Mehr Hass im Netz im Corona-Jahr

von am 04.06.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Gesellschaftspolitik, Jugendmedienschutz, Kommunikationswissenschaft, Medienkompetenz, Medienwissenschaft, Netzpolitik, Netzpolitik, Social Media, Studie

Mehr Hass im Netz im Corona-Jahr

Neue Fakten zur Wahrnehmung von Hasskommentaren im Internet

04.06.2021. Mehr als drei Viertel der Deutschen erleben Hass im Netz. Das zeigen die neuesten Zahlen einer forsa-Studie zur Wahrnehmung von Hassrede im Internet im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW. Gleichzeitig steigt die Angst vor Hasskommentaren, aber auch die Wut über die Verfasserinnen und Verfasser solcher Kommentare. Die Landesanstalt für Medien NRW führt seit 2016 einmal jährlich eine Umfrage zum Thema Hate Speech bzw. Hasskommentare im Internet durch. In der aktuellen Umfrage 2021 geben rund drei Viertel der Befragten (76%) an, schon einmal Hate Speech bzw. Hasskommentaren im Internet begegnet zu sein. Zum Vorjahr stieg dabei der Anteil derjenigen von 34 Prozent auf 39 Prozent, die Hasskommentare sehr häufig oder häufig wahrnahmen – ein neuer Höchstwert. Der Anteil derer, denen kein Hass im Netz begegnet ist, liegt bei 22 Prozent. Dieser Wert entspricht dem aus der Umfrage in 2018.

Hass im Netz ruft starke Emotionen hervor

Besonders stark angestiegen ist der Anteil derjenigen, denen die Hasskommentare im Netz Angst machen (2020: 34%; 2021: 42%). Von der Angst in Bezug auf Hasskommentare berichten besonders häufig Frauen (Frauen: 51%; Männer: 33%). Ein zunehmender Anteil der Bevölkerung gibt an, dass Hasskommentare sie wütend machen (2016: 72%; 2021: 77%). Auch hier sind große Geschlechterunterschiede festzustellen: Bei Frauen lösen Hasskommentare deutlich häufiger Wut aus, als bei Männern (Männer: 70%; Frauen: 84%). Das Verständnis für Verfasserinnen und Verfasser von Hasskommentaren nimmt seit drei Jahren kontinuierlich ab (2019: 19%; 2021: 13%).„Drei Dinge werden deutlich mit Blick auf die neuen forsa-Zahlen zu Hate Speech: Die Wahrnehmung von Hass im Netz ist in diesem zurückliegenden Corona-Jahr gestiegen. Angst und Wut nehmen zu. Und gleichzeitig werden auch mehr Verstöße zur Anzeige gebracht. Das zeigt, dass die Menschen Hass und Hetze nicht hinnehmen wollen, sich stattdessen wehren und auch rechtliche Schritte einleiten. Als Landesanstalt für Medien NRW unterstützen wir das vor allem durch Initiativen wie ‚Verfolgen statt nur Löschen‘. Demokratie zu schützen ist unser aller Aufgabe – und das gerade im Internet“, kommentiert Dr. Tobias Schmid, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW, die Auswertung der forsa-Befragung.

Widerstand gegen Hass und Hetze nimmt zu

Die 25- bis 44-Jährigen sind in diesem Jahr besonders aktiv gegen Hass im Netz vorgegangen. Auf Basis derer, die im Netz schon einmal Hasskommentare gesehen haben, gab diese Altersgruppe im Jahr 2021 im Vergleich zu den Vorjahren deutlich häufiger an, sich mit Hasskommentaren im Netz beschäftigt zu haben (2020: 42%; 2021: 53%). Sie geben auch deutlich häufiger an, einen Hasskommentar oder deren Verfasser beim zuständigen Portal gemeldet zu haben (2020: 30%; 2021: 42%). Die Gruppe der 25- bis 44-Jährigen sucht auch stärker den direkten Austausch mit Verbreitern von Hass und Hetze. Im Jahr 2021 gab ein Drittel der 25- bis 44-Jährigen an, auf einen Hasskommentar geantwortet zu haben, um diesen zu kritisieren, ein Anstieg von 7 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr (26%). Insgesamt nehmen die Meldungen von Hasskommentaren zu. Über die Hälfte der Befragten, die im Netz schon Hate Speech gesehen haben, gab an, sich mit Hasskommentaren zu beschäftigen, um diese eventuell zu melden. Der Anteil ist im Vergleich zum Vorjahr stark angestiegen (2020: 44%; 2021: 51%). Besonders verbreitet ist dieser Trend bei den unter 25-Jährigen (2021: 61%).

„Wirksam gegen Hasskommentare im Netz sind für rund zwei Drittel der Befragten, Hasskommentare bei Plattformbetreibern und unabhängigen Meldestellen zu melden.“

Effektive Strategien gegen Hass im Netz

Erstmals wurde im Rahmen der Studie auch die Meinung der Bevölkerung zu wirksamen Strategien gegen Hasskommentare im Netz abgefragt. Als besonders effektiv wird die strafrechtliche Verfolgung von Verfasserinnen und Verfassern von Hassrede wahrgenommen (78%). Gefolgt davon, Hasskommentare schnell zu löschen (73%). Hier setzt auch das Projekt „Verfolgen statt nur Löschen an“. Im Rahmen der Initiative arbeiten Staatsanwaltschaft, Medienunternehmen und Medienaufsicht in NRW aktiv zusammen, um das Internet vor Hass und Hetze zu schützen. Sie setzen sich gemeinsam für die Verfolgung strafrechtlich relevanter Hasskommentare ein. Diese können im Rahmen von „Verfolgen statt nur Löschen“ vereinfacht zur Anzeige gebracht werden. Gleich wirksam gegen Hasskommentare im Netz sind für rund zwei Drittel der Befragten, Hasskommentare bei Plattformbetreibern und unabhängigen Meldestellen zu melden. Am wenigsten effektiv werden Strategien wahrgenommen, die von den Nutzerinnen und Nutzern selber ausgehen können, so wird z.B. aktive Gegenrede nur von 26% der Bevölkerung als wirksames Mittel angesehen.

Zu den wesentlichen Aufgaben der Landesanstalt für Medien NRW gehören der Jugendschutz, der Nutzerschutz, der Schutz der Menschenwürde und Vielfalt in den Medien. Doch genau diese Schutzgüter werden von Hassrede im Netz bedroht. Aus diesem Grund setzt sich die Landesanstalt für Medien NRW dafür ein, Aufklärungsarbeit zu leisten und effektive Wege zur Bekämpfung von Hasskriminalität im Internet zu finden.

Was macht Hassrede so gefährlich für unsere Gesellschaft?

Häufig wird Hassrede mit dem Satz „Das wird man ja noch sagen dürfen.“ entschuldigt und dabei berufen sich solche Menschen, die ihre Position im Netz mit Hass und Hetze vertreten, auf ihr Recht der Meinungsfreiheit. Natürlich gilt dieses Recht für jeden Menschen: Für diejenigen, die hetzen, genauso wie für solche, die Opfer dieser Hetze sind. Gefährlich wird Hassrede für unsere Gesellschaft aber dann, wenn die Hetze des einen die Meinungsfreiheit des anderen einschränkt. Die vergiftete Diskussion kann dazu führen, dass Menschen sich aus Angst vor den hassvollen Reaktionen anderer nicht mehr trauen, ihre Meinung zu äußern, Redaktionen ganze Themenblöcke meiden oder ihre Kommentarspalten schließen, weil sie sich der unzivilisierten Debatte nicht gewachsen fühlen. Und genau hier setzen die Bemühungen der Landesanstalt für Medien NRW an.

https://www.medienanstalt-nrw.de/themen/hass/forsa-befragung-zur-wahrnehmung-von-hassrede.html

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