„Trotz Produktionswachstums, sinkende Gewinne“

von am 19.01.2022 in Aktuelle Top Themen, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Medienordnung, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren

„Trotz Produktionswachstums, sinkende Gewinne“
Dr. Christoph Palmer, Geschäftsführer der Produzentenallianz

Aufträge internationaler VoD-Plattformen machen zehn Prozent des deutschen TV-Produktionsvolumens aus

19.01.2022 Interview mit Dr. Christoph Palmer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Allianz Deutscher Produzenten

Die Pandemie 2020 und 2021 hat durch Corona-bedingte Verschiebungen von Produktionen und durch die hohen Hygienekosten die Gewinne der Produktionsunternehmen schrumpfen lassen. Viele Produzentinnen und Produzenten hätten 2020 rote Zahlen geschrieben. Umsatz und Gewinn im vergangenen Jahr, trotz eines Wachstums an Produktionen, hätten diese Verluste aus 2020 nicht ausgleichen können. So die Analyse von Christoph Palmer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Produzentenallianz. Negativ auf die Budgets würde sich auch der Wandel der normalen TV-Produktion zu einer Mediathekennutzung bei den öffentlich-rechtlichen Sendern auswirken. Aufträge von internationalen Plattformen wie Netflix oder Amazon seien für die deutschen Produzenten immer wichtiger und sollen nach Schätzung der Produzentenallianz fast 10 Prozent des Produktionsvolumens für den TV-Bereich erreicht haben. Für solche VoD-Plattformen fordern die Produzenten Investitionsverpflichtungen nach französischen Beispiel. Das würde eine Verpflichtung zu europäischen und in deutscher Sprache gedrehten Produktionen, eine Regelung zugunsten unabhängiger Produzenten und eine Regelung, die die extrem ungleich verteilte Verhandlungsmacht zwischen derartigen, oft weltweit agierenden Milliarden-Unternehmen und den Produzentinnen und Produzenten etwas ausgleicht, bedeuten, erläutert Palmer.

medienpolitik.net: Herr Palmer, wie sind die Produzenten durch das Jahr 2021 gekommen?

Palmer: Im Jahr 2021 dürfte es ein Wachstum an Produktionen gegeben haben. Allerdings nicht zu gleichfalls gewachsenen Erlösen. Denn insgesamt liegt auf den Budgets ein höherer Druck: Einmal durch gestiegene Budgets bedingt durch den Fachkräftemangel sowie durch coronabedingte Schadensfälle Mehrkosten, so beispielsweise die Hygienekosten, die ja nur etwa zur Hälfte von den Sendern getragen wurden. Weiterhin wirkt sich die Substitution der Öffentlich-Rechtlichen von normalen Produktionen hin zu mehr Mediathekennutzungen auf die Budgets und damit die Erlössituation der freien Produktionswirtschaft erheblich aus.
Ein Problem ist für unsere Branche insgesamt weiter das Ausbleiben einer Versicherungslösung, auch nach wiederholten Gesprächen sind die Versicherer nicht bereit eine Lösung für unsere Produktionsbranche anzubieten.
Und ein Thema muss sicher auch genannt werden, das sich weiter zuspitzt: Das ist die gestiegene Nachfrage und Konkurrenz um Talent, die unsere Mitgliedsunternehmen auch in eine besondere Konkurrenzsituation mit neuen Auftraggebern auf dem Markt bringt.

medienpolitik.net: Inwieweit werden sich die zwei Pandemie-Jahre 2020 und 2021 negativ auf die sehr klein strukturierte Produzentenlandschaft auswirken?

Palmer: Die Pandemie hat durch Corona-bedingte Verschiebungen von Produktionen und durch die hohen Hygienekosten die – zum überwiegenden Teil ohnehin schon geringen – Gewinne der Produktionsunternehmen schrumpfen lassen. Viele Produzentinnen und Produzenten haben 2020 rote Zahlen geschrieben. Umsatz und Gewinn in 2021 hat diese Verluste aus 2020 nicht ausgleichen können.

medienpolitik.net: Die TV-Sender sind für einen Teil der Ausfälle durch Drehunterbrechungen und -Abbrüche aufgekommen, zudem wurden die zwei Ausfallfonds gestartet. Wie effektiv waren diese Hilfsmaßnahmen?

Palmer: Bis die Ausfallfonds von Bund und Ländern gegriffen haben, übernahmen öffentlich-rechtliche und private Sender im Durchschnitt etwa 50 Prozent der Mehrkosten, die durch Corona-bedingte Unterbrechungen bzw. Verschiebungen verursacht wurden. Hier trugen die Produzentinnen und Produzenten also einen sehr signifikanten Teil der Kosten selbst. Nach Inkrafttreten der Ausfallfonds I (Kino und High End Produktionen) und II (TV-Produktion) mussten die Produzentinnen und Produzenten in diesen Fällen einen deutlich geringeren Eigenanteil der Mehrkosten übernehmen. AFF I und II werden von der Filmförderungsanstalt und der ILB Brandenburg sehr gut administriert. Insoweit sind die Hilfsmaßnahmen effektiv, auch wenn sie bestimmte Schäden, z.B. im Ausland, nicht oder nur teilweise abdecken.

„Die Fokussierung des Auftrags zu Lasten der Unterhaltungsgenres im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist in der vorgeschlagenen Form nicht sinnvoll.“

medienpolitik.net: Welche Entscheidungen für die Filmwirtschaft 2022 von Bund und Ländern stehen auf Ihrer Prioritätenliste für 2022 ganz oben?

Palmer: Ganz oben steht unsere Forderung nach einer Investitionsverpflichtung der Streaming-Dienste, die auf dem deutschen Markt Umsätze generieren. In Höhe und Ausgestaltung dieser Verpflichtung orientieren wir uns am französischen Beispiel. Ebenfalls sehr weit oben auf unserer Agenda ist die Reform des Medienstaatsvertrags und unser Versuch, dort die Interessen der Produktionsunternehmen zu wahren. Als dritter Komplex stehen bei Bund und Ländern grundlegende Diskussionen zur Reform des FFG und des Fördersystems insgesamt (inkl. BKM-Förderung, DFFF I und II sowie GMPF) auf der diesjährigen Tagesordnung. Weiterhin ist die Behandlung der auch im Koalitionsvertrag genannten steuerlichen Behandlung von Koproduktionen weiter ein ganz zentrales Thema der nächsten Monate. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für diese wichtigen Produktionen müssen rechtssicher gestaltet werden.

medienpolitik.net: Alle TV-Sender-Gruppen bauen ihre Mediatheken aus und haben exklusive Produktionen dafür angekündigt. Kann man davon ausgehen, dass das auch einen Zuwachs an Aufträgen für die deutschen Produzenten bedeutet?

Palmer: Der Ausbau der Mediatheken und der kommerziellen Streaming-Angebote der TV-Sender wird aller Voraussicht nach noch keinen Zuwachs beinhalten. Denn es werden bestehende Mittel für Auftrags- und Ko-Produktionen lediglich anders verteilt. Das Hinzutreten neuer Nachfrager, wie z.B. weiterer in Deutschland aktiver Streaming-Dienste, wie etwa HBO Max, dürfte hingegen zu einem Wachstum des gesamten Produktionsvolumens in Deutschland führen. Die Zuwächse sind allerdings je nach Genre unterschiedlich.

medienpolitik.net: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat einerseits die von der KEF vorgeschlagene Beitragserhöhung weitgehend zugesprochen bekommen, andererseits muss er weiter sparen, um die digitale Transformation zu bewältigen. Müssen sich die Produzenten Sorgen machen, dass künftig weniger Produktionen beauftragt werden?

Palmer: Die Produzentenallianz hat sich bisher in der Öffentlichkeit, bei der Politik und auch bei der KEF selbst für eine angemessene Erhöhung des Rundfunkbeitrags ausgesprochen. Dies werden wir weiter tun. Der Grund dafür, dass künftig voraussichtlich weniger Produktionen von den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern in Auftrag gegeben werden, ist aber auch, dass die Herstellungskosten in den letzten beiden Jahren stark gestiegen sind. Grund für diese Kostensteigerungen sind neben der Pandemie auch die deutlich gestiegenen Kosten für die Löhne und Gehälter der Filmschaffenden.

„Auch Informationssendungen können so trivialisiert und boulevardesk gemacht sein, dass sie eigentlich nicht zum Markenkern der öffentlich-rechtlichen Sender passen.“

medienpolitik.net: Gegenwärtig findet über den Entwurf des neuen Medienstaatsvertrages zur Novellierung des Auftrages eine Online-Anhörung statt. Wie bewerten Sie diesen Entwurf aus Sicht der Produzentenallianz insgesamt?

Palmer: Die Fokussierung des Auftrags zu Lasten der Unterhaltungsgenres im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist in der vorgeschlagenen Form nicht sinnvoll. Hier sollte noch einmal über die Formulierungen nachgedacht werden. Bei der Regelung von Verweildauern von Programmen in öffentlich-rechtlichen Mediatheken muss stärker berücksichtigt werden, dass Produzentinnen und Produzenten in nur teilweise von der Rundfunkanstalt finanzierten Produktionen selbst investieren. Diese Investitionen zurückzuverdienen wird umso schwerer, je länger diese Produktionen in der Mediathek unentgeltlich angeboten werden.

medienpolitik.net: Sie sprachen eben die Unterhaltung bei den öffentlich-rechtlichen Sendern an. Haben Sie dafür Verständnis, um so eine bessere Abgrenzung zu den privaten Angeboten zu erreichen?

Palmer: Wir haben für das Anliegen Verständnis, das ein öffentlich-rechtliches Programm auch ein öffentlich-rechtliches Profil erfüllen muss und bestimmte Sendungen in öffentlich-rechtlichen Programmen nichts zu suchen haben. Allerdings sollte dieses öffentlich-rechtliche Profil anders definiert werden als im Diskussionsentwurf, den die Rundfunkkommission vorgelegt hat und das Profil sollte für alle Sparten und Genres, nicht nur Unterhaltungssendungen, gelten. Auch Informationssendungen können so trivialisiert und boulevardesk gemacht sein, dass sie eigentlich nicht zum Markenkern der öffentlich-rechtlichen Sender passen.

medienpolitik.net: Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung steht: „Mit der Filmförderungsnovelle wollen wir die Filmförderinstrumente des Bundes und die Rahmenbedingungen des Filmmarktes neu ordnen, vereinfachen und transparenter machen, in enger Abstimmung mit der Filmbranche und den Ländern.“ Welche Wünsche und Forderungen fallen Ihnen dazu ein?

Palmer: Zunächst gilt es, die FFA als zentrales Instrument der Förderung in Deutschland auch finanziell abzusichern, denn auch 2022 müssen wir damit rechnen, dass die Einzahlungen der Kinos noch weit hinter früheren Jahren zurückbleiben werden. Außerdem wird es darum gehen, das Fördersystem so weiter zu entwickeln, dass ein Ausgleich dafür geschaffen werden kann, dass eine Reihe von traditionellen Finanzierungsbestandteilen in den letzten Jahren weggebrochen sind: so beteiligen sich etwa die Sender mit immer geringeren Anteilen an der Finanzierung von Kinofilmen und auch die Verleiher zahlen niedrigere Minimumgarantien, da die Recoupment-Möglichkeiten durch das Wegbrechen des DVD-Marktes und ein schleppendes TV-Lizenzgeschäft risikoreicher geworden sind. Aber es gilt nicht nur, den Status Quo ante wieder herzustellen, sondern die Fördermöglichkeiten sind auch so auszubauen, dass es wieder gelingen kann, aus Deutschland heraus auch höher budgetierte Produktionen zu realisieren, ohne die ein breiterer Erfolg deutscher Produktionen im Kino nicht erreicht werden kann. Natürlich wird es erneut auch um die Auswertungskaskade und Holdbacks sowie das Verhältnis von Kino- und Streamingproduktionen gehen. Und schließlich steht für die Produzentinnen und Produzenten erneut eine verbesserte Recoupmentsituation weiterhin auf der Tagesordnung.

„Trotz der vielfältigen Fördermöglichkeiten lassen sich wirklich aufwändige Produktionen aus Deutschland heraus weiterhin kaum realisieren.“

medienpolitik.net: Zudem will die Bundesregierung die Einführung von Investitionsverpflichtungen (von VoD-Plattformen) und steuerlichen Anreizmodellen prüfen. Wer sollte wann zu Investitionen in die deutsche Filmwirtschaft verpflichtet werden und wofür sollten steuerliche Anreize geschaffen werden?

Palmer: Die Förderlandschaft in Deutschland ist vielfältig und hat immer wieder die Realisierung hervorragender, auch international erfolgreicher Produktionen ermöglicht. Der Weg, eine Finanzierung zu schließen, ist jedoch mühsam und zeitaufwändig. Gerade die automatischen Förderungen, wie der DFFF, bleiben in der Förderintensität noch immer hinter den Fördermöglichkeiten in anderen mit uns konkurrierenden Ländern zurück. Und trotz der vielfältigen Fördermöglichkeiten lassen sich wirklich aufwändige Produktionen aus Deutschland heraus weiterhin kaum realisieren. Das führt einerseits zu einem Bedeutungsverlust des deutschen Kinofilms im internationalen Vergleich und andererseits dazu, dass manche große internationale Produktion, die hier realisiert werden könnte, sich für ein anderes Produktionsland entscheidet, und deutsche Serien im Ausland produziert werden. Hier könnte ein steuerliches Anreizmodell, das ohne Kappungsgrenzen einen international konkurrenzfähigen Finanzierungsbeitrag sichern würde, ein wichtiger Baustein sein, um Deutschland als Produktionsland gerade auch für hochwertige und hochbudgetierte Produktionen wieder vermehrt ins Spiel zu bringen.

Die Investitionsverpflichtung sollte entsprechend dem französischen Beispiel in Deutschland eingeführt werden. Das heißt eine Verpflichtung zu europäischen und in deutscher Sprache gedrehten Produktionen, eine Regelung zugunsten unabhängiger Produzenten und eine Regelung, die die extrem ungleich verteilte Verhandlungsmacht zwischen derartigen, oft weltweit agierenden Milliarden-Unternehmen und den Produzentinnen und Produzenten etwas ausgleichen. Damit wird die Vielfalt des Angebots bei Streaming-Diensten für das deutsche Publikum langfristig und nachhaltig sichergestellt.

medienpolitik.net: Wie wichtig sind Aufträge von internationalen Plattformen wie Netflix oder Amazon für die deutschen Produzenten?

Palmer: Diese Aufträge werden immer wichtiger und sie dürften nach unserer Schätzung schon fast 10 Prozent des Produktionsvolumens für den TV-Bereich erreicht haben. Der genannte Prozentsatz zeigt aber auch, dass die deutschen TV-Sender – einschließlich ihrer On-Demand-Angebote bzw. Mediatheken – noch die Hauptauftraggeber der deutschen audiovisuellen Produktionslandschaft sind – mit großem Abstand. Unabhängig vom Volumen hat aber auch ihre Bereitschaft, kreativ neue Wege zu gehen das Ökosystem der Produktion belebt.

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