„Das Kino steht an einem Wendepunkt“

von am 06.07.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

„Das Kino steht an einem Wendepunkt“
Holger Pfaff, Geschäftsführer Cinedom Köln

Am ersten Wochenende nach Wiedereröffnung hatten die Kinos 830.000 Besucher

06.07.2021. Interview mit Holger Pfaff, Geschäftsführer des Cinedom Köln

Seit erstem Juli sind die Kinos in Deutschland wieder geöffnet. Zwar konnten aufgrund der geltenden Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen nur reduzierte Sitzplatzkapazitäten angeboten werden, dennoch strömten am ersten Besucherwochenende von Donnerstag bis Sonntag bundesweit bereits wieder knapp 830.000 Besucher in die Kinos – ein unter den bestehenden Auflagen sehr gutes Ergebnis. Von den insgesamt zehn Neustarts überschritten gleich vier Filme die sechsstellige Besucherzahlgrenze. Zu den geöffneten Kinos zählt auch das Cinedom in Köln. Mit 3511 Sitzplätze in 14 Sälen ist es das fünftgrößte deutsche Kino seiner Art. Für Cinedom-Geschäftsführer Holger Pfaff stehe das Kino aufgrund der Pandemie an einem Wendepunkt, der auch viele Chancen bietet. „Wir müssen mit den Trends und Anforderungen dieser Zeit mitgehen, ohne dabei das Kerngeschäft aus den Augen zu verlieren. Es wird langfristig jedoch nicht ausreichen nur Filme zu zeigen. Bei der Gestaltung des Kinos der Zukunft wird es entscheidend sein, Besucher und ihre Bedürfnisse und Anforderungen mehr in den Mittelpunkt zu rücken“, so Pfaff.

medienpolitik.net: Herr Pfaff, wie wichtig war der 1. Juli für den Cinedom?

Pfaff: Wir freuen uns, dass wir nach acht Monaten pandemiebedingter Schließung unseren Gästen nun wieder Kinoerlebnis und damit eine attraktive Freizeitaktivität bieten können. Auf diesen Moment haben wir lange hingefiebert. Mit einem abgestimmten Hygienekonzept, einer guten Vorbereitung und einem starken Filmprogramm holen wir jetzt all das nach, was in den letzten Monaten nicht möglich war.

medienpolitik.net: Stehen ausreichend attraktive Filme zur Verfügung?

Pfaff: Wir haben quantitativ und qualitativ so starke Filme im Programm, wie schon lange nicht mehr. Für uns eine ideale Ausgangsposition, um die Wahrnehmung für das Kino nochmals zu steigern. Allein in der ersten Spielwoche sind 35 neue Filme gestartet. Mit „Godzilla vs. Kong“, „Nobody“ und „Monster Hunter“ bekommen Action-Fans astreine Kino-Blockbuster. Bei „Conjuring 3 – Im Bann des Teufels“ und „A Quiet Place 2“ kommen Freunde des Horrors auf ihre Kosten. Aber auch für Familien stehen pünktlich zur Ferienzeit „Cruella“, „Catweazle“ oder „Peter Hase 2“ bereit. Für Liebhaber des anspruchsvolleren Kinos haben wir auch den diesjährigen Oscar-Gewinner „Nomadland“ im Programm. Es ist also für jedes Alter und für Fans diverser Genres etwas dabei.

medienpolitik.net: Die Zuschauer können ohne Maske im Saal sitzen. Wie groß ist das Risiko für die Besucher?

Pfaff: Bei unserem Hygienekonzept waren wir im stetigen und engen Austausch mit dem Gesundheitsamt und der Stadt Köln. Für uns steht die Gesundheit unserer Mitarbeiter und Besucher an erster Stelle, das Kinoerlebnis soll jedoch trotz der Bestimmungen nicht zu kurz kommen. Aus diesem Grund setzen wir bei der Sitzplatzbuchung auf ein dynamisches Schachbrettmuster. Das bedeutet: Bei der Online-Buchung werden die Plätze neben, vor und hinter der Person automatisch blockiert. So kann genügend Abstand zwischen den Besuchern gewahrt werden. Der Cinedom ist zudem mit einer Klima- und Frischluftanlage ausgestattet, sodass Foyer und Kinosäle mit 100 Prozent Frischluft versorgt werden. Dies ermöglicht es uns im Kinosaal ein uneingeschränktes Filmerlebnis – ohne Maske – zu bieten.

medienpolitik.net: Halten Sie die vorgegebenen Einschränkungen, zum Beispiel bei der Sitzplatzauslastung oder der Pflicht, die Karten online zu bestellen, für notwendig?

Pfaff: Gerade den Fokus auf den Online-Verkauf begrüßen und unterstützen wir sehr. Letztendlich ergeben sich daraus zahlreiche Vorteile für unsere Gäste und auch für das Kino: Besucheransammlungen und damit verbundene Wartezeiten am Ticketschalter können intelligent entgegengewirkt werden. Darüber hinaus können wir über das System die besondere Rückverfolgbarkeit gewährleisten, sollte dies nötig sein. Wir folgen hier den Empfehlungen des Gesundheitsamts, um zur Eindämmung der Pandemie beizutragen. Und auch unsere Gäste profitieren: Mit der Kaufabwicklung über das Smartphone können sie Tickets auch direkt darüber abrufen. Die Zusatzkosten für eine Online-Buchung haben wir bereits im vergangenen Jahr abgeschafft.

„Unser Ziel ist es, dass sich die Zuschauer bei uns wohlfühlen und sie ein außergewöhnliches Freizeiterlebnis genießen.“

medienpolitik.net: Wie wollen Sie erreichen, dass das Kino für Interessenten und mögliche Besucher im Bewusstsein möglichst schnell wieder präsent ist?

Pfaff: Wir werden auch in den kommenden Monaten etwa mit dem neuen „James Bond“, „Dune“ oder auch „Venom 2“ den Besuchern eine Vielzahl hochkarätiger Filme bieten. Wir haben in der Zeit der bedingten Schließung und in den ersten Tagen nach der Wiedereröffnung viel positives Feedback von unseren Gästen erhalten, die das besondere Filmerlebnis vermisst haben, das nur das Kino bieten kann. Bereits am Wiedereröffnungstag konnten wir hier vielversprechende Besucherzahlen verbuchen. Unser Ziel ist es, dass sich die Zuschauer bei uns wohlfühlen und sie ein außergewöhnliches Freizeiterlebnis genießen. Sie von der Couch zurück in den Kinosessel locken und die Leidenschaft für Kino neu entfachen – einfach wieder Lust auf Kino machen. Dafür setzen wir künftig auch auf neue Services, sodass die Besucher noch mehr in den Mittelpunkt des Kinoerlebnisses rücken. Dafür arbeiten wir aktuell an neuen Formaten. Auch die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind Themen, die uns beschäftigen. Auch hier sind die Planungen schon weit vorangeschritten.

medienpolitik.net: Wie groß war Ihr wirtschaftlicher Verlust bisher durch die Pandemie?

Pfaff: Der Kinobetrieb kam pandemiebedingt im vergangenen Jahr zwischen März und Juli und seit Anfang November komplett zum Erliegen. In den wenigen Monaten, in denen wir 2020 für unsere Besucher öffnen durften, erzielten wir im Vergleich zu 2019 gerade einmal einen Umsatz von 30 Prozent.

medienpolitik.net: War die bisherige wirtschaftliche Hilfe für Ihr Kino ausreichend, um die Schließung zu verkraften?

Pfaff: Es war eine herausfordernde Zeit, die wir nun hoffentlich hinter uns lassen. Die wirtschaftlichen Hilfen können nicht alle Verluste kompensieren und wurden relativ spät ausgezahlt, doch konnten sie den Betrieb letztendlich so weit absichern, dass eine Fortführung des Unternehmens möglich und die damit verbundenen Arbeitsplätze nicht mehr gefährdet sind.   

medienpolitik.net: Wird die stärkere Nutzung der VoD-Plattformen einen großen Einfluss auf das Interesse an einem Kinobesuch haben wird?
Pfaff: Das Kino wird auch künftig trotz der wachsenden Beliebtheit an Streaming-Angeboten relevant bleiben. Das liegt allein schon am besonderen Filmerlebnis, das nur das Kino bieten kann. Zudem war Kino schon in der Vergangenheit mit konkurrierenden Medien konfrontiert und hat es dennoch geschafft, sich am Markt zu behaupten. Wir sind fest davon überzeugt, dass das Kino gemeinsam mit Streamingdiensten auf dem Markt koexistieren wird. Bild- und tongewaltige Blockbuster werden für den Kinosaal produziert und locken Besucher auch künftig in die Kinosäle. Dieses Erlebnis kann kein Wohnzimmer abbilden. Auch nicht die Auszeit vom Alltag sowie das gemeinschaftliche Erlebnis mit Freunden und Familie, das viele Kinogänger nach wie vor schätzen. Das Smartphone bleibt beim Kinobesuch ausgeschaltet in der Tasche und Besucher können für einige Stunden in neue Welten eintauchen. Auch das sind Argumente, weshalb Kino auch künftig relevant bleiben wird. Die große Nachfrage aktuell und kurz vor dem zweiten Lockdown sowie der Blick in andere Märkte gibt uns Recht und zeigt, dass Kino mit einem attraktiven Filmangebot auch neben Streamingdiensten weiterhin eine beliebte Freizeitbeschäftigung bleibt.

„Wir wollen Besuchern ermöglichen, dass sie sich den Kinobesuch nach ihren Wünschen persönlich, schnell und unkompliziert zusammenstellen können – frei nach dem Konzept „Kino à la carte“.“

medienpolitik.net: Nahezu 15 Monate dauert die Pandemie bereits, zweimal mussten die Kinos vollständig schließen, die andere Zeit konnten sie nur mit weniger Besuchern spielen. Lassen sich aus der Pandemie-Zeit dennoch positive Erfahrungen für die „Normalität“ ableiten?

Pfaff: Gerade in der Pandemie wurde so häufig über Kino gesprochen und berichtet wie schon lange nicht mehr. Das zeigt, dass Kino in der Gesellschaft weiterhin seinen Platz hat und nachgefragt wird. Gerade auch die Rückmeldung unserer Follower auf Social Media zeigt auf, dass sich die Menschen nach neuen Filmen, großen Sälen, bester Bild- und Tontechnik und dem damit verbundenen Kinoerlebnis gesehnt haben. Die Menschen haben es nach Monaten der Einschränkungen satt, Zuhause zu bleiben. Sie sehnen sich nach gemeinsamen Erlebnissen. Von diesem Effekt kann das Kino bei einer Wiedereröffnung profitieren. Gleichzeitig konnten wir die Zwangspause nutzen, um Prozesse zu überdenken und uns neu ausrichten. Das war hilfreich, um gestärkt aus dieser Zeit hervorzugehen.

medienpolitik.net: Inwieweit wird die Pandemie die Kinolandschaft verändern?

Pfaff: Das Kino steht aufgrund der Pandemie an einem Wendepunkt, der auch viele Chancen bietet. Wir müssen mit den Trends und Anforderungen dieser Zeit mitgehen, ohne dabei das Kerngeschäft aus den Augen zu verlieren. Es wird langfristig jedoch nicht ausreichen nur Filme zu zeigen. Bei der Gestaltung des Kinos der Zukunft wird es entscheidend sein, Besucher und ihre Bedürfnisse und Anforderungen mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Automatisierung und Digitalisierung tragen neben der Möglichkeit einer flexiblen und individualisierten Angebotsgestaltung etwa dazu bei, dass Kundenerlebnis vom Ticketkauf auf der Website, über die Vorstellung und bis nach Filmende noch effizienter und attraktiver zu gestalten. Wir wollen Besuchern ermöglichen, dass sie sich den Kinobesuch nach ihren Wünschen persönlich, schnell und unkompliziert zusammenstellen können – frei nach dem Konzept „Kino à la carte“. Ein abwechslungsreiches Filmprogramm, eindrucksvolle Bild- und Tontechnik sowie erstklassiger Komfort und Service bleiben dabei unser Kerngeschäft und zählen zu den Gründen, warum Gäste das Kino besuchen: Sie wollen in neue Welten eintauchen. Ein Kinobesuch muss künftig jedoch mindestens genauso bequem zu realisieren sein, wie der Filmkonsum auf der Couch.

Print article