„Die Filmindustrie braucht das Kino“

von am 18.05.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

„Die Filmindustrie braucht das Kino“
Peter Dinges, Vorstand der Filmförderungsanstalt (FFA)

Fehlende strategische Planbarkeit als größtes Problem der Filmwirtschaft

18.05.2021. Interview mit Peter Dinges, Vorstand der Filmförderungsanstalt (FFA)

Für Peter Dinges, Vorstand der Filmförderungsanstalt, ist für die Filmwirtschaft gegenwärtig die fehlende Planbarkeit das größte Problem. Dazu zählten nicht nur die kurzfristigen Fragen, wann und zu welchen Bedingungen die Kinos wieder öffnen und Festivals und Märkte international wieder bei voller Kapazität liefen, sondern auch die mit der Pandemie einhergehende Verunsicherung. „Welchen tektonischen Verschiebungen sehen wir uns filmwirtschaftlich in den nächsten 1 bis 2 Jahren ausgesetzt? Welche Rolle werden die VoD-Plattformen spielen, welche die Kinos? Werden aus dieser Pandemie übermächtige, dominierende Player entstehen wie nach der Spanischen Grippe in den USA vor hundert Jahren? Und: Wer hat genügend wirtschaftliche Reserven, diese Situation überhaupt zu überstehen“, fragt Peter Dinges. Die FFA spielt bei den Corona-Hilfsmaßnahmen eine wichtige Rolle, mehr als eine halbe Milliarde Euro liefen dafür, so Dinges, über seine Einrichtung. 2020 hatte die Filmförderungsanstalt deutlich weniger Filme gefördert, bedingt auch durch verschobene Projekte. Derzeit, so der FFA-Chef, normalisierten sich Antrags- wie Förderzahlen zunehmend, so dass er nicht von einem Minus ausgehe.

medienpolitik.net: Herr Dinges, in Hollywood wurden vor einigen Tagen die „Oskars“ verliehen: Werden Filme wie „Nomandland“, „Mank“ oder „The Father“ den Weg in die deutschen Kinos finden, oder werden sie gleich auf VoD-Plattformen landen?

Dinges: Das kommt darauf an: „Nomadland“ wird von Walt Disney vertrieben, lief in den USA in ausgewählten Kinos, kann dort bei Hulu gestreamt werden und wird in Kanada auch bei Disney+ angeboten. Für Deutschland gibt es noch keinen Starttermin, weder online noch fürs Kino. „Mank“ hingegen ist seit dem 4. Dezember 2020 bei Netflix. Es kann sein, dass er in Deutschland von vereinzelten Kinos gezeigt wird, wenn sie wieder öffnen können. Und „The Father“ ist bei Tobis im Verleih, der deutsche Starttermin ist der 26. August. Schon an diesen drei Filmen kann man sehen, wie uneinheitlich die Situation in diesen außergewöhnlichen Zeiten ist. Ich bin aber sicher, dass sich die Lage beruhigen wird, wenn die Kinos wieder regulär spielen können und der zu erwartende Filmstau nach der Pandemie abgearbeitet ist. Zwar werden wir vielleicht nicht vollständig zur traditionellen Auswertungsfolge mit ihren mehr oder weniger starren Fristen kommen, aber für mich steht fest, dass das Kino nach wie vor am Anfang dieser Auswertungskette stehen wird. Nicht nur wegen der im Vergleich zu den Streamingdiensten viel, viel höheren Erlösmöglichkeiten für Produzenten und Verleiher, sondern weil Filme massiv an Bedeutung verlieren, wenn sie nicht im Kino gestartet werden. Dafür ist die diesjährige Oscar-Verleihung ein sehr gutes Beispiel. Bei einer Umfrage von „Variety“ unter 1.500 „aktiven Entertainment-Konsumenten“ kannten gerade 18 Prozent „Mank“, den in zehn Kategorien nominierten diesjährigen Favoriten. Und die Verleihung selbst mochten sich in den USA nicht mal mehr zehn Millionen Menschen ansehen – 58 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Filmindustrie braucht das Kino.

medienpolitik.net: Ein großer Teil der Corona- Hilfsgelder der BKM sowie die Ausfallfonds I und II werden über die FFA bearbeitet. Seit über einem Jahr ist die FFA eine wichtige Schnittstelle für die Unterstützung der Filmwirtschaft. Wie bewältigen Sie diese Mehrarbeit?

Dinges: In der Tat, seit März 2020 sind die Anforderungen an die FFA signifikant gewachsen – durch die Neustart-Kultur-Mittel der BKM, die Sie erwähnen, und auch durch unsere eigenen Maßnahmen wie die Weltvertriebs-Sonderförderung, die Stundungen für die Kinos, die Anpassungen bei Verschiebungen von geförderten Produktions- und Verleihprojekten. Das alles muss nicht nur umgesetzt, sondern auch erdacht und rechtlich einwandfrei konzipiert werden. Dabei lief unser Kerngeschäft – die Förderung – parallel fast unverändert weiter. Der finanzielle Durchlauf der FFA beträgt derzeit mehr als eine halbe Milliarde Euro. Auch die strengen, aber dringend notwendigen Home-Office-Regeln zum Schutz unserer Mitarbeiter erleichterten die organisatorischen Abläufe natürlich nicht. Wir haben sofort entsprechend reagiert und entsprechend neue Stellen geschaffen, aber es liegt auf der Hand, dass es eben dauert, bis solche Maßnahmen greifen. Wie so viele Menschen auch in anderen Branchen in dieser Zeit mussten alle Mitarbeiter der FFA an ihre Grenzen gehen und manchmal darüber hinaus. Sie haben das gerne und mit hoher Motivation getan, denn es ging darum, zu helfen. Auch ungewöhnliche Lösungen wurden gefunden. Erstmalig haben wir uns beim Ausfallfonds II eines externen Dienstleisters bedient – ein neuer Weg, der aber hervorragend funktioniert. Ich möchte jedenfalls die Gelegenheit nutzen, mich bei allen Beteiligten zu bedanken – und besonders bei den FFA-Teams: für ihren Ideenreichtum, ihre Beharrlichkeit und ihr nicht nachlassendes Engagement. Danke!

medienpolitik.net: Wie ist der Stand der Arbeiten? Wie schnell erhalten die betroffenen Unternehmen die Hilfsgelder?

Dinges: Wir haben aus einem Kaltstart heraus derzeit sechs unterschiedliche mit Steuermitteln finanzierte Nothilfeprogramme in der Abwicklung. Jedes dieser Programme hat unterschiedliche Anforderungen – an unsere Mitarbeiter, die Antragsteller und manchmal auch an Dritte, wie die Versicherungsunternehmen und Sachverständigen, die beim Ausfallfonds I eingebunden sind. Da kann man nicht pauschal Deadlines für die Auszahlungen nennen. Seien Sie aber versichert, im Sinne der Branche arbeitet die FFA unermüdlich, die Abwicklungen schnell und unbürokratisch durchzuführen. Für die Filmwirtschaft ist es im Vergleich zu anderen Kulturbranchen ein großer Vorteil, dass die Abwicklung der Neustart-Kultur-Mittel über eine Einrichtung wie die FFA kanalisiert wird, deren ureigenste Aufgabe die Förderung ist. Trotzdem entstehen aber auch bei uns Verzögerungen, die sich aber im Vergleich zu anderen Bereichen der öffentlichen Verwaltung in Grenzen halten. Hierfür kann ich nur um Verständnis bitten.

„Zwar werden wir vielleicht nicht vollständig zur traditionellen Auswertungsfolge mit ihren mehr oder weniger starren Fristen kommen, aber das Kino wird nach wie vor am Anfang dieser Auswertungskette stehen.“

medienpolitik.net: Was ist gegenwärtig aus Ihrer Sicht für die Filmwirtschaft das größte Problem, um mit den Auswirkungen der Pandemie fertig zu werden?

Dinges: Losgelöst davon, dass es natürlich für Kinobetreiber schrecklich ist, vor den verschlossenen Türen des eigenen Kinos zu stehen, fällt mir hierzu sofort eines ein – die fehlende Planbarkeit. Und hier meine ich nicht nur die kurzfristigen Fragen, wann und zu welchen Bedingungen die Kinos wieder öffnen und Festivals und Märkte international wieder bei voller Kapazität laufen. Mit fehlender Planbarkeit meine ich auch die mit der Pandemie einhergehende Verunsicherung. Welchen tektonischen Verschiebungen sehen wir uns filmwirtschaftlich in den nächsten 1 bis 2 Jahren ausgesetzt? Welche Rolle werden die VoD-Plattformen spielen, welche die Kinos? Werden aus dieser Pandemie übermächtige, dominierende Player entstehen wie nach der Spanischen Grippe in den USA vor hundert Jahren? Und: Wer hat genügend wirtschaftliche Reserven, diese Situation überhaupt zu überstehen?

medienpolitik.net: Sie sprechen die wirtschaftlichen Reserven an: Der Ausfallfonds I für Spielfilme und Serien ist gerade aufgestockt worden. Wie ist die Nachfrage für die Ausfallfonds I und II?

Dinges: Die Nachfrage für den Ausfallfonds I ist systembedingt enorm hoch. In der Praxis wird er für jede durch den Bund und die Länder geförderte Kinoproduktion in Anspruch genommen. Denn die Produktionen erhalten nur dann einen Schadensausgleich, wenn sie sieben Wochen vor Drehstart zur Absicherung angemeldet werden. Die Aufstockung kam genau zur rechten Zeit, denn das Produktionsgeschehen hat wieder Fahrt aufgenommen. Wir werden die Anmeldezahlen insbesondere im Hinblick auf das typische Sommerhoch genau beobachten. Derzeit ist das Volumen ausreichend. Entspannter ist die Situation beim Ausfallfonds II. Hier werden – auch zur einfacheren Abwicklung – nur die tatsächlichen Schäden eingereicht. Für beide Fonds gilt, dass die Schäden, die in der Menge dem pandemischen Risiko entsprechen, jedoch in der Schadenssumme eher kleiner als erwartet sind. Bisher jedenfalls. Dies liegt an den effizienten Maßnahmen zur Vorbeugung und Schadensminderung am Set und den Hygiene- und Testkonzepten während der Produktionen. Diese Strategie hat von Anfang an erfolgreich gegriffen. Da kann ich nur immer wieder ein großes Lob an die Produzenten und die Teams ausrichten.

„Mir scheint, dass weniger die Absicherung nach Produzentenvorbild das Problem ist, sondern die Frage, wie eine Wiederaufnahme des Spielbetriebes nach der Pandemie wirtschaftlich ermöglicht werden kann.“

medienpolitik.net: Wird der Ausfallfonds II für Fernsehproduktionen ausreichen?

Dinges: Nach derzeitigem Stand sind für alle teilnehmenden Bundesländer ausreichend Mittel vorhanden, um bestehende Schadensmeldungen zu bedienen.

medienpolitik.net: Die Kinos sind erneut seit sechs Monaten geschlossen. Für Kinobetreiber und Verleiher existieren keine Ausfallfonds. Wir gut ist dieser Bereich abgesichert?

Dinges: Viele Kinos erhalten Corona-Hilfen von der Bundesregierung. Auch für den Verleih gibt es Förderprogramme. Mir scheint, dass weniger die Absicherung nach Produzentenvorbild das Problem ist, sondern die Frage, wie eine Wiederaufnahme des Spielbetriebes nach der Pandemie wirtschaftlich ermöglicht werden kann. Dieses Problem ist erkannt, und auf Bundes- und Länderebene finden entsprechende Gespräche statt.

medienpolitik.net: Aus den Kinos, die etwa 50 Prozent der Finanzierung der FFA aufbringen, kommen, wenn sie geschlossen sind, keine Abgaben. Sie haben einen „Zuschuss“ von der BKM bekommen. Reicht das für ihre geplante Förderung von Spielfilmen und Kinos?

Dinges: Die Filmabgabe der Kinos betrug 2019 gut 20 Mio. Euro – knapp ein Viertel der Einnahmen der FFA – und ist 2020 auf einen Bruchteil davon geschrumpft. Dieser Verlust wurde dankenswerter Weise durch die Billigkeitsleistung der BKM und die Auflösung von Rücklagen annähernd ausgeglichen, so dass wir 2021 unsere Förderaktivitäten fast im gewohnten Maß aufrechterhalten können.

medienpolitik.net: Werden 2021 weniger Kinofilme gefördert als 2019 oder 2020?

Dinges: 2020 sind deutlich weniger Filme gefördert worden als 2019. Das lag auch an zurückgehenden Anträgen, da Projekte verschoben oder abgesagt wurden. Derzeit normalisieren sich Antrags- ebenso wie die Förderzahlen zunehmend, so dass ich nicht von einem Minus ausgehe. Ich bin zuversichtlich, und das zeigen die bisherigen Förderentscheidungen in der Produktion, dass auch im nächsten und übernächsten Jahr großartige deutsche Filme zu sehen sein werden.

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