„Bei der Filmförderung muss ‚Klasse statt Masse‘ gelten“

von am 28.04.2022 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft, Plattformen und Aggregatoren

„Bei der Filmförderung muss ‚Klasse statt Masse‘ gelten“
Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH in Berlin und der Programmkino Ost GmbH in Dresden

Kinobetreiber fordern Fortführung des Zukunftsprogramms Kino, um den Fortbestand vieler Kinos zu sichern

28.04.2022. Interview mit Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater e.V., Geschäftsführer bei Yorck-Kino

Die deutschen Kinos haben laut Comscore auch im 1. Quartal dieses Jahres durch die Corona-Restriktionen mit einem unbefriedigenden Besucherergebnis abgeschlossen. Es lag um fast 50 Prozent unter jenem des Jahresauftakts 2019, als knapp 27,4 Mio. Besucher und gut 234 Mio. Euro Boxoffice gezählt worden sind. Insgesamt gingen im 1. Quartal nur etwa 14,5 Mio. Besucher in die Kinos, was einen Ticketumsatz von knapp 133 Mio. Euro Ticketumsatz bedeutet. Damit zeichnen sich bereits für das dritte Jahr rückläufige Ergebnisse ab.Nach zwei Jahren Pandemie sind viele unabhängige Kinos und Verleiher finanziell ausgezehrt“, erläutert Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino die aktuelle Situation bei den Arthouse-Kinos. Die Nachbesserung und Fortführung des Zukunftsprogramm Kino werde entscheidend für den Fortbestand vieler Kinos sein. Bezugnehmend auf den Wandel der Mediennutzung und die stärkere Streamingnutzung stellt Christian Bräuer fest: „Das europäische Kino wird entweder erfolgreich seine Vielfalt an künstlerischen Stilen, Sprachen und Formaten angenommen haben und diese mit Stolz unterstützen und ausbauen, gestützt und getragen durch eine mittelständische Filmwirtschaft mit fairen und klaren Marktbedingungen. Oder es verschwindet.“ Bei der Filmförderung sollte man dem Beispiel anderer europäischer Länder folgen und Leitziele sowie Maßstäbe für Erfolg definieren, damit eine Vielfalt von Filmen auch eine Vielfalt im Publikum findet. 

medienpolitik.net: Herr Bräuer, die Kinos sind wieder geöffnet, es muss kein Mindestabstand im Zuschauerraum mehr eingehalten werden, die Masken fallen weg. Ist die Stimmung damit besser als die Lage?

Bräuer: Der regionale Flickenteppich, die vielen Momententscheidungen und das gebetsmühlenartige Wiederholen von Fakten zur Sicherheitslage im Kino waren sehr zermürbend für die Branche. Von daher ist es natürlich eine große Erleichterung und wichtiges Aufbruchsignal, dass die Auflagen entfallen sind. Doch wissen wir alle, dass die Pandemie noch nicht endgültig vorüber ist. Von der Ungewissheit über den weiteren Verlauf einmal ganz abgesehen, spielen viele Kinos weiter mit eingeschränkten Kapazitäten, Maskenempfehlungen oder -pflichten, weil Gäste dies einfordern. Es ist ein längerer Prozess, bis sich alle Menschen wieder an ein Leben ohne Sicherheitsauflagen gewöhnen. Dazu trägt sicherlich bei, dass sich die konsequente Umsetzung der hohen Sicherheitsauflagen in der politischen Kommunikation nicht widerspiegelte. Zu undifferenziert wurde immer wieder vor Innenräumen gewarnt. Auch wenn der Wegfall der Auflagen für uns große Bedeutung hat, ist die Branche von einem Übermut weit entfernt. Allen Beteiligten ist bewusst, dass vor uns ein steiniger Weg liegt, der uns allen noch viel Anpassungsbereitschaft abverlangt. Allerdings liegt darin auch eine Chance, die Weichen für die Zukunft zu stellen und aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Es geht um nichts weniger als darum, die Sichtbarkeit filmischer Vielfalt sicherzustellen. Denn Kinos bringen nicht nur Filmkultur in die Nachbarschaft, durch ihren Einsatz können Filme wie „Systemsprenger“ oder „Parasite“ zum Phänomen werden. Das ist eine spannende Aufgabe.

medienpolitik.net: Wann zieht in den Arthouse-Kinos wieder Normalität ein?

Bräuer: Wir haben es in den letzten zwei Jahren gelernt: je beständiger die Situation, desto besser für die Kinos. Wenn die Regelungen unverändert bleiben, gelingt es Kinos, auch vorsichtige Gäste mit wohlüberlegten Konzepten zurückzugewinnen. Wenn aber im Herbst wieder im Wochenrhythmus dutzende Regeln geändert würden, und das dann auch je nach Bundesland unterschiedlich, ist die Arbeit erstmal wieder dahin. Hiervon abgesehen werden wir erst in einigem Abstand die dauerhaften Folgen der Pandemie und die Auswirkungen auf unser Geschäftsmodell sehen. Die Ausnahmesituation der Pandemie hat Trends beschleunigt und den Markt durcheinandergewirbelt. Die aktuellen Korrekturen am Streamingmarkt zeigen, dass die Branche weiter im Umbruch ist.

Nach zwei Jahren Pandemie sind viele unabhängige Kinos und Verleiher finanziell ausgezehrt, entscheidend wird daher auch sein, den Erholungsprozess zu unterstützen. Eine Aufstockung des Zukunftsprogramm Kino wäre sicher ein nachhaltiger Beitrag. Mit starken Filmen bleibe ich aber optimistisch. Wir freuen uns aktuell auf Cannes mit einem beeindruckenden Programm. Ein starkes Festival wird den Arthousemarkt sicher beflügeln.

medienpolitik.net: Die Besuchs- und Umsatzzahlen für die Kinos lagen 2021 erneut knapp zwei Drittel unter den Werten von pandemiefreien Jahren. Das ist der Durchschnitt. Sind die Arthouse- und Filmkunstkinos besser durch das Jahr 2021 gekommen?

Bräuer: Im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 zeigen sich vergleichbare Entwicklungen wie im Gesamtmarkt – wobei die Zahlen standortbezogen extrem unterschiedlich sind. Gerade bei Kinos mit nur einer oder zwei Leinwänden ist dies stark von der Filmbelieferung abhängig. Zudem waren die Auflagen regional bekanntlich sehr unterschiedlich. Generell lässt sich sagen: Nach einem starken 3. Quartal, in dem Filme wie „Nomadland“ oder „Der Rausch“an ein Vorkrisenniveau anknüpften, kam der Erholungskurs mit der Deltawelle jäh zum Einbruch. Gerade das ältere Publikum blieb weg. Und die zeitweise wöchentlich wechselnden Corona-Auflagen hatten nicht nur die Kinos jedes Mal aufs Neue herausgefordert, sondern das Publikum immer wieder verwirrt und den Kinobesuch für viele unattraktiv gemacht. In der Folge wurden Filmstarts verschoben – darunter gerade viele Arthousetitel. Was wir beobachten– noch stärker als vor der Pandemie – ist ein Trend zu wenigen Top-Titeln, die einen Großteil der Besucher auf sich vereinen. Davon profitieren besonders die Mutliplexe. Zugleich funktionieren Events. Doch viele unabhängige Produktionen ohne große Herausbringungsbudgets bleiben meist weit unter ihrem Potenzial. Hier brauchen wir neue Ansätze, wie wir diese Filme im Kontext der Flut audiovisueller Inhalte sowie der auf Hypes und Likes fokussierten Funktionsweise der sozialen Medien zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Neben einem ganzheitlichen Ansatz zählt nach meiner Sicht ein klarer Fokus auf Publikumsentwicklung dazu. Mit ihrer Verwurzelung in der Nachbarschaft haben die Programmkinos dazu eine gute Basis.

„Wir dürfen nicht vergessen: die Pandemie ist noch nicht vorbei, nur weil ein paar der Maßnahmen gelockert wurden.“

medienpolitik.net: Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020, als die Kinos erstmals schließen mussten, hatten manche Bobachter und auch Kenner der Szene gemutmaßt, dass viele Kinos schließen müssen. Diese Prognose ist nicht eingetreten. Wo sehen Sie die Gründe?

Bräuer: Die Antwort ist einfach: In Anbetracht der drastischen Umsatzeinbrüche in Folge der langen Schließzeiten und Betriebseinschränkungen waren es die funktionierenden Hilfsprogramme, die ein massives Kinosterben verhinderten. Das ist sehr gut, doch ist dies eine Momentaufnahme und die Situation weiterhin sehr fragil. Wir dürfen ja nicht vergessen: die Pandemie ist noch nicht vorbei, nur weil ein paar der Maßnahmen gelockert wurden. Die Verkürzung der Fenster sowie die Verschlechterung der Filmbezugsbedingungen schwächen das Geschäftsmodell der Kinos, die angesichts der massiven Kostensteigerung schon vor der nächsten großen Herausforderung stehen. Die staatlichen Hilfen wirken wie Schwimmflügel, ein Untergehen ist nicht möglich, doch fehlen die notwendigen Überschüsse für Darlehenstilgungen und Investitionen. Viele Kinos sind nach zwei Jahren Pandemie zwar noch am Leben, aber in ihrer Substanz ausgezehrt. Das gilt insbesondere für die traditionellen Kinos und Filmkunsttheater, die mit ihrem hohen gesellschaftlichen und kulturellen Engagement nicht allein dem Prinzip der Gewinnmaximierung folgen. Sie verfügen nicht über erforderliche Rücklagen und haben auch nicht dieselben Refinanzierungsmöglichkeiten an den internationalen Finanzmärkten wie global agierende Ketten mit ihrem Versprechen auf Monopolstellungen.

Umso tragischer ist es, wenn mit dem Zukunftsprogramm Kino das einzige Förderinstrument, das Investitionen in die ökonomische, ökologische, technologische und kulturelle Nachhaltigkeit der Landkinos und Filmkunsttheater ermöglicht, in diesem Jahr bereits binnen weniger Stunden überzeichnet ist. Die Nachbesserung und Fortführung des Zukunftsprogramm Kino, das diese Lücken deckt, wird entscheidend für den Fortbestand vieler Kinos sein. Dabei habe ich keinen Zweifel, dass der Erhalt einer vielfältigen Kinolandschaft nachhaltig ist.   Natürlich waren die Stimmen, die den Tod des Kinos vorausgesehen haben, 2020 nochmal deutlich lauter als in den mehr als 100 Jahren zuvor. Ich denke, wir haben jetzt alle bemerkt, dass ein Leben in Isolation und ohne Verlassen der Couch nicht glücklich macht.

Im Gegenteil. Bei der Yorck Kinogruppe haben wir einen enormen Zuwachs von jungem Publikum zwischen 18 und 29 Jahren – also den „digital natives“ verzeichnet. Da kamen Leute, die noch nie bei uns waren. Aus den Gesprächen wissen wir, was für ein schönes Erlebnis der Kinobesuch für viele war – nicht nur, weil es mal zwei Stunden Pause von ständigen Benachrichtigungen ist, sondern auch, weil es für viele endlich mal wieder ein gemeinschaftliches Erlebnis war. Menschen lieben es, sich zu treffen, gemeinsam etwas zu erleben. Die eigenen vier Wände zu verlassen, den Horizont zu erweitern ist essenziell für unsere mentale Gesundheit. Nicht umsonst haben uns Gäste am Tag der Wiedereröffnung Blumen mitgebracht und uns unentwegt erklärt, wie sehr sie uns vermisst haben. Und wenn unser Sozialleben nur durch Bildschirme gefiltert stattfindet und wir nur mit Menschen interagieren, denen wir ähnlich sind oder die uns Algorithmen für größtmögliches Engagement vorsortieren, ist das auch eine gefährliche Entwicklung für eine pluralistische Gesellschaft.

„Bei der Yorck Kinogruppe haben wir einen enormen Zuwachs von jungem Publikum zwischen 18 und 29 Jahren – also den „digital natives“ verzeichnet.“

medienpolitik.net: Björn Knoll, Geschäftsführer des Filmverleihs „Salzgeber“ hat im Februar in einem offenen Brief geschrieben: „Jetzt haben wir fast zwei Jahre Pandemie hinter uns und können nicht so tun, als ob das alles morgen oder übermorgen vorbei wäre, und wir können auch nicht so tun, als ob sich der Kinomarkt oder die Herausbringung von Filmen nicht grundsätzlich geändert hätten.“ Haben sich der Kinomarkt oder die Herausbringung von Filmen grundsätzlich geändert?

Bräuer: Ich denke, kein Bereich des Lebens kann für sich behaupten, durch die Pandemie nicht verändert worden zu sein. Wir haben als Individuen, aber auch als Gesellschaft ein tiefes Trauma erfahren. Das hat Auswirkungen im Großen wie im Kleinen, im Privaten wie im Öffentlichen.

Dass sich die Dinge grundlegend verändern werden, war bereits früh in der Pandemie absehbar, wenn auch nicht wie. In vielen Fällen hat diese wie ein Brandbeschleuniger für Entwicklungen gewirkt, die sich schon vor 2020 abzeichneten. Die zentralste davon ist die globale Monopolisierung des audiovisuellen Sektors auf immer weniger Akteure. Discovery kauft Warner, AMC kauft dutzende Indie-Kinos, MUBI kauft The Match Factory. Gleichzeitig bauen Big Tech-Unternehmen ihre Vormacht aus. Es bündelt sich immer mehr Macht an wenigen Stellen. Das ist eine große Gefahr für die Vielfalt und Freiheit der Kunst – und für die Bedingungen, unter denen Filme und Serien produziert und vertrieben werden. Befeuert wurde diese Übernahmewelle durch die Wall Street und einen Hype bei Investoren rund um Streaming. Durch die geschickte Selbstinszenierung von Netflix galt SVOD nun jahrelang als Allheilmittel und magisches Wunderwachstum für alles. Ganze Studiostrukturen wurden umgeworfen, Merger um Merger aneinandergereiht, gigantische Summen für Content bereitgestellt, alles mit dem Versprechen, dass eines Tages magischerweise riesige Profite daraus entstehen. Aber jede Blase wird als Boom verklärt, bis sie platzt. Allmählich scheinen selbst die enthusiastischen Investoren begriffen zu haben, dass es keine gute Idee ist, ein Geschäftsmodell mit mehreren Einnahmequellen mittels Medienchronologie und Windowing durch eines zu ersetzen, das nur eine einzige Auswertungsstufe kennt. Die Frage ist, wie viel von der gesamten Branche noch übrig ist, bis sich diese Erkenntnis weitläufig durchgesetzt hat. Im Kino beobachten wir jedenfalls, dass die Filme funktionieren, die eine echte Kinoherausbringung mit Fenster erfahren. Mehr denn je gilt: Eine gute Herausbringung ist harte Arbeit und verlangt mehr als ein Poster und einen Trailer.

medienpolitik.net: Was wäre aus Ihrer Sicht die Konsequenz daraus?

Bräuer: Es ist simpel: Es geht um Qualität, fairen Wettbewerb und den klaren Fokus auf das Publikum. Das europäische Kino wird entweder erfolgreich seine Vielfalt an künstlerischen Stilen, Sprachen und Formaten angenommen haben und diese mit Stolz unterstützen und ausbauen, gestützt und getragen durch eine mittelständische Filmwirtschaft mit fairen und klaren Marktbedingungen. Oder es verschwindet. Denn das globalisierte Geschäft beherrschen globale Streamer und Majors in Perfektion. Für manche mag es ein Erfolg sein, dass man nicht unterscheiden kann, ob eine Produktion aus den USA, Deutschland oder Spanien stammt, weil Look, Plot und Struktur sich komplett dem globalen Mainstream angeglichen haben. Doch eine solche Eintönigkeit an Formaten und Inhalten im gesamten Leben ist ein erschreckendes Szenario.

Regulierung ist daher der Schlüssel. Die Schaffung fairer Wettbewerbsbedingungen wie die Einhegung globaler Megakonzerne ist entscheidend. Geschieht dies nicht, droht der Verlust der kulturellen Vielfalt in Europa. Frankreich hat mit der Regelung der Medienchronologie ein bewährtes Instrumentarium, das jüngst geschickt mit dem Instrument der Investitionsverpflichtung im Sinne des Schutzes der heimischen Industrie und der kreativen Diversität verwebt wurde. Wir sind davon überzeugt, dass das französische Kino auch nur durch das sorgfältige Management als eine von nur zwei großen Filmindustrien in der westlichen Welt neben der US-amerikanischen überlebt hat. Dazu zählt auch die Konzentration auf das Publikum, die in unserem Nachbarland deutlich ausgeprägter ist.

medienpolitik.net: Es wird gegenwärtig über das neue FFG gesprochen: Sollte man weiterhin Filme ins Kino „zwingen“, die da nicht hingehören?

Bräuer: Die Frage ist eher, warum wir überhaupt so viele Filme mit Kinomitteln produzieren und dann murren, dass sie ins Kino „gezwungen“ werden müssen. Dass manche Filme nicht so gut werden wie gedacht – das passiert. Aber dass nun wie am Fließband gescheitert wird, dass Teile der Branche fordern, Filme einfacher ins digitale Nirwana zu katapultieren, geht völlig am Kern des Problems vorbei. Streaming ist kein magischer Feenstaub, der aus Flops Hits macht. Auch im Fernsehmarkt gibt ja niemand gerne Geld für B-Ware aus. Das Grundproblem bleibt, dass wir so viele Filme fördern, ohne dass der Weg zum Publikum mitgedacht wird. Dabei sollte dies bereits in der Stoffentwicklung beginnen. Wir brauchen einen holistischen Ansatz in der Förderung. Im aktuellen FFG finden sich neun Ziele – das Publikum kommt in keiner davon vor. Ein queeres Filmdebüt braucht natürlich einen völlig anderen Ansatz in der Herausbringung als eine Slapstick-Komödie mit Promi-Cast. Daher sollten wir dem Beispiel anderer europäischer Länder folgen und Leitziele sowie Maßstäbe für Erfolg definieren, damit eine Vielfalt von Filmen auch eine Vielfalt im Publikum findet. 

Kino ist ein Markt mit validen Zahlen. Wir können nicht wie Streamer jedes Jahr andere KPIs erfinden, um Erfolge zu suggerieren, die keine sind. Umsatz und verkaufte Tickets sind harte Zahlen, die von unabhängigen Stellen geprüft werden. Natürlich ist das manchmal niederschmetternd, wenn ein Film floppt, aber es ist eben auch Teil der Kinoauswertung, im Schlechten wie im Guten. Diese Transparenz brauchen wir auch bei den Streamern, um zu belastbaren Geschäftsmodellen für die Zukunft zu kommen.

„Das Grundproblem bleibt, dass wir so viele Filme fördern, ohne dass der Weg zum Publikum mitgedacht wird.“

medienpolitik.net: Laut Koalitionsvertrag soll die Filmförderung zusammen mit den Ländern novelliert und neu geordnet werden. Was sollte vor allem neu geordnet werden?

Bräuer: Wofür steht die Filmförderungsanstalt? Was kann bzw. soll sie leisten– auch im Kontext des veränderten Produktionsmarkts und der weiteren Filmförderungen des Bundes und der Länder? Diese Leitfragen sollten nach unserer Überzeugung den Novellierungsprozess leiten. Idealerweise mündet eine umfassende Evaluierung in einem strategischen Zukunftsplan für die nationale Filmförderung. Die Definition von Leitzielen und Erfolgskriterien, die den künstlerischen Erfolg und gesellschaftlichen Mehrwert von Filmen ebenso wie den absoluten und relativen Besuchererfolg abbilden, sind dafür ebenso erforderlich wie eine moderne und leistungsfähige Governance- und Organisationsstruktur, in der das massive Kräfteungleichgewicht im Sinne der stärkeren Repräsentation der für filmische wie gesellschaftliche Vielfalt stehenden Verbände neu ausbalanciert wird.

In Anbetracht der rasanten Marktveränderungen in den letzten Jahren müssen bei der Novellierung Erhalt und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Kinos die leitenden Handlungsparameter sein. Dazu zählen – wie zuvor schon angesprochen – fairer Wettbewerbsbedingungen mit einem Kinofenster für alle dort startenden Filme, die auf Basis einer Branchenvereinbarung für alle Marktbeteiligten gelten. Dazu bedarf es einer Strukturreform der Bundesfilmförderung, die die unterschiedlichen Förderinstrumente zu einer Filmförderung aus einem Guss verwebt. Erforderlich ist dafür ein ganzheitlicher Ansatz, der die kreativen und distributiven Gewerke im Film besser verzahnt. Anstelle einer einseitigen Produktionszentrierung, die allein auf Finanzierung, Studioauslastung und Territorialeffekte als Erfolgsparameter setzt, sollte ein ganzheitlicher Förderfokus von der Ideenentwicklung bis zum Start im Kino nach dem Prinzip „Klasse statt Masse“ treten. Das Ziel muss nicht nur die dauerhafte Existenzsicherung möglichst vieler Marktakteure sein, sondern den Kinofilm in all seiner Vielfalt langfristig zu stärken und weitere Publikumsgruppen für die Kunstform zu begeistern.

medienpolitik.net: Sie haben kürzlich kritisiert, dass der Oscar-Gewinner „Coda“, eine Amazon-Produktion, nur in den USA auch in Kinos gezeigt worden ist. Sie haben sich noch vor wenigen Jahren dagegen gewandt, dass Produktionen von Streaming-Plattformen in die Kinos kommen. Warum dieser Paradigmenwechsel?

Bräuer: An der Überzeugung, dass große Filme auf die große Leinwand und nicht den kleinen Schirm gehören, hat sich nichts geändert. Doch früh war angesichts der dramatisch kollabierenden Fenster der Studios für uns klar: Die Pandemie ist die Zeit für Experimente, auch für uns. Jahrelang gab es von manchem die Forderung, wir sollten für Netflix-Filme wie „The Irishman“ erfolgreiche und gut besuchte Kinofilme wie „Parasite“ schneller von den Leinwänden nehmen, weil das irgendwie die Zukunft sei. Nun war die Markt- wie die Filmbelieferungssituation 2021 eine andere. Daher haben sich manche aus dem Verband auf Experimente eingelassen, andere nicht. Auch als Yorck Kinogruppe haben wir experimentiert, unser Fazit fällt gemischt aus.

Das, was für alle anderen Filme gilt, gilt auch für Streaming-Titel: gutes Marketing zahlt sich aus. Mit den Oscar-Titeln eines Streamers, für den die Kino-Herausbringung eher eine Formsache zu sein schien, haben wir durchweg enttäuschende Zahlen und oftmals leere Säle erlebt. Die Zusammenarbeit mit Apple dagegen zu „Macbeth“ wie „The Velvet Underground“ war dagegen angenehm und auf Augenhöhe. Apple hat unsere lokale Marketingarbeit für die beiden Filme intensiv unterstützt und den Wert solcher Arbeit vor Ort erkannt. Das hat sich in für uns sehr zufriedenstellenden Ergebnissen widergespiegelt, auch wenn eine deutliche Lücke zu Filmen mit regulärer Kinoauswertung bleibt.  Daher fanden wir es schlichtweg schade, dass es für „Coda“ keine vergleichbaren Pläne gab. Bevor Apple alle weltweiten Rechte an dem Film ausgekauft hat, hätte es ja in mehreren europäischen Territorien Verleiher gegeben, die diesen Film engagiert herausbringen wollten. Ich gehe aber davon aus, dass wir hier noch Bewegung erleben werden. Letztendlich ist es eine aktive Entscheidung zu sagen, man möchte keine zusätzlichen Einnahmequellen zu Abonnementbeiträgen. Das muss man sich leisten können, insbesondere wenn die Wettbewerber dies nicht tun.

medienpolitik.net: Die Yorck-Kinogruppe hat jetzt eine eigene Streamingplattform gestartet. Welche Chancen hat diese Plattform gegen Netflix& Co.?

Bräuer: Es wäre pure Illusionen, mit Yorck On Demand in einen direkten Wettbewerb mit Netflix oder Amazon treten könnten. Dafür haben wir das Angebot aber auch nicht konzipiert. Unsere Leitfrage war: Welche Lücke hinterlassen diese Angebote? Was fehlt den Gästen?  Es geht uns darum die für uns wichtigen Filme, den Kinobesuch an sich und die Marke Yorck zu stärken. Daher ist der Dienst auch bewusst nicht während Lockdowns an den Start gegangen, sondern im Rahmen einer umfassenderen Digitalisierungsaktion. Allen voran möchten wir aber den Filmen, die bei uns im Kino funktionieren, eine Sichtbarkeit geben, wenn ihre Lebenszeit auf der Leinwand vorbei ist. Immer wieder haben wir es erlebt, dass Filme, die bei uns sehr gut funktionieren, danach dem Empfinden vieler Gäste nach verschwinden. Manche Filme sind sehr Berlin-spezifisch, andere ein Yorck-Phänomen. Wir möchten einen festen Ort schaffen, an dem man das wiederfindet, was man bei uns gesehen und lieben gelernt hat.

Dabei glauben wir an die Kraft von Kuration. Ja, wir müssen uns in der Aufmerksamkeitsökonomie durchsetzen und dafür auch auf Targeting und künstliche Intelligenz zurückgreifen. Aber wir sind fest davon überzeugt, dass menschliche Empfehlungen eine Renaissance erleben. Uns war es daher wichtig, ein digitales Pendent zu unserem Leitspruch „Im richtigen Kino bist du nie im falschen Film“ zu schaffen. Wer bei uns einen Film leiht oder kauft kann sich sicher sein, dass ein Mitglied unserer Redaktion fest davon überzeugt ist, dass dieser Film sehenswert ist. Yorck On Demand ist dabei in unser neu gestartetes digitales Mitgliedschaftsprogramm integriert, das über 100.000 Mitglieder zählt, die sich nun nahtlos in unsere neue Plattform einloggen können. Damit kann man bei uns Punkte sammeln für Filme, Snacks und Getränke – egal ob in der App, der Webseite oder an der Kasse, egal ob im Kino oder im Stream. Punkte kann man für Prämien beim nächsten Kinobesuch wie Popcorn oder Freitickets eintauschen.

Gleichzeitig schließen wir damit zweierlei eine Lücke auf dem Filmmarkt. Wir machen es einfacher, Filme im EST/TVOD zu entdecken, die man im Kino verpasst hat. Derzeit arbeiten wir an weiteren Integrationen wie einer plattformübergreifenden Watchlist. Wer sich einen Film zum Kinostart vormerkt, es aber nicht schafft, diesen anzusehen, wird zum Heimkinostart eine Benachrichtigung bekommen können. Denn viele Verleiher berichten von der Herausforderung, eine zweite Kampagne zum Home-Entertainment-Release zu steuern. Nun denken wir mit, was mit dem Film nach seinem Kinostart passiert. Unsere ersten Erfahrungen sind da recht vielversprechend.

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