Den Blick stärker nach Ost- und Mitteleuropa richten

von am 04.11.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Gesellschaftspolitik, Journalismus, Medienordnung, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

Den Blick stärker nach Ost- und Mitteleuropa richten
Prof. Dr. Karola Wille, Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks, MDR

Der Mitteldeutsche Rundfunk sieht sich in einer europäischen Mittlerrolle

04.11.2021. Von Prof. Dr. Karola Wille, MDR-Intendantin

„Europa aus den Fugen?“ haben wir als Fragestellung gewählt. Wer den Anlass für eine solche Frage sucht, musste in den vergangenen Wochen nur einen Blick in die Zeitungen werfen, im Radio und Fernsehen zuhören oder im Internet nachlesen, wie oft die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union miteinander Gesprächsbedarf oder Grund zum Streiten haben. Gerade in den letzten Tagen erleben wir mit Sorge eine Zuspitzung und auch Verhärtung von Auseinandersetzungen, selbst Kriegsrhetorik ist plötzlich wieder zu hören.  Fragt man einen Bauingenieur, was passiert ist, wenn etwas aus den Fugen geraten ist, so wird er nüchtern erklären, dass tragende Bausteine in Mauern oder Fundamenten ihren Zusammenhalt verloren haben und das Konstrukt seine innere Stärke und seinen haltenden Kern verliert.

Kann das unserem europäischen Verbund passieren, an dem viele politische Architektinnen und Architekten über Jahrzehnte geplant, gebaut, umgebaut und erweitert haben? Doch nur dann, wenn der Zusammenhalt verloren gegangen ist, wenn die Fugen sich immer weiter öffnen. Das führt zwangsläufig zur Frage, was denn dem Länder- und Völkerverbund Europa den Zusammenhalt gibt?  Bis heute ist Europas Motto: „in Vielfalt geeint“ eine Idee, die darauf wartet, gelebte und wertgeschätzte Wirklichkeit zu werden. Dabei ist die entscheidende Frage: Wie kann man aus der nationalen europäischen Vielfalt eine Einheit schaffen, in der jede Nation sich in ihrer Individualität entwickelt und zugleich ihre Souveränität soweit zurücknimmt, dass Europa die drängenden Zukunftsfragen gemeinsam bewältigen kann. Die Aufgabe ist heute so groß wie die Zukunftsthemen, die zu gestalten sind.

Das Europa der Aufklärung ist geprägt durch gemeinsame Werte wie Freiheit, Gleichheit, Freizügigkeit und Gerechtigkeit. Seit dem Ende des II. Weltkrieges ist Europa ein beeindruckendes Friedensprojekt. Gerade das friedliche Miteinander ist angesichts der leidvollen Geschichte unseres Kontinents in vergangenen Jahrhunderten keine Selbstverständlichkeit, sondern eine ganz wunderbare Errungenschaft, die es immer wieder zu verteidigen gilt. Die verbindende europäische Freiheitsidee war – ohne dass es dafür in den Ländern einer besonderen Abstimmung zwischen den Menschen bedurft hätte – auch die treibende Kraft für die friedliche Revolution vor rund 30 Jahren. Das Streben der Menschen nach Freiheit begründete eine europaweite Bewegung, die durch gemeinsame Wünsche und Werte, Ideale wie Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit verbunden war. Auch die Freiheit der Medien und die Meinungsfreiheit wurden überall in Ost- und Mitteleuropa laut gefordert. Diese Ideale bilden heute den Kanon der Grundwerte der Europäischen Union für alle Mitgliedsstaaten.

Allerdings stellen sich 30 Jahre später auch Fragen nach den europäischen Bindekräften: Wie tief ist die Identifikation mit den Grundwerten? Sind diese Werte selbstverständlich oder müssen Demokratinnen und Demokraten stärker für sie streiten? Deshalb haben die Bilder so sehr berührt, als am Abend des 12. Juni 2020 die pandemiebedingt aufgestellten Grenzzäune auf der Görlitzer Stadtbrücke durch die beiden Bürgermeister, abgebaut wurden. Die Menschen lagen sich in den Armen, weil sie nicht länger voneinander getrennt waren. Viele fühlten sich erinnert an das Jahr 1989 und an das Niederreißen der Grenzzäune. Und deshalb war es wohl auch ein besonderes, gewolltes Zeichen des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der vor einigen Wochen zum offiziellen Besuch mit einem fahrplanmäßigen EuroCity-Zug nach Prag gefahren ist. Eine Demonstration für ein Europa ohne Schlagbäume.

Der Wert einer Sache wächst mitunter erst dann, wenn man sie verliert oder zu verlieren droht. Gerade wir im Dreiländereck haben besondere Gründe, uns immer wieder auf das hohe Gut offener Grenzen zu besinnen. Ich denke, die Menschen in dieser Region mit ihren Erfahrungen mit einer tiefen gesellschaftlichen und politischen Transformation wissen sehr wohl zu unterscheiden zwischen schwierigen rechtlichen Auseinandersetzungen um die Erfüllung der EU-Verträge und ihren eigenen im Alltag gelebten europäischen Freiheitsidealen. Hier ist die wechselseitige Würdigung von gemeinsamen Werten und zugleich die wechselseitige Würdigung des Andersseins gelebte Realität. Gerade in den Regionen ist es immer wieder gelungen, Vorbehalte und Verletzungen anzuerkennen und sie zu überwinden.

„Wir müssen uns um Gesamtöffentlichkeit kümmern, um einen Diskurs in unserem Land und zwischen den Ländern, der auf den Regeln von Respekt und Toleranz gegenüber der Vielfalt von Meinungen basiert.“

Die Stadtbrücke in Görlitz, die auch Papst-Johannes-Paul-Brücke heißt ist ein Symbol für den gelebten europäischen Alltag. Kaum jemand in dieser Grenzregion will jemals wieder geschlossene Grenzen, nur sehr wenige die Abschottung. Es mag paradox klingen: aber die pandemiegeschuldeten Einschränkungen haben Europa nach meinem Empfinden an der Neiße und im Erzgebirge wieder ein Stück zusammenwachsen lassen. Allen Schwierigkeiten der großen Politik zum Trotz zeigen die Menschen hier, dass die Definition Europas als Vielfalt in der Einheit kein bloßes Lippenbekenntnis ist.

Wir als Mitteldeutsche Rundfunk sehen uns auf Grund unserer Transformationserfahrungen und unserer geografischen Grenzlage in einer besonderen Verantwortung. Als Dreiländer-Anstalt grenzt der MDR 123 km an die Republik Polen und 454 km an die Tschechische Republik. Und in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen teilen wir mit unseren östlichen Nachbarn viele Erfahrungen, nicht zuletzt die des Umbruchs der 80er und 90er Jahre. Deshalb sehen wir uns auch in einer europäischen Mittlerrolle. Publizistische Stimme des Ostens zu sein, heißt für uns auch, den Blick nach Ost- und Mitteleuropa zu richten, denn diese Region hat gesamteuropäisch noch nicht die Aufmerksamkeit, die ihr aus unserer Sicht zukommt.

Vielfalt zeigen ist auch der Auftrag zum inspirierenden gegenseitigen Kennenlernen und Wertschätzen. Und genau deshalb wollen wir die Lebenswirklichkeit der Menschen hier im Dreiländerdreieck mit all ihren historischen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Facetten widerspiegeln und den Menschen im Strom der Veränderungen Orientierungshilfe geben. Denn die Bevölkerung in dieser besonderen Region hat mit großem Mut und unter vielen Opfern erstritten, was Philosophen und Staatsrechtler der Aufklärung theoretisch als konstitutiv erkannt hatten: die Freiheit der Medien, die nicht nur Vielfalt und Diskurs produziert und sichert, sondern auch mit einer Verantwortung für das Gemeinwohl verbunden ist. Mit unseren der Vielfalt verpflichteten Angeboten wollen wir zur freien Meinungsbildung, gesellschaftlichem Zusammenhalt und kulturellem Reichtum mit beitragen, Identität und Heimat vermitteln und das kulturelle Verständnis und Miteinander befördern – selbst, wenn uns manchmal äußere Umstände und Meinungen trennen.

Allerdings bewegt uns die Frage, wie in dieser Zeit Brücken der Verständigung gebaut werden können und das Fundament der europäischen Grundwerte gesichert werden kann. Gerade heute ist Vielfalt bedroht – politisch, ökonomisch und auch technologisch – durch populistische Strömungen, aber auch durch digitale Internetgiganten, für die die Verbreitung von Unwahrheiten ein großes Geschäftsmodell geworden ist. Genau deshalb müssen wir uns um Gesamtöffentlichkeit kümmern, um einen Diskurs in unserem Land und zwischen den Ländern, der auf den Regeln von Respekt und Toleranz gegenüber der Vielfalt von Meinungen basiert. Unsere Arbeit muss die Vielfalt von Perspektiven, Facetten und Einzelheiten des Zusammenlebens erfahrbar und verständlich machen – gerade auf regionaler Ebene. Komplexität auf der Grundlage von Fakten zu erklären bedeutet, Unsicherheit abzubauen. Und auch Europapolitik muss im Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern entstehen. Wir brauchen diese Debatte über die Zukunft Europas national, regional und auch, wie an diesem Orte, auf lokaler Ebene – gerade jetzt!

„Publizistische Stimme des Ostens zu sein, heißt für uns auch, den Blick nach Ost- und Mitteluropa zu richten, denn diese Region hat gesamteuropäisch noch nicht die Aufmerksamkeit, die ihr zukommt.“

Dazu gehört nach unserem Selbstverständnis aber auch, schwierige historische Kapitel der Länder aufzuarbeiten: „Vertreibung. Odsun – Das Sudetenland“, eine Koproduktion zwischen dem MDR und den öffentlich-rechtlichen tschechischen TV-Sender CT, dem ORF sowie ARTE, ist ein Beispiel, wie Offenheit und Bereitschaft zu wahrhaftiger Aufarbeitung von Gewaltherrschaft und Vertreibung im Verhältnis von Deutschen und Tschechen Versöhnung erleichtert.

Auch unsere Ostbloggerinnen und Ostblogger aus Polen, Tschechien, Ungarn, Slowenien und anderen Ost- und Mitteleuropäischen Ländern berichten regelmäßig authentisch und nah am Menschen über die dortigen Entwicklungen in unseren MDR-Angeboten. Es waren die Menschen vor über 30 Jahren, die staatlich kontrollierte Medien in diesen Ländern abgeschafft und vielfältige unabhängige Medien, die die Wirklichkeit nicht verzerren und einseitig darstellen, gefordert hatten. Genau diesen errungenen Freiheitsrechten fühlen wir uns heute umso mehr verpflichtet. Mehr noch: sie SIND unsere Verpflichtung.

Mich freut es deshalb auch sehr, dass wir jetzt zudem etwas geschafft haben, was schon lange auf unserer Wunschliste stand und was noch keine andere Region an deutschen Grenzen geschafft hat: die Eröffnung eines binationalen Studios – und das mitten in der Europastadt Görlitz/Zgorzelec. Kolleginnen und Kollegen von Radio Wroclaw und MDR-Sachsenradio werden sich gemeinsam im MDR-Studio in der Görlitzer Altstadt austauschen und zusammen mit den örtlichen Kolleginnen und Kollegen für das jeweilige Sendegebiet, aber auch beiderseits der Neiße gemeinsame redaktionelle Projekte umsetzen. Zunächst im Radio und im Internet und bald – so hoffe ich – auch im Fernsehen. Das gemeinsame Ziel ist es: die unterschiedlichen Perspektiven der Reporterinnen und Reporter aus Polen und Deutschland zu nutzen, um ein besseres Verständnis für die jeweilige Position zu entwickeln – zum Abbau von Vorurteilen beitragen und differenzierte Blicke auf die großen europäischen Themen zu ermöglichen. Europa lebt mit seinen Werten und seiner Vielfalt, ganz besonders in seinen Regionen.

Aus der Rede der MDR-Intendantin Karola Wille zur Europakonferenz „Europa aus den Fugen? Erfahrungen einer Grenzregion“ am 2. November 2021 in Görlitz

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