„Wir brauchen Unternehmergeist und Mut zu neuen Wegen“

von am 25.01.2022 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

„Wir brauchen Unternehmergeist und Mut zu neuen Wegen“
Christian Sommer, SPIO und Christine Berg, HDF Kino

Verbände der Filmwirtschaft fordern die Branche zu mehr Geschlossenheit und eigenen Zukunftsstrategien auf

25.01.2022. Fragen an Christian Sommer, Präsident der SPIO und Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino

„Die digitale Wertschöpfung konzentriert sich zunehmend bei den großen Plattformen. Die Marktmacht global agierender Unternehmen, wie Facebook und Google, ist durch die Pandemie noch gestiegen. Die Branche steht vor der zentralen Herausforderung, dieser Entwicklung eigene Vorstellungen entgegenzusetzen“, so Christian Sommer, Präsident der SPIO. Nur wenn es den filmwirtschaftlichen Betrieben und Verbänden gelinge, ihre Kräfte zu bündeln, könnten sie die Entwicklung der Branche beeinflussen. Als Beispiele nannte Sommer die stärkere Orientierung auf „Nachhaltigkeit“: Eine überschießende Regulierung würde dem Filmstandort Deutschland schaden. Ein zweites Feld sei der Fachkräftemangel.

Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino erwartet ein politisches Commitment zum „Wiederaufbau“ der Kulturstandorts Deutschland nach eineinhalb Jahren Pandemie. Dazu sei ein starkes Investitionsprogramm erforderlich. Außerdem fordert der HdF Kino einen stärkeren Fokus auf den publikumsstarken, deutschen Film – und zwar auf Kinoproduktionen, nicht nur auf Serien- bzw. TV-Formate.  

Christian Sommer, Präsident der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO):

medienpolitik.net:  Herr Sommer, vor welchen wichtigen Herausforderungen steht Ihre Branche 2022?

Sommer: Die großen Zukunftsfragen unserer Branche wurden zwei Jahre lang durch die alles überlagernde Pandemiesituation in den Hintergrund gedrängt. Corona wird die Situation der Filmwirtschaft auch im neuen Jahr prägen. Wie stark Corona die Filmbranche auch nachhaltig verändern wird, hängt auch von Umfang der finanziellen Mittel ab, die der Staat als Überbrückungs- und Anschubfinanzierung zur Verfügung stellen wird. Doch wir dürfen auch die eigentlichen Weichenstellungen für die Zukunft nicht aus dem Auge verlieren. Die digitale Wertschöpfung konzentriert sich zunehmend bei den großen Plattformen. Die Marktmacht global agierender Unternehmen, wie Facebook und Google, ist durch die Pandemie noch gestiegen. Die Branche steht vor der zentralen Herausforderung, dieser Entwicklung eigene Vorstellungen entgegenzusetzen.  

Die Filmwirtschaft wird geprägt von einer vielfältigen unternehmerischen Struktur: vom Kleinstunternehmen bis zum integrierten Konzern. Diese Mischung ist Garant für Innovation und Schutz vor Monopolstrukturen und überdies ein Wesensmerkmal der gesamten Kreativbranche. Es wird nicht nur in der Filmwirtschaft darauf ankommen, gemeinsame Antworten zu finden, die alle Branchenteile angemessen an den Nutzungen und Vorteilen ihrer Werke und Innovationen beteiligt. Der Schlüssel dazu ist klar: Dialog.

Gefragt ist ein intensiver Dialog mit der Politik, aber auch innerhalb der Film- und Kreativbranche. Es wird für alle Weichenstellungen entscheidend sein, ob die Filmwirtschaft die Kraft und Vision hat, gemeinsam die Zukunft zu gestalten. Wenn jeder für sich die großen Zukunftsfragen angeht, werden die Antworten anderswo gefunden. Nur wenn es den filmwirtschaftlichen Betrieben und Verbänden gelingt, ihre Kräfte zu bündeln, werden wir die Entwicklung der Branche beeinflussen können.

Im Koalitionsvertrag ist ein Branchendialog angekündigt. Klar ist: es müssen diejenigen mit am Tisch sitzen, die den wirtschaftlichen Erfolg im Auge haben. Nur so können mutige Lösungen diskutiert werden, die das Potential der Branche heben. Wir brauchen Unternehmergeist und Mut zu neuen Wegen. 

„Nur wenn es den filmwirtschaftlichen Betrieben und Verbänden gelingt, ihre Kräfte zu bündeln, werden wir die Entwicklung der Branche beeinflussen können.“

An zwei Herausforderungen wird das besonders deutlich. Erstens beim Thema Nachhaltigkeit: Die Unternehmen der Filmbranche – angefangen bei der Produktion über die Dienstleister und Sender bis zu den Kinos – haben in den vergangenen Jahren grüne Maßnahmen umgesetzt. Die hier gewonnenen Erkenntnisse sind die beste Grundlage, um zu praxistauglichen und effektiven Regelungen zu kommen. Eine überschießende Regulierung schadet dem Filmstandort Deutschland. Die Folge wären Produktionsverlagerungen ins Ausland und damit kein Gewinn für den Klimaschutz. Die richtige Balance aus regulatorischer Rahmensetzung und Investitionsförderung kann die Betriebe zu den effektivsten Treibern in Sachen Nachhaltigkeit machen – und der Filmstandort Deutschland damit auch international Maßstäbe setzen.

Zweitens beim Thema Fachkräfte: Die Filmbranche bietet Perspektiven für Menschen mit unterschiedlichsten Qualifikationen und Fähigkeiten. Wie kaum eine andere Branche bietet sie Chancen für den Quereinstieg. Gerade in der Produktion bietet sie Aufstiegschancen, und nicht nur der technologische Fortschritt führt zu neuen Berufsbildern. Gleichzeitig fehlt schon heute in wichtigen Positionen geeignetes Personal. Die Branche geht diesen Fachkräftemangel mit eigenen Ausbildungs- und Weiterbildungsangeboten an. Auch hier geht es um Rahmenbedingungen, welche die notwendige Flexibilität oftmals projektbezogener Arbeit erlauben.

medienpolitik.net:  Was erwarten Sie an medienpolitischen Entscheidungen und Initiativen für Ihre Branche im Jahr 2022?

Sommer: Auf der europäischen Ebene wird besonders deutlich, dass es der vereinten Anstrengung der Filmwirtschaft auch in Zusammenarbeit mit anderen Kreativbranchen bedarf, um der Lobbymacht der globalen Plattformen etwas entgegenzusetzen. Der Digital Services Act (DSA) soll dringend notwendige Verbesserungen bei der Rechtsdurchsetzung bringen. Stattdessen droht auf den letzten Metern der Verhandlungen, dass durch die EU-Gesetzgebung die Verantwortung insbesondere von großen Plattformen noch weiter reduziert wird. Die Kreativwirtschaft muss darum kämpfen, dass der DSA nicht gute Errungenschaften der EU-Rechtsprechung zu Nichte macht. Die SPIO wird sich weiter für bessere Rahmenbedingungen für legale und nachhaltige Geschäftspraktiken einsetzen.

Auch das zweite große EU-Gesetzespaket, der Digital Markets Act (DMA), geht 2022 in die entscheidende Phase. Gerade eben hat der Trilog begonnen, d.h. die Verhandlungen des Parlamentes mit Kommission und Rat. Bei der Definition der Zusatzdienste hat das EU-Parlament nachgebessert. Diese breitere Definition gilt es, auch im finalen Gesetzestext zu verankern, damit marktbeherrschende Plattformen besser in die Pflicht genommen werden können.

Mit dem Medienänderungsstaatsvertrag zu Auftrag und Strukturreform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind ebenfalls weitreichende Folgen für die Filmwirtschaft verbunden. Denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ein wichtiger Auftraggeber und Partner der Filmwirtschaft.  Auch der öffentliche-rechtliche Rundfunk hat sich an die digitale Transformation anzupassen und muss auf das veränderte Mediennutzungsverhalten reagieren. Die Länder stehen jedoch in der Pflicht, bei Auftrag und die Strukturreform in einem viel stärkeren Maße als in der Vergangenheit auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der vor- und nachgelagerten Märkte Rücksicht zu nehmen. Eine Ausweitung und Flexibilisierung des Auftrags darf nicht auf Kosten anderer Wirtschaftsteilnehmer geschehen. Wenn nicht sichergestellt werden kann, dass jeder neue Ausspielweg oder jedes neue Telemedienangebot, besonders über Drittplattformen, und eine höhere Verweildauer entsprechend vergütet werden, muss ein Rücksichtnahmegebot explizit im Staatsvertrag vorgesehen werden.  

„Die Marktmacht global agierender Unternehmen, wie Facebook und Google, ist durch die Pandemie noch gestiegen.“

Neben dem oben diskutierten Branchendialog sollten auch die beiden im Koalitionsvertrag verankerten Prüfaufträge für eine Investitionsverpflichtung und insbesondere ein steuerbasiertes Fördermodell rasch angegangen werden. Die Filmwirtschaft ist ein globaler Wachstumsmarkt. Die Nachfrage nach Content und insbesondere nach hochwertigen Filmen wird weiter steigen. Hier steht Deutschland auch in einem Wettbewerb mit anderen internationalen Medienstandorten. Deshalb kommt es darauf an, die Rahmenbedingungen so auszugestalten, dass Deutschland als Medien- und Filmstandort international attraktiv wird und gleichzeitig die deutsche Filmwirtschaft diese Chancen besser nutzen kann. Vorschläge der Branche, wie die Unabhängigkeit und Vielfalt gestärkt werden kann, liegen auf dem Tisch. Der Prüfauftrag, wie das bestehende Fördersystem mit zusätzlichen Investitionsanreizen ergänzt werden kann, ist hier der richtige Weg und sollte schnell umgesetzt werden.

2022 wird auch das Jahr, in dem wir die Debatte um das Filmförderungsgesetz wieder aufnehmen. Das Verlängerungsgesetz hat für eine kurze Atempause gesorgt. Jetzt ist klar, dass wir unter Pandemiebedingungen die nächste Novelle angehen müssen. Die Renovierung unseres bestehenden Fördersystems ist überfällig, auch weil die oben genannten weiteren Instrumente selbst bei einer zügigen Umsetzung nicht über Nacht zur Verfügung stehen werden. Neben den ergänzenden Maßnahmen wollen wir also die Filmförderung weiter verbessern. Es wird um Nachhaltigkeit gehen und um Fachkräfte, um die Auswertungskaskade und Erlösbeteiligungen, kurz: In diesem einen Gesetz kommen alle Herausforderungen zusammen. Deshalb gilt gerade hier: Es kommt auf den Dialog an.

Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino:

medienpolitik.net: Frau Berg, vor welchen wichtigen Herausforderungen steht Ihre Branche 2022?

Berg: Wir benötigen eine langfristige Strategie zum Umgang mit der Pandemie, denn sie wird uns ja noch über einen längeren Zeitraum begleiten. Außerdem müssen wir den Besuchern noch stärker verdeutlichen, dass die Kinos durch ihre hohen Sicherheits- und Hygienestandards sichere Orte sind. Damit geht einher, dass wir natürlich die Gäste, die seit Beginn der Pandemie gar nicht mehr im Kino waren, wieder für den Kinobesuch begeistern müssen.

Weitere wichtige Themen in diesem Jahr werden das Vorantreiben der Digitalisierung, das Thema „Green Cinema“ sowie Maßnahmen zur Behebung des Fachkräftemangels sein. Es gilt, mehr Menschen für eine berufliche Tätigkeit im Kinoumfeld zu begeistern.

„Wir benötigen ein politisches Commitment zum ‚Wiederaufbau‘ der Kulturstandorts Deutschland nach eineinhalb Jahren Pandemie.“

medienpolitik.net: Was erwarten Sie an medienpolitischen Entscheidungen und Initiativen für Ihre Branche im Jahr 2022?

Berg: Wir benötigen ein politisches Commitment zum „Wiederaufbau“ der Kulturstandorts Deutschland nach eineinhalb Jahren Pandemie. Hierfür fordern wir ein starkes Investitionsprogramm.

Außerdem fordern wir einen stärkeren Fokus auf den publikumsstarken, deutschen Film – und zwar auf Kinoproduktionen, nicht nur auf Serien- bzw. TV-Formate. Dazu streben wir einen stärkeren Schulterschluss zwischen den Produzenten und den Kinos an. Des Weiteren wünschen wir uns eine offene Debatte über das FFG der Zukunft.

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