„Wenn Informationen nicht gesichert sind, wird dies transparent gemacht“

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„Wenn Informationen nicht gesichert sind, wird dies transparent gemacht“
Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Sender verifizieren die Informationen über den Krieg gegen die Ukraine sehr genau

03.03.2022. Von Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Seite einer Woche befinden sich die Medien in Deutschland in einem Ausnahmezustand. Am 24. Februar um vier Uhr morgens rückten russische Militärfahrzeuge von Norden, Osten und Süden auf ukrainisches Staatsgebiet vor. Dem Vormarsch ging ein Beschuss ukrainischer Ziele, darunter bei Kiew, mit weitreichenden Waffen voraus. Von dieser Stunde an informieren Tageszeitungen, Hörfunk- und TV-Sender sowohl über die klassischen Verbreitungswege als auch auf ihrer Website und in sozialen Netzwerken aktuell und ausführlich über diesen Überfall durch Russland. Der Krieg gegen die Ukraine ist das Schwerpunktthema der Nachrichten- und Magazinsendungen sowie täglicher Sondersendungen. Ein zunehmendes Problem stellen unbestätigte Bilder und Informationen dar, vor allem aus sozialen Netzen, die überprüft werden müssen. Eine wichtige Rolle kommt dabei den Auslandskorrespondenten zu, die die oft schwierige Nachrichtenlage mit eigener Analyse und teilweise aus hautnahem Erleben einordnen können. Das Informationsbedürfnis über die russische Invasion ist auch in den jüngeren Altersgruppen sehr hoch. So wurde am gestrigen Mittwoch durch die 1,83 Millionen 14- bis 49-jährigen Zuschauer der „Brennpunkt“ um 20.15 Uhr die meistgesehene Sendung des Tages. Die höchste informierende Tagesreichweite verzeichnet gegenwärtig das Fernsehen, gefolgt von Internet und Radio.

Das Erste hat neben „Brennpunkten“ und Extra-Ausgaben der Nachrichten- und Sondersendungen am Sonntag, 27. Februar das „ARD-Morgenmagazin“ in das Programm genommen und die Regierungserklärung live aus dem Bundestag übertragen. Ein umfassendes Nachrichtenangebot finden die User auch auf tagesschau.de und in der tagesschau-App sowie auf den Social-Media-Kanälen der „Tagesschau“. In der ARD Mediathek sind gebündelt Aktuelles und Hintergründe zum Ukraine-Krieg abrufbar. Die gestiegene Informationsnachfrage führt nach Amngaben der Pressestelle des Ersten, zu einer verstärkten Nutzung der ARD-Angebote im Ersten. Sowohl die Nachrichtenformate („Tagesschau“), Hintergrundsendungen (z. B. „Brennpunkt“) als auch die Gesprächssendungen (z. B. „Anne Will“) seien im Sendervergleich die meistgesehenen im deutschen Fernsehen. Seit Beginn der Russland-Ukraine-Krise ist die Nutzung des Nachrichtenkanals tagesschau24 auf allen Ausspielwegen deutlich gestiegen. Beim linearen Angebot hat sich der Tages-Marktanteil im Vergleich zu den Monaten vor Beginn des Krieges verdoppelt, die Zugriffe auf den tagesschau24-Live-Stream bei tagesschau.de, in der tagesschau-App und der ARD Mediathek haben sich in der Spitze jeweils mehr als verzehnfacht.

Auf die Frage, wie trotz der schwierigen Nachrichtenlage, eine sachliche und auf Fakten beruhende Berichterstattung gewährleistet wird, lautet die Antwort: „Bei der ‚Tagesschau‘ gilt immer und in der derzeitigen Situation einmal mehr: Zwei-Quellen-Prinzip, Faktencheck, Plausibilitätsprüfung, mehrstufiges Verifikationsverfahren von User-Generated-Content, Sorgfalt vor Schnelligkeit, Vier- bis Acht-Augen-Prinzip in der Abnahme. Wenn Informationen nicht gesichert sind, wird dies transparent gemacht. Der Qualitätsanspruch der ‚Tagesschau‘ ist groß, zahlreiche Redakteure arbeiten täglich rund um die Uhr unter hohem persönlichem Einsatz, um diese Qualität auch bei diesem hohen Berichterstattungsaufkommen sicherzustellen.“ Zudem nutze die „Tagesschau“ User-Generated Content aus dem Netz, das bei „ARD aktuell“ ein mehrstufiges Verifikationsverfahren durchläuft, bevor es für die Berichterstattung zur Verfügung gestellt werde. Entsprechendes Material dürfe erst danach für die Berichterstattung verwendet werden. Bildmaterial der russischen oder ukrainischen Armee werde als solches gekennzeichnet.

„Ruhig und verlässlich Struktur in das Chaos zu bringen, sei die Aufgabe der Journalisten.“

Beim ZDF wurde in verlängerten Ausgaben des „ZDF-Morgenmagazin“, von „heute“ und „heute journal“ vor allem im „heute spezial“- und in über ein Dutzend „ZDF spezial“-Sendungen ausführlich berichtet, die meist um 12.15, 17.15 und 19.30 Uhr dem hohen Informationsbedürfnis der Zuschauerinnen und Zuschauer Rechnung trugen. Und auch die Gesprächssendungen wie „Was nun, Frau Baerbock?“, „Maybrit Illner Spezial“ oder „Markus Lanz“ auf zeitlich vorgezogenem Sendeplatz und mit verlängerter Sendedauer wurden von den Zuschauerinnen und Zuschauern sehr nachgefragt. Zudem informiert „ZDFheute“ online rund um die Uhr über den Krieg in der Ukraine, unter anderem in einem Live-Blog. Auch beim ZDF waren die Nachrichtensendungen in den zurückliegenden Tagen stärker eingeschaltet als in den Tagen zuvor – die „heute“-Ausgabe um 19.00 Uhr verzeichnete im Schnitt 18,8 Prozent Marktanteil (4,72 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer). Die „ZDF spezial“-Ausgaben erreichten Marktanteile zwischen 13 und 17 Prozent.  Bei den „ZDF spezial“-Ausgaben ab 19.30 Uhr lagen die durchschnittlichen Zuschauerzahlen bei 3.94 Millionen. Das Online-Nachrichtenangebot „ZDFheute“ verzeichnete am 24. Februar 2022 mit 4,11 Millionen Visits die höchste Zahl an Besuchen seit mehr als einem halben Jahr. Die Rubrik Nachrichten in der ZDFmediathek hat ihre Visits im Zeitraum ab dem 24. Februar 2022 um +140 Prozent gesteigert. Das ZDF, so ein Pressesprecher auf Anfrage, müsse müssen Hintergründe und Erklärungen liefern und Fragen stellen. Ruhig und verlässlich Struktur in das Chaos zu bringen, sei die Aufgabe der Journalisten. Dafür würden viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Mainz, Deutschland und weltweit mehr als sonst arbeiten. Für die Berichterstattung von vor Ort seien zusätzlich zu den Korrespondentinnen und Korrespondenten im Studio Moskau weitere Reporterinnen und Reporter in der Ukraine im Einsatz.

RTL und n-tv haben seit dem 24. Februar in über 80 Stunden Sondersendungen und zudem rund um die Uhr auf den digitalen Angeboten aktuell und journalistisch unabhängig über die dramatische Lage in der Ukraine informiert – damit wurden allein im TV 31,19 Millionen verschiedene Zuschauerinnen und Zuschauer ab drei Jahren erreicht. Auch digital sind seriöse und glaubhafte Informationen sehr gefragt. So ist beispielsweise ntv.de seit dem 24.2. mit bis zu 25,56 Millionen Visits (IVW) täglich das meistgenutzte digitale Nachrichtenangebot Deutschlands (noch vor BILD). Vor allem in den letzten Tagen sei die Anzahl an Desinformationen enorm gestiegen, bestätigte der Sender auf Nachfrage. Laut den Expertinnen und Experten läge der Anteil bei rund 25 Prozent. Bei RTL Deutschland arbeiten die Kolleginnen und Kollegen unter Hochdruck, prüfen eingehende Aufnahmen auf Zeitbezüge, die geographische Lage und bewerten, ob die Geschehnisse in den Kontext passen. Schwierig sei vor allem auch die Einordnung der Zusammenhänge, z.B. wenn Raketen Wohngebiete treffen und Menschen dabei sterben. Hier werde dann recherchiert, ob die Rakete absichtlich abgefeuert wurde oder ob es mögliche weitere Erklärungen dafür geben könnte. Zum Beispiel ging ein Video viral, das einen Piloten in einer alten Maschine beim Abschießen russischer Maschinen zeigen soll. Vor allem die ukrainische Bevölkerung hat ihn als Helden gefeiert. Das Video war allerdings aus einer Computersimulation, so die Pressesprecherin. Trotz der Erkenntnis hat der ehemalige Präsident Poroshenko den angeblichen Piloten später in einem Tweet gefeiert.

„Es ist die Pflicht von Journalisten, nicht nur herauszufinden was ist – sondern auch was nicht ist.“

In der aktuellen Situation erreichen die Expertinnen und Experten bei RTL eine Flut an Bild- und Videomaterial. Das Team Sourcing recherchiert den User Generated Content (UGC), also Inhalte, welche die Nutzerinnen und Nutzer im Netz veröffentlicht haben, rund um die Uhr, verifiziert die Inhalte mit dem RTL-Verifizierungsteam und stellt das kuratierte Material den Redaktionen zur Verfügung. Vor allem die Überprüfung des UGC Materials hat in den letzten Tagen an Bedeutung gewonnen, weil es weniger Material von Journalistinnen und Journalisten von vor Ort gibt. Damit die hohe Zahl an Anfragen bewältigt werden kann, sind die Kolleginnen und Kollegen des RTL-Verifizierungsteams erstmals in der Geschichte auch in der Nacht und am Wochenende, zusätzlich zum Sourcing, im Einsatz. Uli Schüler, Chefredakteur Vertical RTL News: „Die Arbeit des Teams Verifizierung ist essentiell für unsere Ukraine-Berichterstattung. Ein Krieg wurde schon immer und wird auch jetzt mit Bildern und Informationen ausgetragen. Deshalb ist die Pflicht von Journalisten, nicht nur herauszufinden was ist – sondern auch was nicht ist. Mit der Arbeit unseres Teams rund um die Uhr sichern wir die Stärke und Vertrauenswürdigkeit unserer Marken. Wir spüren, dass diese Zuverlässigkeit den Zuschauerinnen und Zuschauern aber auch unserem Publikum im Netz sehr wichtig ist.“

Auch ProSiebenSat.1 berichtet umfangreich über den Krieg Russlands gegen die Ukraine. Die Sondersendung „Ukraine Spezial“ lief mehrmals um 20:15 Uhr auf ProSieben und in SAT.1. Das „SAT.1-Frühstücksfernsehen“ wurde um eine Stunde bis 11:00 Uhr verlängert. Darüber hinaus informieren ProSieben und SAT.1 in täglichen Newsflashs sowie in ihren Magazinen wie „taff“, „Galileo“ und „akte.“ die Zuschauer über das Geschehen in der Ukraine. Dabei verzeichnet die Sendergruppe, nach eigenen Angaben, ebenfalls ein großes Interesse der Zuschauer an dem stark ausgebauten News-Angebot.

Für die Journalisten der Sendergruppe gehe Genauigkeit vor Geschwindigkeit: Dabei setze man auch in Unterföhring auf die journalistischen Grundregeln. „Und da in diesem Krieg sehr gezielt mit manipulierten Bildern gearbeitet wird, ist die präzise Überprüfung der jeweiligen Nachrichtenquelle elementar wichtig“, so ein Pressesprecher der Gruppe gegenüber medienpolitik.net.

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