Es geht um ein Bekenntnis zum Kino

von am 08.02.2022 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

Es geht um ein Bekenntnis zum Kino
Thomas Hacker, Medienpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag

Es ist richtig, die Berlinale teilweise in Präsenz zu ermöglichen

08.02.2022. Von Thomas Hacker, Medienpolitischer Sprecher der Fraktion der Freien Demokraten im Deutschen Bundestag

Am Donnerstag startet die 72. Berlinale – in Präsens und allem, was dazu gehört: Eröffnungsgala, Filmstars und Francois Ozons „Peter von Kant“ als französischen Premierenfilm. Wer die letzten Tage einen Blick in die Feuilletons geworfen hat, muss unmittelbar den Eindruck bekommen, die Festival-Verantwortlichen sind mit ihrem Ja zur Durchführung wahnsinnig geworden. Kann man ein internationales Festival veranstalten, während Omikron die Pandemie neue Rekord-Inzidenzen lehrt? Meine Meinung ist klar: ja, das kann man. Dabei geht es nicht, wie manche Journalisten dem Festival jetzt vorwerfen, um „Zynismus“, „alte Machtfragen“ oder „selbstgerechte Privilegien“ (taz). Es geht um ein Bekenntnis zum Kino!

Die Internationalen Filmfestspiele Berlin gehören zu den weltweit renommiertesten und bedeutendsten Festivals der Filmbranche. Mit der jährlich wechselnden internationalen Jury, der Verleihung der Goldenen wie Silbernen Bären und zahlreichen begleitenden Filmsektionen und -märkten ist das Filmfestival neben Cannes (Frankreich), Venedig (Italien), Toronto (Kanada) oder dem Sundance Filmfestival (USA) seit seinem Beginn 1951 zu einem der bedeutendsten jährlichen Treffen der Filmbranche weltweit avanciert. Die Berlinale stärkt den Film- und Kulturstandort Deutschland, gibt ihm internationale Anerkennung und Relevanz, fördert innovative Filmproduktionen „Made in Germany“, schafft neue Perspektiven und leistet einen wichtigen Beitrag zum interkulturellen Austausch.

Frühere Festivalbeiträge wie beispielsweise Fatih Akins „Gegen die Wand“ oder „Chihiros Reise ins Zauberland“ (Hayao Miyazaki) tragen in ihrer künstlerisch-kreativen Vielfalt seit Jahren zu wichtigen gesellschaftlichen wie kulturellen Debatten bei, öffnen neue Horizonte und schaffen auf der Leinwand wichtige Begegnungen mit fremden Kulturen. Die diesjährige Berlinale wird mit ihren 256 Filmen dem in nichts nachstehen. Die aktuellen Festivalbeiträge sind wichtig und es ist notwendig, dass Sie prominent gesehen, erlebt, gefühlt und beworben werden. Der künstlerische Leiter der Berlinale, Carlo Chatrian, hat die richtigen drei Worte zur Beschreibung der Berlinale und der diesjährigen Filmauswahl gefunden: Liebe, Dialog, Humor! Liebe, Dialog, Humor – all das sind Dinge, die jeder von uns braucht, die es wert sind gezeigt und gefühlt zu werden.

„Gerade in der anhaltenden Pandemie ist es wichtig ein Zeichen für die Bedeutung des Films für den Kultur- und Wirtschaftsstandort Deutschland zu setzen.“

Zu meinem starken Bekenntnis zur diesjährigen Berlinale, ist mein Plädoyer in pandemischer Sicht ebenfalls eine eindeutige Bejahung des Festivals. Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian zeigen mit der Berlinale, wie verantwortungsvoll und sicher Kultur auch in Zeiten von Omikron durchgeführt werden kann. Mit 256 Filmen an insgesamt 10 Tagen, von denen lediglich vier klassische Publikumstage sind, wird deutlich, dass das Programm im Gegensatz zu 2019 erheblich reduziert wurde. Als 2G-Plus-Veranstaltung mit zusätzlicher Masken- und Testpflicht und Begrenzung der Kapazitäten in den beteiligten Lichtspielhäusern (grundsätzliche Reduktion der Platzkapazitäten auf 50 Prozent mit Schachbrettmuster) soll zumindest ein Teil des Festivals in Präsenz ermöglicht werden. Gerade in der anhaltenden Pandemie ist es wichtig ein Zeichen für die Bedeutung des Films für den Kultur- und Wirtschaftsstandort Deutschland zu setzen. Als medienpolitischer Sprecher habe ich in der letzten Wahlperiode die Studien zur Ansteckungsgefahr in Kinos gesehen und die Kinos mit ihrem Öffnungswunsch unterstützt. Kinos und Kinosäle sind und waren nie Treiber der Pandemie. Dann wird es auch die Berlinale nicht sein. Klar ist auch: durch Absage des European Film Markets ist ein Wettbewerbsnachteil gegenüber Venedig und Cannes bereits entstanden. Abseits des filmischen und pandemischen Geschehens darf die politische Dimension eines solchen Filmfestivals nicht unberücksichtigt bleiben. Der neue Deutsche Bundestag muss mit gewandelten Konsumgewohnheiten im Medienbereich umgehen und das Filmfördergesetz wieder einmal neu austarieren. Zugleich zeigt sich, dass sich die Faszination Kino nicht allein durch den Trend zu Streaming-Angeboten in einem grundlegenden Veränderungsprozess befindet und sich neue Distributionswege herausgebildet haben. Damit die deutsche Filmbranche wie ihre ausländischen Mitbewerber im internationalen Wettbewerb bestehen kann, braucht es relevante Plattformen und Ausspielwege und Ausspielorte, um auch künftig Blockbuster an Traditionsstandorten wie in Potsdam-Babelsberg oder in der Bavaria Filmstadt zu produzieren und im europäischen Standort- und Förderwettbewerb zu bestehen. Als Ampel wollen wir dafür die entscheidenden politischen Grundlagen legen. Ich möchte auch einräumen, dass die Möglichkeit eines hybriden Festivals sicher zum Wohle der Berlinale beigetragen und neue interessierte Zuschauerinnen und Zuschauer (insbesondere in Pandemie-Zeiten) gefunden hätte – zumindest diesen Kritikpunkt kann ich nachvollziehen. Wenn es Sundance vormacht, kann es für die Berlinale nicht falsch sein.

Print article