„Der Modernisierungsprozess ist ein Abenteuer“

von am 20.12.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Journalismus, Medienordnung, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Social Media

„Der Modernisierungsprozess ist ein Abenteuer“
Klaus Brinkbäumer, Programmdirektor des MDR, © MDR/Kirsten Nijhof

Der MDR will 2022 mehr exklusive Angebote für die Mediathek produzieren und das lineare Programm reformieren

20.12.2021. Interview mit Klaus Brinkbäumer, Programmdirektor des MDR

Klaus Brinkbäumer ist seit dem 15. Januar 2021 Programmdirektor des MDR. In einem Interview mit medienpolitik.net verweist er auf Erfolge und Probleme bei der digitalen Transformation. So werde der MDR 2022 eine höhere Anzahl von speziell für die Mediathek entwickelten Angeboten produzieren, aber auch am linearen Programm Veränderungen vornehmen. „Dieser Modernisierungsprozess ist im ganzen Haus spürbar und ein Abenteuer“, so Brinkbäumer. Auf der einen Seite seien die Mitarbeitenden sehr erfolgreich und hätten zurecht ein großes Selbstbewusstsein – der MDR produziert erfolgreich fürs Erste und sende das stärkste dritte Programm –, und auf der anderen Seite führe die Transformation zur Verunsicherung. Der MDR-Programmdirektor sieht in einer möglichen Eingrenzung von Unterhaltungsangeboten durch den neuen Medienstaatsvertrag keine Beschränkungen für seinen Sender, dessen Unterhaltung einen Mehrwert für die Nutzer und damit einen kulturellen Wert hätten und einen respektvollen Umgang mit Menschen transportierten. Der MDR würde deshalb auch die Zusammenarbeit mit Florian Silbereisen gern fortsetzen, der ein sehr junges Publikum zu den Öffentlich-Rechtlichen gebracht habe. Das sei Unterhaltung in einer modernen, leidenschaftlichen und humorvollen Art.

medienpolitik.net: Herr Brinkbäumer, wie gut muss man diese Region kennen, um ein erfolgreiches MDR Programm machen zu können?

Brinkbäumer: Man sollte mindestens neugierig auf die Region sein und sie unbedingt kennenlernen wollen. Ich hätte auf diese Frage gern geantwortet, man müsse die Region natürlich bestens kennen, aber ich kenne sie, bedingt durch die Corona-Pandemie, leider noch nicht so gut, wie ich es gehofft hatte. Es gelingt uns dennoch, ein gutes Programm zu machen – und den Zuspruch für unser Programm kontinuierlich weiter zu steigern.

medienpolitik.net: Wie erreicht man ein „gutes Programm“?

Brinkbäumer: Durch die Kombination eines beständig hohen Grundniveaus mit Höhepunkten, also jenen markanten Inhalten, die lange im Gedächtnis bleiben. Und dies wiederum multimedial, also in der Mediathek genauso wie im linearen Fernsehen. Wir sind exakt planend und zugleich ständig verändernd unterwegs. Wir wollen nahe bei den Menschen des Sendegebietes sein und genau registrieren, was sie bewegt, und dies wiederum in unsere Inhalte zurückführen. Das Resultat finden Sie in allen Nachrichten-Formaten, in Sendungen wie „Fakt ist“, ständigen Schwerpunktthemen und Live-Ereignissen aus dem ganzen Sendegebiet, Sie finden es in der Fiktion, in der Unterhaltung, im Sport. An „MDRfragt – das Meinungsbarometer für Mitteldeutschland“ beteiligen sich bis zu 50.000 Menschen aus dem Sendegebiet, indem sie uns detailliert mitteilen, was sie umtreibt, was sie von politischen Entscheidungen halten, womit sie nicht einverstanden sind. Diese Informationen finden den Weg zurück ins Programm.

medienpolitik.net: Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gehören zu den Hochburgen der AfD. Versagt der MDR hier politisch?

Brinkbäumer: Nein, der MDR ist nicht für politische Entwicklung im Sendegebiet verantwortlich. Wir sind weder das einzige Medienunternehmen, noch sind wir Partei. Wir können keine historischen Prozesse, sowieso keine Kränkungen, auch keine Fehlentscheidungen der Politik kompensieren. Unser Programm wiederum befasst sich kritisch mit dem Erbe der DDR, den negativen Prozessen nach der Wiedervereinigung und widersprüchlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre. In unserem Programm können Sie sehen und hören, dass wir uns nicht wegducken, sondern beispielsweise Äußerungen der AfD auch kritisch einordnen. Diese Partei wird nicht ignoriert, aber der MDR ist keine Plattform für krude Thesen. Und wir lassen falsche Behauptungen nicht stehen.

medienpolitik.net: Sie sagten, der MDR ist nicht für alles verantwortlich. Wie relevant ist der MDR für die Meinungsbildung in Mitteldeutschland?

Brinkbäumer: Sehr relevant. Der MDR macht das erfolgreichste dritte ARD-Programm und hat seinen Marktanteil von 9,5 Prozent im Jahr 2016 auf 10,0 Prozent 2020 kontinuierlich gesteigert. Auch in diesem Jahr werden wir uns wieder verbessern. Das ist ein Zeichen dafür, dass sehr viele Menschen dem MDR vertrauen; ungewöhnlich hohe Zustimmungswerte und eine intensive Kommunikation mit unserem Publikum sind weitere.

medienpolitik.net: Sie messen die Relevanz vor allem an den linearen Reichweitenzahlen?

Brinkbäumer: Nein, nicht mehr, die sind nur ein wichtiger Aspekt. Es ist vorerst noch schwierig, die Relevanz unserer Angebote über sämtliche Verbreitungswege in einer Einheit zusammenzuführen – wir arbeiten daran, aber diese Denkweise ist neu. Wir wollen aber explizit über die Mediathek und andere digitale Wege ein jüngeres Publikum erreichen, das den öffentlich-rechtlichen Rundfunk linear kaum mehr nutzt. Deshalb ist es wichtig, genau zu wissen, wie erfolgreich wir hier sind, wer was wann wie nutzt.

„Der MDR macht das erfolgreichste dritte ARD-Programm und hat seinen Marktanteil von 9,5 Prozent im Jahr 2016 auf 10,0 Prozent 2020 kontinuierlich gesteigert.“

medienpolitik.net: Printmedien messen Relevanz auch an der Anzahl der Zitierungen in anderen Medien. Auch der MDR wird zitiert…

Brinkbäumer: Nun ja, ich weiß, wie fragwürdig solche Statistiken sein können. Da zitiert schon mal das eine Medium das andere und im Gegenzug das andere das eine, und beide haben dann eine Erfolgsmeldung. Wichtiger ist mir, für eine maximale Wirkung unserer Angebote, dass wir die modernen technischen Möglichkeiten für die Information noch besser nutzen. Dazu zähle ich das trimediale Zusammenspiel, den Einsatz von Bewegtbild und Audio oder datengestützte Grafiken. Hier ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk weit und weiter als manche Printverlage.

medienpolitik.net: Meinung wird heute vor allem mit und über soziale Medien verbreitet. Wie kann der MDR hier noch besser und aktiver werden?

Brinkbäumer: Wir versuchen den Dialog über verschiedene Wege zu pflegen und auszubauen. Einige davon, wie „MDRfragt“, hatte ich bereits genannt. Zunehmend wichtig werden für uns die sozialen Medien, und dort können wir noch aktiver und ideenreicher, durchaus auch flink und angstfrei werden. Das ist natürlich auch eine Frage der Kapazitäten und Budgets. Aber wir könnten jüngere Formate wie unser nonlineares Reportageformat „Exactly“ in der Mediathek oder auf YouTube noch stärker verankern, Newsletter teilbar machen oder Podcasts in sozialen Netzwerken verbreiten. Ein Ende der Transformation werden wir vorerst jedenfalls nicht erleben.

medienpolitik.net: Sie hatten mehr innovative Formate angekündigt. Wie ist der Stand?

Brinkbäumer: Wir haben in diesem Jahr mehrere neue Formate wie „Exactly“ produziert, und weitere sind in der Entwicklung. „Exactly“ ist gerade bundesweit aufgefallen mit einer Reportage, wie einfach man an gefälschte Impfpässe kommt – die aktuelle Folge untersucht, wie unterschiedlich die Polizei in Sachsen gegen Corona-Demonstrationen vorgeht. Hoch aktuelle Stoffe, für eine jüngere Zielgruppe, zu der auch die Reporterinnen und Reporter selbst gehören. Dazu kommen neue Streaming-Serien, die Ende des Jahres in die Mediathek gestellt werden, interaktive Hörspiele, die aus der MDR-next-Ausschreibung für innovative digitale Projekte stammen, und neugestaltete Podcasts. Der Gewinner dieses Wettbewerbs „Einsteins Mission to Mars“ wird gemeinsam mit unserer Digitalagentur IDA entwickelt. Im nächsten Jahr werden wir eine höhere Anzahl von speziell für die Mediathek entwickelten Angeboten produzieren, aber auch am linearen Programm Veränderungen vornehmen. Dieser Modernisierungsprozess ist im ganzen Haus spürbar und ein Abenteuer.

„Ein ‚Gesamtangebot für alle‘ bedeutet natürlich auch, die Erwartungen der älteren Zuschauer weiterhin zu berücksichtigen.“

medienpolitik.net: Warum ein Abenteuer?

Brinkbäumer: Auf der einen Seite sind die Mitarbeitenden sehr erfolgreich und haben zurecht ein großes Selbstbewusstsein – der MDR produziert erfolgreich fürs Erste und sendet das stärkste dritte Programm, um das uns manche Anstalten beneiden –, und auf der anderen Seite führt Transformation immer zur Verunsicherung: Wie kann es gelingen, den einen Programmbereich nicht zu beschädigen, während man gleichzeitig Neues entwickelt? Diese Fragestellung verlangt den Mitarbeitern inmitten einer Pandemie viel ab. Ich erlebe dennoch eine große Bereitschaft in den Redaktionen, einen Entdeckergeist, der Freude macht.  

medienpolitik.net: Sie verantworten als Programmdirektor die Information, Unterhaltung und auch Fernsehfilme, Serien und Kinderprogramme, den Sport, die Programmkoordinierung und die Telemedien. Was bedeutet es für den MDR, wenn der Entwurf des Medienstaatsvertrages fordert: „Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben die Aufgabe, ein Gesamtangebot für alle zu unterbreiten.“

Brinkbäumer: Vielseitigkeit ist das Ziel, jetzt geht es darum, auch die Jüngeren stärker zu erreichen. Diese Formulierung „für alle“ verstehen wir als Aufforderung, noch mehr als bisher in der digitalen Welt mit öffentlich-rechtlichen Inhalten Präsenz zu zeigen. Einerseits stehen uns dafür keine höheren Budgets zur Verfügung, andererseits haben wir auch eine Planungssicherheit, die es uns ermöglicht, hochwertiges Programm zu produzieren. So können wir mittel- und langfristig Angebote entwickeln, die sowohl das lineare Programm als auch die digitale Verbreitung stärken. Ich klage gewiss nicht über die Notwenigkeit zu sparen, weil ich aus der privaten Medienwelt weiß, dass die Budgets nirgendwo steigen. Durch einen intelligenten Einsatz des Rundfunkbeitrages können wir das lineare Programm weiterentwickeln, ohne es zu beschädigen. Ein „Gesamtangebot für alle“ bedeutet natürlich auch, die Erwartungen der älteren Zuschauer weiterhin zu berücksichtigen.

„Mit unseren Zulieferungen zum Ersten vertreten wir die Geschichte unseres Sendegebietes, die Haltungen und Erfahrungen der Menschen.“

medienpolitik.net: Unter anderem Sachsen-Anhalt beklagt, dass im ARD-Hauptprogramm zu wenige ostdeutsche Themen präsent seien. Der Vorwurf richtet sich vor allem an den MDR. Was kann hier der MDR mehr leisten?

Brinkbäumer: Ich weiß aus vielen Gesprächen mit Abgeordneten der drei mitteldeutschen Landtage, dass das kein Vorwurf gegenüber dem MDR ist. Oft habe ich den Satz gehört: „Wenn alle so wären wie der MDR, hätten wir kein Problem.“ Allerdings ist auch die ARD längst offen und vielseitig: Bei den „Tagesthemen“ wurde die Rubrik „mittendrin“ eingeführt, für die der MDR viel zuliefert. Dazu kommen von uns „Fakt“, „Plusminus“ und „ttt“, die sich alle auch mit Themen aus Ostdeutschland befassen. Zudem darf man die fiktionalen Produktionen nicht vergessen wie „Charité“, „3 ½ Stunden“, „Wolfsland“ oder auch „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“, alle aus diesem Jahr. Für das nächste Jahr planen wir die Serie „Zerv“, die sich mit Wirtschaftskriminalität im Gebiet der ehemaligen DDR in den Jahren 1990/1991 befasst, bei der das Erbe der DDR-Armee verschleudert werden sollte. „Lauchhammer“, ebenfalls im nächsten Jahr, hat den Strukturwandel in der Lausitz zum Thema. Mit unseren Zulieferungen zum Ersten vertreten wir die Geschichte unseres Sendegebietes, die Haltungen und Erfahrungen der Menschen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in der Programmkonferenz unsere Themenvorschläge aus Mitteldeutschland ohne Vorbehalte akzeptiert werden und auch gute Sendeplätze erhalten.

medienpolitik.net: Aber wird nicht dennoch in den Nachrichtensendungen der ARD weiterhin vor allem über negative Entwicklungen in den neuen Bundesländern berichtet?

Brinkbäumer: Angesichts der Corona-Pandemie, in der die Inzidenzen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sehr hoch sind und es hier zudem zu zahlreichen Demonstrationen gegen Anti-Corona-Maßnahmen kommt, ist es nicht so einfach über positive Aktivitäten zu informieren. Corona beherrscht deutschlandweit die aktuelle Nachrichtenlage. Grundsätzlich liefert der MDR ein breites Spektrum an Informationen von Kultur bis Sport an ARD-aktuell nach Hamburg. Das findet auch alles seinen Sendeplatz. Wir sollten nicht vergessen, dass nur etwa 11 Prozent der Bundesbürger in unseren drei Ländern leben. Unser Anteil an der Berichterstattung ist wahrlich nicht klein.

medienpolitik.net: Nach dem Entwurf des Medienstaatsvertrages haben die „öffentlich-rechtlichen Angebote der Kultur, Bildung, Information und Beratung zu dienen. Unterhaltung, die einem öffentlich-rechtlichen Angebotsprofil entspricht, ist Teil des Auftrags.“ Was ist Ihrer Meinung nach „Unterhaltung, die einem öffentlich-rechtlichen Angebotsprofil entspricht“?

Brinkbäumer: Das sind Unterhaltungsangebote, die einen Mehrwert für die Nutzer, also einen kulturellen Wert haben und einen respektvollen Umgang mit Menschen transportieren. Das können Serien, Filme, Talk-Formate, Ratesendungen, Musiksendungen, Comedy oder Dokusoaps sein. Dazu zähle ich zum Beispiel Formate wie die „Goldene Henne“, bei denen wir Menschen in den Fokus rücken, die etwas Besonderes geleistet haben. Das Spektrum ist weit, und wir wollen es nicht künstlich eingrenzen.

medienpolitik.net: Also gehören Sendungen mit Florian Silbereisen auch weiterhin zum Programm des MDR?

Brinkbäumer: Unbedingt. Sendungen mit Florian Silbereisen sind sehr viel mehr als Volksmusik. Silbereisen hat ein sehr junges Publikum zu den Öffentlich-Rechtlichen gebracht. Das ist Unterhaltung in einer modernen, leidenschaftlichen und humorvollen Art. Also: von mir kein kritisches Wort über Florian Silbereisen. Ich würde die Zusammenarbeit mit ihm gern fortsetzen.

medienpolitik.net: Am 30. Oktober 2023 endet die Amtszeit von Karola Wille, hätten Sie Lust auf das MDR-Intendantenamt?

Brinkbäumer: Die Geschäftsleitung des MDR spielt so vertrauensvoll zusammen, wie ich es kaum zu hoffen gewagt hatte. Das ist wesentlich das Werk von Karola Wille. Ich wünsche mir, dass sie erneut kandidiert und mit großer Mehrheit wiedergewählt wird, und dann stellt sich diese Frage nicht.

Klaus Brinkbäumer ist Programmdirektor des MDR in Leipzig. Brinkbäumer, lebte in den vergangenen Jahren an der amerikanischen Ostküste und war dort „Zeit“-Autor, „Tagesspiegel“-Kolumnist, Podcast-Moderator, Filmemacher und Buchautor. Zuvor war Brinkbäumer 26 Jahre lang beim „Spiegel“. Als Redakteur und Reporter in den Ressorts Sport, Deutschland, Ausland, Gesellschaft schrieb er Reportagen aus Krisengebieten sowie Enthüllungsgeschichten und über 100 Titelstorys. Er wurde Amerika-Korrespondent, Textchef, stellvertretender Chefredakteur und von 2015 bis 2018 „Spiegel“-Chefredakteur sowie Herausgeber von „Spiegel Online“.

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