„Die kulturelle Vielfalt ist Europas DNA“

von am 02.05.2022 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Gesellschaftspolitik, Kreativwirtschaft, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Die kulturelle Vielfalt ist Europas DNA“
Bruno Patino, französischer ARTE-Präsident und Peter Weber, stellvertretender deutscher ARTE-Präsident

30 Jahre Arte: Zahl der Partnersender soll von neun auf 13 erweitert werden

02.05.2022. Interview mit Bruno Patino, französischer ARTE-Präsident und Peter Weber, stellvertretender deutscher ARTE-Präsident

Am 30. Mai wird ARTE 30.Für das Jahr 2021 blickt der Sender auf eine erfreuliche Reichweitenbilanz zurück, sowohl im linearen als auch im nichtlinearen Bereich. ARTE erzielte im vergangenen Jahr einen Marktanteil von 1,3 Prozent in Deutschland und 2,9 Prozent in Frankreich. Allein für die Mediathek wurde zwischen 2019 und 2021 ein Reichweitenzuwachs von 68 Prozent verzeichnet. Das gesamte digitale Programmangebot auf arte.tv, YouTube, Facebook, Instagram und weiteren Drittplattformen erzielte 2021 mehr als 1,8 Milliarden Videoaufrufe. Außerhalb Deutschlands und Frankreichs wurden im Jahr 2021 pro Monat durchschnittlich ca. 30 Millionen Videoaufrufe generiert, was einer Zunahme von 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Das mehrsprachige Angebot in Englisch, Spanisch, Polnisch und Italienisch verzeichnete zwischen 2020 und 2021 ein Wachstum von 140 Prozent, mit etwa 5,5 Millionen Videoaufrufen pro Monat. ARTE hat gleich nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine weite Strecken seines Programms freigeräumt und zusätzliche Reportagen, Analysen und Hintergrundberichte zur Verfügung gestellt. Arte.tv bietet zudem eine Auswahl an Sendungen in ukrainischer und russischer Sprache an.

medienpolitik.net: Vor 30 Jahren startete ARTE. Was war der Anlass für dieses deutsch-französische Gemeinschaftsprogramm?

Patino: ARTE wurde zu einer Zeit gegründet, als Europa mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der neuen geopolitischen Lage nach einem neuen Gleichgewicht suchte. Das sehr eng verbundene deutsch-französische Paar wollte in dieser Hinsicht eine starke Geste vollziehen. Die Schaffung eines Kulturfernsehens mit europäischer Ausrichtung war die Antwort auf diese Forderung nach Zusammenhalt.

medienpolitik.net: Wenn ARTE nicht 1988 von Präsident François Mitterrand und Kanzler Helmut Kohl initiiert worden wäre, was würde der europäischen Fernsehlandschaft fehlen?

Patino: Das ist eine interessante Art, uns zu fragen, wer wir sind. Als Antwort möchte ich zitieren, was uns unser Publikum sagt bzw. schreibt: ARTE ist der Sender, der über die Grenzen hinausschaut, der den Horizont erweitert, die Welt begreifbar macht und der seinen Zuschauerinnen und Zuschauern mit den Filmen, Serien, Kultursendungen oder Dokumentarfilmen, die nur wir anbieten, hochwertige Unterhaltung bietet.

medienpolitik.net: Warum ein Kulturangebot?

Weber: Die kulturelle Vielfalt ist Europas DNA. Es wird immer Jean Monnet zitiert, dem wir übrigens in unserer Jubiläumswoche einen sehr schönen Dokumentarfilm widmen. Er sagte, er habe die Montanunion gegründet, aber er bedauere, dass er die Zusammenführung Europas nicht mit der Kultur begonnen habe. Die Kultur ist in der Tat der wesentliche Kitt, der die Völker verbindet, an der Wurzel ihrer Identität. Wenn man den anderen besser kennt, fallen viele der Barrieren, die das gegenseitige Verständnis beeinträchtigen.

„Die Kultur ist der wesentliche Kitt, der die Völker verbindet, an der Wurzel ihrer Identität.“

medienpolitik.net: Hat ARTE auch einen politischen Auftrag?

Patino: Ganz zu Beginn von ARTE war dies der Vorwurf der wenigen Gegner, die wir hatten. „ARTE ist ein Kind der Politik.“ Sie meinten damit, dass ARTE als Medium keine wirkliche Legitimität besitze, da die Gründung des Senders von Politikern beschlossen worden sei. ARTE hat jedoch von Anfang an seine Unabhängigkeit von politischen Mächten bewiesen, die in 30 Jahren ohnehin nicht ein einziges Mal versucht haben, Druck auf ARTE auszuüben. Allein durch die Kraft seines Konzepts und dank der allgemeinen Zustimmung, die ARTE beim Publikum, bei den Kreativen und auch bei der Presse fand, konnte der Sender überzeugen, dass er auch als „Kind der Politik“ Legitimität und Relevanz besitzt. Wenn man unter „Politik“ versteht, eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, dann erfüllt ARTE natürlich eine gesellschaftlich verantwortungsvolle Aufgabe, indem es seinem Publikum Orientierung bietet.  

medienpolitik.net: Wie wurde aus dem deutsch-französischen Kanal ein europäisches Projekt?

Weber: Der europäische Auftrag von ARTE ist im zwischenstaatlichen Vertrag zur Gründung des Senders verankert: „das Verständnis und die Annäherung zwischen den Völkern in Europa zu festigen“. Alle bisherigen Verantwortlichen des Senders haben daran gearbeitet, so viele Partner wie möglich für das im Kern deutsch-französische Projekt zu gewinnen. Das erste Abkommen mit einem europäischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurde 1993 mit dem französischsprachigen belgischen Sender RTBF unterzeichnet. Heute zählt das Netzwerk von ARTE neun Partnersender in ganz Europa. Derzeit bauen wir dieses Netzwerk weiter aus und führen Gespräche mit den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern in Litauen, Lettland und Estland. Mit RTVE in Spanien hoffen wir einen weiteren Partner gewinnen zu können. Mit der Digitalisierung und der Unterstützung der Europäischen Union konnten wir die Europäisierung auch sprachlich ausweiten: Seit 2015 bieten wir eine breite Auswahl an Programmen in vier weiteren Sprachen neben Deutsch und Französisch an – Englisch, Spanisch, Italienisch und Polnisch.

medienpolitik.net: Wie europäisch ist ARTE heute?

Patino: ARTE ist sowohl in seiner Struktur als auch in seinen Inhalten und seiner Ausstrahlung europäisch. Seit 30 Jahren baut ARTE sein Netzwerk an Partnern in ganz Europa aus. Wir haben bereits unsere Vereinbarungen mit anderen europäischen öffentlich-rechtlichen Sendern erwähnt. Darüber hinaus arbeiten wir auch mit Produzenten, Autoren, Regisseuren und kulturellen Einrichtungen in ganz Europa zusammen. 85 Prozent unserer Programme stammen aus Europa. Und dank unseres mehrsprachigen Angebots können 70 Prozent der Menschen in Europa die ARTE-Programme in ihrer Muttersprache sehen.  


„85 Prozent unserer Programme stammen aus Europa. Und dank unseres mehrsprachigen Angebots können 70 Prozent der Menschen in Europa die ARTE-Programme in ihrer Muttersprache sehen.“

medienpolitik.net: Wie hat der Ukraine-Krieg das Programm beeinflusst?

Weber: Angesichts des Krieges in der Ukraine und der Situation der Medien in Russland bietet ARTE seit Mitte April auf arte.tv eine Auswahl an Sendungen in ukrainischer und russischer Sprache an. Das Angebot besteht aus Nachrichtenclips und Inhalten des europäischen Nachrichtenmagazins ARTE Journal, die teilweise auch von ukrainischen Journalisten erstellt werden. Es ist ihr persönlicher Blick auf das eigene Land im Krieg. Genauso in unserer Reportagereihe, die sofort reagierte und laufend neue Geschichten aus Sicht der Betroffenen erzählt. Außerdem zeigen wir Solidaritätskonzerte aus ganz Europa, Aktionen und Reaktionen der Kulturszene, auch aus Russland. Wir sind #not speechless. Als der Krieg ausbrach, haben wir auch weite Strecken unseres Programms freigeräumt. Im TV und auf arte.tv hat der Sender Dokumentationen aus den Bereichen Geschichte, Geopolitik und Kultur gezeigt, sowie Sondersendungen von ARTE Reportage, „Mit offenen Karten“ und ARTE Journal, die mit fundierten Hintergrundinformationen die aktuellen Fragestellungen in den Fokus nehmen. 

medienpolitik.net: Wie haben sich der Programmumfang und das Programmangebot seit der Gründung verändert? 

Patino: Die Ausstrahlung des Senders hat sich im Rhythmus der technischen Entwicklungen und der ihm gewährten Finanzierungen entwickelt. In seinen Anfängen sendete ARTE nur abends ab 19 Uhr. Dann konnten wir im Laufe der Jahre ein Nachmittags- und später ein Tagesprogramm anbieten, das jedoch hauptsächlich aus Wiederholungen am Abend bestand, wobei im Jahr 2001 einige Magazine eingeführt wurden. Erst ab 2010 erhielten wir zusätzliche Mittel, um das Tagesprogramm mit speziell für diesen Zeitabschnitt konzipierten Sendungen zu füllen und ein digitales Angebot zu gestalten. Mit der Entwicklung non-linearer Verbreitungsformen hat sich unser Programmumfang, sowohl auf arte.tv als auch auf unseren sozialen Kanälen, wesentlich erhöht und ist erheblich vielfältiger geworden. Dies betrifft die Musikprogramme, die wir auf unserem digitalen Angebot ARTE Concert anbieten, Serien, kurzformatige Webserien, sehr innovative Animation und noch viele andere Inhalte, die bei einem Publikum, das wir im linearen Fernsehen nicht unbedingt erreichen könnten, großen Erfolg haben.

medienpolitik.net: ARTE beauftragt und initiiert auch eigene Produktionen. Warum? Ist das zugelieferte Kulturangebot der Partner nicht ausreichend?

Weber: Das Angebot von ARTE baut auf mehreren Säulen auf: Das Programm von ARTE wird zu 40 Prozent von ARTE Deutschland und zu 40 Prozent von ARTE France zugeliefert. Die restlichen 20 Prozent entstehen in der Zentrale in Straßburg und bestehen hauptsächlich aus den Koproduktionen mit den europäischen Partneranstalten sowie aus den Nachrichtensendungen, die in Straßburg produziert werden.

medienpolitik.net: ARTE war Schrittmacher bei der digitalen Verbreitung und auch beim Ausbau der Mediathek. Warum? ARTE wurde doch als „gesetztes“ Programm über Satellit verbreitet und in Kabelnetze eingespeist.

Patino: Lieber Herr Hartung, man muss mit der Zeit gehen. Um gesehen zu werden, muss man dort präsent sein, wo sich das Publikum bewegt. Zu diesem Zweck sind wir öffentlich- rechtlich finanziert. Und dieses Publikum ist derzeit weitgehend online unterwegs.

medienpolitik.net: Über welche Distributionswege wird ARTE heute in Europa verbreitet und wie wird es genutzt?

Weber: ARTE ist auf vielen Wegen zu empfangen. Unser lineares Programm wird in Europa über Satellit, über DVB-T, Kabel und IP-TV verbreitet. Natürlich gibt es unser Programm auch im Livestream auf unserer Website arte.tv und über unsere Apps für Smart TV und Mobilgeräte. Unsere TV-Reichweiten sind auf deutscher Seite zuletzt gewachsen und liegen bei einem Marktanteil von 1,3 Prozent. Unser umfangreiches On-Demand-Angebot auf arte.tv, erreichen Sie über unsere Apps für HbbTV und Mobilgeräte, oder Ihren Webbrowser und ebenfalls bei Plattformbetreibern. Auch über die ARD- und ZDF-Mediatheken finden die das ARTE-Programm. Außerhalb von Deutschland und Frankreich sind ca. 85 Prozent unserer Mediatheksinhalte im deutsch- und französischsprachigen Raum Europas verfügbar, zwei Drittel in ganz Europa und fast die Hälfte weltweit. ARTE ist außerdem auf YouTube mit mehreren Kanälen präsent, und auch auf Twitch. Wir produzieren auch Formate für Instagram, Snapchat und TikTok und verzeichnen auf diesen Plattformen mehrere Millionen Fans bzw. Follower, wodurch ARTE auch ein deutlich jüngeres Zielpublikum erreicht. Die Nutzungszahlen unserer Online-Angebote steigen seit Jahren kontinuierlich an. Über alle Plattformen hinweg haben wir 2021 1,8 Milliarden Videoabrufe verzeichnet. Die Zahl der Nutzer des Digitalangebots von ARTE wuchs im Vergleich zum Vorjahr um 22 Prozent. Davon erfolgten 373 Mio. Abrufe außerhalb von Frankreich und Deutschland.

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