„Wir nehmen den Fuß nicht vom Gas“

von am 12.10.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Gesellschaftspolitik, Journalismus, Medienordnung, Medienpolitik, Privater Rundfunk, Social Media

„Wir nehmen den Fuß nicht vom Gas“
Sven Pietsch, Chefredakteur der Seven.One Entertainment Group

Seven.One Entertainment zieht positive Zwischenbilanz der Informationsoffensive

12.10.2021. Interview mit Sven Pietsch, Chefredakteur der Seven.One Entertainment Group

„Mit der Zuschauerresonanz und Akzeptanz unserer Angebote sind wir sehr zufrieden. Obwohl wir in einer Frequenz und Vielfalt wie noch nie über die wichtigsten politischen Themen vor der Wahl berichtet haben, war das Interesse durchgehend hoch und ist zum Triell sogar noch angestiegen“, so eine erste Zwischenbilanz von Sven Pietsch, Chefredakteur der Seven.One Entertainment Group zur im Frühsommer gestarteten Informationsoffensive. Die positive Resonanz habe bestätigt, dass die Sendergruppe gegenüber den Konkurrenzformaten bestehen könne. Man habe so Zuschauergruppen erreicht, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wenig oder gar nicht nutzten. Informationsformate seien ein wichtiges Standbein von Seven.One Entertainment. Um von den Streamingdiensten und der Konkurrenz unterscheidbar zu sein, müsse man mehr eigenproduzierte Inhalte anbieten, dazu würde auch die aktuelle Informationsberichterstattung gehören. „Zudem sind wir davon überzeugt, dass es Teil des gesamtgesellschaftlichen Auftrages unserer Mediengruppe ist, für die Meinungsbildung in unserem Land, unseren Zuschauern Angebote zu unterbreiten, die über die Magazinformate hinausgehen“, so Pietsch gegenüber medienpolitik.net.

medienpolitik.net: Herr Pietsch, die Seven.One Entertainment Group hatte zur Bundestagswahl eine Informationsoffensive gestartet. Haben die Zuschauer entsprechend mitgespielt?

Pietsch: Mit der Zuschauerresonanz und Akzeptanz unserer Angebote sind wir tatsächlich sehr zufrieden. Obwohl wir in einer Frequenz und Vielfalt wie noch nie über die wichtigsten politischen Themen vor der Wahl berichtet haben, war das Interesse durchgehend hoch und ist zum Triell sogar noch angestiegen. Nicht nur spezielle Sendungen wie „Kannste Kanzleramt?“ oder die „ProSieben Bundestagswahl-Show“, sondern auch unsere Beiträge in den Magazinen wie im „SAT.1-Frühstücksfernsehen“ oder in „Galileo“ waren erfolgreich. Vor allem von den jungen Zielgruppen haben wir sehr viel Aufmerksamkeit und Zuspruch bekommen.

medienpolitik.net: Worauf führen Sie diegroße Resonanz, die anscheinend noch höher war, als von Ihnen erhofft, zurück?

Pietsch: Unser Ziel war es, eigenständige Inhalte so anzubieten, dass sie unsere Zuschauerinnen und Zuschauer in ihrer Lebenswirklichkeit ansprechen und sie sich mit ihren Fragen in unseren Sendungen wiederfinden. Das ist uns offensichtlich gut gelungen. Sowohl die Themen haben grundsätzliches Interesse geweckt, aber auch die Art der Umsetzung hat eine große Resonanz erfahren.

medienpolitik.net: Welches der Vorwahlformate fand das größte Interesse?

Pietsch: Medial und auch bei den Zuschauern natürlich das Triell. Es hat international für große Aufmerksamkeit gesorgt – wir hatten dazu viele Anfragen nach Ausschnitten von nationalen und internationalen Medien. „Kannste Kanzleramt?“ in SAT.1 erreichte sehr viele Zuschauer und hat uns darin bestätigt, dass eine andere Erzählweise auch ein breites Publikum finden kann, ohne unpolitisch zu werden.

medienpolitik.net: Welche Rolle haben Informationen über soziale Plattformen für ihre Strategie gespielt?

Pietsch: Die sozialen Netzwerke spielen bei unseren strategischen Überlegungen, Inhalte zu verbreiten und auf sie aufmerksam zu machen, übergreifend eine große Rolle. Bei unserer Wahlberichterstattung haben wir sie aber besonders intensiv genutzt. Wir haben sämtliche Kanäle bespielt, um unsere „Geh-wählen“-Kampagne zu platzieren und mit 148 Millionen Bruttokontakten sehr viele Menschen erreicht. Mit dem Claim #MachdenUnterschied haben wir gezeigt, dass jede Stimme zählt und vor allem Jung- und Nichtwähler angesprochen.

„Unsere Gesellschaft und die Mediennutzung haben sich verändert und darauf müssen wir mit unserem Programm reagieren.“

medienpolitik.net: Das Triell mit Linda Zervakis und Claudia von Brauchitsch, wurde von den Medien besser bewertet als das von ARD und ZDF. Macht das Mut für künftige politische Angebote?

Pietsch: Den Mut hatten wir schon vorher, doch Mut alleine reicht nicht.Aberdie positive Resonanz hat bestätigt, dass wir gegenüber den Konkurrenzformaten bestehen können. Dieses Triell war das dritte dieser Art und wir haben uns natürlich sehr viele Gedanken gemacht, wie wir bei der Themenauswahl, der Ansprache und der Gesamtpräsentation, noch ein weiteres Mal großes Interesse wecken können. Die Resonanz zeigt: Das haben wir geschafft. Daher macht uns der Erfolg auch Mut, diese politische Positionierung fortzusetzen, aber es bestätigt uns auch in unserem Selbstvertrauen, das wir schon vorher hatten.

medienpolitik.net: Ihre Sendergruppe war in den vergangenen Jahren in Bezug auf politische Formate eher zurückhaltend. Damit haben Sie doch mit der Vielzahl an politischen Formaten auch Neuland betreten?

Pietsch: Unsere Berichterstattung zur Bundestagswahl fand natürlich eine große Aufmerksamkeit, weil das Ereignis selbst ganz Deutschland bewegt. Aber wir haben bereits in den vergangenen zwei Jahren deutlich mehr Dokumentationen und politische Reportagen gesendet als früher. Dazu gehörten Spezials in der Prime Time auf ProSieben und in SAT.1, aufmerksamkeitsstarke Reportagen von Thilo Mischke sowie eine neue Reihe mit Jenke von Wilmsdorff. Auch in den Magazinen haben wir den Anteil politischer Inhalte deutlich erhöht. Diese Entwicklung haben wir mit der Wahlberichterstattung erfolgreich fortgesetzt und ausgebaut.

„Wir wollen Verantwortung übernehmen und ein Gegengewicht zu Desinformationen und Fake News liefern.“

medienpolitik.net: „Am Ende der Vorwahlberichterstattung soll ein klareres Bild stehen: von den drei Kandidaten, ihren Persönlichkeiten, Werten und Zielen, aber auch von Deutschland“, haben Sie gesagt. Ist es ein anderes Bild als das der öffentlich-rechtlichen Sender?

Pietsch: Es ist sicherkein gänzlich anderes Bild, aber es ist eine Ergänzung zu den öffentlich-rechtlichen Angeboten. Diese verfügen über eine Reihe bewährter Formate, mit denen sie einen Teil der Zuschauer erreichen. Wir haben aber neue Aspekte und neue Ansätze in die politische Diskussion eingebracht, die Kandidatin und Kandidaten und die Themen auch anders präsentiert und so ein stimmigeres, sich ergänzendes Bild geboten. Damit haben wir Zuschauergruppen erreicht, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wenig oder gar nicht nutzen.

medienpolitik.net: Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus den Erfahrungen der Vorwahlberichterstattung?

Pietsch: Zum einen bewegt uns die Frage, wie man bei ähnlichen Anlässen, alle für die Zuschauerinnen und Zuschauer relevanten Themen in der zur Verfügung stehenden Sendezeit behandeln kann. So spielte die Außenpolitik weder in den Triellen, noch in anderen Sendungen eine Rolle. Zum anderen fühlen wir uns bestätigt, noch stärker auf eigenständige Inhalte und Formate zu setzen und nicht auf Konzepte, die standardmäßig, in guter Qualität, von den Öffentlich-Rechtlichen geboten werden. Wir möchten für unsere Zuschauerinnen und Zuschauer auch künftig im politischen Bereich unique Ideen entwickeln, die für sie maßgeschneidert sind. Das ist der Leitgedanke für unsere künftige politische Berichterstattung.

medienpolitik.net: Als Sie im Dezember vergangenen Jahres Ihre Pläne für den Aufbau einer eigenen Nachrichtenredaktion und den Ausbau informativer Formate vorstellten, hat das viele verwundert. Wie passt die Erweiterung der politischen Berichterstattung zu einer Entertainment Group?

Pietsch: Es ist ein wichtiges Standbein unserer Sendergruppe.Um uns von den Streamingdiensten und der Konkurrenz zu unterscheiden, müssen wir mehr Local Production, also eigenproduzierte Inhalte anbieten, und das tun wir immer häufiger mit aktueller Informationsberichterstattung. Zudem sind wir davon überzeugt, dass es Teil des gesamtgesellschaftlichen Auftrages unserer Mediengruppe ist, für die Meinungsbildung in unserem Land, unseren Zuschauern Angebote zu unterbreiten, die über die Magazinformate hinausgehen. Die Entscheidung, ab 2023 eigene Nachrichten zu produzieren, war keine Überlegung, um Kosten zu sparen und resultierte auch nicht aus der Unzufriedenheit mit der bisherigen Zulieferung. Es ist für uns eine programmstrategische Aufgabe, Information und damit Public Value und nachrichtlichen Journalismus aus einer Hand anzubieten. Deshalb investieren wir gegenwärtig hier in Unterföhring in einen neuen Campus, in dem 2023 die neue News-Redaktion und die von uns produzierten Magazine ihren Sitz haben werden.

„Es ist für uns eine programmstrategische Aufgabe, Information und damit Public Value und nachrichtlichen Journalismus aus einer Hand anzubieten.“

medienpolitik.net: Als sich ProSiebenSat.1 vor elf Jahren vom eigenen Nachrichtenkanal und einer eigenen News-Produktion getrennt hatte, wurde das mit wirtschaftlichen Zwängen begründet. Was hat sich in dem Jahrzehnt verändert, dass es jetzt zu einem solchem Paradigmenwechsel kommt?

Pietsch: Unsere Gesellschaft und die Mediennutzung haben sich verändert und darauf müssen wir mit unserem Programm reagieren. In einer Gesellschaft, in der immer stärker Partikularinteressen eine Rolle spielen, Menschen sich überwiegend nur noch in sozialen Netzwerk-Gruppen informieren, können wir mit unseren Informationen einen größeren gemeinsamen Nenner bieten. Plus: Wir wollen Verantwortung übernehmen und ein Gegengewicht zu Desinformationen und Fake News liefern.

medienpolitik.net: Den öffentlich-rechtlichen Anstalten stehen jährlich mehr als 8 Mrd. Euro zur Verfügung, auch für ein umfangreiches Informationsportfolio. Wie wollen Sie sich dagegen behaupten?

Pietsch: Die acht Milliarden Euro hätte ich auch gern zur Verfügung, aber wir müssen mit weniger auskommen. Wir haben sehr viele Ideen und Lust auf neue Formate, die sich nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen wiederfinden. Wir können unsere Zielgruppen, vor allem die Jüngeren, spezifischer ansprechen. Ihre Themen, ihre Perspektiven und Zukunftserwartungen spielen in unseren Programmen eine größere Rolle. Zudem sind wir schneller. Dass wir ein drittes Triell machen können, ist wegen voller Terminkalender der Kandidatin und Kandidaten erst relativ spät entschieden worden und wir haben es, inklusive des Studios, innerhalb von fünf Wochen umgesetzt. Das zeigt, dass wir es als kleinerer, aber sehr manövrierfähiger Dampfer, sehr gut mit der Konkurrenz aufnehmen können.

medienpolitik.net: Im März hat die Seven.One Entertainment Group mit der siebenstündigen Echtzeit-Doku zum Pflegenotstand in Deutschland für Aufsehen und viel Lob gesorgt. Ist mit ähnlich spektakulären politischen Sendungen auch künftig zu rechnen?

Pietsch: Noch diesen Herbst zeigen wir neue Reportagen von Thilo Mischke und Jenke von Wilmsdorff in der Prime Time. Anfang November 2021 startet die bereits 13. „Green Seven Week“, in diesem Jahr dreht sich alles um das gesellschaftsrelevante Thema „die Wahrheit über unser Essen“. Für SAT.1 arbeiten wir für den Dezember an einer investigativen Reportage, über die Deutschland sprechen wird. Ich habe selten einen Film gesehen, der mich so betroffen und gleichzeitig so wütend gemacht hat. Sie sehen: Die Berichterstattung zur Bundestagswahl war kein Strohfeuer, wir nehmen den Fuß nicht vom Gas.

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