Geburtstag eines kulturellen Füllhorns

von am 30.05.2022 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Gesellschaftspolitik, Kreativwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

Geburtstag eines kulturellen Füllhorns
Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

70 Prozent der Menschen in Europa können ARTE-Angebote in ihrer Muttersprache sehen

30.05.2022. Von Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Ein deutsch-französisches Kulturprojekt ist zu einem Begriff für Qualitätsfernsehen geworden. Am 30. Mai 1992 ging ARTE auf Sendung. Auch nach 30 Jahren ist dieses Angebot ein Novum und ein einzigartiges Konzept. Seitdem ist kein anderes europäisches Medienprojekt entstanden. Zwei Jahre zuvor haben Deutschland und Frankreich einen Vertrag für dieses Gemeinschaftsunternehmen unterzeichnet. ARTE bietet heute Inhalte in sechs Sprachen auf einer Vielzahl von Ausspielwegen an. Hochklassige Spielfilme und Serien, tiefgründige Dokumentationen und Reportagen, aber auch zunehmend eigene Produktionen und Berichte aus dem Kulturleben, kennzeichnen das Profil. 2021 standen dem Sender 141,6 Millionen Euro zur Verfügung. Je zur Hälfte aus dem Rundfunkbeitrag in Deutschland und Frankreich finanziert. Der deutsche Beitragszahler ist somit mit 64 Millionen Euro an diesem kulturellen Füllhorn beteiligt. Ein Schnäppchen im Vergleich zu den Aufwendungen für ARD und ZDF.

ARTE erzielte im vergangenen Jahr einen Marktanteil von 1,3 Prozent in Deutschland und 2,9 Prozent in Frankreich. Allein für die Mediathek wurde zwischen 2019 und 2021 ein Reichweitenzuwachs von 68 Prozent verzeichnet. Das gesamte digitale Programmangebot auf arte.tv, YouTube, Facebook, Instagram und weiteren Drittplattformen erzielte 2021 mehr als 1,8 Milliarden Videoaufrufe. Darüber hinaus erreicht der Sender ein wachsendes europäisches Publikum. ARTE hat gleich nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine weite Strecken seines Programms freigeräumt und zusätzliche Reportagen, Analysen und Hintergrundberichte zur Verfügung gestellt. Arte.tv bietet zudem eine Auswahl an Sendungen in ukrainischer und russischer Sprache an.

„ARTE wurde zu einer Zeit gegründet, als Europa mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der neuen geopolitischen Lage nach einem neuen Gleichgewicht suchte“, so Bruno Patino, französische ARTE-Präsident gegenüber medienpolitik.net. „Das sehr eng verbundene deutsch-französische Paar wollte in dieser Hinsicht eine starke Geste vollziehen. Die Schaffung eines Kulturfernsehens mit europäischer Ausrichtung war die Antwort auf diese Forderung nach Zusammenhalt.“ ARTE sei der Sender, der über die Grenzen hinausschaue, den Horizont erweitere, die Welt begreifbar mache und der seinen Zuschauerinnen und Zuschauern mit den Filmen, Serien, Kultursendungen oder Dokumentarfilmen, die nur wir anbieten, hochwertige Unterhaltung biete, sagt Patino.

Schrittweise entwickelte sich ARTE zu einem europäischen Medium. Während verschiedentlich über „europäische Medienplattformen“ philosophiert wird, ohne dass ein realistisches Konzept vorliegt, geschweige die Finanzierung gesichert ist, schafft ARTE Fakten. Außerhalb Deutschlands und Frankreichs wurden im Jahr 2021 pro Monat durchschnittlich ca. 30 Millionen Videoaufrufe generiert, was einer Zunahme von 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Das mehrsprachige Angebot in Englisch, Spanisch, Polnisch und Italienisch verzeichnete zwischen 2020 und 2021 ein Wachstum von 140 Prozent, mit etwa 5,5 Millionen Videoaufrufen pro Monat.

„Die kulturelle Vielfalt ist Europas DNA. Es wird immer Jean Monnet zitiert, dem wir übrigens in unserer Jubiläumswoche einen sehr schönen Dokumentarfilm widmen. Er sagte, er habe die Montanunion gegründet, aber er bedauere, dass er die Zusammenführung Europas nicht mit der Kultur begonnen habe. Die Kultur ist in der Tat der wesentliche Kitt, der die Völker verbindet, an der Wurzel ihrer Identität. Wenn man den anderen besser kennt, fallen viele der Barrieren, die das gegenseitige Verständnis beeinträchtigen“, so Peter Weber, stellvertretender deutscher ARTE-Präsident.

„Man muss mit der Zeit gehen“

Der europäische Auftrag ist bereits im zwischenstaatlichen Vertrag zur Gründung des Senders verankert. „Das Verständnis und die Annäherung zwischen den Völkern in Europa zu festigen“, sei programmlicher Auftrag, heißt es dort. Das erste Abkommen mit einem europäischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen wurde 1993 mit dem französischsprachigen belgischen Sender RTBF unterzeichnet. Heute zählt das Netzwerk von ARTE neun Partnersender in ganz Europa. Derzeit werden Gespräche mit den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern in Litauen, Lettland und Estland geführt. Mit RTVE in Spanien hofft man einen weiteren Partner gewinnen zu können.

Der Gemeinschaftssender arbeitet mit Produzenten, Autoren, Regisseuren und kulturellen Einrichtungen in ganz Europa zusammen. 85 Prozent des Programms stammt aus Europa und 70 Prozent der Menschen in Europa können ARTE-Angebote in ihrer Muttersprache sehen. Das Programm von ARTE wird zu 40 Prozent von ARTE Deutschland und zu 40 Prozent von ARTE France zugeliefert. Die restlichen 20 Prozent entstehen in der Zentrale in Straßburg und bestehen hauptsächlich aus den Koproduktionen mit den europäischen Partneranstalten sowie aus den Nachrichtensendungen, die in Straßburg produziert werden.

Mit der Entwicklung non-linearer Verbreitungsformen hat sich der Programmumfang, sowohl auf arte.tv als auch auf den sozialen Kanälen, wesentlich erhöht und ist erheblich vielfältiger geworden. Dies betrifft die Musikprogramme, die auf dem digitalen Angebot ARTE Concert angeboten werden, Serien, kurzformatige Webserien, innovative Animation und andere Inhalte, die bei einem Publikum, das im linearen Fernsehen nicht erreicht wird, großen Erfolg haben.

Der deutsch-französische Sender war Schrittmacher bei der digitalen Verbreitung und auch beim Ausbau der Mediathek. Noch bevor in den Mediatheken von ARD und ZDF spezielle Angebote unabhängig von einer linearen Verbreitung zu finden waren, ging ARTE bereits diesen Weg. ARTE ist auf YouTube mit mehreren Kanälen präsent, und auch auf Twitch. Es produziert Formate für Instagram, Snapchat und TikTok und verzeichnen auf diesen Plattformen mehrere Millionen Fans bzw. Follower, wodurch ein deutlich jüngeres Zielpublikum erreicht wird. „Man muss mit der Zeit gehen“, sagt dazu Bruno Patino. „Um gesehen zu werden, muss man dort präsent sein, wo sich das Publikum bewegt. Zu diesem Zweck sind wir öffentlich-rechtlich finanziert. Und dieses Publikum ist derzeit weitgehend online unterwegs.“

Im Entwurf des novellierten Medienstaatsvertrages ist vorgesehen, dass ARTE als eines der wenigen Programme weiterhin beauftragt wird. Das wird den Sender aber nicht daran hindern, die non-lineare Verbreitung auszubauen.

Durch die Kraft seines Konzepts und dank der allgemeinen Zustimmung, die ARTE beim Publikum, bei den Kreativen und auch bei der Presse fand, konnte der Sender überzeugen, dass er auch als „Kind der Politik“ Legitimität und Relevanz besitze, resümiert Peter Weber. „Wenn man unter ‚Politik‘ versteht, eine Rolle in der Gesellschaft zu spielen, dann erfüllt ARTE natürlich eine gesellschaftlich verantwortungsvolle Aufgabe, indem es seinem Publikum Orientierung bietet.“

Es ist zu wünschen, dass die Politik noch häufiger einen so positive und zukunftsorientierten und visionären Einfluss auf die Medien nimmt wie bei ARTE und, dass dieses Gemeinschaftsprojekt die Basis für eine scheinbar illusorische Idee bieten kann: eine europäische Kulturplattform. 

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