„Die Entwicklung des Radios muss technologieneutral erfolgen“

von am 05.04.2022 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Dualer Rundfunk, Hörfunk, Infrastruktur, Medienförderung, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Privater Rundfunk, Technik, Werbung

„Die Entwicklung des Radios muss technologieneutral erfolgen“
Marco Maier, Geschäftsführer von Radio/Tele FFH und stellvertretender VAUNET-Vorstandsvorsitzender, Foto Markus Altmann

DAB+ ist für private Radios weiterhin kein Geschäftsmodell

05.04.2022. Interview mit Marco Maier, Geschäftsführer von Radio/Tele FFH und stellvertretender VAUNET-Vorstandsvorsitzender

Es müsse eine Finanzierung des Umstiegs auf DAB+ für beide Seiten des dualen Radiosystems geben und nicht nur für die in vielen Bereichen deutlich besser ausgestatteten ARD-Radiowellen, so Marco Maier stellvertretender VAUNET-Vorstandsvorsitzender in einem medienpolitik.net-Gespräch. Laut den Ergebnissen der aktuellen ma-Analyse Audi I 2022 erreichten klassische Radioangebote pro Werktag – montags bis freitags – rund 74Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren. DAB+ komme auf eine Tagesreichweite von 11,9 Prozent und 11 Prozent der Hörer nutzen IP-basierte Audioangebote (Webradio). „Damit ist der Vorsprung bei den terrestrischen Verbreitungswegen von UKW auf DAB+ weiterhin enorm“, der Geschäftsführer von Radio/Tele FFH. Bei der jüngsten Abstimmung im „Digitalradio Board“ hatte sich die rheinland-pfälzische Medienstaatssekretärin Heike Raab hatte für den DAB-Ausbau stark gemacht. Marco Maier kritisiert im Interview jedoch fehlende Voraussetzungen durch die Länder und den Bund: Der Zusatzaufwand für den Umstieg auf DAB+ sei für die Privatradios über Werbung nicht zu finanzieren. Das Digitalradio-Board hatte 2021 deshalb eine DAB+ -Infrastrukturförderung von jährlich ca. 60 Mio. Euro als angemessen erachtet.

medienpolitik.net: Herr Maier, wie bewerten Sie die Entwicklung bei DAB?

Maier: Entscheidend für die Beurteilung der Entwicklung von DAB+ ist nicht die Zahl der verkauften Empfangsgeräte, die zudem oft hybrid sind – und damit auch UKW-fähig, sondern die tatsächliche Nutzung. Hier haben wir anlässlich der Veröffentlichung der Ergebnisse der Audionutzung ma 2022 Audio I in der letzten Woche gesehen, dass bei der Nutzung nach wie vor der Fokus auf dem UKW-Empfang liegt: Laut den Ergebnissen erreichen klassische Radioangebote pro Werktag – montags bis freitags – rund 74Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren. DAB+ kommt auf eine Tagesreichweite von 11,9 Prozent und 11 Prozent der Hörer nutzen IP-basierte Audioangebote (Webradio). Damit ist der Vorsprung bei den terrestrischen Verbreitungswegen von UKW auf DAB+ weiterhin enorm. Ich erwarte, dass die drei Übertragungswege (UKW, IP, DAB+) mit veränderten Gewichtungen noch sehr lange parallel existieren werden. Hinzukommen werden weitere Übertragungswege, die auch für das Radio vielversprechend sind, zum Bespiel das 5G-Netz oder sein Nachfolger. Deshalb ist es der richtige Ansatz, dass die weitere Entwicklung des Hörfunks technologieneutral erfolgt.

medienpolitik.net: Ist DAB für die Privatradios durch den weiteren Ausbau des Sendernetzes attraktiver geworden?

Maier: Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. In einigen Regionen, Stichwort NRW, nimmt das DAB+ -Angebot zu, auch wenn der Markt dort seine DAB+ -Affinität erst noch entwickeln muss, damit entsprechende Reichweiten überhaupt aufgebaut werden können. In vielen Bundesländern ist die DAB+ -Infrastruktur für die privaten Anbieter aber immer noch schwach und die Finanzierung des weiteren Aufbaus nicht geklärt. Es gibt in einigen Regionen eine wachsende Attraktivität des DAB+ -Sendernetzes, die sich nun erstmal bewähren muss – aber eben noch nicht in der Fläche und in dem Maße, dass wir hier eine schnelle Entwicklung zu mehr Relevanz als Übertragungsweg sehen.

medienpolitik.net: Lässt sich inzwischen mit DAB Geld verdienen?

Maier: Auch hier muss man differenzieren. Einige der Sender, deren DAB+ -Reichweite signifikant wächst, werden damit auch irgendwann Erlöse erzielen können. Voraussetzung dafür wäre es aber, dass die UKW-Gebiete über DAB+ abgebildet werden können, damit eine entsprechende Gesamtreichweite erzielt werden kann. Nach meinen Informationen ist die Refinanzierung für viele DAB+ -only-Sender weiterhin schwierig. Positive Beispiele sieht man bei den Programmen, die neben DAB+ mindestens noch über einen weiteren Weg verbreiten. Wir haben bereits vor einigen Jahren berechnet, dass ein Umstieg auf eine ausschließlich digitale Verbreitung der Terrestrik ab einem analogen Nutzungsanteil von 10 Prozent für die privaten Radioveranstalter wirtschaftlich vertretbar wäre, weil dann die digitale Verbreitung die relevanten Reichweiten für die Werbezeitenvermarktung generieren würde. Davon sind wir aber absehbar noch sehr lange sehr weit entfernt.

„Die drei Übertragungswege (UKW, IP, DAB+) werden mit veränderten Gewichtungen noch sehr lange parallel existieren.“

medienpolitik.net: Ist die Unterstützung der Medienanstalten für die Finanzierung und die Verbreitung ausreichend?

Maier: Der Zusatzaufwand für den Umstieg auf DAB+ ist für die Privatradios über Werbung nicht zu finanzieren. Das Problem ist dabei vielerorts auch die unzureichende DAB+ -Infrastruktur. Daher ist es unerlässlich, gemeinsam klare Rahmenbedingungen für eine Förderung der privaten Hörfunkanbieter zu entwickeln. Die Vorrausetzungen hierfür zu schaffen, liegt bei den Ländern und dem Bund, nicht bei den Landesmedienanstalten. Das Digitalradio-Board hatte 2021 eine DAB+ -Infrastrukturförderung von jährlich ca. 60 Mio. Euro als angemessen erachtet, um eine breite Umstellung auf die digitale Technik für die Privaten wirtschaftlich vertretbar in Angriff nehmen zu können. Das deckt sich in etwa mit unseren Schätzungen. Nur so wird ein Aufbau einer technischen Infrastruktur auf Augenhöhe mit den Öffentlich-Rechtlichen möglich sein, die ihre Umstiegskosten aus entsprechend ausgewiesenen Mitteln aus dem Rundfunkbeitrag finanziert bekommen. Das ist eine der Grundvoraussetzungen für den Umstieg, andernfalls sehen wir durch weitere Wettbewerbsverschiebung die Vielfalt der privaten Angebote in Frage gestellt. Das kann niemand wollen. Deshalb muss es eine Finanzierung des Umstiegs für beide Seiten des dualen Radiosystems geben und nicht nur für die in vielen Bereichen deutlich besser ausgestatteten ARD-Radiowellen.

medienpolitik.net: Was hemmt die weitere Verbreitung von DAB vor allem?

Maier: Zunächst einmal gibt es nach wie vor vielerorts eine grundsätzliche Skepsis gegenüber DAB+, das betrifft nicht nur Teile der Privaten, sondern auch der Länder und der Öffentlich-Rechtlichen. Darüber hinaus gibt es neben der Finanzierungsfrage es eine Reihe von Themen, die gelöst werden müssen. Wir brauchen eine Abbildung der heutigen Regionalität der privaten UKW-Landschaft. Für den werbefinanzierten privaten Hörfunk kann ein Regionalisierungsmuster, wie bei den ARD-Radioangeboten, bei denen über DAB+ alle Regionalprogramme einfach landesweit verbreitet werden, keine Lösung sein. Zum einen gibt es hierfür keine Übertragungskapazitäten, zum anderen würde dieser Weg den bei UKW gebotenen kostengünstigen Aussteuerungsmöglichkeiten nicht gerecht. Einbußen bei den Werbeeinnahmen insbesondere in lokalen Gebieten wären die Folge. Überstrahlungen in andere Bundesländer, wie bei UKW gewollt, sind in den bisherigen Abdeckungen nicht berücksichtigt. Damit würden wir zwischen 10 und 25 Prozent unserer Reichweite verlieren und Hörer könnten ihre Sender nicht mehr empfangen. Schließlich muss es einen flächendeckenden und auch verlässlichen mobilen Empfang geben. Neue Bedeckungen in Betrieb zu nehmen, dauert zumeist viel zu lange. Vereinbarungen mit Netzbetreibern oder Freigaben aus dem Ausland brauchen teilweise Jahre. Darüber hinaus sind die privaten Veranstalter bei DAB+ an die Ausschreibungsbedingungen der jeweiligen Landesmedienanstalten bzw. Bundesländer gebunden und müssen sich bei den Sendernetzen mit allen privaten Veranstaltern im Bundesland, egal ob groß oder klein, einigen. Die Öffentlich-Rechtlichen können hier bei den technischen Einstellungen oder im Netzausbau flexibler agieren, weil sie selbst Nutzer des gesamten Multiplexes sind und oft auch als Netzbetreiber agieren. Auch hier bewegen sich die Privaten und die ARD leider nicht auf Augenhöhe.

Dem einen oder anderen mag es schon als Plattitüde vorkommen, aber trotzdem ist es richtig: Am Ende entscheiden die Hörer, welcher Verbreitungsweg sich durchsetzt. Hier sehen wir aktuell, dass auch der IP-Empfang als digitaler Verbreitungsweg stetig an Relevanz gewinnt, auch, weil er über zig sowieso zur Verfügung stehende Endgeräte, wie Smartspeaker, Smartphones, Tablets, Notebooks, etc. sehr einfach ist und gut funktioniert. Es besteht also in vielen Bereichen Handlungsdruck, auch im Wettbewerb der digitalen Übertragungswege untereinander, wenn man DAB+ zu mehr Relevanz verhelfen möchte.

„Es muss eine Finanzierung des Umstiegs für beide Seiten des dualen Radiosystems geben und nicht nur für die deutlich besser ausgestatteten ARD-Radiowellen.“

medienpolitik.net: Stefan Raue, Intendant des Deutschlandradios fordert: „Wir müssen uns auf Kriterien verständigen, die den Umstieg von analog auf digital definieren.“ Halten Sie das auch für erforderlich?

Maier: Das ist eine Forderung, die der VAUNET schon lange erhebt. Wir haben aus Sicht der Privaten die entsprechenden Kriterien bereits vor einigen Jahren definiert. Wenn wir uns auf einen solchen Kriterienkatalog verständigen könnten, würde eine Diskussion über den weiteren Umgang mit DAB+ endgültig obsolet sein, gegen die wir uns genau aus diesem Grunde nachdrücklich verwehren. Erst müssen die Kriterien definiert werden, die für einen Umstieg Voraussetzung sind. Wenn sie erreicht wurden, kann der Umstieg erfolgen. Und wir müssten uns dann darüber verständigen, wie mit den zurückgegebenen UKW-Frequenzen umgegangen wird.

medienpolitik.net: Welche Kriterien sollten dazu gehören?

Maier: Dazu gehört die Sicherstellung eines ausgewogenen dualen Systems mit der Deckelung der öffentlich-rechtlichen Angebote sowie die Abbildung aller bestehenden privaten UKW-Programme über DAB+. Wie schon angesprochen, müsste der Zusatzaufwand für eine Umstellung der Privaten von jährlich rund 60 Millionen Euro Förderung für die DAB+-Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden, die sich hierfür von uns im Markt nicht erwirtschaften lassen. Das ist keine einseitige Subventionsforderung, sondern eine, die die Wettbewerbsgleichheit im dualen Radiosystem herstellen würde. Und schließlich kann es ein UKW-Ende erst geben, wenn die tatsächliche analoge Nutzung auf unter 10 Prozent gesunken ist. Maßgeblich dafür ist die Messung der Nutzung des Anteils der UKW-Verbreitung an der durchschnittlichen Stunden-Netto-Reichweite in der Altersgruppe der 14-59-Jährigen in der für die ausgewiesenen Reichweiten relevanten Zeit montags bis freitags von 6 bis 18 Uhr. Wenn dieser Kriterienkatalog erfüllt ist, kann eine Migration marktkonform erfolgen.

medienpolitik.net: Hat DAB auch für die Information der Bevölkerung eine strategische Bedeutung? Sollte terrestrische Radio unbedingt gesichert werden?

Maier: Grundsätzlich ist die Terrestrik ein sehr wichtiger Informationsweg für die Bevölkerung, schon weil sie unabhängig von der Internetversorgung der Haushalte funktioniert. Wir wissen, dass die Menschen, wenn sie durch Ereignisse verunsichert sind, Radio hören, um Echtzeitinformationen für ihre Region zu empfangen. Informationsrelevanz auch in Katastrophenfällen haben aber nur Verbreitungswege, die die Menschen auch in signifikanter Zahl erreichen. Das leistet heute nur die UKW-Verbreitung. In Zukunft mag das möglicherweise auch DAB+ leisten können, wenn die Herausforderungen, über die wir gesprochen haben, gelöst werden.

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