„Die europäischen Ambitionen sind das Herzstück unserer Aufgaben“

von am 22.11.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Journalismus, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren

„Die europäischen Ambitionen sind das Herzstück unserer Aufgaben“
Bruno Patino, Präsident von ARTE und Peter Weber, Vizepräsident von ARTE

ARTE will Kooperationen mit europäischen Kulturinstitutionen und TV-Sendern weiter ausbauen

22.11.2021. Interview mit Bruno Patino, Präsident von ARTE und Peter Weber, Vizepräsident von ARTE

ARTE setzt seinen Kurs zu einer europäischen Kulturplattform konsequent fort. So wurde jetzt eine Hauptabteilung für die europäische Entwicklung geschaffen, zu deren Funktion Bruno Patino, Präsident von ARTE, sagt: „Da unsere europäischen Ambitionen im Mittelpunkt unseres Unternehmensplans stehen, war es an der Zeit, uns mit einer Struktur auszustatten, die dieser Herausforderung gewachsen ist und die europäische Entwicklung von ARTE in die großen Prozesse des Unternehmens einbindet.“ ARTE wurde 1991 als deutsch-französischer Kultursender mit europäischem Auftrag gegründet. Gegenwärtig werden mehr als 1000 Programme in sechs Sprachen in ganz Europa, und teilweise sogar weltweit, zur Verfügung gestellt. Mehr als 85 Prozent des Programms sind europäischen Ursprungs. Das Angebot „ARTE in sechs Sprachen”, das mit Unterstützung der Europäischen Union finanziert wird, erreicht 70 Prozent der Europäerinnen und Europäer in ihrer Muttersprache. Dieser Anteil soll weiter erhöht werden und auch weitere TV-Sender als Partner gewonnen werden, beispielsweise der spanischen Sender RTVE, oder in Skandinavien bzw. in den baltischen Ländern.

medienpolitik.net: Wie hat ARTE in den vergangenen Jahren seine Europa-Präsenz ausgebaut?

Weber: ARTE wurde als deutsch-französischer Kultursender mit europäischem Auftrag gegründet. „Der Europäische Kulturkanal” hießen wir im Vertrag, bevor der Name „ARTE“, auf Fanzösisch eine Abkürzung für Association Relative à la Télévision Européenne beziehungsweise „Europäischer Fernsehkanal“ gefunden wurde, mit dem Ziel, Europäerinnen und Europäer durch die Kultur zusammen zu bringen. Dazu bietet ARTE ein Programmangebot, dessen Inhalte über nationale Sichtweisen hinausgehen und die kulturelle Vielfalt Europas darstellt. Das ARTE Nachrichten-Journal, das täglich aus der deutsch-französischen Redaktion in Straßburg gesendet wird, ist dafür ein gutes Beispiel. Um authentische europäische Programme anzubieten, koproduzieren wir außerdem mit zahlreichen Akteuren aus ganz Europa und haben ein Netzwerk mit neun öffentlichen Partnersendern aufgebaut, mit denen wir regelmäßig zusammenarbeiten, angefangen mit dem belgischen Rundfunk RTBF im Jahr 1993.

Auch bei der Verbreitung unserer Inhalte wollen wir die europäische Öffentlichkeit erreichen. ARTE wurde seit seiner Gründung über mehrere Satelliten und Kabelnetze in Europa verbreitet, jedoch „nur“ auf Französisch und Deutsch. Bis 2015 hatten Menschen, die den beiden Sprachen nicht mächtig waren, daher keinen Zugang zu unseren Programmen. Seit 2015 hat ARTE, dank der Möglichkeiten digitaler Technologien, die Grundlagen für ein europäisches Angebot geschaffen, um den Auftrag des Senders noch besser zu erfüllen. So bieten wir heutzutage ein digitales Angebot an Dokumentationen, Magazinen, Musik und Tanz, das neben dem Deutschen und Französischen in vier weiteren Sprachen verfügbar ist: Englisch, Spanisch, Polnisch und Italienisch. Jedes Jahr werden mehr als 1000 Programme in sechs Sprachen in ganz Europa, und teilweise sogar weltweit, zur Verfügung gestellt. Das Angebot „ARTE in sechs Sprachen”, das mit Unterstützung der Europäischen Union finanziert wird, erreicht 70 Prozent der Europäerinnen und Europäer in ihrer Muttersprache. Das europäische Angebot an Autorenfilmen, ArteKino, trägt ebenfalls zur Sichtbarkeit europäischer Werke bei. Im Dezember werden im Rahmen des ArteKino-Festivals zwölf Filme europäischer Regisseurinnen und Regisseure online gezeigt.

medienpolitik.net: Welche Bedeutung hat die europäische Entwicklung für ARTE in den nächsten Jahren?

Patino: ARTE hat heutzutage mehr denn je seinen Blick nach Europa gerichtet. Vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung internationaler Plattformen mit einem Überangebot US-amerikanischer Inhalte, ist es von entscheidender Bedeutung herauszustechen und die europäische Kultur zu fördern und sichtbar zu machen. Die Europäisierung von ARTE folgt der Überzeugung, dass Kultur die Menschen verbindet. Mit seinen hochwertigen Erzählungen und seinem Qualitätsjournalismus kann ARTE eine Schlüsselrolle beim Aufbau eines öffentlichen Raums auf europäischer Ebene spielen. ARTE wird seine europäische Entwicklung weiter ausbauen, um eine führende europäische Kulturplattform zu werden. Das Projekt bildet das Herzstück der Ziele des Senders für die nächsten Jahre: zum einen möchten wir europäische Talente fördern und innovative Programme produzieren, welche die Vielfalt Europas widerspiegeln und gleichzeitig mit unseren Angeboten, die wir noch leichter zugänglich machen werden, ein größeres Publikum in Europa erreichen. Dabei werden wir allerdings die deutsch-französische Basis unseres Angebots nicht vernachlässigen.

medienpolitik.net: Wie groß ist das Interesse weiterer europäischer öffentlich-rechtlicher Sender sich am ARTE-Programm zu beteiligen?

Weber: Wir arbeiten bereits mit einer Vielzahl öffentlicher Sender in Europa zusammen, insbesondere mit öffentlich-rechtlichen Partnern in Europa. Wir wollen auch die Zusammenarbeit mit anderen Sendern weiter ausbauen, beispielsweise mit dem spanischen Sender RTVE, mit dem wir bereits in Kontakt stehen oder Partnern in Skandinavien bzw. in den baltischen Ländern.

„ARTE wird seine europäische Entwicklung weiter ausbauen, um eine führende europäische Kulturplattform zu werden.“ (Bruno Patino)

medienpolitik.net: Welche Überlegungen und Vorhaben gibt es, um die europäische Präsenz im Programm von ARTE auszubauen?

Weber: Die europäische Präsenz in unserem Programmangebot ist bereits sehr stark. Mehr als 85 Prozent unserer Programme sind europäischen Ursprungs. Über institutionelle Partnerschaften mit europäischen öffentlich-rechtlichen Sendern hinaus produzieren oder koproduzieren wir eine Vielzahl von Programmen mit mehreren europäischen Produktionsfirmen und Sendern. Unsere Netzwerke und Kooperationsformen sind vielfältig, beispielsweise die „Saison ARTE Opera“, die mehr als zwanzig Opernhäuser in ganz Europa verbindet und eine monatliche Ausstrahlung von Klassikern, Wiederentdeckungen oder neuen Werken ermöglicht, die in sechs Sprachen online verfügbar sind. Wir möchten noch weitergehen und die Angebote von ARTE Concert noch europäischer gestalten. Im digitalen Bereich sind wir an europäischen Projekten wie der „European Collection” beteiligt. Diese gemeinsame Initiative mit der ARD, dem ZDF, France Télévisions und dem Schweizer Sender SRG SSR, ermöglicht uns eine gemeinsame Auswahl an gesellschaftsrelevanten Themen anzubieten, die auf den Plattformen unserer Partner zu finden sind und vielfältige Sichtweisen auf Themen bieten, die alle Europäerinnen und Europäer beschäftigen.

medienpolitik.net: Gibt es dafür besondere inhaltliche Schwerpunkte?

Patino: Die Beispiele, die Peter Weber angeführt hat, verdeutlichen es sehr gut: Europa ist überall. Sicher ist, dass aktuelle Gesellschaftsthemen sich besonders gut für eine europäische Behandlung eignen. Mit 70 Prozent werden im ARTE Journal hauptsächlich internationale Themen außerhalb Frankreichs und Deutschlands behandelt, darunter 50 Prozent Nachrichten, die Europa betreffen. Es ist wichtig und sehr aufschlussreich, sich anzuschauen, wie große Themen wie Diversität und Gleichberechtigung, die Zukunft unseres Planeten, Wirtschaft, Gesundheit, Bildung usw. in anderen europäischen Ländern behandelt werden. Kino, Fernsehfilme und Serien zeigen ebenfalls die kulturelle Diversität Europas und ermöglichen es, Vorstellungen zu vergleichen und gemeinsame kulturelle Referenzen zu schaffen. ArteKino ist dafür ebenfalls ein gutes Beispiel, weshalb wir dieses Angebot weiter ausbauen wollen. In diesem Zusammenhang möchte ich gerne auf die Kurzfilmkollektion H24 hinweisen, in der europäische Autoren und Schauspieler das Thema Gewalt gegen Frauen aus verschiedenen Perspektiven behandeln, die dem europäischen Publikum über arte.tv in sechs Sprachen zur Verfügung steht.

„Seit nunmehr 30 Jahren beweist ARTE, dass es über die nötige Legitimität und Erfahrung verfügt, um eine europäische Kulturplattform zu betreiben.“

medienpolitik.net: Verliert ARTE nicht mit dieser europäischen Entwicklung seinen Markenkern als „Kulturkanal“?

Patino: Im Gegenteil! Kultur ist das Herzstück des europäischen Projekts. Was wäre Europa ohne Kultur? Und was wäre Kultur ohne Europa!

medienpolitik.net: Es gibt ein ZDFkultur und bald auch ARDkultur. Ist auch ARTEkultur, als Plattform für europäische Kulturinhalte denkbar?

Weber: Aber „ARTEkultur“ gibt es schon! Genau das ist ARTE. Wir sind bereits eine Plattform für europäische Kultur, mit unseren eigenen Inhalten und mit den Inhalten unserer Partner, die wir im Fernsehen oder auf unseren digitalen Kanälen anbieten. Seit nunmehr 30 Jahren beweist ARTE, dass es der Sender ist, der über die nötige Legitimität und Erfahrung verfügt, um eine europäische Kulturplattform zu betreiben.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt die Verbreitung der Angebote über Online-Distributionswege?

Patino: Die Verbreitung ist ein wesentliches und entscheidendes Thema. Wie ich bereits sagte, hat uns die digitale Technologie, in Kombination mit der Möglichkeit der Untertitelung, die Türen nach Europa geöffnet. Wir möchten die nichtlineare Verbreitung unserer Programme in einer Reihe europäischer Länder verstärken. Unsere Online-Angebote ermöglichen uns auch den Zugang zu einem jüngeren Publikum, das wir mit neuen Formaten, die ihren Erwartungen entsprechen, über die Kanäle erreichen können, die sie nutzen. Hervorzuheben ist dabei auch die Präsenz der Angebote von ARTE in den Mediatheken von ARD und ZDF.

medienpolitik.net: Wie ist die Finanzierung gesichert? Mehr Europa kostet sicher auch mehr Geld?

Weber: Die Angebote auf Englisch, Spanisch, Polnisch und Italienisch werden mit Hilfe europäischer Fördermittel kofinanziert. Hier hoffen wir auch auf eine weitere dauerhafte Unterstützung, die das europäische Engagement von ARTE weiter sichert.

medienpolitik.net: Die ARTE-Gruppe hat jetzt eine Hauptabteilung für die europäische Entwicklung geschaffen. Warum? Welche Aufgabe hat diese Hauptverwaltung?

Patino: Das Management dieser europäischen Projekte erfordert per se viel Koordination, sowohl zwischen den Partnern als auch intern, da es sich in den meisten Fällen um transversale Projekte handelt. Da unsere europäischen Ambitionen im Mittelpunkt unseres Unternehmensplans stehen, war es an der Zeit, uns mit einer Struktur auszustatten, die dieser Herausforderung gewachsen ist und die europäische Entwicklung von ARTE in die großen Prozesse des Unternehmens einbindet.

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