„Der Rundfunkrat darf sich nicht mehr als Teil des Senders verstehen“

von am 14.06.2022 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Gesellschaftspolitik, Kommunikationswissenschaft, Medienordnung, Medienpolitik, Medienregulierung, Medienwirtschaft

„Der Rundfunkrat darf sich nicht mehr als Teil des Senders verstehen“
Eva Flecken und Thomas Nückel

Medienpolitische Porträts: Eva Flecken und Thomas Nückel

14.06.2022. Eva Flecken, die Direktorin der MedienanstaIt Berlin-Brandenburg (mabb) und Thomas Nückel, ehemaliger medienpolitischer Sprecher der FDP im NRW-Landtag, haben auf dem ersten Blick nur wenige Gemeinsamkeiten. Doch beide Akteure deutscher Medienpolitik leisten einen wichtigen Beitrag für Medienvielfalt und Meinungsfreiheit. Die Autoren der Portrait-Reihe sind Studierende des Master-Studiengangs Journalistik der TU Dortmund. Eva Flecken ist seit Frühjahr 2021 Direktorin der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb). Spätestens seit sie dem russischen Auslandssender RT DE die Verbreitung in Deutschland verbot, hat sie ihre Feuertaufe dort hinter sich. Leidenschaftlich und überzeugend tritt sie in der deutschen Medienregulierung auf – und erzählt im Interview aber auch, wie Improvisationstheater ihr Arbeitsleben bereichert. Ein privates und berufliches Porträt von  Kathrin Wesolowski. Thomas Nückel ist Politiker und Journalist. Zwei Tätigkeiten, die nicht zusammen passen, könnte man denken. „Nein“, sagt Nückel; „Journalist sein, ist der Beruf, das Parteibuch ist privat – das passt sehr wohl zusammen. Als Journalist fühle ich mich der Überparteilichkeit verpflichtet. Doch das schließt im Privatleben kein Parteiengagement aus.“ Heute arbeitet Thomas Nückel nicht mehr als Journalist. Als medienpolitischer Sprecher vertat er die FDP im nordrhein-westfälischen Landtag. Außerdem war er Mitglied im Kultur- und Medienausschuss des Landtags und ist es noch im  WDR-Rundfunkrat. Ein Porträt über einen Mann, der die Medien von beiden Seiten aus kennt, von Charlotte Jacobsohn.

„Ich habe kein Problem, auch mal eine Quotenfrau zu sein“

Eva Flecken: Juristin und Medieneguliererin mit Erfahrung im Improvisationstheater

Eva Flecken ist seit Frühjahr 2021 Direktorin der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb). Spätestens seit sie dem russischen Auslandssender RT DE die Verbreitung in Deutschland verbot, hat sie ihre Feuertaufe dort hinter sich. Leidenschaftlich und überzeugend tritt sie in der deutschen Medienregulierung auf – und erzählt im Interview aber auch, wie Improvisationstheater ihr Arbeitsleben bereichert. Ein privates und berufliches Porträt von  Kathrin Wesolowski.

„Denken hilft“, erklärt Eva Flecken im Videointerview. Dieser kurze Satz sei ihr Lebensmotto. Manchmal helfe nicht das Bauchgefühl, sondern eben nur nachzudenken. Bei dem Lizenzfall um das Fernsehprogramm des russischen Auslandssenders RT DE war deswegen für Flecken schnell entschieden, was getan werden musste. Das Fernsehprogramm von RT DE war Ende 2021 live gegangen, obwohl keine Lizenz vorlag. Die mabb leitete unter der Führung Fleckens also ein Verfahren ein – und untersagte den Sendebetrieb. Eine Entscheidung, die nicht nur Folgen in Deutschland hatte, sondern auch in Russland: Die Deutsche Welle erhielt dort ein Sendeverbot. Eine Reaktion auf diese Entscheidung, sagt Eva Flecken im Interview. „Das lässt einen natürlich nicht unbeeindruckt, schließlich wissen wir, dass dahinter auch einzelne Schicksale von Journalisten stehen“, fährt sie fort. Durch diese Auseinandersetzung erfuhr die mabb große mediale und internationale Öffentlichkeit – also insbesondere auch Eva Flecken als ihre Direktorin.

Gern ins kalte Wasser geworfen

Als Jugendliche träumte Eva Flecken allerdings noch nicht davon, in der Medienaufsicht tätig zu sein, im Gegenteil: Sie hatte einen ganz anderen Berufswunsch. Sie wollte Theaterschauspielerin werden. Doch dann studierte Flecken Kommunikationswissenschaften, Soziologie und Wirtschaftspolitik in Münster und Wien. An der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster habe sie auch zum Thema feministische Theorie promoviert. Rückblickend – mit dem Wissen, einmal Direktorin einer Medienanstalt zu werden – hätte sie vermutlich Öffentliches Recht im Nebenfach studiert. Das hätte Flecken in der ihrer heutigen regulatorischen Arbeit deutlich geholfen. „Aber es geht natürlich auch so, immerhin habe ich eine sehr erfahrene, kenntnisreiche, einfach schlaue Rechtsabteilung an meiner Seite“, sagt sie schulterzuckend und lachend im Interview. Welche Etappe in ihrem Werdegang am prägendsten war, kann sie nicht beantworten. „Eigentlich waren alle Etappen bedeutsam, weil ich jedes Mal andere Qualifikationen erlernen durfte“, sagt sie. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihr aber ihre erste Zeit bei der mabb – sie war nämlich schon einmal von 2013 bis 2014 bei der Medienanstalt tätig, und zwar als Head of Digital Projects and Media Policy. „Damals hatte mich der mabb-Direktor Hans Hege schon sehr regelmäßig ins kalte Wasser geworfen“, erinnert sich Flecken. Schon nach wenigen Monaten in der Gemeinsamen Geschäftsstelle der Medienanstalten habe sie einen Vortrag vor ungefähr 300 Leuten über Plattformregulierung gehalten. Hans Hege war damals zuständiger Direktor für das Thema im Kreis der Medienanstalten. „Zu dem Zeitpunkt war ich noch damit beschäftigt, umfassend zu verstehen, was juristisch und auch technologisch eine Plattform eigentlich ist“, gibt sie lachend zu. Damals habe es von Anbietern wie Netflix noch keine Spur gegeben – da hätten sie sich eher über Google und andere Player unterhalten. Sie sei Hege sehr dankbar, dass er sie in so eiskaltes Wasser geworfen habe, und habe viel von ihm gelernt.

Flecken lernt im Improvisationstheater für den Berufsalltag

Viel gelernt hat Flecken auch in ihrer Zeit bei Sky Deutschland. Dort arbeitete sie sieben Jahre lang und war unter anderem verantwortlich für die Bereiche Jugendschutz, Regulierung sowie Politik. Flecken wurde mit großer Mehrheit zur Direktorin der mabb gewählt. Dennoch wurde ihr Wechsel nicht von allen positiv gesehen. So kritisierte die Organisation Lobbycontrol beispielsweise, dass jemand „aus den Reihen der zu  beaufsichtigenden Unternehmen eben jene Aufsicht verantworten“ werde. Doch Flecken selbst sieht es als bereichernd, auch die „andere Seite“ zu kennen. „Wie funktioniert ein Medienunternehmen? Was gibt es für wirtschaftliche Zwänge? Wie ist es, verbraucherorientiert zu arbeiten?“ – das waren nur einige der Fragen, die Flecken in ihrer Zeit bei Sky für sich beantwortet habe und nun in ihre Arbeit für die mabb einfließen lasse. Eva Flecken nimmt aber auch immer wieder Learnings aus dem Privaten in ihren Arbeitsalltag mit. Neben der Arbeit möchte sie künftig wieder Improvisationstheater spielen – den Wunsch nach Theaterschauspielerei hat sie eben doch nie ganz beiseitegelegt. „Das Schöne am Impro-Theater ist, dass jedes Kommunikationsangebot angenommen wird. Es gibt kein ‚ja, aber‘, immer nur ein ‚ja und‘“, erklärt sie. Das versuche Flecken auch als Führungskraft zu tun. Eine gute Führungskraft höre zu und arbeite im Umkehrschluss nachvollziehbar und transparent.

„Quotenfrauen“ sind wichtig

Flecken setzt sich für mehr Frauen als Führungskräfte ein. Ehrenamtlich ist sie als Mentorin tätig, zeigt sich sichtbar auf öffentlichen Panels. „Ich persönlich habe kein Problem damit, auch mal Quotenfrau zu sein“, sagt sie selbstbewusst, „Quotenfrauen sind schließlich auch gute Frauen“. Es brauche nicht nur mehr Frauen in den Aufsichtsräten, sondern schon im mittleren Management, damit diese dann nachrücken könnten, sagt Flecken zudem. „Umgekehrt müssen wir aber auch Männer bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen“, betont Flecken, „auch sie haben mit Geschlechterstereotypen zu kämpfen“.

Kein zahnloser Tiger beim Kampf gegen Desinformation

Der Einsatz für mehr Frauen in Führungspositionen erfordert Geduld, die Eva Flecken nach eigenen Aussagen nicht immer hat. In den vergangenen Jahren habe sie aber gelernt, damit umzugehen. „Ich glaube, meine Ungeduld ist auch eine Qualität, weil ich sie zu zügeln und kanalisieren gelernt habe“, bekräftigt sie. Geduld braucht man auch im Kampf gegen Desinformation, einer zentralen Aufgabe der mabb. Viele behaupten, die mabb trete da als „zahnloser Tiger“ auf. „Also als ich das letzte Mal nachgeschaut habe, hatte ich noch alle meine Zähne“, sagt Flecken lachend. „Ich habe mich auch nie als sonderlich zahnlos empfunden. Natürlich habe ich keinen Hebel an meinem Schreibtisch, mit dem ich das Internet abschalten kann. Das ist aber auch ganz gut so“, fährt sie fort.

Konsequent gegen Hass und Bedrohung im Netz

In ihrer alltäglichen Arbeit setze sich die mabb insofern gegen Desinformation ein, dass sie die Inhalte diverser Webseiten prüfe. Inwiefern werden die Standards eingehalten? Wer verbreitet Falschbehauptungen oder Behauptungen ohne Quellen? Im Mai 2021 leitete die Medienanstalt Berlin-Brandenburg beispielsweise ein Verfahren gegen das „alternative Medienangebot“ KenFM von Ken Jebsen ein. Er soll der journalistischen Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen sein. Der Publizist Jebsen wurde während der Corona-Pandemie vor allem für die Verbreitung von Verschwörungstheorien bekannt. Tatsächlich wurde das Angebot mittlerweile eingestellt. Für diese Arbeit brauche man einen ruhigen und langen Atem, sagt Flecken. Wer sich mit Desinformation und Verschwörungstheorien beschäftigt, bekommt auch Hassmails und Hassnachrichten. Flecken wirkt dem entgegen: Einfache Kritik und Nachfragen beantworte die mabb. Würden aber Grenzen überschritten und solche Nachrichten wirklich in Hass übergehen – beispielsweise mit Todesdrohungen –, erstatte sie Anzeige. „In der Regel gegen unbekannt, aber wir machen es trotzdem“, stellt sie klar. „Glücklicherweise sind das echt Ausnahmen.“

Als Direktorin der mabb hat Eva Flecken mehr als genug zu tun. Angesprochen auf möglichen Stress, sagt sie: „Stress habe ich grundsätzlich nicht. Das Wort kommt in meinem aktiven Sprachgebrauch nicht vor.“ Wenn man sich sage, man habe Stress, dann empfinde man ihn auch, sagt Flecken. Gerade am Wochenende finde sie guten Ausgleich, beispielsweise durch Fitbo. Das ist ein Ausdauertraining mit Elementen aus Kampfsport und Cardioeinheiten. Einen guten Ausgleich findet Flecken auch im Job, da sie vor allem im Büro arbeitet. „Ich treffe gern meine Kolleginnen und Kollegen.“ Auch gefalle es ihr, in unterschiedlichen Teams mit Menschen mit unterschiedlichen akademischen oder nicht-akademischen Hintergründen zusammenzuarbeiten.

Michelle Obama inspiriert Eva Flecken

Wenn Eva Flecken sich eine Person auf der Welt aussuchen könnte, mit der sie essen und trinken gehen würde, wäre das Michelle Obama. Sie habe zuletzt die Autobiografie „Becoming“ der ehemaligen First Lady der USA gelesen und sei von ihrem Leben fasziniert. Obama stammt aus armen Verhältnissen, arbeitete sich zur Rechtsanwältin hoch. Besonders beeindruckt ist Eva Flecken aber davon, dass Michelle Obama sich entschied, ihre steile Kanzlei-Karriere hinter sich zu lassen, um in der Verwaltung der Stadt Chicago, der Universität von Chicago und am Medical Center der Universität von Chicago gesellschaftspolitisch relevant zu arbeiten. „Außerdem, glaube ich, ist sie irre witzig. Sie hat einfach Humor“, fügt Eva Flecken hinzu. Dass ihr dies wichtig ist, ist ihr ohne Weiteres abzunehmen – trotz oder gerade wegen des Verwaltungsalltags, den ihre Arbeit auch mitbringt.

Zur Autorin: Kathrin Wesolowski arbeitet als freie Journalistin, Videoreporterin und Faktencheckerin. Ihre Schwerpunkte sind gesellschaftliche und politische Themen im internationalen Kontext. Sie recherchierte bereits in diversen Ländern wie Mexiko, Myanmar und Georgien. Zeitgleich studiert sie den Journalistik Master an der TU Dortmund.

 „Medienvielfalt ist noch lange keine Meinungsvielfalt“

Thomas Nückel: Landespolitiker und Journalist

Thomas Nückel ist Politiker und Journalist. Zwei Tätigkeiten, die nicht zusammen passen, könnte man denken. „Nein“, sagt Nückel; „Journalist sein, ist der Beruf, das Parteibuch ist privat – das passt sehr wohl zusammen. Als Journalist fühle ich mich der Überparteilichkeit verpflichtet. Doch das schließt im Privatleben kein Parteiengagement aus.“ Heute arbeitet Thomas Nückel nicht mehr als Journalist. Als medienpolitischer Sprecher vertat er die FDP im nordrhein-westfälischen Landtag. Außerdem ist er Mitglied im Kultur- und Medienausschuss des Landtags und im WDR-Rundfunkrat. Ein Porträt über einen Mann, der die Medien von beiden Seiten aus kennt, von Charlotte Jacobsohn.

Ich treffe Thomas Nückel am Rande einer Plenumssitzung. Der nordrhein-westfälische Landtag tagt zum letzten Mal in der 17. Legislaturperiode. Während unseres Interviews wartet der Landtagsabgeordnete in seinem Büro immer auf eine Durchsage oder ein Zeichen, dass es Zeit für eine namentliche Abstimmung ist. Dann muss der Abgeordnete schnell zurück in den Plenarsaal. Thomas Nückel vereint biografisch zwei Professionen: Er hat knapp drei Jahrzehnte als Journalist gearbeitet und ist heute Berufspolitiker. Für die FDP sitzt er seit 2012 im nordrhein-westfälischen Landtag. Er arbeitet nicht nur im Ausschuss für Medien und Kultur, sondern ist auch Vorsitzender des Verkehrsausschusses. Bahnthemen waren in seiner Zeit als aktiver Journalist sein Leib- und Magenthema. Zum Journalismus kommt Nückel bereits in der Schulzeit. Damals schreibt er für die Schülerzeitung. Immer wieder treffen sich seine beiden Leidenschaften und späteren Berufungen: Neben dem Engagement in der Schülerzeitung wird er zum Schülersprecher seiner Schule gewählt. Obwohl er laut eigener Aussage im Deutschunterricht „eher so mittelmäßig“ war, bleibt er beim Schreiben und erkennt dort seinen späteren Berufswunsch. Um sein Studium der Geschichte, Sozialpsychologie, Politik- und Theaterwissenschaft zu finanzieren, schreibt er für lokale Zeitungen. Sein Weg zur Zeitung gelingt ihm durch Zufall auch über die Politik.

Wie kam es dazu? Immer wieder bringt Nückel der Westdeuschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) abgetippte Pressemitteilungen auf der Schreibmaschine, die er für die hiesige FDP und deren Jugendorganisation erstellte. Eine Redakteurin rät ihm damals: „Da ist aber ziemlich viel Tipp-Ex für deine Pressemitteilung drauf gegangen, willst du nicht mal etwas Vernünftiges schreiben?“. So kommt er zu seinem ersten bezahlten journalistischen Job: Er gestaltet die neu ins Leben gerufene Jugendseite der Herner WAZ, die unter anderem über lokale Verbände berichtet. Als freier Mitarbeiter bleibt er bei der WAZ, währenddessen schreibt er gleichzeitig für das Herner Wochenblatt und andere Medien: „Darüber konnte ich gut mein Studium finanzieren“, berichtet Nückel.

Journalist bei Fernsehen und Radio

Erst mit 37 Jahren probiert sich Nückel dann im Fernsehen und Radio aus und arbeitet für VOX, Sat1 und den WDR als freier Fernsehjournalist. Auf die Frage, wie zufrieden er mit seinem ehemaligen Auftraggeber, dem WDR, und der aktuellen Medienvielfalt heute sei, antwortet er wie folgt: „Medienvielfalt haben wir überall, aber wir haben keine journalistische, redaktionelle Vielfalt mehr“. Dort sieht er das Problem. Laut Nückel gibt es beim WDR viel zu viele Kanäle, Sendungen und Redaktionen, aber wenig Meinungsvielfalt. In vielen Beiträgen und Moderationen schwinge oft eine „gewisse Belehrung“ mit, die häufig in eine bestimmte, aber immer gleiche politische Richtung gehe. Deswegen solle sich der WDR auch nicht wundern, wenn die Glaubwürdigkeit bei den Nutzern sinke und das Publikum stattdessen andere Formate lieber konsumiere. Das Politmagazin Westpol bezeichnet er etwas provokativ als „Grünenfunk“. „Das ist aber nicht nur ein Phänomen, was wir beim WDR haben“, sagt Nückel.  Auch in vielen Zeitungsredaktionen abseits des Öffentlich-Rechtlichen bemerkt Nückel eine bestimmte Couleur: „Der Grund, so glaube ich, ist, dass es einfach für viele Leute aus dem grünen Lager spannender ist, Journalist zu werden, als aus dem bürgerlichen Lager.“

Nückel war schon immer FDP-affin, hat aber am Anfang seiner journalistischen Laufbahn auch über Parteitage der SPD oder Grünen berichtet, „immer fair“, wie ihm bestätigt wurde. Für Thomas Nückel steht fest: Man kann bei einer Partei Mitglied sein und bei der Arbeit nicht-parteilich auftreten, also objektiv. Als positives Beispiel für diesen Spagat nennt er Rudolf Augstein, den Spiegel-Gründer, der auch Mitglied im Bundestag war. Doch das war in den 70ern. Nückels Einschätzung zu Journalistinnen und Journalisten heute: „Die Parteimitgliedschaft verschweigen viele, aber wenn man ein bisschen googelt, merkt man schnell, dass viele einen politischen Background haben“. Auf Twitter würden dann zum Beispiel viele Journalisten ihre Haltung unterstreichen – ob mit oder ohne Parteibuch. Wenn Nachrichten aber zu subjektiv gefärbt werden, sieht Nückel den Journalismus in Gefahr. So könne nämlich bei den Menschen der Eindruck entstehen, dass man den Aussagen und den Nachrichten nicht mehr vertrauen kann. Ein Befürworter ist Nückel daher vom konstruktiven Journalismus, der bei der Berichterstattung auf Lösungen hinweist – und Mediennutzerinnen und -nutzer nicht bloß mit mehr oder weniger niederschmetternden Nachrichten zurücklässt. Er möchte, dass wieder mehr aus Nutzersicht gedacht wird. „Was wollen die Zuschauer eigentlich wirklich?“, solle mehr im Vordergrund der Redaktionen stehen.

Öffentlich-rechtliche mit weniger Unterhaltung

Thema Rundfunkbeitrag: Ja oder nein? Für Nückel steht fest, dass wir ein Angebot von den Öffentlich-Rechtlichen brauchen, dieses sei auch wichtig für unsere Demokratie. Auf einen festen Betrag, also, wie viel er am liebsten zahlen würde, lässt sich Nückel aber nicht festnageln. „Ich glaube aber, dass wir es mit den Rundfunkgebühren schon ein bisschen übertrieben haben“, findet er. Kritisch sieht er auch, dass die Sender durch ihre Voranmeldung bei der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) selbst bestimmen, wie viel sie brauchen und an Geldern haben wollen. Dadurch würden im Grunde Verwaltungsapparate gefüttert. Das sieht er als Fehlentwicklung. „Ich glaube, ein moderater, gedämpfter Beitrag würde auch das Vertrauen in die Sender wieder stärken. Diese müssen keine Spielshow oder billige Unterhaltung machen, die manchmal teurer ist als anspruchsvolle Unterhaltung“. Damit sei nicht gemeint, den „Tatort“ abzuschaffen. Man brauche auch Unterhaltungssendungen, die die Leute ins Programm locken. Aber er würde ein Modell bevorzugen, das hauptsächlich journalistische Angebote finanziert. Besonders charmant findet er das Schweizer Modell. Da wird jeder zweite Franke für journalistische Angebote ausgegeben „und nicht für eine üppige Altersvorsorge des Vorstandes oder für Verwaltungsapparate.“

Auch die Rundfunkräte brauchen laut Nückel eine Reform. Rundfunkräte sollten die Gesellschaft repräsentieren: „Zu oft merkt man, dass die Räte dort oft nur die Interessen ihrer Organisation vertreten.“ Nückels Vorschlag: Der Rundfunkrat darf sich nicht mehr als Teil des Senders verstehen. Die Kontrolle der Sender muss extern organisiert werden. Als Vorbild nennt er die BBC. Genau da sieht er eine Reformchance. Für den dritten Medienänderungsstaatsvertrag möchte er, dass die Aufgaben der Sender reformiert werden, „weil wir nicht 60 Hörfunksender brauchen, weil wir nicht 20 Fernsehsender brauchen, damit das Angebot online nicht übertrieben wird“. Er sieht es als kritisch an, dass die öffentlich-rechtlichen Programme den privaten Medienangeboten zu viel Konkurrenz im Onlinebereich machen.

Mehr Einfluss der Landesparalmente auf die Medienpolitik

Am Ende der Legislatur blickt er positiv gestimmt auf die Arbeit im Medienausschuss zurück. Eine zweite private UKW-Kette und DAB+ wurden vorangetrieben, mehr Sender konnten sich um eine Lizenz bewerben. Er ist optimistisch, dass das zu einer vielfältigeren Radiolandschaft in NRW führe. Auch stolz ist er darauf, dass er mithelfen konnte, den Kulturetat zu verdreifachen. Sein Ziel für das nächste Jahr: „Medienpolitik muss aus den Kellern der Staatskanzleien und Intendantenbüros herausgeholt werden.“  Denn: „Wenn so ein Staatsvertrag fertig ist, dann können die Landtagsabgeordneten gar nichts mehr daran verändern, nur ja oder nein sagen“. Dabei würde er sich mehr Mitsprachrecht für die Parlamente wünschen. Er würde sich auch eine Reform für die kleinen, teuren Sender wie Radio Bremen und den Saarländischen Rundfunk wünschen und diese beispielsweise an den NDR oder SWR koppeln. Das heißt nicht: Radio Bremen abschaffen. Sondern vielmehr: den Verwaltungsapparat mit Rundfunkrat, Gremien, Verwaltungsdirektor und Intendanten verschlanken, Kosten durch eine Kooperation senken.

Thomas Nückel lebt gerne im Ruhrgebiet. Samstagsabends ist sein Kino- und Theatertag. Nückel ist in Herne geboren und geblieben. Eine Entscheidung, die nicht jeder nachvollziehen kann. Nückel findet die Metropole Ruhr spannend, „und Herne ist mitten im Zentrum des Ruhrgebiets, die Mieten sind günstig, es gibt ein großes Kulturangebot, weil alles so nah ist“. Nückel erfüllt nicht das FDP-Klischee des Porschefahrers. Er selbst hat zwar einen Führerschein, aber kein Auto, sondern fährt alle Strecken mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV. „Es gibt ein Leben ohne Auto und das funktioniert in Herne ideal“. Er kann sich gut Fahrpläne merken und im Zug seine E-Mails auf dem Weg zur Arbeit beantworten. Die Bahnfahrt eignet sich auch gut zum Zeitunglesen, „und die Busfahrt, um ein Nickerchen zu machen“.

Die letzte Frage des Gesprächs, wofür er immer viel zu wenig Zeit habe, beantwortet er mit „Lesen“. Gerne greift er dabei zu Krimis und Science-Fiction, besonders liebt er Star Trek. Passend dazu erfolgt nun auch der Aufruf zur nächsten Abstimmung. So entschwindet Nückel in die „unendlichen Weiten“ des nordrhein-westfälischen Landtags. Mit der Neuwahl des NRW-Landtages im Mai diesen Jahres ist Thomas Nückel aus dem Landtag ausgeschieden.

Zur Autorin: Charlotte Jacobsohn hat den BA-Studiengang Journalistik mit dem Nebenfach Anglistik an der Technischen Universität Dortmund studiert. Nach ihrem Volontariat beim Hessischen Rundfunk arbeitet sie heute als freie Journalistin für die WELT. Zugleich studiert sie im MA-Studiengang Journalistik an der TU Dortmund.

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