Diversität im Audiomarkt oder warum Audio Zukunft hat

von am 07.09.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Hörfunk, Internet, Medienwirtschaft, Medienwissenschaft, Regulierung

Diversität im Audiomarkt oder warum Audio Zukunft hat
Ruth Meyer, Direktorin der Landesmedienanstalt Saarland (LMS)

Vierter Digitalisierungsbericht Audio zeigt höheres Tempo bei der Ausstattung der Haushalte mit DAB+- Empfängern

07.09.2021. Von Ruth Meyer, Direktorin der Landesmedienanstalt Saarland

In Deutschland wird verstärkt digitales Radio empfangen. Dies geht aus dem aktuellen Digitalisierungsbericht Audio 2021 der Medienanstalten hervor. Die Zahl der DAB+-Radios hat um mehr als 5 Millionen zugenommen und liegt nunmehr bei knapp 21,7 Millionen. Bei gut 8,5 Mio. dieser Geräte handelt es sich um Autoradios. Damit empfängt mittlerweile knapp ein Fünftel der Autoradios über den digital-terrestrischen Standard. Vor dem Hintergrund der Digitalradiopflicht für Neuwagen ist zu erwarten, dass die Digitalisierung des Hörfunkempfangs im Auto in den kommenden Jahren weiter an Fahrt aufnehmen und vor allem DAB+ davon profitieren wird. War noch in den 2010ern Video der Trendsetter, gibt es längst ein spannendes Revival und neues Wachstum im Audiosektor. Woher kommt dieser Trend, wohin kann er führen und wie können wir diesen vielfaltsrelevanten Zukunftsmarkt fördern? So fragt Ruth Meyer, Direktorin der Landesmedienanstalt Saarland, in ihrem Begleittext zum Digitalisierungsbericht, den wir hier nachfolgend veröffentlichen.

Vom Hören

Hören und Sehen, die beiden zentralen Sinneswahrnehmungen, bestimmen unsere Erfassung der Welt. Dem Hören kommt dabei schon entwicklungspsychologisch eine besondere Bedeutung zu: Beim Embryo ist das Ohr das erste Wahrnehmungsorgan, welches sich entwickelt, und die ersten Reaktionen Ungeborener offenbaren sich, wenn ihre Eltern zu ihnen sprechen. Über den dreidimensionalen Hörsinn interpretieren wir nicht nur Geräusche, Stimmen und Laute, sondern auch Frequenzen und Schwingungen. Dadurch vermitteln sich existenzielle Orientierungspunkte, etwa unsere Lage im Raum genauso wie emotionale Sicherheit. Innerhalb der kindlichen Entwicklung ist das Hören von zentraler Bedeutung für die kognitive Entwicklung insgesamt und den Spracherwerb im Besonderen: Längst, bevor wir lernen, uns lesend Texte zu erschließen, gelingt uns dies bereits über die auditive Wahrnehmung. Mit dem Hören von Geschichten, Märchen oder Hörspielen in der Kindheit bleiben intensive Gefühls- und Vorstellungswelten verbunden. Zuhören ist eine aktive kognitive Leistung. Zuhörend erfasste Informationen erreichen unser Bewusstsein schnell und intensiv und lassen parallel Bilder entstehen, die – mal von eigener Erfahrung, mal von eigener Phantasie geprägt – zusammen mit dem Audioeindruck oder der Textinformation oft besonders eindringlich und stimmig sind. Wer sich mit der Nutzung von Medien auseinandersetzt, kommt also kaum um eine Beschäftigung mit dem Hörsinn herum. Es sind genau diese perzeptiven Besonderheiten des Hörens, die Radio und Audiotonträger mit all ihren Genres ausmachen.

Bilderfluten

Im Zuge der Verbreitung des Fernsehens, weit mehr aber noch mit der rasanten Entwicklung der digitalen Medien, getrieben durch die Verfügbarkeit mobiler Endgeräte, ging zunächst die Bespielung der Displays einher. Medien kommen seither vor allem visuell daher. Grafik, Brillanz, Schnitttechnik oder Animationen erzeugen beeindruckende Videowelten und visuelle Feuerwerke – gelegentlich recht losgelöst davon, was der Audiokanal parallel bereits an Fülle liefert. Im optimalen Fall ergänzen sich diese Inputs und führen zu einem vertieften Gesamteindruck oder besseren Verständnis des Inhalts – allzu oft benötigen informative oder unterhaltende Höreindrücke diese reichhaltige Bebilderung jedoch gar nicht oder werden hiervon sogar nachteilig überlagert. Die TV-Nachrichtenforschung der 2000er etwa hat den damals vor allem in privaten Sendern gepflegten effekthascherischen Formaten – wer sich erinnert: komplexe Inhalte, schnell artikuliert, mit Musikteppich hinterlegt, dazu vielfältige Bildelemente – jedenfalls attestiert, dass Anstrengungen, die Sender im Kampf um Bilder betrieben, zwar hohen Aufwand, kaum jedoch einen wirklichen Mehrwert für die Zuschauer bedeuteten.

Fraglos gelingt die Synthese von Text und Bild heute insgesamt deutlich besser, wenn es z.B. darum geht, komplexe Informationen kompakt zu vermitteln. Hilfreich ist hierfür aber auch, dass der Zeitpunkt der Informationsaufnahme zunehmend selbst gewählt werden kann – Wiederholungen eingeschlossen – und dass dank Crossmedialität auf ergänzende oder vertiefende Informationen auf die Homepages der Sender verwiesen werden kann. Zugegeben: Diese Analysen entstammen vorwiegend der Einschätzung von Baby Boomern oder der Generation X, spätestens die Digtal Natives der Generation Z sind mit den multiplen Seh- und Höreindrücken der Multimediawelt groß geworden und bringen völlig andere Erwartungen an die mediale Gestaltung mit. Offensichtlich sind aber gerade sie heute dennoch – oder vielleicht sogar gerade deshalb – von „Audio pur“ fasziniert.

„Konnektivität über soziale Interaktion und gemeinsamen Genuss sowie der allgegenwärtige Zugang zum mobilen Internet sind aktuell die zentralen Treiber für mobilen Audiokonsum.“

Revival der Hörmedien

Mit modernen Medien wird die eingangs beschriebene Eindringlichkeit des Hörens wieder verstärkt, denn der Fokus liegt auf dem Auditiven. Hörbücher, Podcasts, Social Audio und Audio Influencing, Smart Speaker, In Ears, …: Audio-Angebote und -endgeräte überbieten sich an Menge, Funktionalität und Coolness. Kontemplativer, persönlicher und tiefgehender wirken diese Formate und bergen damit auch spezifische Chancen und Risiken hinsichtlich Beeinflussbarkeit, inhaltlicher Qualität, Marktentwicklung, Regulierung oder Medienkompetenz. In den folgenden vier Thesen werden mögliche Ursachen dieses Revivals der Hörmedien skizziert:

• Social Audio kompensiert Cometogether: Das gesprächshafte „Miteinander“ verlagert sich zunehmend auf die virtuelle Ebene – diese Entwicklung wurde zusätzlich gepusht durch Corona.

• Neue Werbemärkte durch Audio Influencing: Marken nutzen auditive Community-Plattformen, da durch sprechend-zuhörende Interaktion die Markenbindung gesteigert werden kann.

• Hören ist das neue Lesen: Auditive Podcasts und Hörbücher florieren, weil sie dank mobiler Endgeräte parallel zu einer Vielzahl von Alltagstätigkeiten konsumiert werden können.

• Qualitativ hochwertiger Bildjournalismus hat seinen Preis: Die Produktion von Bildmaterial ist grundsätzlich kostspielig.

What’s next?

Vieles spricht für ein weiteres Aufleben von #Voice. Medienhäuser entwickeln hierfür derzeit dezidierte Ansätze und auch in der Werbung hält der VoiceTrend wahrnehmbar Einzug. Ob dies gleichzeitig auch mehr Vielfalt bedeutet, bleibt abzuwarten. Konnektivität über soziale Interaktion und gemeinsamen Genuss sowie der allgegenwärtige Zugang zum mobilen Internet sind aktuell die zentralen Treiber für mobilen Audiokonsum. Hinzu kommt der steigende Bedarf nach Individualisierung, der durch Mass Customization im Produktbereich und Targeting im Servicebereich auch in Audio weiter Raum greifen wird. Somit wachsen Nischenmärkte für das Besondere, aber auch neue Handlungsfelder für die Medienaufsicht.

Medienregulierung Audio

Die Bedeutung von Empfehlungen durch Algorithmen wird auch den Audiomarkt durchdringen und deswegen aufmerksam zu analysieren sein. Transparenz und Sorgfaltspflichten als wichtige Pfeiler einer zukunftsorientierten Medienregulierung werden gebraucht, um Vielfalt abzusichern. Unter dem Stichwort „Human Recommendations“ setzen bereits 2021 viele Medienunternehmen auf alternative Empfehlungsmethoden, um User aus ihrer Bubble zu holen. Zurzeit dreht sich die Diskussion in Deutschland im Themenbereich Desinformation viel um sogenannte „Deepfakes“. Audio-Manipulationen und Sprachsynthese sollten dabei nicht unterschätzt werden: Sprache transportiert oft einen Großteil der Information und bietet daher zahlreiche Angriffsmöglichkeiten. Neben den oft diskutierten Deepfakes auf Basis von Sprachsynthese spielen aber auch „Shallowfakes“ eine wichtige Rolle. Sie sind einfach zu erstellen und dennoch oft schwer zu erkennen. Sowohl regulativ als auch durch die kontinuierliche Vermittlung aktueller Medienkompetenz müssen daher die Weichen gestellt werden, damit die öffentliche Meinungsbildung nicht durch derart manipulierte Inhalte Schaden nimmt. Es wäre lohnenswert, sich seitens der Landesmedienanstalten diesen Phänomenen und Zusammenhängen breiter zu widmen. Vielleicht als Schwerpunktthema im nächsten Digitalisierungsbericht.

https://www.die-medienanstalten.de/publikationen/digitalisierungsbericht-audio/digitalisierungsbericht-audio-2021

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