„Der ‚Zukunftsdialog‘ ist keine ARD-Fanveranstaltung“

von am 05.05.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Kreativwirtschaft, Medienordnung, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Der ‚Zukunftsdialog‘ ist keine ARD-Fanveranstaltung“
Birand Bingül, Leiter der ARD-Kommunikation

Offener Dialog soll ehrliche Meinung der Bürger zur Zukunft des Senderverbundes ermitteln

05.05.2021. Interview mit Birand Bingül, Leiter der ARD-Kommunikation  

Wie nehmen die Menschen in Deutschland die ARD wahr? Welche Erwartungen haben sie? Was wünschen sie sich von der ARD in Zukunft? Um weitere Antworten auf diese Fragen zu bekommen, startet der Senderverbund den ARD-Zukunftsdialog: Bürger in Deutschland haben die Möglichkeit, sich in den kommenden Wochen und Monaten in die Diskussion um die Zukunft der ARD einzubringen. Der ARD-Zukunftsdialog beginnt am 8. Mai 2021 und läuft bis November. Zum Start werden in einer digitalen Großgruppenveranstaltung rund 200 ausgelosten Bürgern mit gut 30 Vertretern der ARD zusammenkommen. Die Ergebnisse dieses Workshop-Tags sind Grundlage der nächsten Projektphase: Alle Bürger haben dann vom 31. Mai an vier Wochen lang die Chance, sich über eine öffentliche Onlineplattform am ARD-Zukunftsdialog zu beteiligen. Die Erkenntnisse aus der Auftaktveranstaltung und der Debatte auf der Onlineplattform fließen zurück in die ARD und sollen dort weiter diskutiert werden. Im November wird in einer virtuellen Abschlussveranstaltung der Beteiligungsprozess abgeschlossen. Fragen an den ARD-Kommunikationschef Birand Bingül, der auch diese Aktion leitet.

medienpolitik.net: Herr Bingül, die Bundesländer wollen im Oktober einen Vorschlag für eine Novellierung des Auftrags für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorlegen. Nachdem im März klar wurde, dass die Länder es jetzt ernst meinen, startet die ARD einen „Zukunftsdialog“ – ein Zufall?

Bingül: Ja, der zeitliche Zusammenhang ist ein Zufall. Wir hatten bereits 2019, also noch bevor Tom Buhrow ARD-Vorsitzender wurde, überlegt, wie wir auch bei der Kommunikation neue Wege beschreiten können, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch besser in der Gesellschaft zu verankern. Wir konnten diese Pläne bisher nicht umsetzen, weil wir diesen Dialog im direkten Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern führen wollten. Leider ist die Corona-Pandemie aber hartnäckiger als am Anfang gedacht. Deshalb starten wir den „Zukunftsdialog“ jetzt doch, aber komplett virtuell, mit zwei Bürger-Veranstaltungen und zusätzlich per Online-Plattform.

medienpolitik.net: Welcher Zusammenhang besteht zwischen der bisher gescheiterten Beitragserhöhung und den Debatten dazu in mehreren Landtagen und dem „Zukunftsdialog“? Möchten Sie sich einen steigenden Beitrag durch eine Art Votum legitimieren lassen?

Bingül: Der „Zukunftsdialog“ ist keine ARD-Fanveranstaltung, sondern ein ergebnisoffener Prozess, der am 8. Mai mit der Auftaktveranstaltung beginnt. Es gibt keine inhaltlichen Vorgaben. Sonst wäre es nur ein Alibi. Ich kann mir vorstellen, dass es zur Beitragshöhe kritische Stimmen einiger Teilnehmer und Teilnehmerinnen gibt und so manche den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als zu teuer empfinden. Sich mit einer solchen Aktion den Rundfunkbeitrag legitimieren zu lassen, wäre aber doch sehr durchsichtig und fragwürdig. Außerdem gehen wir – auch durch die vielen Fragen, die uns täglich erreichen – eher davon aus, dass das Publikum mit uns vor allem über das Programm sprechen möchte.

medienpolitik.net: Es wird also nach Ihren Überlegungen mehr eine inhaltliche als eine Struktur- und Finanzdiskussion?

Bingül: Wir legen die Debatte bewusst offen an. Das heißt, dass ich nicht weiß, welche Fragen kommen und über welche Themen konkret diskutiert wird. Aber aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen aus zahlreichen Dialogen mit unserem Publikum nehmen wir an, dass sich die Diskussion vor allem um unsere Inhalte und deren Verbreitung drehen wird. Am „Zukunftsdialog“ ist neu, dass sich die Gespräche nicht um einen einzelnen Sender oder das Angebot für eine Region drehen, sondern um die gesamte ARD und deren künftige Ausrichtung – bei Online, Radio und Fernsehen.

„Sich mit einer solchen Aktion den Rundfunkbeitrag legitimieren zu lassen, wäre aber doch sehr durchsichtig und fragwürdig.“

medienpolitik.net: Sie betonen, dass es sich um einen „ergebnisoffenen“ Prozess handelt. Aber einige Kernfragen oder Kernthesen wird es sicher geben, um eine konstruktive Debatte zu ermöglichen?

Bingül: Die Diskussion soll natürlich nicht völlig unstrukturiert verlaufen, und wir haben uns für die Methodik auch Unterstützung von Spezialisten geholt, die mit großen Bürgerbeteiligungen viel Erfahrung haben. Für die Eröffnungsveranstaltung sind drei Runden in kleinen Gruppen mit drei Einstiegsfragen geplant, aber wir stellen nicht vorne weg Strategien oder Konzepte zur Debatte. Das wäre für unsere Absicht, die Perspektive des Publikums einzufangen und später auch in die medienpolitische Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einzubringen, kontraproduktiv. Die Bürger sind Profis in ihrer Wahrnehmung. Sie wissen genau, ob unsere Angebote ihren Vorstellungen und Bedürfnissen entsprechen und wie sie sich Angebote wünschen würden. Und diese Meinung möchten wir möglichst ungefiltert erfassen. Mit Vorgaben jeder Art würden wir dieses Stimmungsbild verhindern.

medienpolitik.net: Welchen Erkenntnisgewinn erhoffen Sie sich vom Zukunftsdialog?

Bingül: Wir sind gespannt und vor allem neugierig. Über die Zukunftserwartungen unserer Zuschauer haben wir relativ wenig Erkenntnisse. Es gibt viele Informationen über aktuelle Wünsche. Aber darüber, welche Erwartungen die Zuschauer an uns in fünf oder zehn Jahren haben, wissen wir noch wenig. Wir würden uns freuen, wenn es viele Überlegungen und Anforderungen gibt, die wir bisher nicht im Blick hatten.  

medienpolitik.net: Die öffentlich-rechtlichen Sender führen regelmäßig Befragungen des Publikums über Zufriedenheit mit den Angeboten, Akzeptanz des Programms usw. durch, die repräsentativ sind. Wie repräsentativ ist der Zukunftsdialog?

Bingül: Wir möchten ein breites und differenziertes Meinungsbild einfangen, aber im wissenschaftlichen Sinn wird der Zukunftsdialog nicht repräsentativ sein. Wir versuchen eine Annäherung. Wir haben das beauftragte Marktforschungsinstitut gebeten, alle Altersgruppen, Geschlecht, Bildungsgrad und Region zu berücksichtigen. Die Ergebnisse lassen weniger quantitative, sondern mehr qualitative Analysen zu. Ich kann mir gut vorstellen, dass der „Zukunftsdialog“ der Beginn eines kontinuierlichen Diskurses über die Weiterentwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden könnte.

„Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird von allen Bürgerinnen und Bürgern finanziert, also ist es selbstverständlich, dass sie an ihn Fragen haben und ihn auch infrage stellen können.“

medienpolitik.net: Inwieweit können auch Bürger, die nicht zu den Stammzuschauern oder -hörern der öffentlich-rechtlichen Programme sind, daran teilnehmen?

Bingül: An der Diskussion können sich alle Bürger beteiligen. Schon bei der Auswahl der Teilnehmer der ersten Runde hat das Marktforschungsinstitut darauf geachtet, dass sich auch jene beteiligen können, die die ARD wenig oder gar nicht nutzen. Beim Online-Dialog im Mai und Juni kann jede und jeder Interessierte uns seine Meinung sagen.

medienpolitik.net: Wie wollen Sie sicherstellen, dass die „normalen“ Bürger zu Wort kommen und nicht die Vertreter der unzähligen Interessen- und Lobbygruppen?

Bingül: Für die Auftakt- und Abschlussveranstaltung wurden ja „normale“ Bürger eingeladen.Natürlich wollen wir niemanden daran hindern, sich mit seinen Vorstellungen am „Zukunftsdialog“ zu beteiligen, dafür ist er gerade auf der Online-Plattform für alle offen. Damit sich viele zu Wort melden, werden wir mit unseren Möglichkeiten über unsere Kanäle dafür werben und informieren. Wir setzen darauf, dass dieser Dialog auch eine öffentliche Aufmerksamkeit findet und so manche Bürger Lust bekommen mitzumachen. Die Gefahr, dass unsere Plattform von Interessengruppen „gekapert“ wird, sehe ich nicht, denn ihnen stehen andere, direkte Möglichkeiten zur Verfügung, um sich zum Beispiel bei der Medienpolitik Gehör zu verschaffen.

medienpolitik.net: Was geschieht mit den Ergebnissen?

Bingül: Nach der Online-Beteiligung diskutieren wir in internen Workshops in den Sendern der ARD über die Beiträge und Vorstellungen der Bürger, wir werten sie aus und besprechen sie auch mit den Gremien Nach dieser Schleife tragen wir alles in der Abschlussveranstaltung mit den Bürgerinnen und Bürgern zusammen. Bis Dezember soll ein Abschlussbericht vorliegen, den wir veröffentlichen und auch an die Medienpolitik geben werden.

medienpolitik.net: Haben Sie nicht die Sorge, dass von den Bürgern einiges von dem infrage gestellt wird, was für Sie heute selbstverständlich ist?

Bingül: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird von allen Bürgerinnen und Bürgern finanziert, also ist es selbstverständlich, dass sie an ihn Fragen haben und ihn auch infrage stellen können. Eine solche Debatte um unsere Funktion und weitere Entwicklung nicht zu führen, weil wir Kritik fürchten, wäre schräg. Kritik gibt es so oder so, da darf man sich nicht die Ohren zuhalten. Das würde schaden. Man muss zuhören, muss klarmachen: Wir wollen für das Publikum so relevant sein wie irgend möglich, natürlich im Rahmen unseres Auftrags. Ich nehme aber auch an, dass es nicht nur Kritik gibt, sondern auch Zustimmung zu unseren Angeboten und nach vorn gerichtete pragmatische Vorschläge und Ideen.

Birand Bingül

Birand Bingül (geb.1974) arbeitet seit seinem Volontariat 1996/97 für den WDR, unter anderem in den Programmgruppen Ausland und Zeitgeschehen. 2009 wurde Bingül Redaktionsleiter beim Integrationsmagazin Cosmo TV. Von 2010 bis 2014 war er stellvertretender Unternehmenssprecher des WDR. Nach einer zweijährigen Elternzeit kehrte er zu „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ nach Köln zurück. Im September 2018 übernahm er die Büroleitung des Intendanten Tom Buhrow und die stellvertretende Leitung der Hauptabteilung Intendanz. Seit 2020 leitet er das Kommunikationsteam der ARD.

Print article