arrangieren müssen. Das heißt nicht, dass es immer friedlich zugehen wird. Beide wollen wir die gleiche Zielgruppe erreichen und wir möchten von unserem Anteil nichts abgeben. Wir haben in unserer 126jährigen Geschichte erfahren müssen, dass immer mal wieder neue Player auf den Markt kommen, die uns das Leben schwerer machen, aber wir haben gelernt, uns dennoch zu behaupten. Entscheidend ist, dass wieder mehr Menschen, die sich für Filme interessieren, in die Kinos gehen und wir so wieder mehr Besucher haben. Die Kinos müssen sich ebenso wie andere Medien, die durch die Digitalisierung dazu gezwungen sind, erneuern und mit der Zeit mitgehen.

„Flexibler bedeutet, dass die Sperrfrist generell verkürzt, werden können, wenn es eine Branchenvereinbarung gibt, die alle in Deutschland gestarteten Filme behandelt.“

medienpolitik.net: Was heiß es konkret, dass die Kinos „mit der Zeit“ gehen müssen?

Berg: Die eine Veränderung betrifft das Kino selbst und hier stehen wir nicht am Anfang, sondern sind mitten im Prozess. Dazu gehört, dass wir modernste Techniken einsetzen, wie zum Beispiel Dolby Vision, digitale Kundenbindung eine Selbstverständlichkeit wird und wir den besonderen Komfort anbieten. Kurz: Wir werden auch in Zukunft über eine große Vielfalt an Häusern verfügen. Der zweite wichtige Faktor ist der Film, auf den wir nur geringen Einfluss haben. Hier müssen Produzenten, Verleiher und Kinobetreiber gemeinsam Lösungen finden, wie die Kinos mit attraktiver, maßgeschneiderter Ware versorgt werden können. Wir fragen uns, ob die Anzahl an Filmen uns weiterhilft oder nicht weniger mehr ist. Nicht jeder Film gehört ins Kino, es muss ein besonderer Film sein.

medienpolitik.net: Heißt das, dass Sie in den vergangenen Monaten ganz froh gewesen sind, dass auch einige deutsche Kinofilme auf einer Streamingplattform zuerst ausgewertet worden sind?

Berg: Das kommt auf den Film an. Wir müssen vor der Entstehung eines Filmes stärker überlegen, wo er am besten ausgewertet werden könnte und wie er dann gefördert werden sollte. Natürlich ist es wichtig, dass weiterhin ein breites Spektrum an Filmen auch auf die große Leinwand kommt, aber nicht jeder. Ein Film wie „Känguru-Chroniken“ gehört auf jeden Fall in das Kino. Es hat uns geschmerzt, dass er, weil wir die große Leinwand nicht bieten konnten, woanders seine Zuschauer erreicht hat.

„Der Wunsch nach Exklusivität ist das Ziel aller Auswertungsformen, nicht nur der Kinos.“

medienpolitik.net: Wie groß ist die Gefahr bei amerikanischen Filmen, dass diese künftig nicht mehr exklusiv in die deutschen Kinos kommen?

Berg: Attraktive amerikanische Spielfilme werden auch weiterhin in die deutschen Kinos kommen. Die Frage ist für uns, ab wann sie auf den Streamingplattformen zu sehen sind: Zeitgleich oder mit dem Abstand einiger Monate. Wir haben die Sorge, dass das Fenster für internationale Filme künftig so klein gehalten wird, dass diese nicht ausreichend Zeit haben, sich im Kino zu entfalten und in den kleineren Kinos wohlmöglich kaum gezeigt werden. Die Exklusivität soll eine gute Auswertung auch in der Fläche sicherstellen und möglichst vielen Menschen die Möglichkeit geben, diese Filme im Kino zu genießen. Der Wunsch nach Exklusivität ist übrigens das Ziel aller Auswertungsformen, nicht nur der Kinos. So hat erst jüngst Netflix einen Deal mit Sony abgeschlossenen und für einen Film die exklusiven Auswertungsrechte für 18 Monate erworben. Es versteht sich daher von selbst, dass auch die Kinos weiterhin ihren Anspruch auf Exklusivität geltend machen werden.

medienpolitik.net: Wie stark drängen die deutschen Produzenten, dass das exklusive Kino-Auswertungsfenster weiter reduziert oder sogar ganz abgeschafft wird?

Berg: Niemand drängt auf die Abschaffung der Exklusivität für das Kino, weder Produzenten noch Verleiher. Alle glauben weiterhin an die emotionale Kraft des Kinos. Doch, wie lange muss diese „Exklusivität“ sein? Diese Frage treibt uns um: Sind es noch sechs Monate, wie im FFG verankert oder muss es nicht einen flexibleren Umgang mit den Sperrfristen für deutsche Filme geben? Das ist zum Beispiel unsere Auffassung. Eine solche Flexibilisierung muss jetzt bereits im aktuellen Entwurf der kleinen Novellierung vorgesehen werden.

medienpolitik.net: Was heißt für Sie „flexibler“?

Berg: Flexibler bedeutet, dass die Sperrfrist generell verkürzt, werden können, wenn es eine Branchenvereinbarung gibt, die alle in Deutschland gestarteten Filme behandelt. Diese könnte auch berücksichtigen, dass Filme, die in den ersten Wochen im Kino beim Publikum nicht angekommen, ihren Weg früher in eine andere Auswertungsform finden. 

medienpolitik.net: Wer soll das entscheiden?

Berg: Das Gesetz sollte so bleiben wie es ist, allerdings um den Passus ergänzt werden: dass eine weitere Reduzierung möglich ist, sollte es eine Vereinbarung der Verbände geben. Dies wird bereits in Frankreich praktiziert, diese wird alle drei Jahre neu verhandelt.

medienpolitik.net: Das klingt nach einer Einzelfallentscheidung?

Berg: Nein, eine Branchenvereinbarung ist ja eben keine Einzelfallentscheidung, da sie die Abstufungen für die exklusive Kinoauswertung genau definiert.  

medienpolitik.net: Der Entwurf der FFG-Novelle sieht vor, dass „in Fällen, in denen eine Kinoauswertung aufgrund höherer Gewalt für eine nicht unerhebliche Dauer nicht bundesweit möglich ist, diese künftig durch eine Auswertung auf entgeltlichen Videoabrufdiensten ersetzt werden kann.“ Finden Sie das sinnvoll?

Berg: Eine ähnliche Festlegung existiert bereits im noch gültigen FFG, auch mit einer „maßgeblichen Beteiligung“ der Kinos. Das ist im Interesse der Filmwirtschaft natürlich sinnvoll: Wenn Kinos geschlossen sind, können gestartete Filme nicht monatelang liegen bleiben. Schließlich sollen weiter neue Filme produziert werden, die finanziert werden müssen.

„Fair bedeutet für uns, dass unser Anteil etwa dem Erlös entspricht, als wenn der Film im Kino gezeigt werden würde.“

medienpolitik.net: Wer sagt, wieviel „maßgeblich“ ist?

Berg: Es ist leider nirgendwodefiniert, wovon „maßgeblich“ abgeleitet werden kann oder woran es sich misst. Bisher haben wir uns gut geeinigt, aber nach unserer Auffassung sollte es zukünftig eine Richtlinie oder andere Festlegung geben, um diese sehr unbestimmte Regelung konkret zu bestimmen. Für uns ist wichtig, dass wir nicht mit einem kleinen Prozentsatz des Verkaufserlöses abgespeist werden, sondern dass es zu einem fairen Ausgleich kommt, der auch die schwierige wirtschaftliche Situation der Kinos berücksichtigt.

medienpolitik.net: Nach welchen Kriterien sollte dieser Ausgleich bemessen werden?

Berg: Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle! Fair bedeutet für uns, dass unser Anteil etwa dem Erlös entspricht, als wenn der Film im Kino gezeigt werden würde. 

medienpolitik.net: Wer soll den genauen Prozentsatz festlegen? Eigentlich müsste die Vereinbarung vor dem Start auf der Streamingplattform getroffen werden.

Berg: Bei den Präzedenzfällen des vergangenen Jahres haben Vertreter der Kinos über den Anteil zusammen mit dem Produzenten entschieden.

medienpolitik.net: An wen wird dieses Geld gezahlt? Hat der HDF KINO ein Höhere-Gewalt-Konto eingerichtet?

Berg: Der HDF KINO hat zusammen mit anderen Verbänden einen Hilfsfonds eingerichtet und auf dieses Konto werden die Beträge, über die wir uns verständigt haben, überwiesen. Mit dem Fonds wollen wir wirtschaftlich gefährdete Unternehmen unterstützen oder auch eine Kampagne zur Wiedereröffnung finanzieren.

medienpolitik.net: Die Kinos sind die größten Einzahler an die FFA. Seit Jahren fordern Sie, dass dieser Anteil reduziert wird. Die FFG-Novelle sieht einen höheren Anteil bei den sogenannten Programmvermarktern vor. Reicht Ihnen diese Änderung schon aus?

Berg: Für den HDF KINO hat eine Veränderung der Finanzierungsstruktur der FFA für die nächsten zwei Jahre keine Priorität. Das ist ein sehr komplexes und wichtiges Reformthema für das nächste FFG ab 2024. 

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