Der Kongress tanzt nicht

von am 17.05.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

Der Kongress tanzt nicht
Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Kinokongress des HDF Kino debattiert existentielle Probleme der Branche

17.05.2021. Von Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Seit gut einem halben Jahrhundert trifft sich die Filmtheater-Branche jährlich zum Kinokongress des HDF Kino, zumeist in Baden-Baden. Bisher ging es vor allem um neue Filme, innovative Technik, wirkungsvolleres Marketing und medien- und kulturpolitische Rahmenbedingungen. Seit der Corona-Pandemie hat sich die Agenda für das Kino geändert. Im vergangenen wurde der Kongress abgesagt und 2021 wird die morgen beginnende Veranstaltung digital stattfinden. Auch dieses Jahr werden wieder neue Kinofilme vorgestellt, doch die inhaltlichen Themen im zweiten Corona-Jahr betreffen vor allem existentielle Fragen: „Wie können neue Auswertungsstrategien aussehen“, „Endlich wieder Kino – Die Wiedereröffnung“, „Kino 2030: Wie sieht die Zukunft der Branche aus?“ und „Kino in Corona Zeiten“. „Wir sind in einem weiteren Pandemie-Jahr mit großen Umsatzeinbruch. Dazu kommt die Unsicherheit, welche weiteren Herausforderungen noch vor uns liegen, z.B. Beispiel, unter welchen Rahmenbedingungen wir öffnen werden oder welche Kapazität wir anbieten können“, beschreibt Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino die aktuelle Situation gegenüber medienpolitik.net. „Der Kongress ‚KINO DIGITAL 2021‘ soll hier Raum für Diskussion schaffen, Chancen und Möglichkeiten für die Zukunft des Kinos aufzeigen sowie konkrete Lösungsansätze bieten“, so Berg weiter.

Das Jahr 2020 war für die deutschen Kinos und Verleiher desaströs: 80,5 Mio. weniger verkaufte Tickets als im Vorjahr – ein Rückgang von 67,9 Prozent – und 706 Mio. Euro weniger Umsatz – ein Rückgang von 69 Prozent, so hat es die FFA dokumentiert. Die Staatsministerin für Kultur und Medien, die Fördereinrichtungen der Länder und auch einige Landesregierungen, haben zusätzliche Hilfen beschlossen, um die Lichtspielhäuser wirtschaftlich zu unterstützen. Auch für Verleiher gibt es Förderprogramme. Mit insgesamt bis zu 65 Millionen Euro aus dem Programm „Neustart Kultur“, von denen 20 Millionen Euro aktuell bewilligt worden sind, fördert die Bundesregierung pandemiebedingte Maßnahmen zur Unterstützung der Kinobranche. Für das Zukunftsprogramm Kino I für Arthouse-Kinos und Kinos im ländlichen Raum stehen im Jahr 2021 allein 30 Millionen Euro zur Verfügung. Unterstützt werden außerdem zukunftsgerichtete Investitionen, die die Attraktivität der Kinos bei Wiedereröffnung und Weiterbetrieb stärken. Hierfür stehen Mittel in Höhe von bis zu 20 Millionen Euro bereit. Doch während für die Produzenten von Kinofilmen ein Ausfallfonds besteht, der den finanziellen Schaden absichert, existiert ein solcher Fonds für die Verleiher nicht.

Aber reichen die bisherigen Hilfen aus, um einen wichtigen Kulturbereich langfristig zu sichern? Die Kinos sind inzwischen erneut über Monate geschlossen, bereits mehr als ein halbes Jahr. Wann sie wieder öffnen ist fraglich. Für Peter Dinges, Vorstand der FFA, ist deshalb weniger die Absicherung nach Produzentenvorbild das Problem, sondern die Frage, wie eine Wiederaufnahme des Spielbetriebes nach der Pandemie wirtschaftlich ermöglicht werden könne. Dieses Problem sei erkannt, und auf Bundes- und Länderebene fänden entsprechende Gespräche statt, so Dinges. Doch ob diese Gespräche für die Filmtheater zu einem nachhaltigen Ergebnis führen, ist auch nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres fraglich.

„Wir wünschen uns eine Berücksichtigung unserer Bedürfnisse hinsichtlich einer wirtschaftlich sinnvollen, flächendeckenden Wiedereröffnung der Kinos in Deutschland.“

In Baden-Württemberg zum Beispiel, eines der wenigen Länder, die bisher eine konkrete Öffnungsstrategie veröffentlich haben, dürfen in Landkreisen mit einer Inzidenz unter 100 Gastronomiebetriebe und Hotels wieder öffnen und erst dann, wenn die Infektionszahlen weiter rückläufig sind, 14 Tage später auch die Kinos. Allerdings mit maximal 100 Besuchern. Das bedeutet, dass wahrscheinlich noch Monate vergehen werden, bis Kinos wieder mit vollen Sälen rechnen können. Die Bilanz für 2021 wird damit wohl nicht besser ausfallen als 2020. Einige Länder verweisen in ihren Öffnungskonzepten auf Autokinos als Alternative, nur davon profitieren die Filmtheater kaum, weil diese vor allem von Eventveranstaltern organisiert werden. Und von einem einheitlichen Start in allen Bundesländern kann die Branche nur träumen. An dieser Stelle setzt, nach Aussage von Christine Berg, die Erwartung an die Politik an: „Wir wünschen uns eine Berücksichtigung unserer Konzepte und Studienergebnisse sowie eine Berücksichtigung unserer Bedürfnisse hinsichtlich einer wirtschaftlich sinnvollen, flächendeckenden Wiedereröffnung der Kinos in Deutschland.“ Das Hauptanliegen des größten Filmtheaterverbandes werde die Novellierung des Filmförderungsgesetzes und konkret die notwendigen Anpassungen hinsichtlich des Auswertungsfensters sein.

Damit verweist die HDF-Kino-Chefin auf ein zweites Problemfeld, das die Zukunftsperspektive des Kinos maßgeblich tangiert: Die signifikante Steigerung der Streaming-Nutzung während der Corona-Pandemie und die Neujustierung des Marktes durch den Eintritt der VoD-Plattformen der Hollywood-Studios wie Disney. Die großen Entertainment-Konzerne aus Hollywood geben sich nicht mehr mit ihrer Rolle als Inhalte-Lieferanten für Netflix, Sky oder Fernsehsender zufrieden. Zu einflussreich sind ihnen die Streaming-Anbieter geworden und zu lohnend scheinen die Gewinnmargen durch den direkten Verkauf von Filmen und Serien an die Konsumenten ohne Zwischenhändler. Von den heute existierenden fünf Hollywood-Studios haben bis jetzt drei ihre eigenen Abo-Angebote bereits in Nordamerika an den Start gebracht: Walt Disney mit dem Streaming-Dienst „Disney+“, Warner (die zum AT&T-Konzern gehören) „HBO Max“ und die Comcast-Tochter Universal mit „Peacock“. Viacom CBS plant mit „Paramount+“ ebenfalls ein eigenes Angebot; nur Sony scheint noch unentschlossen.

„Die Hollywood-Studios kleckern dabei nicht, sondern klotzen“, stellt dazu die Studie „Angriff aus Hollywood!“ der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Strategieberatung Roland Berger fest: „Sie produzieren aufwendige exklusive Inhalte wie die Star-Wars-Serie ‚The Mandalorian‘, deren acht Folgen der ersten Staffel sich Disney 100 Millionen US-Dollar kosten ließ, und nehmen Abstand von sicheren Einnahmen aus der Lizenzierung ihrer Inhalte in Milliardenhöhe.“

Für Kinobetreiber – gerade in der aktuellen schwierigen Situation – ist das Ringen der Streamingdienste eine massive Gefahr. „Die Allianz aus Kinobetreibern und Studios besteht nicht mehr wie noch vor fünf Jahren“, stellt dazu Gabriel Mohr, globaler Leiter des Medien Competence Center, Arthur D. Little, fest. Die Lage sei für die Kinos bedrohlich. Kinobetreiber erlebten derzeit einen perfekten Sturm. Gabriel Mohr geht davon aus, dass man Nachholeffekte sehen werde, sobald ein normaler Alltag und ein regelmäßiger Kinobesuch wieder möglich sei. Man dürfe nicht vergessen, dass das Geschäft mit großen Blockbustern für Betreiber wie Studios nach wie vor extrem lukrativ sei. Das Angebot der großen Streamingplattformen werde sicherlich die Bereitschaft senken, für mittelklassige Filme ins Kino zu gehen. Bei den großen Blockbustern sei dies anders. Die Kinos benötigten aber neue Konzepte, diese Filme auch zu vermarkten.

Neben neuen Konzepten ist aber ein faires Nebeneinander von Plattformen und Kinos erforderlich, für das auch die Politik aktiv werden muss. So gehört zu den umstrittenen Themen die Länge des exklusiven Kino-Auswertungsfensters. „Doch, wie lange muss diese ‚Exklusivität‘ sein“, fragt Christine Berg in einem Gespräch mit medienpolitik.net? „Sind es noch sechs Monate, wie im FFG verankert oder muss es nicht einen flexibleren Umgang mit den Sperrfristen für deutsche Filme geben? Das ist zum Beispiel unsere Auffassung. Eine solche Flexibilisierung muss jetzt bereits im aktuellen Entwurf der kleinen Novellierung vorgesehen werden“, fordert Berg. Flexibler bedeute, dass die Sperrfrist generell verkürzt werden könnte, wenn es eine Branchenvereinbarung gibt, die alle in Deutschland gestarteten Filme behandele. Diese könnte auch berücksichtigen, dass Filme, die in den ersten Wochen im Kino beim Publikum nicht ankämen, ihren Weg früher in eine andere Auswertungsform fänden. Das Gesetz solle so bleiben wie es ist, allerdings um den Passus ergänzt, dass eine weitere Reduzierung möglich sei, sollte es eine Vereinbarung der Verbände geben. Dies werde bereits in Frankreich praktiziert und alle drei Jahre neu verhandelt.

In den vergangenen Monaten wurden mehrere Spielfilme, die für die große Leinwand geplant und auch gefördert worden sind, zuerst auf Streamingplattformen präsentiert. An den Erlösen sollen die Kinos, so steht es bereits im FFG, „maßgeblich“ beteiligt werden. Auch hier ist die Realität eine andere: Zwar stimmten die Produzenten einer Art „Entschädigung“ zu, aber inwieweit diese „maßgeblich“ ist, ist Verhandlungssache. „Es ist leider nirgendwo definiert, wovon ‚maßgeblich‘ abgeleitet werden kann oder woran es sich misst“, erläutert die HDF-Kino-Vorstandsvorsitzende. „Bisher haben wir uns gut geeinigt, aber nach unserer Auffassung sollte es zukünftig eine Richtlinie oder andere Festlegung geben, um diese sehr unbestimmte Regelung konkret zu bestimmen. Für uns ist wichtig, dass wir nicht mit einem kleinen Prozentsatz des Verkaufserlöses abgespeist werden, sondern dass es zu einem fairen Ausgleich kommt, der auch die schwierige wirtschaftliche Situation der Kinos berücksichtigt.“

Um die Zukunft der Kinokultur zu sichern, ist neben aktuellen Hilfsgeldern ein strategisches Konzept erforderlich, dass sowohl die veränderte Mediennutzung berücksichtigt als auch die Veränderung des Marktes. Zudem müssen sich die Kulturpolitiker der Länder langsam auch mit der Frage befassen, ob Kinos, ähnlich wie Theater oder Opernhäuser, dauerhaft subventioniert werden müssten. Eine gründliche Bilanz der Auswirkungen der Corona-Pandemie in diesem Bereich wird den Denkprozess sicher beschleunigen.

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