Eine aktuelle Umfrage der AG DOK unter über hundert Filmschaffenden zeigt: Die Strukturen in den Sendern befinden sich im Wandel – mit spürbaren Folgen für den Arbeitsalltag. Die Autoren beschreiben eine Situation, in der kreative Prozesse zunehmend von Bürokratie, langen Entscheidungswegen und einer Fokussierung auf Abrufzahlen geprägt sind. Gleichzeitig formulieren sie klare Forderungen: flachere Hierarchien in den Sendern, verbindlichere Absprachen und eine faire Bezahlung.
Nach Einschätzung der Autoren ist die Zusammenarbeit in hohem Maße uneinheitlich und stark von der jeweiligen Redaktion abhängig. Die Auswertung der Umfrage zeigt sowohl strukturelle Probleme als auch konkrete Lösungsansätze auf. Viele der Filmschaffenden berichten, dass sich die Zusammenarbeit mit den Redaktionen verkompliziert hat. Die Zentralisierung in den Sendern, die aus Sicht der Anstalten Bürokratie abbauen und Entscheidungswege verkürzen soll, führt in der Praxis zu immer mehr Abstimmungsschleifen: „Es werden immer neue Gremien und Kommissionen innerhalb der Sender eingesetzt, das macht den ganzen Apparat unendlich schwerfällig….“, schreibt ein Autor. Gerade die „Entmachtung der Redakteure“ durch längere „Hierarchieketten“ verzögere die Entscheidungsfindung. Autoren berichten von fehlender Kommunikation bei Themenvorschlägen und aufwendiger und unbezahlter Mehrarbeit in der Stoffentwicklung. Vertragsabschlüsse verzögerten sich zunehmend. Es sei gängige Praxis, Dreharbeiten ohne Vertrag und ohne finanzielle Absicherung beginnen zu müssen. Mehrfach wird erwähnt, dass die vereinbarten Vergütungsregeln (GVR) nicht konsequent umgesetzt werden (z.B. bei der Vergütung von angeforderten Treatments).
Die Filmschaffenden wünschen sich durchlässigere Hierarchien: Redakteure mit Handlungsspielraum, weniger bürokratische Hürden und verbindlichere Fristen. Gefordert wird außerdem ein Kalkulationsrealismus, um „wirtschaftlich desaströse“ Arbeitsbedingungen zu vermeiden, sowie Vertrauen in kreative Entscheidungen. Abrufzahlen dürften nicht in jedem Fall wichtiger sein als die gesellschaftliche und politische Relevanz eines Themas. Festgestellt wird auch eine „…immer geringere Wertschätzung für das Format Dokumentarfilm…. Das zu Zeiten, wo der gesellschaftliche Diskurs oberste Priorität bei den öffentlich-rechtlichen Sendern haben sollte.“
Fazit der qualitativen Auswertung
Die Filmschaffenden kritisieren vor allem die Strukturen in den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Das System werde getragen von Menschen, die ihre Arbeit lieben, aber zunehmend an Sender-Strukturen und schlechten Rahmenbedingungen leiden. Trotz der Kritik ist in den Antworten eine starke Verbundenheit spürbar: mit dem Medium, mit den Redaktionen und mit dem gemeinsamen Anspruch, gesellschaftlich relevante, künstlerisch anspruchsvolle Filme zu machen.
- Zwischen Belastung und Engagement
Die Zusammenarbeit zwischen freien Autoren und Redaktionen ist von Widersprüchen geprägt. Viele sprechen von wachsender Bürokratie, Angst und fehlender Kommunikation. Entscheidungsprozesse seien träge, Verantwortlichkeiten unklar, kreative Arbeit würde von Kontrollmechanismen überlagert. Trotzdem engagieren sich viele Filmschaffende mit großem persönlichem Einsatz. Wo Vertrauen herrscht, entstehen produktive Beziehungen. Es sind diese persönlichen Partnerschaften, die den Arbeitsalltag tragen und die Qualität von dokumentarischen Produktionen steigern – nicht die Institution, sondern einzelne Redakteure, die zuhören, fördern und Verantwortung übernehmen.
- Der Wunsch nach Reform statt Bruch
Die Auswertung der Zukunftsfrage verdeutlicht, dass die Filmschaffenden keinen radikalen Bruch mit dem System wollen, sondern eine grundsätzliche Erneuerung: mehr Entscheidungsfreiheit, weniger Hierarchie, faire Bezahlung und klare Kommunikation. Viele Beiträge formulieren konkrete Vorschläge – von verbindlichen Fristen über transparente Budgets bis zu Fortbildungsprogrammen für Redakteure und Autoren. Gleichzeitig wird eine inhaltliche Neuausrichtung gefordert. Der öffentlich-rechtliche Auftrag müsse wieder spürbar werden – Mut zu Relevanz, Vielfalt und Haltung statt zu Formatvorgaben und Zielgruppenoptimierung.
- Verantwortung und Realismus
In Frage 3, der offensten der drei Fragen, zeigen sich Ermüdung und Frustration, aber auch Hoffnung. Viele wünschen sich, dass Vereinbarungen verbindlich und Budgets nachvollziehbar sind sowie Kommunikation direkt und persönlich geführt wird. Die Filmschaffenden wollen etwas bewegen, gesellschaftliche Prozesse abbilden, doch dafür bräuchten sie Rahmenbedingungen, die Vertrauen ermöglichen. Die Kritik richte sich nicht gegen die Idee des öffentlich-rechtlichen Systems, sondern gegen seine aktuelle Praxis. Der Wunsch, den Dialog zu erneuern, zieht sich durch nahezu alle Beiträge.
- Ausblick
Das Stimmungsbild, das aus den Antworten entsteht, ist kein pessimistisches. Es zeigt eine Branche, die in Bewegung ist – kritisch, manchmal auch müde, aber selten hoffnungslos. Die Filmschaffenden fordern keine Revolution, sondern die Rückkehr zu einem gemeinsamen Verständnis: dass dokumentarisches Erzählen Verantwortung, Verbindlichkeit, Respekt und künstlerische Freiheit braucht.
Fazit der quantitativen Auswertung
Die Auswertung der geschlossenen Fragen zeigt ein differenziertes Meinungsbild zur Zusammenarbeit zwischen Autoren und Redaktionen. 41,7 Prozent der Teilnehmenden erleben die Kommunikation mit Redakteuren auf Augenhöhe, weitere 18,6 Prozent stimmen dem tendenziell zu. Gleichzeitig berichtet knapp ein Viertel (22,5%) von fehlender Augenhöhe. Die unterschiedlichen Bewertungen deuten darauf hin, dass die Kommunikation in den Redaktionen sehr uneinheitlich verläuft.
Beim Einfluss der Redaktionen auf inhaltliche und gestalterische Entscheidungen während der Dreharbeiten geben 41 Prozent an, dass Redaktionen maßgeblich mitentscheiden, etwa über Protagonisten, Drehorte oder Dramaturgie. Fast ebenso viele (39,9%) verneinen dies. Auch hier zeigt sich ein uneinheitliches Bild.
Die Atmosphäre bei Abnahmen wird mehrheitlich als wertschätzend empfunden (61% Zustimmung), doch mehr als ein Viertel der Autoren (25,1%) schildert die Atmosphäre als eher nicht oder gar nicht wertschätzend. Rund 35 Prozent der Befragten stimmen zu, dass Redaktionen gegen ihre Überzeugung Änderungen am Film verlangen, während 47,3 Prozent das nicht bestätigen. Auch hier liegt eine Meinungsstreuung vor.
Ob die Filme durch die Zusammenarbeit mit der Redaktion besser werden, beantworten 38 Prozent positiv, 32 Prozent neutral und 30 Prozent ablehnend. Auf die übergeordnete Frage nach der Entwicklung der Zusammenarbeit in den letzten drei Jahren antworteten 44,2 Prozent neutral. Eine leichte Tendenz zur Verschlechterung wird deutlich: Rund 32,7 Prozent empfinden die Entwicklung als eher oder stark negativ, während 23,2 Prozent eine eher oder stark positive Veränderung sehen.
Fazit insgesamt
In der Auswertung der Umfrage werden systemische Herausforderungen deutlich, welche die Zusammenarbeit belasten. Die qualitativen Rückmeldungen gehen in die Tiefe: Insbesondere dort, wo persönliche Kommunikation nicht mehr im Vordergrund steht und strukturelle Prozesse den Austausch prägen, wächst das Gefühl von Intransparenz, Ohnmacht und mangelnder Augenhöhe. Dabei zielt die Kritik überwiegend auf institutionelle Strukturen und weniger auf einzelne Redakteure.
Die quantitative Analyse zeigt, dass die Zusammenarbeit vom Handlungsspielraum der einzelnen Redaktion abhängt – und wie wichtig verlässliche Rahmenbedingungen sind. Die Zusammenarbeit zwischen Autoren und Redaktionen ist in hohem Maße uneinheitlich, redaktionsabhängig und strukturell unter Druck. Die Freitext-Antworten offenbaren strukturelle Probleme und zeigen ein deutlich kritischeres Stimmungsbild als die Bewertung der Statements. Die Autoren beschreiben eine Situation, in der kreative Prozesse zunehmend von Bürokratie, langen Entscheidungswegen und Abrufzahlen geprägt sind. Gleichzeitig formulieren sie klare Forderungen: Flachere Hierarchien in den Sendern, mehr Vertrauen, verbindlichere Absprachen und eine faire Bezahlung.
Die AG DOK (Berufsverband Dokumentarfilm) hat im Juli/August 2025 eine Online-Befragung zur Zusammenarbeit von Autoren/Regisseure und TV-Redaktionen durchgeführt. Im Fokus standen ausschließlich dokumentarische Produktionen. Teilgenommen haben 103 Filmschaffende aus dem deutschsprachigen Raum. Die Umfrage besteht aus einem qualitativen und einem quantitativen Teil:
Im qualitativen Teil der Umfrage hatten die Filmschaffenden die Möglichkeit, auf drei offene Fragen ausführlich zu antworten und ihre Erfahrungen zu schildern. Dabei ging es um die persönliche Zusammenarbeit mit Redaktionen: „Was läuft besonders gut, was überhaupt nicht? Welche Tendenzen nimmst du wahr?“ Nach Lösungsideen wurde ebenfalls gefragt.
Im quantitativen Teil bewerteten die Teilnehmenden Aussagen zur Zusammenarbeit mit den Redaktionen, zum Beispiel: „Die Redaktion kommuniziert mit mir auf Augenhöhe.“ Die Einschätzung erfolgte auf einer Skala von „stimme gar nicht zu“ bis „stimme voll und ganz zu“.
https://media02.culturebase.org/data/docs-ag-dok/Umfrage_AutorInnen_Redaktionen.pdf