„Budgets für deutsche Kinofilme sind seit Jahren rückläufig“

von am 24.01.2023 in Aktuelle Top Themen, Archiv, EU-Politik, Filmwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

„Budgets für deutsche Kinofilme sind seit Jahren rückläufig“
Christian Sommer, Präsident der SPIO

Filmwirtschaft sieht weiter wirtschaftliche Risiken und hofft auf ein Filmförderungsgesetz, das die unterschiedlichen Interessen ausbalanciert

24.01.2023. Fragen an Christian Sommer, Präsident der SPIO (Spitzenorganisation der Filmwirtschaft)

Viele Unternehmen der Filmwirtschaft hätten ihre finanziellen Rücklagen und ihr Eigenkapital aufgebraucht. Trotz guter Auftragslage im Produktionsbereich seien die Gewinnmargen und Renditen in den letzten Jahren aufgrund von Kostensteigerungen und Erlöseinbußen rückläufig, beschreibt SPIO-Präsident Christian Sommer die Lage. Gleichzeitig sei zu beobachten, dass die Budgets für deutsche Kinofilme seit Jahren rückläufig seien und sich Kinofilme in Deutschland kaum noch finanzieren ließen. Beide Entwicklungen führten zu einer Verschärfung des Konzentrationsprozesses innerhalb der Filmwirtschaft. Es sei zu hoffen, so Sommer, dass in der Diskussion um das neue Filmförderungsgesetz Investitionsverpflichtungen, Rechterückbehalte und steuerbasierte Fördermodelle nicht gegeneinander ausgespielt werden. Kalkulierbarkeit und Planbarkeit der finanziellen und steuerlichen Rahmenbedingungen seien für die Filmwirtschaft aufgrund der langen Produktionsdauer von Filmen ausschlaggebend.

medienpolitik.net: Mit welchen medienpolitischen Themen wird sich Ihr Verband 2023 vor allem beschäftigen?

Sommer: Ob die Branche sich von den Auswirkungen der Corona Pandemie und den Folgen des Kriegs in der Ukraine erholen kann, wird sich in diesem Jahr deutlicher zeigen. Die Besucherzahlen in den Kinos haben noch lange nicht das Vor-Pandemie-Niveau erreicht. Wir werden uns damit beschäftigen, die Menschen wieder für die Kinos und Veranstaltungen zu gewinnen. Eine erfolgreiche Umsetzung des von Frau Staatsministerin Roth initiierten Kulturpasses wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Viele Unternehmen der Filmwirtschaft haben ihre finanziellen Rücklagen und ihr Eigenkapital aufgebraucht. Trotz guter Auftragslage im Produktionsbereich sind die Gewinnmargen und Renditen in den letzten Jahren aufgrund von Kostensteigerungen und Erlöseinbußen zurückgegangen. Gleichzeitig beobachten wir, dass die Budgets für deutsche Kinofilme seit Jahren rückläufig sind und sich Kinofilme in Deutschland kaum noch finanzieren lassen.

Beide Entwicklungen führen zu einer Verschärfung des weitreichenden Konzentrationsprozesses innerhalb der Filmwirtschaft. Das Netzwerk an Unternehmen, die die Risiken der Filmherstellung und des Vertriebs auf mehreren Schultern verteilen, wird dünner. Wichtige Parameter, um diese Entwicklung aufzuhalten, können im Filmförderungsgesetz gesetzt werden, das dieses Jahr im politischen Prozess zu verhandeln ist. Wir hoffen sehr, dass in der Diskussion Investitionsverpflichtungen, Rechterückbehalte und steuerbasierte Fördermodelle nicht gegeneinander ausgespielt werden. Vielmehr müssen die hinter den jeweiligen Ansätzen stehenden Bedürfnisse einzelner Branchensegmente und der Filmbranche insgesamt diskutiert, abgewogen und in ein konsensfähiges Modell gegossen werden. Kalkulierbarkeit und Planbarkeit der finanziellen und steuerlichen Rahmenbedingungen sind für die Filmwirtschaft aufgrund der langen Produktionsdauer von Filmen besonders ausschlaggebend. Die immer noch bestehende Ungewissheit hinsichtlich der steuerlichen Behandlung von Koproduktionen ist weiterhin Gift für die Investitionsbereitschaft in deutsche Filme.

„Ob die Branche sich von den Auswirkungen der Corona Pandemie und den Folgen des Kriegs in der Ukraine erholen kann, wird sich in diesem Jahr deutlicher zeigen.“

Die Förderung ist nicht nur ein Finanzierungsinstrument, sondern auch ein wirtschaftliches Steuerungsinstrument. Sie muss daher die digitalen Wertschöpfungsketten berücksichtigen: Für digitale Geschäftsmodelle, die Produzenten und Filmverleiher an der Nutzung und dem Erfolg der Filmwerke beteiligen, könnte so ein Anreiz geschaffen werden. Auf diese Weise kommt der wirtschaftliche Erfolg auch den Filmurhebern und Schauspielern zugute. Denn die Währung des Zuschauers schlägt, anderes als im Kino, bei der digitalen Nutzung der Filme nicht mehr auf die Produzenten und Filmverleiher durch. Abo-Modelle, Flatrates oder die Ausweitung der Mediatheken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks führen nicht zu höheren Einnahmen bei denjenigen, die das Produktions- und Herausbringungsrisiko von Filmen in erster Linie tragen. Deshalb werden wir auch konstruktiv den notwendigen Reformprozess des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks begleiten.

In kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht beschäftigen wir uns auch eingehender mit den Chancen und Risiken, die sich für die Filmwirtschaft aus der zunehmenden Einflussnahme KI-gesteuerter Produktions- und Vertriebsprozesse und den von der Bundesregierung geplanten Datenräumen ergeben. Ein weiteres Betätigungsfeld ist die Diskussion um die Ausführung des Digital Services Act auf nationaler Ebene. Dabei achten wir darauf, dass illegale Inhalte zügig aus dem Netz entfernt und die Verfahren zur Rechtsdurchsetzung effektiv aufgesetzt werden.

medienpolitik.net: Welchen Einfluss hat die EU-Gesetzgebung auf die Arbeit Ihres Verbandes und Ihrer Mitglieder?

Sommer: Der ohnehin große Einfluss der EU-Gesetzgebung auf die nationale Filmwirtschaft wächst mit der weitreichenden Digitalisierung aller Wertschöpfungsstufen der Filmindustrie weiter. Mehr als 80 Prozent der nationalen Gesetze gehen auf EU-Rechtsakte zurück. Die wesentlichen Parameter für die wirtschaftliche und kulturelle Betätigung unserer Unternehmen werden in Brüssel gesetzt. Wurden früher in der Regel Richtlinien erlassen, die den Mitgliedstaaten Umsetzungsspielräume belassen, nutzt die EU-Kommission in den für die Filmwirtschaft relevanten Bereichen vermehrt Verordnungen, die unmittelbar als nationales Gesetz gelten und auch bestehende Regelungen aufheben. „Das hat die EU beschlossen“ ist ein oft gehörter Kommentar in den Medien oder der Politik. Dabei rückt oft in den Hintergrund, dass deutsche Entscheidungsträger maßgeblich am Prozess der politischen Entscheidungsfindung beteiligt sind. Die Stimme Deutschlands als einwohnerstärkstes EU-Land kann dabei ausschlaggebend sein. Denn Deutschlands Abgeordnete bilden die größte Gruppe im Europäischen Parlament. Im Ministerrat kann das Stimmengewicht Deutschlands Mehrheiten oder eine Sperrminorität organisieren.

„Der ohnehin große Einfluss der EU-Gesetzgebung auf die nationale Filmwirtschaft wächst mit der weitreichenden Digitalisierung aller Wertschöpfungsstufen der Filmindustrie weiter.“

Die deutsche Interessensvertretung auf EU-Ebene ist deshalb ein herausragender Schwerpunkt unserer politischen Arbeit. Uns kommt zugute, dass wir als einziger Verband in Europa die gesamte Filmwirtschaft vertreten, von der Filmproduktion, den filmtechnischen Betrieben mit Filmstudios, Postproduktion und Visual Effects über den Filmverleih bis hin zu den Kinos. Wir haben also im Hinblick auf die deutsche filmwirtschaftliche Perspektive gegenüber anderen Mitgliedstaaten einen Vorteil, der nicht nur von der Politik, sondern auch von unserem Netzwerk aus europäischen Film- und Kinoverbänden geschätzt wird.

medienpolitik.net: Was ist 2023 für Sie zudem wichtig?

Sommer: Das Thema Transparenz, wie Plattformen filmische Werke nutzen, bleibt ein Kernthema der SPIO. Der Vorschlag der EU-Kommission für einen Media Freedom Act enthält erste hilfreiche Ansätze mit Blick auf die Reichweitenmessung. Auf Ebene des EU-Parlaments beteiligen wir uns an der Debatte um die künftige Ausrichtung der Audiovisuellen Mediendiensterichtlinie (AVMD). Aus unserer Sicht sollte die Richtlinie noch deutlichere Vorgaben enthalten, wie der Anteil europäischer Werke im TV und bei Video-On-Demand-Diensten eingehalten werden kann.

Die EU-Kommission hat auf Druck der Telekommunikationsunternehmen eine Konsultation zur Beteiligung großer Content-Produzenten an den Netzausbaukosten angekündigt. Für die Filmwirtschaft hatte die Einführung dieser „Network Fees“ in Südkorea jedenfalls erhebliche negative Auswirkungen. Bei schwindenden Budgets für filmische Werke wäre dies ein zusätzlicher Bremsklotz für die audiovisuelle Branche in Europa und daher kontraproduktiv.

Außerdem müssen wir immer wieder erklären, wie Filme entstehen, wie ihre Finanzierung und Auswertung funktioniert, wenn wir einen lebendigen, vielfältigen wirtschaftlichen und kulturellen Filmmarkt haben wollen. Denn für viele Politiker steht fälschlicherweise die territoriale Lizenzierung im Widerspruch zur Vollendung des Digitalen Binnenmarkts. Und der Binnenmarkt feiert sein 30-jähriges Jubiläum.

Für die Filmwirtschaft muss die Politik daher in diesem Jahr entscheidende Weichen stellen. Es wird ein filmpolitisch spannendes Jahr.

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