„Mit größtmöglicher Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit“

von am 28.03.2022 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Gesellschaftspolitik, Journalismus, Medienwissenschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Privater Rundfunk, Social Media, Verlage

„Mit größtmöglicher Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit“
Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Tageszeitungen mit hoher Glaubwürdigkeit bei der Vermittlung der Wahrheit über den Ukraine-Krieg

28.03.2022. Von Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Seit 33 Tagen ist Krieg in der Ukraine. Soziale Netzwerke vermitteln über diesen ungleichen Kampf um die Freiheit und Unabhängigkeit des Landes ein vielfältiges, oft aber auch ein von beiden Kriegsparteien interessengeleitetes Bild, und verbreiten Fake News. Deshalb ist es wichtig, dass die Presse und der Rundfunk mit eigenen Korrespondenten vor Ort und kompetenten Beobachtern das Kriegsgeschehen und die Auswirkung schildern und bewerten. Wie eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom zeigt, vertrauen die meisten Menschen den klassischen Medien bei ihren Informationen über den Ukraine-Krieg. Tageszeitungen, Hörfunk- und TV-Sender informieren sowohl über die klassischen Verbreitungswege als auch auf ihrer Website und in sozialen Netzwerken nahezu rund um die Uhr aktuell und ausführlich über diesen Überfall durch Russland. Eine wichtige Rolle bei der Berichterstattung über den Krieg, die politischen, wirtschaftlichen, finanziellen und kulturellen Auswirkungen, die Einordnung in unseren gesellschaftlichen Wertekanon, kommt dabei nicht nur dem Fernsehen, sondern vor allem bei der Vermittlung von Hintergründen und Zusammenhängen, den überregionalen Tages- und Wochenzeitungen zu.

So berichtet die FAZ im Durchschnitt wochentäglich in 30 längeren oder sogar seitenlangen Beiträgen, über die aktuelle Situation in der Ukraine, die Position der russischen Regierung, die internationale Reaktion und die Auswirkungen dieses Krieges auf deutsche Politik, Wirtschaft und Medien. Dabei kann sich die Zeitung auf ein weltweites Korrespondentennetz stützen und auch auf Berichterstatter in der Ukraine. Diese Journalisten verifizieren und analysieren die Informationen mit Sachverstand und der Kenntnis vor Ort. Dazu stellt Bertold Kohler, Herausgeber der FAZ gegenüber medienpolitik.net fest: „Um eine sachlich richtige Berichterstattung über den Ukraine-Krieg sicher zu stellen, arbeiten wir nicht anders als sonst auch: mit größtmöglicher Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit beim Recherchieren, Schreiben und Redigieren. Wir bauen vor allem auf unser eigenes dichtes Korrespondentennetz mit sehr erfahrenen Kollegen in Mittelost- und Osteuropa, bedienen uns zusätzlich aber auch freier Journalisten, die für uns aus der Ukraine schreiben. Zudem haben wir Reporter aus der Frankfurter Zentrale bzw. aus unserem Berliner Büro in die Ukraine geschickt.“ In der ersten Woche hatte die FAZ doppelt so viele Visits auf FAZ.NET wie vor Ausbruch des Krieges. Gegenwärtig seien die Zugriffszahlen um ein Drittel bis um die Hälfte höher. Es würden täglich immer noch doppelt so viele F+-Abonnements abgeschlossen wie zuvor.

Wahrheitsgetreu, aber nicht neutral über den Krieg in der Ukraine berichten

Er wolle wahrheitsgetreu, aber nicht neutral über den Krieg in der Ukraine berichten, erklärt der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Paul Ronzheimer, der zurzeit in Kiew ist, gegenüber dem Deutschlandradio. Er plane, weiterhin in der Ukraine zu bleiben. Es habe sich in den vergangenen Tagen als „absolut richtig“ erwiesen, vor Ort zu sein, sagt Ronzheimer. „Ich würde mir für die Ukraine wünschen, dass noch mehr deutsche Reporter hier sind. Es gibt so viele amerikanische Journalisten hier, englische Journalisten, französische Journalisten. Also es ist möglich, von hier zu arbeiten. Am Ende sind Journalisten auch menschliche Schutzschilde. Solange berichtet wird und die Wahrheit gezeigt wird, gibt’s eine Möglichkeit, dass der Krieg zumindest weniger brutal und grausam geführt wird, obwohl wir natürlich sehen, wie grausam er bereits ist.“

Auch die ARD, das ZDF sowie die privaten Sender sind mit eigenen Korrespondenten vor Ort und gehen mit allen Informations- und Bildquellen sehr kritisch um. So informiert für das ZDF das in Kriegs- und Krisenberichterstattung sehr erfahrene Team um Reporterin Katrin Eigendorf aus der Ukraine. In der West-Ukraine (Lwiw/Lemberg) ist ein weiteres Team im Einsatz. Darüber hinaus sind freie Journalisten in der Ukraine unterwegs. Schon seit den ersten russischen Angriffen auf die Ukraine haben verschiedene ARD-Korrespondenten aus der Ukraine über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe berichtet. Gleichzeitig geben ukrainische Kolleginnen und Kollegen Unterstützung. Anfang März hat die ARD ihre Präsenz in der Ukraine weiter verstärkt. Seitdem sind gleichzeitig drei Korrespondenten im Land. Auch die RTL-Gruppe, inklusive n-tv, war Mitte März mit drei Reportern in der Ukraine vor Ort: in Lemberg, Odessa und Iwano-Frankiwsk. Eine wahrheitsgemäße Berichterstattung aus Russland über den Ukraine-Krieg wurde unlängst unter Strafe gestellt, so dass einige deutsche Reporter Moskau verlassen haben und aus Nachbarländern berichten.

Die Präsenz in dem umkämpften Land, so notwendig sie für eine glaubwürdige Information ist, ist nicht ungefährlich. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs sind nach Angaben aus Kiew mindestens fünf Berichterstatter getötet und mehr als 30 verletzt worden.

Bewertung mit Sachverstand und der Kenntnis vor Ort

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist auch ein Krieg um die Wahrheit. Desinformationen, gefälschte Bilder und Dokumente, Manipulation von News sind seit Jahrhunderten Bestandteil von Kriegen. Carl von Clausewitz’ hat in seinem militärischen Grundlagenwerk „Vom Kriege“ bereits 1824 ein kleines Kapitel den Nachrichten im Krieg gewidmet. Doch Smartphones, Bildbearbeitungssoftware und soziale Netzwerke haben den Propagandakrieg und seine Auswirkungen entscheidend verändert. Seit der Besetzung der Krim, den Kriegen im Irak und Syrien finden militärische Konflikte, Krisen und Kriege auch in den sozialen Medien statt, sind uns Videos von Kampfhandlungen oder Drohnenaufnahmen von Panzerabschüssen auch in der friedlichen Heimat geläufig. In den sozialen Netzwerken hat der Krieg sein mediales Äquivalent gefunden. Hunderte Videos zeigen beispielsweise mit Smartphones und Videokameras ausgestattete ukrainische Soldaten. Sie filmen Hinterhalte, Gefechtsfelder und erbeutete Fahrzeuge, aber auch die Auswirkungen von Kampfhandlungen, Tote und Verwundete Russen sowie ukrainische Zivilisten. Über Social-Media-Plattformen wie TikTok und Telegram werden sie in alle Welt verschickt. TikTok verzeichnet in der Ukraine ein rasantes Wachstum und hatte Anfang März 10,55 Millionen Nutzerinnen und Nutzer, in Russland gar 36 Millionen.

„Jeder Krieg ist nicht nur ein Kampf um Territorien, um Ideologien, Machtansprüche und Deutungshoheiten, sondern immer auch ein Krieg um und mit Informationen. Grundsätzlich muss also jede Verlautbarung, jede Meldung an die Öffentlichkeit kritisch hinterfragt werden“, stellt dazu der Medienhistoriker Prof. Dr. Markus Krajewski von der Universität Basel gegenüber der NZZ fest. „Durch die Smartphones hat sich nicht nur eine Allgegenwart von Augenzeugenschaft und ihrer Dokumentation durch Bilder und Videodokumente ergeben. Der große Unterschied zur klassischen Kriegsberichterstattung liegt vielmehr in der ungefilterten Möglichkeit zur Übertragung in Echtzeit. Jeder, der sein Smartphone über die Fensterbrüstung hält, um den Einmarsch der Invasoren zu zeigen, wird so zu einem Kriegsreporter, der diese Bilder sofort, ohne Zensur einer Öffentlichkeit zuspielen kann. Das Kriegsgeschehen erhält durch diesen stetigen Bilderstrom einen neuen Wahrheitswert, es gewinnt an Authentizität“, so der Wissenschaftler. Doch inwieweit kann man dieser Bilderflut trauen? Wie „authentisch“ ist sie?

Jede Information wird kritisch hinterfragt

„Viele Bilder und Videos lassen sich verifizieren – andere wirken zweifelhaft. Auf den ersten Blick ist oftmals nicht sofort erkennbar, ob das Material tatsächlich zeigt, was es vorgibt zu zeigen. Die meisten Bilder und Videos lassen sich verifizieren – durch sogenannte OSINT-Recherchen. Dabei werden der Aufnahmeort identifiziert und die Aufnahmen mit anderen Bildern verglichen. So konnte beispielsweise nachgewiesen werden, dass bereits vor dem Befehl von Wladimir Putin zum Angriff spezielle Minenräumsysteme in der Ukraine unterwegs waren“, stellt dazu Patrick Gensing von der ARD-Faktenfinder-Redaktion fest.

Es existieren zahlreich Fake News über den Ukraine-Krieg, die über soziale Netzwerke millionenfach geteilt werden. So zeigte ein Video auf Twitter Kampflugzeuge, die angeblich über ein Wohngebiet in der Ukraine flogen. In Wirklichkeit sind es Archivbilder von einer Flugshow bei Moskau im Jahr 2020. Ein Video über russische Fallschirmspringer aus dem Jahr 2016 beim Training wurde auf vielen Kanälen verbreitet und als aktuell ausgegeben. Auch Kriegsszenen, die aus Videospielen wie „Arma 3″ oder „DCS World“ stammen, wurden in den sozialen Kanälen als Kampfhandlungen aus der Ukraine bezeichnet.

Deshalb ist es wichtig, dass die klassischen Medien, auch wenn der Angriff Russlands weiter andauert, in der Intensität und kritischen Einordnung der Meldungen von und über diesen Krieg nicht nachlassen. Russland versucht die Wahrheit zu unterdrücken und mit Desinformationen die Deutungshoheit zu gewinnen. Diese Strategie ist Dank einer freien und unabhängigen Presse gescheitert.

Dieser Text basiert auf einem Beitrag für „Politik und Kultur“, der Zeitung des Deutschen Kulturrates, Ausgabe 4/2022

Print article