„Qualitätskodex für Journalismus“

von am 15.06.2022 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Journalismus, Kommunikationswissenschaft, Medienordnung, Medienpolitik, Medienrecht, Medienregulierung

„Qualitätskodex für Journalismus“
Otfried Jarren und Thorsten Schmiege

Medienpolitische Porträts: Otfried Jarren und Thorsten Schmiege

15.06.2022. Die digitale Transformation revolutioniert die Mediennutzung und Medienbranche. Das beschäftigt die Kommunikationswissenschaft und Rechtswissenschaft gleichermaßen. Otfried Jarren, emeritierter Professor für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich und Thorsten Schmiege Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) gehören zu den Medienakteuren, die diesen Prozess begleiten. Die Autoren der Portrait-Reihe sind Studierende des Master-Studiengangs Journalistik der TU Dortmund. Prof. Dr. Otfried Jarren ist Kommunikationswissenschaftler, Honorarprofessor an der FU Berlin und emeritierter Professor für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich. Bis 2021 war er Präsident der Eidgenössischen Medienkommission und damit viele Jahre der medienpolitische Chefberater der Schweizer Bundesregierung. Otfried Jarren über die Zukunft von Tageszeitungen und den Journalismus von morgen. Ein Portrait von Charlotte Jacobsohn. Seit etwas mehr als einem halben Jahr ist Dr. Thorsten Schmiege Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). Er hat sich Zeit genommen, über diese Aufgabe und aktuelle Herausforderungen für die BLM zu sprechen. Ein Porträt von Noah Matzat. 

„Die Zahlungsbereitschaft schwindet, und ich sehe nicht, dass sie wieder steigt“

Otfried Jarren: Professor für Publizistik mit einem journalistischen Bauchladen

Prof. Dr. Otfried Jarren ist Kommunikationswissenschaftler, Honorarprofessor an der FU Berlin und emeritierter Professor für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich. Bis 2021 war er Präsident der Eidgenössischen Medienkommission und damit viele Jahre der medienpolitische Chefberater der Schweizer Bundesregierung. Otfried Jarren über die Zukunft von Tageszeitungen und den Journalismus von morgen. Ein Portrait von Charlotte Jacobsohn.

In der Kommunikations- und Medienforschung ist Otfried Jarren durch zahlreiche Publikationen und durch seine beratende Tätigkeit für den Schweizer Bundesrat oder als Präsident der Eidgenössischen Medienkommission ein echtes Schwergewicht. Ursprünglich war es allerdings sein Berufswunsch, Journalist zu werden. Jarren wächst in Schleswig-Holstein auf. In seiner Familie gibt es Landwirte, Metzger oder Handwerker. Er ist der Erste, der studiert. Da es das Fach Journalistik zu seiner Zeit in Deutschland noch gar nicht gibt, beginnt er an, Publizistik, Soziologie, Volkskunde und Politikwissenschaft in Münster zu studieren. „Weil ich vom Land komme, habe ich mich nicht in die große Stadt Berlin getraut“, erklärt Jarren seine Wahl für den Studienort.

Nach Berlin kommt Jarren dann 1979. Er nimmt eine Assistenzstelle an der FU Berlin an. Vorher schließt er sein Studium in Münster ab, absolviert studienbegleitend ein Volontariat und arbeitet lange Zeit für das Radio. Und probiert sich ganz kurz beim Fernsehen aus. Ohnehin ist die Liste der Sender und Medien lang, für die Jarren im Laufe seine Karriere arbeitet. Er schreibt für den Evangelischen Pressedienst (epd medien), den Mediendienst der Nachrichtenagentur dpa, die „Frankfurter Rundschau“ und gestaltet Radiobeiträge für den NDR, SFB, HR und den WDR. Durch Dokumentationen und diverse aufwendige Recherchen schafft er es, sich einen „journalistischen Bauchladen“ aufzubauen.

Den weitaus größten Teil seines beruflichen Werdegangs, von 1979 bis 2021, verbringt Jarren aber in der Wissenschaft; formell ist er nie bei Medienunternehmen angestellt. An Universitäten bleibt er rund 40 Jahre seines Lebens. Trotz seiner Tätigkeit in Forschung und Lehre wirkt er fachjournalistisch bei einigen Medien. Regelmäßig verfasst er Analysen, Gastbeiträge und Artikel, unter anderem für die F.A.Z. oder die NZZ. Seine Lieblingsmedien sind vor allem Printmedien: die NZZ und der Tages-Anzeiger für Schweizer Themen, SZ, F.A.Z. und die Zeit für Informationen über Deutschland.

Obwohl er selbst Printmedien „liebt“, sieht er die Zukunft dieser, besonders der Lokalzeitungen, als prekär an. Die Lokalzeitungen hätten es jetzt schon schwer, sagt Jarren. Es seien vor allem die alten Menschen, „also die wirklich alten“, die heutzutage noch eine Lokalzeitung zu Hause abonniert hätten und intensiv läsen. Leserinnen und Leser müssten die deutsche Sprache gut beherrschen, meint Jarren. „Wir haben es in Deutschland und den anderen europäischen Ländern mit einer Einwanderungsgesellschaft zu tun, und das muss man sich auch bewusst machen. Journalismus, der ausschließlich mit der deutschen Hochsprache arbeitet, schließt andere Menschen aus.“ Dazu komme der Aspekt der Mobilität: junge Menschen seien ständig auf Achse, hätten nicht mehr nur einen Wohnmittelpunkt – da sie mobil seien und ihre Interessen an verschiedenen Orten lägen, bänden sie sich dort nicht an eine Lokalzeitung, erläutert Jarren. Dieses Phänomen nennt er „Lebenssituationen auf Zeit“. Darauf seien Lokal- und Tageszeitungen nicht ausgelegt. Massenmedien wollten eine breite Masse erreichen, was in differenzierten, mobilen Gesellschaften zunehmend schwerer sei. Zeitungen verlieren im Lesermarkt, so insbesondere bei den Jüngeren. Und mehr noch: „Jüngere Menschen wachsen nicht mehr mit gedruckten Tageszeitungen auf, das hat Folgen für die weitere Bereitschaft, Zeitungen zu abonnieren und zu nutzen“, beschreibt Otfried Jarren die Lage. Und Rückgänge im Publikumsmarkt ziehen Rückgänge im Werbemarkt nach sich, zumal Jüngere vor allem von der Werbung erreicht werden sollen. Deshalb sinken die Einnahmen bei Printmedien in beiden Märkten, und das löst Finanzierungsprobleme für den Journalismus aus.

Die Lokalzeitungen haben es besonders schwer

Doch nicht nur die Zukunft der Printzeitungen beschäftigt Otfried Jarren. Auch die Zukunft von Medien im Onlinebereich beobachtet er besorgt. Dafür nennt er mehrere Gründe: Es gebe unzählige digitale Angebote, die Konkurrenz untereinander habe sich massiv verschärft. Im Digital- und Onlinebereich werden laut Jarren hauptsächlich kurze Texte gelesen, denn Smartphones und Tablets reduzierten zusätzlich den Platz für längere Artikel. Die digitale Konkurrenz sei sehr groß, so dass eine Paywall nicht etabliert werden konnte. Umso mehr kämpfen immer mehr Anbieter um die zunehmend knapper werdende Aufmerksamkeitsspanne der Nutzerinnen und Nutzer.

Und warum hat sich die Paywall nicht durchgesetzt? Für Jarren sind es mehrere Gründe: Zum einen sei zwar die Zahlungsbereitschaft in der Schweiz höher als in Deutschland, aber „eine Zahlungsbereitschaft sagt nichts über eine Abo-Bereitschaft aus – und darauf sind die Verlage angewiesen, um Planungssicherheit zu haben“. Zum anderen: Die Konkurrenz der Anbieter und der Angebote im Onlinesektor habe sich drastisch verschärft. Es herrsche ein enormer Wettbewerb unter den Anbietern. Zudem änderten sich die Marktbedingungen ständig, was bei den Anbietern zu ständig steigenden Marketingkosten führe. Und die Nutzerinnen und Nutzer müssten sich ständig neu über den Markt informieren. Hinzu komme die Fluidität von  Beiträgen. „Alles, was online ist, wird ständig aktualisiert. Dadurch sinkt zwar nicht die Bereitschaft zur Nutzung, aber die Nutzung wird immer hektischer und im Ergebnis immer oberflächlicher. Vielfach liest man nur noch die Texte an und schwenkt dann schon zum nächsten Text über. Und das führt dazu, dass die Zahlungs- und Bindungsbereitschaft nicht steigt, denn es kann ja jederzeit später etwas Neues, Wichtiges kommen. Informationen gibt es nämlich überall.“ Jarren schlussfolgert: „Die Bindungs- und Zahlungsbereitschaft schwindet also, und ich sehe nicht, dass sie wieder steigen wird, unter diesen Markt- und Nutzungsbedingungen.“ Als Beispiel nennt er die Krisenzeiten der jüngsten Vergangenheit wie den Krieg in der Ukraine oder die Corona-Pandemie. In diesen Zeiten gingen die Leute wieder dahin, wo sie die Qualität kennen, also beispielsweise zu den öffentlich-rechtlichen Angeboten, die ihre Dienste uneingeschränkt und kostenfrei bereitstellten und ein zuverlässiges und qualitätvolles Informationsangebot anböten. 

Die Konkurrenz der Anbieter und der Angebote im Onlinesektor habe sich drastisch verschärft

Weitere Punkte, die Jarren am Journalismus kritisiert, sind etwa die „absolute Kurzfristigkeit und die stark vom Nachrichtenwert getriebene Logik sowie die ständige wechselseitige Beobachtung der Konkurrenz“. Dadurch, dass Onlineredaktionen immer darauf schauten, was gerade die Konkurrenz macht, werde ein Clickbait-Journalismus begünstigt. „Das heißt, man orientiert sich überwiegend an der scheinbar kurzfristigen erfolgreichen Mitteilung, die gerade stark getriggert wird. Und wenn dann Teile der Löhne oder der Honorare, die gezahlt werden, erfolgsabhängig sind, so wird das zu einem Problem.“ Diese unternehmerischen Entscheidungen kann Jarren aus wirtschaftlicher Sicht zwar nachzuvollziehen, dem journalistischen Produkt tue dies aber nicht gut.

Ein großer Teil des zukünftigen Journalismus werde sich auf den sozialen Netzwerken abspielen, sagt Jarren, „ob man das jetzt mag oder nicht“. Texte, Grafiken oder Bilder werden über das Umfeld auf Kanälen geteilt, was auf der einen Seite für Nutzerinnen und Nutzer zwar Suchkosten reduziert, auf der anderen Seite aber eine Begünstigung für Filterblasen ist. Bestimmte Engführungen habe es aber immer gegeben. Jarren befürchtet also weniger Filterbubbles, wohl aber erhebliche Einschränkungen bei der Nutzung vielfältiger Informationen. Er merkt aber an, dass Social Media zum sogenannten „Aussteiger-Syndrom“ bei den publizistischen Medien führen könne. Man erhält über sein Netzwerk die Informationen aus den Medien, weshalb soll man dann selbst noch Medien aktiv nutzen, gar abonnieren? Dieser Weg der Mediennutzung kann zu einer Selbstüberschätzung führen: Menschen glauben, alle wichtigen Nachrichten zu kennen, wenn sie diese mit anderen teilen oder von anderen bekommen. Die Reduktion der Quellen kann dann, wie bei den sog. Querdenkern, zu einem Problem werden. Jarren betont, dass es ihm wichtig sei, journalistische Arbeiten wertzuschätzen und für die öffentliche Sichtbarkeit des Journalismus einzutreten. Das tut er zum Beispiel bei öffentlichen Anlässen oder als Jury-Mitglied für Preise für journalistische Arbeiten. Bei diesen Gelegenheiten sei es wichtig, auf die Freiräume für den Journalismus zu verweisen oder auf  die nötigen Ressourcen hinzuweisen. Journalismus sei eine öffentliche Angelegenheit und müsse sich daher der öffentlichen Debatte, der Kritik stellen. Die Beobachtung des Journalismus durch die Wissenschaft oder andere Akteure ist also wichtig.

„Der Journalismus braucht mehr Wertschätzung“

Sollten Journalisten zertifiziert werden oder ihre Produkte eine Art Gütesiegel bekommen? Mit dieser Frage hat sich Jarren als Präsident der Eidgenössischen Medienkommission in der Schweiz beschäftigt. „Der Journalismus braucht mehr Wertschätzung“, sagt die Medienkommission und hat über die Zertifizierung journalistischer Leistungen nachgedacht. Jarren hält es für wünschenswert und für eine geeignete Maßnahme, um die Leistung des Journalismus auf diese Weise sichtbarer zu machen und journalistische Produkte als solche erkennbar zu machen. Das heißt, dass diejenigen, die journalistisch arbeiten, sich zu bestimmten Regeln verpflichten und einen entsprechenden Kodex anerkennen müssten. Dafür könnten sie ein Siegel als Garantienachweis dafür verwenden, dass sie nach professionellen Regeln gehandelt haben. Dieses Siegel soll Nutzern helfen, qualitativ hochwertige journalistische Arbeit zu erkennen. Und dieses Siegel soll allen Journalistinnen und Journalisten zur Verfügung stehen, also nicht nur jenen, die in großen Medienhäusern arbeiten. „Es braucht eine kontinuierliche öffentliche Reflexion und eine kritisch-konstruktive Bewertung der Leistung des Journalismus“, findet Jarren. Dazu könne ein Siegel beitragen.

Formal ist Otfried Jarren zwar schon seit 2019 im Ruhestand, er forscht, lehrt und veröffentlicht aber weiter. So arbeitet er zurzeit an einer Publikation zum Öffentlichkeitswandel und den Folgen durch Digitalisierung und Social Media. Er wolle und könne sicher nicht mehr an der „vordersten aller Forschungsfronten“ mitmischen, aber sowohl Arbeiten abschließen als auch neue Vorhaben beginnen. In seiner Freizeit geht er gerne Schwimmen und Wandern, wofür sich die Schweiz perfekt eignet. Zum Zeitpunkt des Interviews ist Jarren in Berlin, hier besucht er Theater und Oper und nutzt das vielfältige Berliner Ausstellungsangebot.

Stolz ist Jarren darauf, dass er stets neugierig geblieben ist und viel in seiner beruflichen Laufbahn ausprobieren durfte und konnte. Die NZZ bestätigt ihm dies und nennt ihn einen „leidenschaftlichen Kommunikator“. Er blickt auf seine wissenschaftliche Karriere und die 40 Jahre an Universitäten zurück. „Ich bin mir sehr des großen Wandels in meinem Fach bewusst. Die Digitalisierung fordert uns alle nun völlig neu heraus. Zufrieden bin ich damit, dass sich in den 40 Jahren meiner universitären Tätigkeit viele junge Menschen bei mir wissenschaftlich entwickeln und einige davon sich auch akademisch etablieren konnten“.

Zur Autorin: Charlotte Jacobsohn hat Journalistik mit dem Nebenfach Anglistik an der Technischen Universität Dortmund studiert. Nach ihrem Volontariat beim Hessischen Rundfunk arbeitet sie heute als freie Journalistin für die WELT. Zugleich studiert sie im Master-Studiengang Journalistik an der TU Dortmund.

„Es geht vieles digital, aber digital geht auch vieles verloren“

Dr. Thorsten Schmiege: Jurist mit dem Mut, Neues zu probieren

Seit etwas mehr als einem halben Jahr ist Dr. Thorsten Schmiege Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM). Er hat sich Zeit genommen, über diese Aufgabe und aktuelle Herausforderungen für die BLM zu sprechen. Ein Porträt von Noah Matzat. 

Digitalisierung ist ein Trend, der Thorsten Schmiege umtreibt. Das sei und bleibe das zentrale Thema für sein Amt als Präsident der BLM. Die Medienbranche erlebt seit Jahren einen Umbruch durch die Digitalisierung, den es in dieser Größenordnung noch nicht gegeben hat. Schmiege sagt, dass das seit Jahren schon bekannt sei, „in allen Köpfen ist es aber letztlich noch nicht angekommen.“ Er spielt auf neue Plattformen, neue Player und neue Arten und Weisen der Kommunikation an. Nicht nur die Angebotsseite habe sich verändert, sondern auch das Nutzungsverhalten. „Gab es früher noch das Lagerfeuer-Phänomen und man musste sich als Familie einigen, welches Programm man abends im Fernsehen schaut, kann heutzutage jeder seine eigenen Sachen gucken“, sagt Schmiege.

Die Aufgaben der BLM werden komplexer

Zusätzlich verschwimmen die Grenzen der Ausspielwege sowie die der Massenkommunikation und der Individualkommunikation. Das stellt die BLM vor Herausforderungen, die bislang vor allem als Regulator der privaten Medien in Bayern diente. Dazu gehört, Sendelizenzen zu vergeben oder die Einhaltung des Jugendschutzes zu überwachen. Doch auch hier ändert sich einiges: „Früher konnte man sich darauf verlassen, dass die Leute sich per Mail oder sogar noch per Brief gemeldet haben, wenn es zum Beispiel bei Germany‘s Next Topmodel einen vermeintlichen Jugendschutzverstoß gab“, erzählt Schmiege. Heutzutage sei diese Aufsichtsfunktion komplexer – durch soziale Medien oder die Vielfalt der Internetangebote sind neue Aufgabengebiete hinzugekommen. Um Herr der Lage bleiben zu können, hat die BLM unter Schmiege eine Initiative der Landesanstalt für Medien NRW adaptiert. Um mehr Verstöße im Internet aufspüren zu können, gibt es aktuell ein KI-Tool, das in einer Erprobungsphase ist. Es soll automatisiert Verstöße im Netz ausfindig machen und an die BLM melden. Dort schauen sich Mitarbeiter den Fall an und entscheiden, ob es sich tatsächlich um einen Verstoß handeln könnte. „Das Ziel ist, dass die Künstliche Intelligenz dazulernt. Haben wir beispielsweise dreimal eingegeben, dass es sich nicht um etwas Gesetzeswidriges handelt, dann soll das Tool es beim nächsten Mal im besten Fall verstanden haben“, erklärt Schmiege. Ist der Testlauf erfolgreich, soll die KI also helfen, zum Beispiel Hate Speech, Gewalt oder Kinderpornografie herauszufiltern. Für Schmiege ist so ein System „alternativlos“.

Schmiege profitiert von seiner Offenheit, Neues zu probieren

Bis er am 1. Oktober 2021 Präsident der BLM wurde, hatte Thorsten Schmiege viele Stationen durchlaufen. Nach seinem Abitur ging er nach Regensburg. „Die Entscheidung, nach Regensburg zu gehen, habe ich nie bereut. Wer Regensburg kennt, der weiß, das ist eine mittelgroße Stadt, die aber sehr vom Studentenleben geprägt ist“, erinnert er sich. „In Regensburg hieß es immer, es sei die Stadt mit der höchsten Kneipendichte Deutschlands. Das behaupten wahrscheinlich 20 Städte in Deutschland, aber in Regensburg stimmt das natürlich“, fügt Schmiege lachend hinzu. Der Jurist hat sich wohlgefühlt in der Stadt, das nimmt man ihm mit seiner offenen und ehrlichen Art ab. Schmiege schloss das Erste und das Zweite Staatsexamen an der Universität Regensburg ab und promovierte ebenfalls dort. Lange lag sein Fokus auf dem Insolvenzrecht. Er sei quasi „der Arzt unter den Unternehmenswissenschaftlern“ gewesen. Aber: „Irgendwann muss man ja auch arbeiten. Ich habe mich in verschiedene Richtungen beworben – aber das Bayerische Wirtschaftsministerium hat als erstes geantwortet“, sagt Schmiege. Also ging es in verschiedenen Funktionen – auch mit einem planmäßigen Aufenthalt in der freien Wirtschaft – zum Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie.

Ein ausschlaggebender Punkt sei ihm bereits im Bewerbungsgespräch klar geworden: „Man hat direkt merken können, was es beim Staat für Veränderungsmöglichkeiten gibt. Das war für mich ausschlaggebend.“ Er verändere sich gerne immer mal wieder. So auch Anfang 2017, als er durch Zufall, wie er sagt, zum Medienrecht kam. „Das war ein Wunsch der damaligen Amtschefin der Bayerischen Staatskanzlei, dass ich dorthin wechsle. Und dann sagt man ‚ja‘ oder ‚ja gerne‘“, erzählt Schmiege mit einem Augenzwinkern. Seine Laufbahn sei nicht vorgezeichnet oder immer mit strategischen Entscheidungen verbunden gewesen, sondern habe auch von seiner Offenheit profitiert, immer wieder Neues auszuprobieren.

Öffentlichkeitsarbeit als zusätzliche Aufgabe

Über seine Arbeit in der Staatskanzlei als Referatsleiter Medienpolitik/Rundfunkrecht kam Schmiege 2019 zunächst als Geschäftsführer zur BLM. „Ich bin schon damit zufrieden, wie es gelaufen ist, wenn ich das so sagen darf“, sagt er rückblickend auf seine Stationen. Aber das neue Amt bringt auch für erfahrene Menschen wie Schmiege noch Neues mit sich. Als Präsident steht er nun mehr in der Öffentlichkeit als zuvor. Er sei es von seinen früheren Aufgaben gewohnt, sehr fachbezogen zu arbeiten. Jetzt müsse er Themen teils auch sehr pointiert darstellen, um sie in die Öffentlichkeit tragen zu können. Mittlerweile sieht er das als wichtigen und spannenden Teil seiner Arbeit an. Dass er diesbezüglich talentiert ist, ist im Gespräch nicht zu überhören, so gewählt, wie er seine Inhalte vermitteln kann. Zu seinen Herausforderungen als Präsident gehört auch die Digitalisierung der BLM. So ist etwa die Kontrollfunktion im Umbruch, aber auch die Prozesse im eigenen Haus sind es. Zusätzlich kämen Baustellen wie ein enormer Fachkräftemangel hinzu, sagt Schmiege, der aber weniger die BLM, sondern vor allem die Medien selbst betreffe. Dabei spricht er nicht von Berufen wie Cuttern, sondern eher von IT-Profis, die verstehen, wie Algorithmen funktionieren und angewandt werden können. Um diese spezielle Situation zu verbessern, habe die BLM über ihre Tochter, die Medien.Bayern GmbH, die Initiative „Start into Media“ gestartet, die eine Art Matching zwischen Schulabsolventen und der Medienbranche betreibt. Ziel: „Die Leute, die sagen, dass sie irgendetwas mit Medien machen wollen, können so herausfinden, was wirklich zu ihnen passt und was es alles für verschiedene Möglichkeiten in der Branche gibt“, erklärt der 47-Jährige.

„Analoge“ Hobbys als Gegenpol zur digitalen Medienwelt

Neben seinem Amt als Präsident ist Schmiege auch stellvertretender Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) und der Kommission für Zulassung und Aufsicht sowie Koordinator des Fachausschusses Netze, Technik, Konvergenz der Medienanstalten und stellvertretendes Mitglied der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) und Mitglied der Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK). Viele Aufgaben, die sehr zeitintensiv sind. „Früher dachte ich immer, dass es eine Phrase ist, wenn man sagt: ‚Ich freue mich über jede Minute, die ich mit der Familie verbringen kann.‘ Heute kann ich das besser nachvollziehen, wenn man nach einer harten Woche seine Kinder vermisst und eher so im Wochenrhythmus sieht, wie sie größer werden“, sagt Schmiege.

Viel seiner Freizeit fließt also in seine Familie. Ihm ist anzumerken, wie wichtig ihm das ist. „Auch wenn das vielleicht bei Heranwachsenden nicht immer ganz leicht ist. Die haben ja schließlich auch ihren eigenen Kopf und eigene Interessen.“ Bewusst versuche er, analoge Hobbys weiterzuführen, als Gegenpol zur digitalen Medienwelt in seinem Berufsalltag – klassischerweise Sport, Musik oder das Zusammensein mit Freunden. „Das sind Kontraste, bei denen man dann abschalten kann. Aber natürlich bleibt auch bei einigen Sachen nicht die Zeit, die man gerne hätte“, sagt Schmiege. Hätte er unbegrenzte Zeit, würde er wieder Orgel spielen. Eine Herzensangelegenheit, zu der seine Zeit aktuell einfach nicht reicht. Schmiege freut sich – beruflich wie auch privat –, wenn es wieder mehr analoge Treffen gibt. So auch zum Beispiel bei den Medientagen München, die nach zweijähriger digitaler beziehungsweise hybrider Ausrichtung dieses Jahr im Oktober wieder in Präsenz stattfinden können. Das sei eine ungemeine Erleichterung. So könnten auch wieder zufällige Treffen zustande kommen, die es sonst nicht gäbe. Denn: „Vieles geht digital, aber digital geht auch vieles verloren“, sagt Schmiege. Dass ihm persönliche Begegnungen wichtig sind, ist ihm ohne Weiteres abzunehmen. Mit seiner guten Laune und offenen Art dürfte er gerade analog viele erreichen.

Zum Autor: Noah Matzat hat Journalistik BA an der TU Dortmund studiert. Nach seinem Volontariat bei der Neuen Westfälischen in Bielefeld absolviert er nun seinen Master am Institut für Journalistik in Dortmund. Als freier Mitarbeiter arbeitet der 24-Jährige beim WDR zur Zeit vor allem in den Bereichen Online und Social Media.

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