„Die Filmförderungsanstalt muss flexibler aufgestellt werden“

von am 07.06.2022 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

„Die Filmförderungsanstalt muss flexibler aufgestellt werden“
Christine Berg, Vorstand HDF Kino

Kinobetreiber fordern Änderungen beim Einsatz von Fördergeldern

07.06.2022. Interview mit Christine Berg, Vorstand HDF Kino

Mit den über 400 Millionen Euro an Fördermitteln für Kino- und TV-Produktionen würden zu 90 Prozent Produktionen gefördert und nur zu zehn Prozent Drehbücher, der Verleih und die Kinos, analysiert Christine Berg, Vorstand des Interessensverbandes HDF Kino. Es gehe deshalb in erster Linie nicht um mehr Geld, sondern um einen angemesseneren Einsatz. Dieses Ungleichgewicht müsse korrigiert werden. Auch die Produzenten würden von besseren Drehbüchern und effektiverem Marketing profitieren, weil sie mit ihren Filmen mehr Zuschauer erreichen könnten. Solange noch ein gewisser Branchenegoismus herrsche und insgesamt zu wenig die Bedürfnisse und Erwartungen der Zuschauer im Blick stünden, seien solche Veränderungen nur schwer durchzusetzen. Hierbei könnten das FFG (Filmförderungsgesetz) und die FFA (Filmförderungsanstalt) der Schlüssel für Reformen sein, denn das sei die einzige Förderinstitution, die von der gesamten Branche finanziert werde. Um eine größere Unabhängigkeit von amerikanischen Filmstudios zu erreichen und mehr den Erwartungen der Zuschauer zu entsprechen, müsste der Anteil deutscher Kinofilme durch eine zielgerichtetere Förderung erhöht werden. „Warum sollten wir nicht auch in Deutschland einen Marktanteil von 35 Prozent an eigenen Produktionen erreichen? Wie die vielen Aufträge von VoD-Plattformen zeigen, ist die Qualität der deutschen Filmwirtschaft gut“, so Berg.   

medienpolitik.net: Frau Berg, man hörte und las vom Kinokongress im Mai viele positive Kommentare und Meinungen. Ist die Stimmung der Kinobetreiber besser als die Lage?

Berg: Ja. Die wirtschaftliche Lage ist weiterhin sehr schwierig. Die Kinos haben auch in diesem Jahr bisher einen Umsatzeinbruch von 40 Prozent. Andererseits freuen sich die Kinobetreiber, wieder für ihr Publikum da zu sein, um ihm wieder gute Unterhaltung im Kino bieten zu können. Sie blicken jetzt vor allem nach vorn und erleben, dass sie das Publikum wieder zurückgewinnen, auch wenn es noch großer Anstrengungen bedarf, um auf das Niveau der Vor-Pandemie-Zeit zu kommen. Kinobetreiber sind in erster Linie Unternehmer. Wenn ein Unternehmer ein Problem hat, dann unternimmt er etwas. Das durften sie zwei Jahre nicht und nun können sie endlich wieder aktiv werden und haben wieder das Zepter in der Hand. Das macht auch frei.

medienpolitik.net: Sie sprachen sogar von Chancen, nach zwei Jahren Pandemie. Worin bestehen diese Chancen?

Berg: Eine unserer größten Chancen besteht darin, Menschen, die sich zwei Jahre lang Spielfilme per Streaming auf dem Sofa angesehen haben, die Faszination des Kinos wieder erlebbar zu machen. Der „Zauber“ des Streamings ist zum Teil verschwunden, man sehnt sich wieder nach gemeinsamen Erlebnissen, nach etwas „Besonderem“, wie es das Kino bietet. Es ist unsere große Chance, das Publikum davon zu überzeugen, dass es bei uns Filme auf eine ganz besondere Art und Weise erleben kann. Diese Chance wollen wir natürlich ergreifen.

medienpolitik.net: Wie wollen Sie diese Chance ergreifen?

Berg: Erstens, dass die Kinos durch bessere und intensivere Kommunikation sichtbarer werden. Zweites wollen alle in ihre Häuser weiter investieren um sie „aufzuhübschen“, aber auch technisch fit zu machen. So planen wir eine bundesweite Kinokampagne, um die Filmtheater stärker in den Fokus der Freizeitinteressen zu rücken und wir werden in diesem Jahr erstmals ein Kinofest veranstalten, mit dem wir das Kino feiern wollen. Für fünf Euro können sich Interessierte an einem Wochenende Filme ansehen, es wird ein Rahmenprogramm und Informationen zum jeweiligen Lichtspielhaus und zu den kommenden Filmen geben. Die Branche hat in der Pandemie verstanden, dass man noch enger zusammenrücken muss, dass der Zuschauer das Maß aller Anstrengungen sein muss, für ihn werden die Filme produziert. Wenn wir das nicht konsequent beherzigen, haben wir keine Zukunft.    

Der ‚Zauber‘ des Streamings ist zum Teil verschwunden, man sehnt sich wieder nach gemeinsamen Erlebnissen, nach etwas „Besonderem“, wie es das Kino bietet.

medienpolitik.net: Sie sprachen eben vom „Aufhübschen“. Aber besteht nicht schon seit Jahren ein großer Investitionsstau?

Berg: Ja, das sehe ich mit großer Sorge. „Aufhübschen“ wäre das, was das Publikum vor allem bemerkt, aber es geht leider teilweise auch um die Bausubstanz und wichtige technische Einrichtungen. Diesen Investitionsstau schieben wir seit Jahren vor uns her. Zudem müssen die Kinos nachhaltiger und energieschonender werden. Die Häuser müssen so ausgestattet werden, dass sie auf eine mögliche künftige Pandemie angemessener reagieren können. Dazu gehören geräumigere Sitze, besser ausgestattete Toiletten, leistungsfähigere Lüftungsanlagen, breitere Wege in den Foyers. Das heißt, wir haben den Investitionsstau, die Forderung nach einem „grünen“ Kino und die Notwendigkeit einer besseren pandemiebedingten Ausstattung. Diese drei Aufgaben gleichzeitig  finanziell zu bewältigen, überfordert die Kinos bei weitem. Auch die Digitalisierung ist noch nicht zufriedenstellend umgesetzt. Das betrifft die nächste Generation der Projektoren ebenso wie die Tontechnik oder den Marketing- und Kundenbereich. Hier sind viele Kinos zwar inzwischen weiter, als die Öffentlichkeit es wahrnimmt, aber wir sind insgesamt noch nicht da, wo wir hinkommen müssen.

medienpolitik.net: Ist das Zukunftsprogramm Kino, für das Sie eine Erweiterung fordern, die Voraussetzung für die Bewältigung dieser Investitionen?

Berg: Das ist eine derSäulen, um die Kinos für die Zukunft widerstandsfähiger und leistungsfähiger aufzustellen. Diese Aufgaben können die Kinobetreiber nicht aus eigener Kraft stemmen. Das Zukunftsprogramm Kino hat aber einen zu geringen Umfang, trotz der aktuellen Aufstockung, und es sind nicht alle Filmtheater antragsberechtigt. Der Mittelstand wird hier bisher nicht berücksichtigt. Ich kenne außerdem kein anderes Förderprogramm, das bereits zwei Stunden nach dem Start überzeichnet war.  

medienpolitik.net: Die große Mehrheit der Theater und Opernhäuser sind in Deutschland subventioniert. Können Sie sich ein solches Modell auch für die Kinos vorstellen?

Berg: Nein. Das wäre aus unserer Sicht der falsche Weg. Kinos bieten Kultur für alle und nicht nur für eine bestimmte Gruppe der Bevölkerung. Die große Bedeutung des Kinos besteht gerade darin, dass wir eine der niedrigschwelligsten Kulturleistungen anbieten können. So können wir jeden Bürger auf unterschiedliche Art und Weise ansprechen. Diese Vielfalt und Diversität sollen erhalten bleiben. Zudem funktioniert das Geschäftsmodell Kino auch weiterhin, wenn außergewöhnliche Investitionen, wie bei anderen Bereichen der Gesellschaft auch, angemessen gefördert werden.

medienpolitik.net: Warum holt man die Zuschauer nicht da ab, wo sie viele gegenwärtig Filme konsumieren, vor dem Fernseher oder dem Tablet. Werden die Kinos künftig stärker auch Produktionen von VoD-Anbietern berücksichtigen?

Berg: Die Kinos zeigen gerne solcheattraktiven Filme, wenn unsere Konditionen berücksichtigt werden. Jede Produktion, die Kinoqualität aufweist, muss auch auf der großen Leinwand gezeigt werden. Aber nicht um jeden Preis. Dabei spielt Exklusivität für das Kino eine entscheidende Rolle. Ich bin sehr erstaunt über den Vorwurf an uns, dass wir auf einer Auswertungsexklusivität bestehen. Jede künstlerische Auswertungsform benötigt, um sich refinanzieren zu können, Exklusivität. Das praktizieren die VoD-Plattformen auch nicht anders.

„Die Branche hat in der Pandemie verstanden, dass man noch enger zusammenrücken muss, dass der Zuschauer das Maß aller Anstrengungen sein muss, für ihn werden die Filme produziert.“

medienpolitik.net: Sie setzen stark auf den deutschen Film, erhoffen sich einen Marktanteil von über 20 Prozent. Doch die großen Zuschauermagneten der letzten Wochen sind weiterhin amerikanische Filme. Warum sollte sich das ändern?

Berg: Ein wichtiger deutscher Filmproduzent, der Constantin-Vorstand Martin Moszkowicz, hat in Las Vegas auf der CinemaCon darauf verwiesen, dass in der Welt im Durchschnitt amerikanische Filme 55 bis 65 Prozent des Marktanteils ausmachen. Damit ist also viel Luft für einheimische Produktionen, wie auch Beispiele aus anderen Ländern zeigen. Warum sollten wir nicht auch in Deutschland einen Marktanteil von 35 Prozent an eigenen Produktionen erreichen? Wie die vielen Aufträge von VoD-Plattformen zeigen, ist die Qualität der deutschen Filmwirtschaft gut. Die Pandemie hat gezeigt, dass ein höherer Anteil deutscher Produktionen den Kinos eine größere Unabhängigkeit verschafft. Wenn der Weltmarkt instabil wird, hilft uns die einheimische Produktion, dennoch ein gutes Programm zu bieten. Es existieren in Deutschland bekanntlich sehr gute Regisseure, Kameraleute, Drehbuchautoren und Produzenten, die zunehmend für Projekte von Streaming-Plattformen zum Einsatz kommen und dem deutschen Film fehlen. Das sollte sich ändern.

medienpolitik.net: Insgesamt stehen mehr als 400 Millionen Euro Fördergelder von FFA, Bund und Ländern zur Verfügung. Ist das zu wenig oder wird das Geld falsch verteilt?

Berg: Mit diesem Geld werden zu 90 Prozent Produktionen gefördert und nur zu zehn Prozent Drehbücher, der Verleih und die Kinos. Es geht also in erster Linie nicht um mehr Geld, sondern um einen angemesseneren Einsatz. Dieses Ungleichgewicht müsste korrigiert werden. Denn auch die Produzenten würden von besseren Drehbüchern und effektiverem Marketing profitieren, weil sie mit ihren Filmen mehr Zuschauer erreichen könnten. Hier ist eine größere Flexibilität erforderlich.

medienpolitik.net: Das ist aber keine neue Forderung?

Berg: Nein, aber solange noch ein gewisser Branchenegoismus herrscht und wir insgesamt zu wenig die Bedürfnisse und Erwartungen der Zuschauer im Blick haben, sind solche Veränderungen nur schwer durchzusetzen. Hierbei könnten das FFG (Filmförderungsgesetz) und die FFA der Schlüssel für Reformen sein, denn das ist die einzige Förderinstitution, die von der gesamten Branche finanziert wird. Hier müsste die Diskussion über die Lücken und Ungleichgewichte bei der Förderung stärker geführt werden. Es fehlen beispielsweise Förderungen von Aus- und Weiterbildungen oder für generische Werbekampagnen. Die FFA, die für den deutschen Film eine hervorragende Arbeit leistet, könnte Schrittmacher für eine neu gestaltete Förderung sein und einen neuen Weg einschlagen.

medienpolitik.net: Sollte mit dem novellierten FFG die FFA und ihre Vorbildrolle für die Filmförderung gestärkt werden?

Berg: Absolut. Die FFA muss flexibler aufgestellt werden. Der Vorstand macht einen hervorragenden Job. Er ist aber an das FFG gebunden, was die Branche wesentlich beeinflussen kann. Mit dem neuen FFG muss der FFA ein Instrument an die Hand gegeben werden, schneller auf die Veränderungen das Marktes zu reagieren. Doch dafür muss sich auch die Filmwirtschaft darüber einig werden, was sich verändern muss, wo die Förderschwerpunkte künftig liegen sollten und wo wir neue Wege gehen müssen. Die FFA hat beispielsweise die Initiative „Grünes Kino“ maßgeblich kommuniziert und gefördert. Solche zukunftsweisenden Projekte würden wir uns von unserer Filmförderungsanstalt in stärkerem Maß wünschen.

medienpolitik.net: Laut Koalitionsvertrag soll die Filmförderung zusammen mit den Ländern novelliert und neu geordnet werden. Was hat sich bisher getan?

Berg: Es wurde eine Diskussion darüber angestoßen, was man bei der Förderung verändern sollte. Bisher wird zu wenig über das Wie gesprochen. Leider ist es bisher bei dieser allgemeinen Debatte geblieben.

medienpolitik.net: Was müsste neu geordnet werden?

Berg: Genau diese Frage müsste die Branche in einer internen Klausurtagung ausführlich diskutieren, um sich über die Richtung einig zu werden. Und dann müssen diese Konzepte auch beim neuen FFG berücksichtigt werden. Viel Zeit bleibt aber nicht mehr, denn ab 1. Januar 2024 soll das nächste Gesetz in Kraft treten. Die Kinos sind die größten Geldgeber der FFA und fordern deshalb, dass die FFA damit so gestärkt wird, dass sie innovativer wird und zeitgemäß reagieren kann.

medienpolitik.net: Sie haben im Zusammenhang mit einer Flexibilisierung der Auswertungsfenster eine Branchenvereinbarung über die Auswertung von Kinofilmen ins Spiel gebracht. Wird es eine solche Vereinbarung, nach französischem Vorbild, auch in Deutschland geben?

Berg: Wir führen dazu gegenwärtig mit allen Beteiligten intensive und vertrauliche Gespräche.

medienpolitik.net: Werden auch die Kinos, wie es gegenwärtig viele Dienstleister praktizieren, die Kinopreise erhöhen?

Berg: Auch die Kinos stehen unter einem großen Kostendruck: der neue Mindestlohn, die Energiepreise, die Lebensmittel für die Pausenversorgung usw. Die Kinos versuchen aber, durch Bonussysteme, Kundenkarten, oder günstige Ticketpreise an einzelnen Tagen darauf zu reagieren und einen Ausgleich zu schaffen. Für wen ein „normales“ Ticket zu teuer ist, der kann zu bestimmten Zeiten ein preiswerteres Ticket kaufen.

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