„Die Palette an Risiken ist breit“

von am 22.02.2022 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Games, Jugendmedienschutz, Kreativwirtschaft, Medienrecht, Medienwirtschaft, Regulierung

„Die Palette an Risiken ist breit“
Dr. Marc Jan Eumann, Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) und Direktor der Medienanstalt Rheinland-Pfalz

Medienanstalten prüfen Verstöße gegen den Jugendmedienschutz bei Games

22.02.2022. Interview mit Dr. Marc Jan Eumann, Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) und Direktor der Medienanstalt Rheinland-Pfalz

Die Landesmedienanstalten haben bei ihrer regelmäßig durchgeführten Schwerpunktuntersuchung erstmals jugendschutzrelevante Aspekte von Online-Games breit beleuchtet. So haben sie – auch im Auftrag der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) – fast 400 Spiele aller Genres gesichtet und dokumentiert. Genreübergreifend wurden drei zentrale Problemfelder identifiziert: unterschiedliche Alterseinstufungen bei unterschiedlichen Stores, Kostenrisiken und die Förderung exzessiver Nutzung. Auch auf inhaltlicher Ebene wurden Verstöße entdeckt, unter anderem Pornografie und Darstellungen von Minderjährigen in unnatürlich geschlechtsbetonten Körperhaltungen. Die Medienanstalten haben knapp 70 Spiele vertiefend geprüft. In 47 Fällen wurde ein Anfangsverdacht auf einen Verstoß gegen die Bestimmungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags (JMStV) gesehen. Eine Erkenntnis der Untersuchung ist, dass sich Alterseinstufungen für dieselben Spiele zwischen den verschiedenen Plattformen unterscheiden. In vielen Fällen sind die Altersangaben auch zu niedrig. Fragen an Dr. Marc Jan Eumann, Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) und Direktor der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz, zu den Konsequenzen, die sich aus der Untersuchung ergeben.

medienpolitik.net: Herr Eumann, welche Rolle spielen Online-Spiele und Spiele-Apps spielen im Medienalltag von Kindern und Jugendlichen? Wie ist die Nutzung im Vergleich zu anderen Medien?

Eumann: Games sind aus dem Alltag von Kindern und Jugendlichen nicht mehr wegzudenken: 72 Prozent der 12- bis 19-Jährigen spielen regelmäßig, der Durchschnitt liegt bei knapp zwei Stunden täglich. Bei Jungen dieser Altersgruppe stehen Spiele sogar auf dem vierten Platz der Mediennutzung. Games machen Spaß und Spielen ist oft auch lehrreich. Aber natürlich gibt es auch Schattenseiten und auf diese haben die Landesmedienanstalten mit ihrer Schwerpunktanalyse geschaut. Die Nutzung steigt seit einigen Jahren zum Beispiel kontinuierlich an. Der Anteil der exzessiven Nutzer hat sich im Vergleich zu 2019 verdoppelt. Damit gehen natürlich Probleme einher. Auch wenn die Entscheidung kontrovers war: Dass die Weltgesundheitsorganisation Online-Spielsucht 2018 in ihren Katalog für medizinische Diagnosen (ICD-11) aufgenommen hat, hat durchaus Gründe.

medienpolitik.net: Sie sagen in der Pressemeldung: „Unsere Analyse hat deutlich gemacht, dass Risiken bei Games vielfach leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind.“ Worin bestehen diese „Risiken“?

Eumann: Unsere Analyse zeigt, dass die Risiken sehr vielschichtig sind. Es gibt viele Spiele, die inspirieren, die Inhalte vermitteln, Geschicklichkeit trainieren; einfach gute Spiele, die keine problematischen Elemente enthalten. Es muss aber leider nicht lange gesucht werden, um problematische Elemente zu finden. Hier ist die Palette an Risiken ist breit: Das geht von fehlender Orientierung für Erziehende, Pädagogen und Kinder durch unklare und teils zu niedrige Alterseinstufungen, bis hin zur Förderung der exzessiven Nutzung durch verschiedene Spielelemente. Dazu kommen problematische Inhalte wie Pornografie, Hakenkreuze und NS-Liedgut, die wir in Spielen entdeckt haben.

medienpolitik.net: Inwieweit verstoßen drei zentrale Problemfelder Alterseinstufungen, Kostenrisiken und exzessive Nutzung gegen bestehende gesetzliche Regelungen?

Eumann: Die Schwerpunktanalyse liefert erste Beobachtungen, die aber keine pauschalen Aussagen zulassen. Inwieweit Verstöße gegen die gesetzlichen Regelungen vorliegen, ist immer im Einzelfall zu prüfen. Unabhängig von Einzelfällen ist es aber wichtig, dass Anbieter sich grundsätzlich ihrer Verantwortung bewusst sind und entsprechend handeln. Damit meine ich sowohl Stores und Plattformen als auch Spiele-Unternehmen und -Entwickler. Verantwortung übernehmen heißt im Zweifel auch mehr zu tun, als gesetzlich vorgeschrieben ist – zum Beispiel, indem man wirksame technische Schutzmechanismen entwickelt und einsetzt. Bei einigen Anbietern klappt das sehr gut. Bei anderen leider nicht. Auch darauf wollen die Medienanstalten mit ihrer Schwerpunktanalyse aufmerksam machen. Und es ist immer gut, wenn sich Anbieter der Freiwilligen Selbstkontrolle anschließen. So kann unser bewährtes System der regulierten Selbstregulierung am besten greifen.

„Es muss leider nicht lange gesucht werden, um problematische Elemente zu finden.“

medienpolitik.net: Welches sind Ihre Hauptkritikpunkte bei Games in Bezug auf den Jugendschutz?

Eumann: Spiele sollen Spaß machen, nicht verstörend und desorientierend sein. Es gibt in der Games-Branche vorbildliche Anbieter, die um einen guten Jugendmedienschutz bemüht sind, aber auch einige, bei denen noch Luft nach oben ist. Wir erwarten insbesondere von den schwarzen Schafen der Games-Branche mehr Engagement und Initiative. In enger Abstimmung mit der USK, der freiwilligen Selbstkontrolleinrichtung für Games, werden wir nun Einzelfälle und systematische Probleme angehen.

medienpolitik.net: Die Studie hat festgestellt, dass es keine verlässlichen Alterskennzeichnungen bei Games auf den verschiedenen Plattformen gibt. Werden diese Alterskennzeichnungen allein von den Plattformen vorgenommen? Existieren dafür keine grundsätzlichen Festlegungen?

Eumann: Ich will voranstellen, dass korrekte und übereinstimmende Alterseinstufungen Orientierung bieten. Erziehende, Pädagogen und Minderjährige wissen dadurch, woran sie sind. Mit Blick auf unsere Untersuchung müssen wir zwischen den Plattformen unterscheiden. Der Playstore hat sich der USK angeschlossen. Er verwendet deutsche Altersstufen, die durch das IARC-System (International Age Rating Coalition) vergeben werden. Das heißt die Anbieter füllen einen Fragebogen aus und erhalten ein Alterskennzeichen nach deutschen Jugendschutzstandards. Beim größten Konkurrenten, dem App Store, hingegen erfolgt die Alterskennzeichnung nicht gemäß der in Deutschland üblichen Alterseinstufungen, sondern nach einem anderen System (4+, 9+, 12+, 17+). Das allein sorgt schon für Probleme: Wie sollen sich Erziehende orientieren, wenn dasselbe Spiel auf zwei Geräten unterschiedlich bewertet ist? Dazu kommt, dass die Altersstufen des App-Stores deutschen Nutzern schlicht nicht geläufig sind.

„Es gibt in der Games-Branche vorbildliche Anbieter, die um einen guten Jugendmedienschutz bemüht sind, aber auch einige, bei denen noch Luft nach oben ist.“

medienpolitik.net: Warum führt die USK die Alterskennzeichnungen nicht auch bei Online-Games durch?

Eumann: Die USK ist Mitglied der International Age Rating-Coalition (IARC). Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss verschiedener Institutionen zu einer internationalen Alterseinstufung von Games und Apps. Anbieter von Spielen und Apps müssen dann einen Fragebogen über jugendschutzrelevante Aspekte ihres Angebots ausfüllen. Diese Angaben führen dann zu einem Kennzeichen, das den Jugendschutz-Standards vor Ort entsprechen soll. Hier in Deutschland liegt diese Aufgabe bei der USK. IARC funktioniert im Großen und Ganzen aus unserer Sicht sehr gut. Gerade in den letzten Jahren hat sich noch einmal viel getan. Natürlich kann es immer auch Schwachstellen geben – so wie wir auch bei der Schwerpunktanalyse Probleme ausgemacht haben. Die besprechen wir jetzt mit der USK und so werden wir es in Zukunft auch halten. Das Problem ist: IARC kann natürlich nur funktionieren, wenn die großen Stores sich dem System auch anschließen bzw. es benutzen. Und das ist nicht immer der Fall – leider auch bei einer der größten Plattformen.

medienpolitik.net: Was geschieht mit den Spielen, bei denen Sie Verstöße gegen den Jugendschutz festgestellt haben?

Eumann: Insgesamt wurde in 47 Fällen ein Anfangsverdacht auf einen Verstoß gegen die Bestimmungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags (JMStV) festgestellt. Wir prüfen jeden dieser Fälle und leiten, wenn nötig, ein Verfahren ein. Auch wenn sich viele Anbieter schon um einen guten Jugendmedienschutz bemühen, hat die Analyse gezeigt, dass hier noch ein weiter Weg vor uns liegt. Gemeinsam mit den Erziehungsberechtigten, den Anbietern, Plattformen und der Freiwilligen Selbstkontrolle tragen wir als KJM die Verantwortung dafür, dass Kinder und Jugendliche uneingeschränkten Spaß beim Spielen haben.

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