„Eine digitale Heimat für Kultur“

von am 23.03.2022 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Gesellschaftspolitik, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienordnung, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Eine digitale Heimat für Kultur“
Jana Brandt, Programmdirektorin des MDR und Kulturkoordinatorin der ARD, Foto: Stephan Flad

Der MDR hat die Kulturkoordination der ARD übernommen und will den Kulturbegriff in allen Facetten beleuchten

23.03.2022. Interview mit Jana Brandt, Programmdirektorin des MDR und Kulturkoordinatorin der ARD

Ende November 2021 hatten die ARD-Intendantinnen und Intendanten beschlossen, dass die ARD-Kulturkoordination vom Bayerischen Rundfunk zum MDR wechselt. Die MDR-Programmdirektorin Jana Brandt hat damit die Koordination der gemeinschaftlichen Kulturformate für Das Erste sowie für „ttt“, Social Media, die Kuratierung der ARD Mediathek für Kulturangebote sowie für ARD Kultur übernommen. Die neue Gemeinschaftseinrichtung ARD Kultur startet in diesem Jahr in Weimar. Das Online-Portal soll künftig alle kulturellen TV- und Hörfunk-Angebote der ARD-Anstalten vereinen. Gegenüber medienpolitik.net stellt Jana Brand klar, dass es in der ARD keinen Bann über russische Kreative gäbe, kein schwarz-weiß-Denken. „Wir bemühen uns um eine differenzierte, konkrete Sicht, sowohl auf den Künstler als auch auf das kulturelle Ereignis“, so die neue ARD-Kultur-Koordinatorin. Während der Pandemie war Kultur im Programm „viel unmittelbarer, direkter und oft auch live vertreten“. „Kultur“ habe sich bisher vor allem als Berichterstattung über die Kultur verstanden. Während der Corona-Pandemie fielen aber viele Konzerte, Theateraufführungen usw. aus, Galerien und Museen waren geschlossen. Damit wurden die für Kultur zuständigen Redakteurinnen und Redakteure Brückenbauer zu den Künstlern, um deren Ideen und kreative Kompetenz für das Programm weiter zu nutzen.

medienpolitik.net: Frau Brandt, welche Rolle spielt der Ukraine-Krieg in der Kulturberichterstattung der ARD?

Brandt: Der Krieg in der Ukraine trifft uns alle unmittelbar, weil er Grundüberzeugungen des Zusammenlebens in Europa und der internationalen Politik über den Haufen wirft. Insofern ist dies natürlich zunächst ein Thema der Aktualität – und zugleich ist Kultur immer auch ein Spiegel der aktuellen Debatten, sie entsteht ja häufig auch aus der Auseinandersetzung mit den Konflikten der jeweiligen Zeit. Insofern ist auch Krieg historisch schon immer ein Thema in Kunst und Kultur. „ttt – titel, thesen, temperamente“, das ARD-Kulturmagazin, war eine der ersten Sendungen, die über das Thema Kunst und Ukraine-Krieg berichtet haben. In der Themenwelt Kultur der ARD Mediathek gibt es unter dem Label „Krieg in der Ukraine – wie die Kultur dagegen hält“ eine große Sammlung mit Dokumentationen, Reportagen aus und über die Ukraine aus dem Ersten sowie den Kulturmagazinen der Landesrundfunkanstalten. Auch in anderen Formaten wie z.B. „Brisant“ wird nicht nur über die aktuelle Situation informiert, sondern auch über entsprechende künstlerische Aspekte, wie zum Beispiel über die Situation der Künstler in der Ukraine, Solidaritätskonzerte für die unter dem Krieg leidende Bevölkerung oder die Haltung russischer Künstler. Viele ARD Klangkörper reagieren ebenso. Der MDR veranstaltet beispielsweise an diesem Freitag ein Friedenskonzert in Leipzig, das auch übertragen wird. Ähnliche Konzerte organisieren auch die anderen ARD-Anstalten, nehmen Sie z.B. das Benefizkonzert des hr-Sinfonieorchesters, das sich mit der Aufführung der Europahymne an die Seite der Ukraine gestellt hat.

medienpolitik.net: Sie sprachen die russischen Künstler an. Viele treten regelmäßig im Westen auf. Ignoriert die ARD jetzt diese Künstler, werden sie vielleicht aus der Mediathek verbannt?

Brandt: Die Antwort auf diese Frage, ist sehr vielschichtig.Der MDR hat sich entschieden, dass russische Künstler und Künstlerinnen weiterhin Teil des Programms sind, allerdings verbinden wir ihre Auftritte zumeist mit einer Erläuterung, warum wir ihre Darbietungen weiterhin zeigen. Es gibt kein schwarz-weiß-Denken in der ARD, keinen Bann über russische Kreative, wir bemühen uns um eine differenzierte, konkrete Sicht, sowohl auf den Künstler als auch auf das kulturelle Ereignis.

„Es gibt kein schwarz-weiß-Denken in der ARD, keinen Bann über russische Kreative.“

medienpolitik.net: Sie sind seit wenigen Wochen für die Kulturkoordination der ARD zuständig. Was gehört alles zu „Kultur“ in Ihrer Verantwortung?

Brandt: Als MDR Programmdirektorin mit dem Schwerpunkt Kultur gehören in meine Verantwortung das Kulturmagazin „artour“ und Kulturdokumentationen im MDR, die Kultur-App und unsere Kulturangebote auf Social Media, die Kulturwelle und die MDR-Klangkörper. Als ARD-Kulturkoordinatorin bin ich für die Kuratierung und Ausrichtung der Kulturinhalte im Ersten, sowohl die linearen als auch die non-linearen Angebote, verantwortlich. Das umfasst auch die Zulieferungen für die Mediathek, das Themenfeld Kultur innerhalb der Mediathek, aber auch „ttt“ – übrigens inklusive eines sehr aktiven und jungen Angebots auf Social Media – oder „Druckfrisch“ und die Gesamtverantwortung für ARD Kultur.  

medienpolitik.net: Was bedeutet „Koordination des Kulturangebotes“ konkret?

Brandt: Die Verantwortung für die regionalen Kulturinhalte liegt weiterhin bei den jeweiligen ARD-Anstalten. Die „Koordination“ verantwortet das Programm, das im Ersten gezeigt wird, sich in der Mediathek befindet und über die sozialen Medien verbreitet wird. Ausschließlich die Bewegtbildinhalte. Die Koordinatorin ist also für konkrete Sendeplätze und das Kuratieren der Mediathek zuständig. So wollen wir beispielsweise die Mediathek mit sechs exklusiven und exzellenten Kultur-Dokumentationen stärken. Das muss natürlich mit den einzelnen Anstalten, die diese Inhalte zuliefern, abgestimmt und koordiniert werden. Für die Koordination der Kultur-formate bestehen drei Arbeitsgruppen: Eine, die sich um die sechs Dokumentationen kümmert, eine zweite Gruppe beschäftigt sich mit der Umsetzung von innovativen, jungen, um die Ecke gedachten Kulturthemen, die man linear und non-linear neu kreieren könnte und eine Dritte entwickelt Ideen für Kulturevents im Ersten. In allen Gruppen ist die regionale Kultur-Kompetenz aller Anstalten vertreten und somit kann auch jeder seine kulturellen Stärken und Besonderheiten einbringen.

medienpolitik.net: Wird durch Ihre Koordination das Kulturangebot im Ersten MDR-lastiger?

Brandt: Definitiv nein. Meine Aufgabe als Koordinatorin für Kultur besteht gerade darin, die verschiedenen regionalen Angebote auszubalancieren und keine Anstalt zu „bevorzugen“. Natürlich habe ich ein Interesse daran, dass die Stimme des Ostens und die hochwertigen kulturellen Inhalte, die der MDR verantwortet, im Ersten angemessen reflektiert werden, das gehört ja auch zu unserem Auftrag. So soll das nationale Chorfest, das im Mai in Leipzig stattfindet, beispielsweise nicht nur im MDR, sondern sehr vielfältig auch im Ersten wiedergespiegelt werden. Aber wir spielen keine Sonderrolle. Jede Anstalt bringt sich mit ihrer regionalen Kompetenz in das Gesamtprogramm ein.

„Die für Kultur zuständigen Redakteurinnen und Redakteure wurden während der Pandemie Brückenbauer zu den Künstlern.“

medienpolitik.net: Wo liegen bei der Kultur die Schwerpunkte?

Brandt: Es gibt eigentlich keine Schwerpunkte – weil wir einen sehr weit gefassten Kulturbegriff haben. So ist „ttt“, die Kulturmarke des Ersten, thematisch sehr breit und für neue Tendenzen offen, aufgestellt. Es existiert hier keine Eingrenzung. Das Magazin hat einen sehr weiten nationalen und internationalen Blick auf Kultur. Zudem werden in „ttt“-monothematischen Ausgaben wichtige aktuelle Fragen ausführlicher beleuchtet, aber auch hier bestehen keine strategisch festgelegten Schwerpunkte, das Leben entscheidet über die Inhalte und ihre Vielfalt, die den kulturellen Reichtum der Regionen spiegeln. 

medienpolitik.net: Es ist oft der Vorwurf zu hören, dass die Kulturberichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu elitär sei, zu wenig, über davon abweichende Kulturbereiche berichtet. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk will ja ein Programm „für alle“ bieten. Auch bei der Kultur?

Brandt: Selbstverständlich. Die sogenannte Hochkultur ist nur ein Teil unserer Berichterstattung. Wir bemühen uns den Kulturbegriff in allen seinen Facetten zu zeigen. Die Kultursendungen sind längst keine „Hofberichterstattung“ mehr, sondern gehen in die Breite. So hat „ttt“ kürzlich über Mangas als Teil der Pop-Kultur informiert. Und in der Mediathek findet sich in der Themenwelt „Kultur“ eine Serie über „Wrestling“. Die Programmdirektorin Christine Strobl hat ja erst kürzlich angekündigt, dass die Kulturberichterstattung im Ersten ausgebaut werden soll und dabei geht es nicht nur um Konzertübertragungen oder Opernpremieren, es geht auch hier um Vielfalt und um Angebote für die Jungen. Wir sind bei der Kultur sehr viel neugieriger und unkonventioneller als man uns manchmal zutraut.

„ARD Kultur wird ein digitales Zuhause, eine Heimat für Kultur, wie es sie bisher nicht gab.“

medienpolitik.net: Wie hat sich die Kulturberichterstattung während der Pandemie verändert?

Brandt: „Kultur“ hat sich bisher vor allem als Berichterstattung über die Kultur verstanden. Während der Corona-Pandemie fielen aber viele Konzerte, Theateraufführungen usw. aus, Galerien und Museen waren geschlossen. Damit wurden die für Kultur zuständigen Redakteurinnen und Redakteure Brückenbauer zu den Künstlern, um deren Ideen und kreative Kompetenz für das Programm weiter zu nutzen. So sind Wohnzimmerkonzerte einzelner Künstler, Konzert-Übertragungen ohne Publikum, Gespräche über geplante Inszenierungen, Ausstellungen oder über Wege aus der Krise und ein wie weiter danach. entstanden. Wenn Sie so wollen – ein Stück weit auch als Netzwerk, das sich in der Krise so gut es geht auch gegenseitig auffängt. Die Kultur war dadurch im Programm viel unmittelbarer, direkter und oft auch live vertreten. Ich bin davon überzeugt, dass uns diese Erfahrung, dass die elektronischen Medien den Entstehungsprozess von Kultur unmittelbar miterleben lassen können, als Handwerkzeug erhalten bleiben wird. Das war übrigens auch eine wichtige Überlegung beim ARD Kultur Creators-Kreativwettbewerb für das ARD-Kulturportal. Wir wollen über den Prozess der Entstehung und Umsetzung kreativer Ideen berichten und auch über Pläne und Ergebnisse diskutieren. Wir freuen uns über die breite Resonanz – mit bereits deutlich mehr als 150 Bewerbungen aus allen Himmelsrichtungen, die zeigen, dass dieser Impuls des Brückenbaus noch immer vorhanden ist und von den Kreativen genutzt wird.

medienpolitik.net: Was soll die Kulturplattform leisten?

Brandt: ARD Kultur wird ein digitales Zuhause, eine Heimat für Kultur, wie es sie bisher nicht gab. Wie gelingt das? Mit einem Dreiklang: ARD Kultur ist ein Netzwerk: wir bringen Kulturschaffende, Kulturinstitutionen und Kulturinteressierte zusammen und treten in den Dialog. Wir verstehen uns zugleich als eine Art Experimentierraum, für neue kreative und innovative Kulturinhalte, die die Mediathek und Audiothek stärken – mit klarem Qualitäts- und Erzählversprechen, gedacht für die Zielgruppe 30 bis 50Jährige. Und unter www.ardkultur.de sind wir zugleich ein Schaufenster, in dem wir die vielfältigen regionalen Kultur-Schätze aller Landesrundfunkanstalten bündeln und kuratieren.

Print article