„Wir müssen auch produktive Irrtümer zulassen“

von am 09.11.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Gesellschaftspolitik, Kreativwirtschaft, Medienförderung, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Urheberrecht

„Wir müssen auch produktive Irrtümer zulassen“
Sebastian Andrae, Vorstand Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD)

Drehbuchautoren fordern weniger Formatierungsdruck und mehr Experimente bei öffentlich-rechtlichen Sendern

09.11.2021. Interview mit Sebastian Andrae, Vorstand Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD)

Nie war die Nachfrage nach Werken von Drehbuchautorinnen und -autoren größer als heute. Die Bedeutung der Arbeit professioneller Erzählerinnen und Erzähler insbesondere für die Serienproduktion und für innovative digitale Formate steht außer Frage, ihr Berufsfeld erweitert sich rasant. Zur Agenda des VDD, der zentralen Berufsvertretung der Drehbuchautorinnen und -autoren in Deutschland mit inzwischen fast 600 Mitgliedern, zählen Honorarvereinbarungen für den SVOD-Bereich, die dringend notwendige Abkehr vom Formatierungsdruck im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die Fortentwicklung des Urheberrechts sowie die verstärkte Förderung von Autorinnen und Autoren für das Kino bis zur Würdigung auf Festivals, Verbesserungen der Bedingungen im Bereich Kinderfilm, Nachwuchsförderung und Networking – das sind einige Stichworte der Zukunftsagenda des VDD. Wenn man es ernst meine mit Film und Serie als Ausdrucksform, überrasche man das Publikum mit dem Unerwarteten, so der gefragte Drehbuchautor Sebastian Andrae. „Das erzählerisch und filmisch professionell zu formen, ist natürlich ein komplexer Prozess, und hier müssen wir zunehmend auch produktive Irrtümer zulassen. Das ist bisher keine deutsche Stärke. Das Klammern an Bewahrtes und Bewährtes führt zum Verlust an Originalität und letztlich zur Enttäuschung des Publikums. Das schaut dann aber wahrscheinlich längst woanders.“

medienpolitik.net: Herr Andrae, die Rolle der Drehbuchautoren hat in den vergangenen Jahren eine Aufwertung erfahren. Sind Sie mit der Wahrnehmung ihrer Tätigkeit innerhalb der Kreativwirtschaft zufrieden?

Andrae: Wir haben dafür gekämpft, und wir kämpfen weiter: Die Rolle der Erzähler von Serien und Filmen ist nämlich immer schon gleichbleibend wichtig. Sie setzen das Fundament, haben die ersten Ideen und dann zahllose weitere, sie gestalten Charaktere, Handlung, Dialoge … die Wertung und Wahrnehmung, da gebe ich Ihnen recht, ist eine andere geworden. Das hat mit unserer Öffentlichkeitsarbeit zu tun, aber auch mit schärferer Konkurrenz zwischen den Anbietern: Wir müssen Produzenten und Sendern heute den Kampf um die Kreativen nicht mehr erklären, sie sind jeden Tag damit konfrontiert. Zufrieden können wir aber erst sein, wenn diese Klondyke-Stimmung am Markt – es ist eindeutig Gold, was glänzt, aber beim Versuch es zu schürfen, stolpern alle übereinander – einem echten Miteinander auf Augenhöhe gewichen ist. Dann heben wir zusammen auch mehr Schätze.

medienpolitik.net: Die Produzenten beklagen, auch wegen zunehmender Aufträge für Netflix&Co., dass es zu wenige gute Drehbuchautoren gibt. Der Verband hat alleine 600 Mitglieder, herrscht in Deutschland wirklich ein Mangel an Drehbuchautoren für das Fernsehen?

Andrae: Eine seltsame Klage. Es herrschte lange ein Mangel an herausfordernden Aufgaben. Der Trend zur Formatierung im Fernsehen – Mörderhatz an jedem Vorabend, bloß eben in einer anderen malerischen Gegend -, auch der hochentwickelte Sinn mancher Produzenten, die Wünsche des Auftraggebers vorauszuahnen (und damit bereits Gesehenes zu reproduzieren), hat die Horizonte in der Vergangenheit allzu stark begrenzt. Ebenso die Möglichkeit für Autorinnen und Autoren, sich in anderen Genres auszuprobieren. Sie werden aber nicht besser, wenn Sie nicht üben – das ist an der Schreibtastatur nicht anders als am Klavier oder an der Staffelei. Und auch die Potenziale der Könner werden nur sichtbar, wenn man sie auch abruft. Wir erleben jetzt also hoffentlich ein „Erwachen“ und damit eine größere Offenheit für andere Erzählweisen und Stoffe und das Bewusstsein dafür, dass man für ihre Beherrschung dazulernen muss. Die Zuschauer wollen Vielfalt.

medienpolitik.net: Sie plädieren seit Jahren für einen „Paradigmenwechsel in der Stoffentwicklung für Kino und TV“. Was meinen Sie damit konkret? Paradigmenwechsel bedeutet im Allgemeinen eine grundlegende Änderung des Blickwinkels, eine Veränderung der Rahmenbedingungen. Welcher Blickwinkel muss verändert werden?

Andrae: Es müssen vor allem andere Blickwinkel zugelassen werden. Der schlimmste Satz ist: „Das wollen unsere Zuschauer nicht sehen.“ Woher wissen wir das, bevor wir es ihnen gezeigt haben? Dieser Satz hätte, über Jahrhunderte angewandt, den Großteil aller bedeutenden künstlerischen Hervorbringungen verhindert. Und wenn man es ernst meint mit Film und Serie als Ausdrucksform, überrascht man das Publikum mit dem Unerwarteten. Das erzählerisch und filmisch professionell zu formen, ist natürlich ein komplexer Prozess, und hier müssen wir zunehmend auch produktive Irrtümer zulassen. Das ist bisher keine deutsche Stärke. Das Klammern an Bewahrtes und Bewährtes führt zum Verlust an Originalität und letztlich zur Enttäuschung des Publikums. Das schaut dann aber wahrscheinlich längst woanders.

„Eigentlich wäre das öffentlich-rechtliche System perfekt geeignet, wirklich eine Vielfalt von Stimmen abzubilden anstatt sich bloß wieder auf die Suche nach dem alle vereinenden ‚Zeitgeist‘ zu begeben.“

medienpolitik.net: Das FFG und auch die Filmförderung insgesamt sollen reformiert werden. Was soll sich bei der Förderung ändern, damit mehr erfolgreiche Filme oder Serien entstehen können?

Andrae: Konzentration auf wirklich Herausragendes! An die Zuschauer denken! Sie müssen motiviert werden, das Kinoticket zu kaufen anstatt auf dem Handy herumzuspielen oder sich zu Hause das anzuschauen, wofür sie ohnehin schon bezahlt haben! Das wird nicht gehen ohne eine Fokussierung auf ereignishafte Projekte, und dieser Fokus muss mit allen Marketingmitteln geschärft bleiben bis zur Herausbringung. Während das Seriengeschäft vom vitalen Interesse der Streamer profitiert, denn sie schaffen Zuschauerbindung über das spannendste Angebot, bedroht genau diese Tatsache das ohnehin unter Druck stehende Kino. Wer kann es sich als Drehbuchautor leisten, sich drei oder mehr Jahre der Einsicht unterschiedlicher Gremien auszuliefern, wenn er in der gleichen Zeit eine oder sogar mehrere Serien erfinden kann?

medienpolitik.net: Warum betonen Sie eine verstärkte Förderung von Autorinnen und Autoren für das Kino? Werden Autoren, die für das Fernsehen oder VoD-Anbieter arbeiten, schon ausreichend gefördert?

Andrae: Die besten Erzählerinnen und Erzähler drohen dem Kino verloren zu gehen, durch die Schwerfälligkeit und mangelnde Vernetzung föderaler Förderung und auch durch die breite Streuung von Mitteln, die es allen recht machen will und am Ende viel zu wenige erreicht. Reformieren müssen wir auch die schädliche Tradition, die schon auf Filmhochschulen beginnt und Regieberufe hierarchisch über Schreibende setzt – z.B. bekommt die Regieklasse Budgets, die Drehbuchklasse vielfach nicht -, was sich leider auch immer noch bei der Nennung und Einladung auf Festivals niederschlägt. Sichtbarkeit ist aber für alle Talente attraktiv. Im Durchlauferhitzer Fernsehen / VoD hingegen passiert Förderung natürlich anders als in einem subventionierten System. Hier sind die Möglichkeiten des „learning by doing“ in den letzten Jahren eben doch viel breiter geworden.

„Der schlimmste Satz ist: „Das wollen unsere Zuschauer nicht sehen.“

medienpolitik.net: Sie fordern Honorarvereinbarungen für den SVOD‐Bereich. Wie ist die heutige Situation? Wie soll sie sich verändern?

Andrae: Die Vergütung unserer Inhalte auf den Plattformen und in den Mediatheken wurde zum Teil verhandelt, als diese Auswertungsformen noch keine nennenswerte Rolle spielten. Dies verändert sich rasant, es ist ja mittlerweile völlig klar, dass sich der Einschaltimpuls nicht mehr in ein lineares Raster zwingen lässt. Wir wollen, dass ausgewertet wird, wir wollen, dass viel ausgewertet wird – und wir wollen, dass angemessen vergütet wird, auch wenn die Darreichungsformen sich ändern. Wenn Verwerter sagen würden, der nächste letzte Schrei sei die Projektion einer Serie als Unterwasser-Hologramm – bitte gerne, aber auch das muss bezahlt werden.

medienpolitik.net: Bezieht sich Ihre Forderung nur auf die öffentlich-rechtlichen Sender?

Andrae: Nein, der VDD spricht auch mit NETFLIX und demnächst auch mit anderen Streamern. Eine Investitionsverpflichtung der neuen Anbieter, die den deutschen Markt wegen seiner Größe und Vitalität, aber auch wegen der hier tätigen hervorragenden Kreativen übrigens für sehr wichtig halten, wäre ein angemessenes Zeichen der Zeit. Hier stehen wir übrigens Seite an Seite mit den Produzentenverbänden. Ist ja auch mal schön. 

medienpolitik.net: Sie sprechen sich gegen den Formatierungsdruck im öffentlich‐rechtlichen Fernsehen aus. Vereinfacht die Formatierung nicht Ihre Arbeit, da Sie so genau den Sendeplatz und auch die Zuschauerschaft kennen?

Andrae: Einfach ist ja nicht gleich gut – zumindest nicht im künstlerischen Bereich. Trotzdem ist Ihre Frage berechtigt und ebenso die Forderung, dass man genau wissen sollte, für welchen Sendeplatz man schreibt. Es geht uns mehr darum, dass Einheitlichkeit nicht zur Einfalt führen darf, weil Programmschemata eben von Redaktionen leichter „beherrscht“ werden können. Tatsächlich geht es beim filmischen Erzählen häufig um Originalität innerhalb bestehender Muster. Und neben den Mustern sollte man noch etwas anders denken dürfen: Wir regen einen freien öffentlich-rechtlichen Programmplatz an, auf dem wirklich individuell erzählt werden kann. Dafür sollte doch neben -zig Talkshows Platz sein, auch ohne dass Karl Lauterbach einen Cameo-Auftritt pro Serie zugesichert bekommt.

„Die besten Erzählerinnen und Erzähler drohen dem Kino verloren zu gehen, durch die Schwerfälligkeit und mangelnde Vernetzung föderaler Förderung und durch die breite Streuung von Mitteln.“

medienpolitik.net: Einen „Formatierungsdruck“ gibt es auch bei den Privaten. Lässt sich ein lineares Programm, nach Sendeschema ohne Formatierungen erfolgreich gestalten?

Andrae: Ganz ohne Formatierungen ganz sicher nicht. Wie gesagt, wir argumentieren gegen den Exzess des Immergleichen. Natürlich müssen Sendeplätze von Zuschauerinnen und Zuschauern „gelernt“ werden können, aber bestimmte Programme werden vom jüngeren Publikum gar nicht mehr angesteuert. Sie erwarten dort weder unterhalten noch angemessen informiert zu werden, und das hat die Programmplanung auch schon so eingepreist. Übrigens müssen auch die privaten Sender mit einem älter werdenden Publikum rechnen, aber das kann ja nicht heißen, dass man auf Innovationen im Erzählerischen verzichtet.

medienpolitik.net: Wenn ARD und ZDF mehr exklusive Inhalte in die Mediathek stellen, wird der „Formatierungsdruck“ entfallen? 

Andrae: Es ist zu hoffen, dass wieder mehr gespielt werden darf, wenn mehr Spielplätze dazu kommen. Wir bekommen allerdings Rückmeldungen gerade von jüngeren Kolleginnen und Kollegen, dass auch dort viel öffentlich-rechtliche Vorsicht waltet, was man wagen darf und was nicht – wenig überraschend, weil ja das gleiche Personal verantwortlich ist. Eigentlich wäre das öffentlich-rechtliche System perfekt geeignet, wirklich eine Vielfalt von Stimmen abzubilden anstatt sich bloß wieder auf die Suche nach dem alle vereinenden „Zeitgeist“ zu begeben. Der ist auch langweilig. Wir reden darüber aber sehr intensiv mit den Verantwortlichen, wir wollen, dass hier modern und gesamtheitlich gedacht wird, und wir haben den Eindruck, uns wird auch zugehört.

medienpolitik.net: Inwieweit soll das Urheberrecht weiterentwickelt werden? Welche Veränderungen sind aus Sicht der Drehbuchautoren erforderlich? 

Andrae: Das deutsche Urheberrecht ist ein hervorragendes Instrument, in vielem vorbildlich für Europa, und wie alle Instrumente muss es ab und zu gestimmt werden. Die Aushöhlung des Urheberbegriffs durch den Versuch, möglichst viele Kreative gegeneinander auszuspielen, muss dabei unterbunden werden: der Schöpfung des Werks gebührt weiterhin der höchste Schutz. Hier muss die Politik auch dem Druck der Datenkonzerne standhalten, die ihre namenlosen Truppen von Usern ins Feld führen. Ohne Schutz des kreativen Raumes gibt es keine kreativen Leistungen, und wir wollen nicht alle bis ans Ende unserer Tage Vorhandenes samplen. Die Beteiligung an den Erlösen ist daher nicht die aufgehaltene Hand des Bittstellers – sie finanziert diesen kreativen Raum und die Zeiträume, die das Erfinden nun mal braucht. Übrigens wäre es nicht schlecht, wenn der Gesetzgeber sich mal Gedanken machen würde, warum in den Verhandlungen über urheberrechtliche Belange ehrenamtliche Kreative hochbezahlten Juristen auf Verwerterseite gegenübersitzen und warum man hier die Verbände nicht stärker unterstützt.

medienpolitik.net: 2018 Hat eine Gruppe von Drehbuchautoren – „Kontrakt 18“ – unter anderem gefordert, „sämtliche Bearbeitungen des Drehbuchs müssten von seinem Urheber autorisiert werden. Bei der Auswahl des Regisseurs sollten die Autorin oder der Autor ein Mitspracherecht haben.“ Wenn diese Rechte nicht eingeräumt würden, wollten diese Autoren keine Verträge mehr unterschreiben. Die ARD hat diese Leitlinien bisher nicht in die Verträge mit Drehbuchautoren integriert. Was nun? Sitzt die ARD doch am längeren Hebel?

Andrae: Da die meisten der namhaften Unterzeichner von Kontrakt 18 auch Mitglieder des VDD sind, hebeln wir gemeinsam – wir haben auch schon gemeinsame Gesprächsrunden mit der ARD-DEGETO begonnen. Um den von Ihnen eingangs angesprochenen „Rollenwechsel“ zu akzeptieren und im Sinne besserer Formate auch aktiv zu fördern, braucht es in den Fernsehanstalten offenbar ein langfristiges (und manchmal langsames) Umdenken – auch wenn wir uns fragen, warum international akzeptierte Standards in der Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren nicht von allen klar als kreativer Vorteil gesehen werden. Aber ein Supertanker wechselt eben nicht so leicht den Kurs wie ein Segelboot. Zumal er in Zukunft auch noch erneuerbare Energien an Bord haben soll: Audiovisuelle Inhalte als das „Öl der Zukunft“ werden breiter ausgewertet als je zuvor und müssen daher mehr denn je eine nachhaltige Qualität haben. Die bekommen Sie nur dank der besten Erzählerinnen und Erzähler.

Sebastian Andrae

Geboren 1968 in Hamburg, absolvierte er von 1988 bis 1992 das Studium der Geschichte, Germanistik und Jura in Göttingen und wechselte 1992 zum Regiestudium an die Hochschule für Fernsehen und Film München. Zuvor hatte er bereits Theaterstücke veröffentlicht und schloss mit einem Diplom für ein Spielfilmdrehbuch über den Politiker-Umzug von Bonn nach Berlin ab. Seit 2007 ist Andrae Vorstand des Verbands deutscher Drehbuchautoren (VDD. Er war Mitglied mehrerer Fachjurys und der Vergabekommission, der Drehbuchkommission und als Vertreter der Kreativen des Präsidiums der Filmförderanstalt (FFA). Seit 2016 ist er künstlerischer Leiter der Drehbuchklausur des Filmfestivals Kitzbühel. Andrae ist u.a. Träger des Deutschen Fernsehpreises für die beste Comedyserie „Magda macht das schon“ (POLYPHON / RTL), die auch für eine Rose d’Or und mehrfach für den Deutschen Comedypreis nominiert war, sowie des Ersten Preises der Fachjury des Chicago International Children’s Film Festival für seine Familienserie „Tiere bis unters Dach“ (ARD). Zu seinen aktuellen Projekten gehören „Morden im Norden“ und „Der Irland-Krimi“.

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