„KiKA versteht sich als multimedialer Contentanbieter“

von am 05.12.2021 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Dualer Rundfunk, Kreativwirtschaft, Medienordnung, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„KiKA versteht sich als multimedialer Contentanbieter“
Dr. Astrid Plenk, Programmgeschäftsführerin des KiKA

Kinderkanal von ARD und ZDF baut digitale Angebote weiter aus.

05.12.2021. Interview mit Dr. Astrid Plenk, Programmgeschäftsführerin des KiKA

Der öffentlich-rechtliche Kinderkanal plant, seine digitalen Angebote auszubauen. So sollen im nächsten Jahr der KiKA-Player und kika.de stärker auf Grundschüler ausgerichtet werden. Auch das Portfolio für die 10-13-Jährigen werde überarbeitet und konsequenter an die Erwartungen dieser Altersgruppe ausgerichtet und damit profiliert, so Dr. Astrid Plenk, Programmgeschäftsführerin des KiKA, gegenüber medienpolitik.net. Auch wenn sich in den Zielgruppen die Mediennutzung weiter zu den digitalen Angeboten verschiebe, stehe das Lineare immer noch an erster Stelle bei Kindern und Eltern. KiKA ist in seiner Sendezeit von 6:00 bis 21:00 Uhr in mehreren Publikumssegmenten Marktführer und das gehe wesentlich auf unsere lineare Präsenz zurück, sagt Plenk. Eine Nichtbeauftragung, wie durch den neuen Medienstaatsvertrag vorgesehen, führe nicht zur Abschaltung des linearen Programms am 1. Januar 2023. „Wir werden das Programm solange weiter linear verbreiten, wie es unser Publikum auf diesen Weg erreicht und es auch erwartet wird. Entscheidend ist für uns, dass wir zusätzliche digitale Angebote entwickeln können, wenn wir einen Bedarf sehen, ohne dass jedes Mal ein Staatsvertrag geändert werden muss“, so die KiKA Programmgeschäftsführerin.

medienpolitik.net: Frau Plenk, Sie haben in einem Interview vor drei Jahren gesagt: „Das lineare Fernsehen ist für die Kinder nach wie vor eine feste Bank.“ Ist das heute auch noch so?

Plenk: Das lineare Ausspiel ist für den Kinderkanal von ARD und ZDF nach wie vor „eine feste Bank“ und eine wichtige Kontaktfläche mit exzellenten Werten. Natürlich beobachten wir, dass sich in unseren Zielgruppen die Mediennutzung weiter zu den digitalen Angeboten verschiebt, aber das Lineare steht immer noch an erster Stelle bei Kindern und Eltern. KiKA ist in seiner Sendezeit von 6:00 bis 21:00 Uhr in mehreren Publikumssegmenten Marktführer und das geht wesentlich auf unsere lineare Präsenz zurück. Das TV-Programm ist für uns auch der Ausgangspunkt für die digitale Verbreitung. Deshalb ist es wichtig, beide Ausspielwege zu stärken, um möglichst alle Kinder zu erreichen.

medienpolitik.net: Wie hat sich Ihre digitale Strategie in den vergangenen fast vier Jahren verändert?

Plenk: Wir haben diedigitalenKanäle Schritt für Schritt ausgebaut und eigene digitale Formate entwickelt. KiKA versteht sich als multimedialer Contentanbieter und hat die digitale Diversifizierung ausgehend vom linearen Angebot verstärkt, um die Kinder und Jugendlichen zielgenauer ansprechen zu können. Dazu gehören kikaninchen.de und die KiKANiNCHEN-App für die Vorschule. Zudem werden wir im nächsten Jahr den KiKA-Player und kika.de stärker auf Grundschüler ausrichten. Auch das Portfolio für die 10-13-Jährigen wird überarbeitet und konsequenter an die Erwartungen dieser Altersgruppe ausgerichtet und damit profiliert.

medienpolitik.net: Welcher Anteil der KiKA-Nutzung entfällt auf die lineare und welcher auf die digitale Verbreitung?

Plenk: Wir sehen, dass der digitale Abruf deutlich zunimmt. So hat sich dieser Anteil von 2019 auf 2020 um 70 Prozent erhöht und von 2020 zu 2021 erneut um 20 Prozent. Das hängt sicher mit der Corona-Pandemie und der damit verbundenen beschleunigten Veränderung der Mediennutzung zusammen, aber auch mit unseren verbesserten Angeboten. Interessant ist dabei, dass sich die Relevanz der linearen Nutzung dennoch nicht verringert hat, sondern konstant geblieben ist. Nach wie vor wird KiKA über den Fernseher stärker gesehen als über Tablet oder Smartphone. Auch die Verweildauern sind im Linearen im Vergleich zu digitalen Nutzung höher.

medienpolitik.net: Wenn man nur Ihre digitalen Angebote betrachtet, wie groß sind Ihre Chancen, sich damit gegenüber der privaten Konkurrenz zu behaupten?

Plenk: Die exakten Daten der aktuellen Image-Studie liegen erst Anfang nächsten Jahres vor, aber die Ergebnisse sind für uns sehr positiv. So erreichen die digitalen Angebote von KiKA eine hohe Popularität und Bekanntheit. Das deckt sich auch mit vergleichbaren Studien aus den vergangenen Jahren.

„Es ist ein ständiges Abwägen, wie wir unsere Zielgruppen besser erreichen können, aber das geht nur, wenn wir für Neues Bisheriges aufgeben.“

medienpolitik.net: Der KiKA ist unter anderem auf YouTube und Instagram präsent. Sehen Sie eine Möglichkeit, die Verbreitung auf Drittplattformen zu reduzieren und dafür stärker die eigene Plattform, bzw. ARD und ZDF-Mediathek zu nutzen?

Plenk: Unser Fokus ist auf die eigenen Plattformen gerichtet, um diese nutzerfreundlicher und besser auffindbar zu gestalten. Die Kinder sollen nach Möglichkeit in der KiKA-Familie bleiben. Die Drittplattformen sind für uns eine wichtige Ergänzung, um diejenigen zu erreichen, die bisher weniger Kontakt zu den öffentlich-rechtlichen Angeboten hatten. So machen wir im YouTube-Kanal auf unsere Angebote aufmerksam, aber das Gesamtangebot ist ausschließlich auf den KiKA-Plattformen zu finden. Das ist eine Gratwanderung, aber es gelingt uns gut. ARD und ZDF wollen die Partnerkanäle, also auch KiKA, in ihre Mediatheken aufnehmen. Unsere Angebote sind sicherlich eine Bereicherung beider Mediatheken. Aber auch wir werden profitieren, wenn die öffentlich-rechtlichen Angebote netzwerkartig verknüpft sind.

medienpolitik.net: Präsenz auf mehr Verbreitungswegen kostet mehr Geld. Wie finanzieren Sie die zusätzlichen Verbreitungswege?

Plenk: Alle Medienunternehmen bauen gegenwärtig ihre digitalen Angebote aus und sind dabei mit zusätzlichen Kosten konfrontiert. Uns stehen für diesen Prozess keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung, sondern wir müssen mit unserem Beitragsanteil sowohl den linearen Auftrag stärken als auch die digitalen Ausspielwege weiterentwickeln. Als Teil der BIGFive (fünf Bereiche der ARD, die im Digitalen besonders gestärkt werden sollen) ist KiKA zudem von der ARD priorisiert, auf dem Weg unterstützt zu werden. Wir versuchen die verschiedenen Angebote sinnvoll miteinander zu verknüpfen, sodass keine zusätzlichen Kosten entstehen. Darüber hinaus werden Ausgaben innerhalb unseres Budgets umgeschichtet und stärker auf Schwerpunkte fokussiert. Dazu gehört, Inhalte zu streichen, die nicht mehr erfolgreich sind oder uns von überholten Technologien trennen. Es ist ein ständiges Abwägen, wie wir unsere Zielgruppen besser erreichen können, aber das geht nur, wenn wir für Neues Bisheriges aufgeben.

medienpolitik.net: Warum bieten Sie bisher kein eigenes soziales Netzwerk an?

Plenk: Partizipation ist für KiKA ein wichtiges Thema. Teilhabe und Mitsprache sollen bei KiKA auf vielen Ebenen stattfinden, und wir verknüpfen es vor allem mit konkreten Angeboten. Die Kinder werden bereits frühzeitig bei inhaltlichen Fragestellungen einbezogen und können ihr Programm so mitgestalten. Mit einem relaunchten kika.de-Angebot, das im nächsten Jahr starten wird, sollen unsere Nutzerinnen und Nutzer noch unmittelbarer auf unsere Inhalte reagieren und ihre Themen und Meinungen einbringen können. Zudem verfügen wir mit dem „Kummerkasten“ über einen Kommunikationsweg, den Kinder bei Problemen nutzen und wo sie kompetent beraten werden. Wir haben uns die Frage nach einem eigenen Netzwerk auch gestellt, sind aber der Meinung, dass das nicht zu unserer Kernaufgabe gehört und wir damit verbundene Kosten auch nicht rechtfertigen können.

medienpolitik.net: Der KiKA soll nach einem Entwurf der Länder nicht mehr beauftragt werden. Sehen Sie das als Chance oder eher mit Sorge?

Plenk: Die größere Flexibilisierung der Beauftragung ist für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine Chance, die gesamte Bevölkerung noch besser zu erreichen, indem auf die veränderte Mediennutzung schneller reagiert werden kann. Die mediale Welt verändert sich schnell und die Kinder gehören mit zu den Ersten, die Neues ausprobieren und das auch von den Medien erwarten. Wenn wir die Jüngsten weiter erfolgreich ansprechen wollen, müssen wir schneller und flexibler auf deren Bedürfnisse und Wünsche eingehen, dazu haben wir künftig bessere Möglichkeiten.

„Der neue Medienstaatsvertrag bedeutet nicht das Ende des KiKA TV-Programms, sondern er ermöglicht ein Weiterleben in der digitalen Welt.“

medienpolitik.net: Steht diese Flexibilisierung aber nicht im Widerspruch, zu Ihrer Aussage, dass die lineare Verbreitung noch immer eine „feste Bank“ ist?

Plenk: Eine Nichtbeauftragung führt nicht dazu, dass das lineare Programm am 1. Januar 2023 abgeschaltet wird. Wir werden das Programm solange weiter linear verbreiten, wie es unser Publikum auf diesen Weg erreicht und es auch erwartet wird. Entscheidend ist für uns, dass wir zusätzliche digitale Angebote entwickeln können, wenn wir einen Bedarf sehen, ohne dass jedes Mal ein Staatsvertrag geändert werden muss. Der neue Medienstaatsvertrag bedeutet nicht das Ende des KiKA TV-Programms, sondern er ermöglicht ein Weiterleben in der digitalen Welt.

medienpolitik.net: Könnte man das Angebot für die 10-13-Jährigen nicht ausschließlich digital verbreiten?

Plenk: Das ist eine wichtige Frage, die uns auch beschäftigt. Die 10-13-Jährigen nutzen die digitalen Möglichkeiten natürlich aktiver als die Jüngeren. Wir sehen aber auch, dass diese Altersgruppe die TV-Nutzung nicht einstellt, sondern zu bestimmten Zeiten auch das lineare Programm intensiv konsumiert, wenn diese Angebote für ihre Anforderungen maßgeschneidert sind. Ab 20.00 Uhr wird unser Programm von dieser Gruppe sogar stärker eingeschaltet als das von ProSieben oder Sat.1. Unser Ziel ist es deshalb, vor allem ab 20.00 Uhr noch mehr 10-13-Jährige zu erreichen, und gleichzeitig die Vernetzung mit digitalen Inhalten auszubauen.  

medienpolitik.net: Nach der jüngsten ARD-ZDF-Online-Umfrage nutzt die Altersgruppe der unter 50-Jährigen – in der Altersgruppe sind ja die meisten Eltern – das Internet bereits zu 100 Prozent. Das müsste doch Mut machen?

Plenk: Die Meinungen und Erwartungen der Eltern an KiKA sind für uns sehr wichtig, deshalb gibt es auch ein KiKA-Angebot für Erwachsene. Unsere Analysen zeigen, dass die Eltern in Deutschland bei der Mediennutzung konservativer sind als beispielsweise in Skandinavien. Entscheidend ist für uns, dass ein Angebot, für das ein Bedarf besteht, unkompliziert gefunden werden kann, unabhängig vom Verbreitungsweg. Die Nutzung ist in allen Zielgruppen vielfältiger geworden und darauf stellen wir uns ein. Eltern sind für uns wichtige Partner.

Print article