Norbert Himmler, der letzte ZDF-Intendant?

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Norbert Himmler, der letzte ZDF-Intendant?
Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Die Plattformstrategie ist die entscheidende medienpolitische Herausforderung

05.07.2021. Von Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Wenn Dr. Norbert Himmler im März nächsten Jahres Intendant des ZDF wird, ist er der sechste Intendant dieser öffentlich-rechtlichen Anstalt seit 1962. Er wird möglicherweise auch der letzte Leiter des Zweiten Deutschen Fernsehens sein. Norbert Himmler ist 50 Jahre alt und hat damit die Chance auf drei Amtsperioden mit jeweils fünf Jahren. Wie wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk 2037 aussehen? Werfen wir einen Blick 15 Jahre zurück: Im Februar 2007 hatte Netflix eine Milliarde DVDs verschickt. Und fing dennoch an, sein Geschäftsmodell umzustellen. Als Netflix im Jahr 2007 begann, den Abonnenten Streaming anzubieten, konnten anfangs nicht mehr als 1000 Filme und TV-Shows angeboten werden – 1 % im Vergleich zu seinem DVD-Postversand-Angebot. Heute hat Netflix weltweit 208 Millionen Abonnenten und die Veränderung der Mediennutzung schreitet noch schneller voran. Gegenwärtig diskutieren die Bundesländer über eine Novellierung des Auftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die nächsten Jahre. Inwieweit das allerdings bereits die Weichenstellungen auch für das nächste Jahrzehnt wird, ist zu bezweifeln.

Flexibilität, indem weniger Sender beauftragt werden und eine sogenannte „Plattformstrategie“, die von jedem anders interpretiert werden kann und die Ziele nicht eindeutig definiert, wie es jetzt im Entwurf für den novellierten Auftrag zu lesen ist, reichen nicht aus. Die Dynamik der digitalen Transformation und der Auftrag, der der sich daraus für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ergibt, zum Zusammenhalt der Gesellschaft beizutragen, Brücken zu bauen und Argumente und Fakten gegen Fake News und Halbwissen zu setzen, zwingt mittelfristig zur Präsentation aller Angebote auf einer Plattform. Gleichzeitig wächst in der Gesellschaft die Forderung, diese Aufgabe mit einem gleichbleibenden oder gar sinkenden Rundfunkbeitrag zu erfüllen. Das ist aber nur durch eine stärkere Konzentration der Angebote und Mittel zu erreichen – eben mit einer gemeinsamen Plattform, die zu einem gemeinwohlorientierten Kommunikationsnetzwerk ausgebaut werden kann, wie es die MDR-Intendantin Karola Wille fordert.

Das Bundesverfassungsgericht hat sich im Urteil vom 18.07.2018 dahingehend geäußert, dass dessen Angebot durch die Informationsverbreitung über das Internet nicht infrage gestellt werde. Die Netz- und Plattformökonomie des Internet begünstige Konzentrations- und Monopolisierungstendenzen. Zudem bestehe die Gefahr, dass – auch mit Hilfe von Algorithmen – Inhalte gezielt auf Interessen und Neigungen der Nutzerinnen und Nutzer zugeschnitten werden, was wiederum zur Verstärkung gleichgerichteter Meinungen führe. Angesichts dieser Entwicklung wachse die Bedeutung der dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk obliegenden Aufgabe, durch authentische, sorgfältig recherchierte Informationen ein Gegengewicht zu bilden. Doch diese Aufgabenbeschreibung ist keine quantitative, sondern eine qualitative Herausforderung. Sie impliziert nicht automatisch, dass ARD und ZDF weiter nebeneinander bestehen und ihre Angebote miteinander konkurrieren müssen.

In seiner Bewerbungsrede um das Amt des Intendanten hat Norbert Himmler gesagt: „Das öffentlich-rechtliche System wird nur dauerhaft über große Akzeptanz verfügen, wenn wir an entscheidenden Stellen zukünftig eng zusammenarbeiten. Das gilt sowohl für die schon starke Produktionsgemeinschaft, wie gerade bei der EM erneut zu sehen ist. Das gilt aber auch für die Zusammenarbeit im Bereich der Verwaltung. Ich strebe zudem eine technologische Partnerschaft bei der Weiterentwicklung der Mediathek an. So entsteht ein öffentlich-rechtliches, nutzerorientiertes Streaming-Netzwerk. Gleichzeitig behalten die Partner ihr eigenes Gesicht.“

Das ist eindeutig zu wenig, damit öffentlich-rechtliche Angebote für unsere Gesellschaft auch im nächsten Jahrzehnt relevant sind. Die medienpolitische Debatte um die konkrete Ausgestaltung und das Ziel der Plattformstrategie wird vom neuen Intendanten viel politisches Geschick – über das der Politikwissenschaftler verfügt – Mut und Kreativität erfordern. Schon ein Blick auf die weitere mögliche Beauftragung von Sendern zeigt, vor welcher Herausforderung Norbert Himmler steht: Berücksichtigt man den Vorschlag, auf den sich bisher alle verständigt haben, werden möglicherweise nur das Erste, das ZDF-Hauptprogramm und alle acht Dritte ARD-Programme beauftragt. In Zahlen des Rundfunkbeitrages ausgedrückt, heißt das – nach dem jüngsten Vorschlag der KEF – die ARD erhält 71 Prozent des Beitrages und das ZDF nur 26 Prozent. Bei einer gemeinsamen Plattform steht das ZDF einer ARD-Übermacht gegenüber. Es wird für den neuen ZDF Intendanten nicht einfach, eine engere Partnerschaft und Zusammenarbeit mit dem großen Bruder fair und auf Augenhöhe durchzusetzen. Der Bau weiterer Potemkinscher Dörfer, wie es jüngst mit der Vorstellung der Vernetzungsstrategie der ARD- und ZDF-Mediatheken geschehen ist, wird die Mehrzahl der Bundesländer zudem nicht beruhigen.

„Die medienpolitische Debatte um die konkrete Ausgestaltung und das Ziel der Plattformstrategie wird vom neuen Intendanten viel politisches Geschick – über das der Politikwissenschaftler verfügt – Mut und Kreativität erfordern.“

Im März hatte Heike Raab, Medienstaatssekretärin in Rheinland- Pfalz und Koordinatorin der Rundfunkpolitik der Länder in einem FAZ-Interview gesagt: „Ministerpräsidentin Malu Dreyer, als Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder und ich als Koordinatorin der Rundfunkkommission, sprechen sich schon seit langem für eine einheitliche öffentlich-rechtliche Plattform aus. So verstehe ich auch den Ansatz der MDR-Intendantin, denn die Verlinkung der ARD- und ZDF-Mediathek kann nur ein erster Schritt in diese Richtung sein. Das ist weder ein gemeinsames Netzwerk, noch eine einheitliche Plattform. Die globalen Streaminganbieter konzentrieren ihre Angebote in einer einzigen App, während die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Programme über Dutzende Apps verstreuen. Die Nutzer suchen aber vor allem nach bestimmten Inhalten oder Namen von Serien oder Filmen und nicht nach Sendergruppen. Deshalb muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Distributionsstrategie verändern…Auch Netflix oder Amazon bieten ein unterschiedliches Portfolio, aber es ist alles auf einen Zugriff, auf einer App zu finden. Ich habe schon oft betont, dass ich klar die Modernisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Blick habe. Dabei steht für mich im Vordergrund, dass die Angebote alle Generationen auf den unterschiedlichen Ausspielwegen erreichen müssen. Wenn das gelingen soll, muss sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk permanent fortentwickeln. Die digitale Transformation ist nicht damit erfüllt, dass die nächste Folge des ‚Bergdoktors‘ oder der ‚Charité‘ vorab in der Mediathek abgerufen werden kann. Wir brauchen auch neue Angebote. Natürlich kann und darf das nicht ohne Blick auf die Finanzierbarkeit erfolgen. Modernisierung heißt eben nicht, Altes fortsetzen und Neues hinzunehmen. Beitragsakzeptanz als wichtiges Element der Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems als Ganzes hat neben der inhaltlichen Ebene der Angebote nun einmal auch etwas mit der Höhe des Rundfunkbeitrags zu tun.“

Die Überlegungen von Norbert Himmler, an deren Umsetzung er sich bis 2025 messen lassen will, können ebenfalls nur ein erster Schritt für eine langfristige, realistische Strategie des ZDF sein. Der erste ZDF-Intendant Karl Holzamer hatte das Zweite Deutsche Fernsehen in die Medienordnung der jungen Bundesrepublik erfolgreich integriert. Ein möglicher letzter ZDF-Intendant Norbert Himmler, kann das kreative, gesellschaftspolitische und technologische Potenzial seines Senders in der digitalen Medienwelt verorten, weiter entwickeln und damit lebendig erhalten.

Hier der Wortlaut der Bewerbungsrede Norbert Himmlers vom 2. Juli 2021:

https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/zdf-intendant-himmler-ansprache-fernsehrat-100.html

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