„Es wäre toll, wenn wir nicht gebraucht würden“

03. Dezember 2024
Elena Kountidou, Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM)
Elena Kountidou, Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM)
Vielfalt in den Medien: Ein Porträt der NGO „Neue deutsche Medienmacher*innen“

Von Karla Kallenbach, Studentin der TU Dortmund

In einem weiteren Porträt unserer Serie zu Non-Governmental Organisation (NGO), stellt Karla Kallenbach, Studentin an der TU Dortmund die Organisation „Neue deutsche Medienmacher*innen (NdM) vor. Die Neuen deutschen Medienmacher:innen sind ein Verein, der sich für mehr Vielfalt im Journalismus und gegen Hass im Netz einsetzt. Mit unterschiedlichen Projekten, Publikationen und Aktionen informieren sie über diskriminierungsfreie Medienarbeit. Hinter dem Verein steht ein bundesweites Netzwerk von Medienschaffenden mit und ohne Einwanderungsgeschichte, die sich gemeinsam für mehr Diversität in der Medienlandschaft und eine bessere Berichterstattung einsetzen.

Fragt man Elena Kountidou nach der Botschaft der Neuen deutschen Medienmacher*innen, muss sie nicht lang überlegen: „Eine vielfältige Gesellschaft braucht vielfältigen Journalismus. Punkt.“ Kountidou steht seit 2022 an der Spitze der NGO Neue deutsche Medienmacher*innen (NdM), die sich für Vielfalt im Journalismus und gegen Hass im Netz einsetzt. Zuvor arbeitete sie unter anderem für die Kulturstiftung des Bundes, das Konzerthaus Berlin sowie ARTE. Mit ihren Projekten informieren die NdM über diskriminierungsfreie Medienarbeit und stärken Medienschaffende mit Einwanderungsgeschichte.

Vom Journalismus-Stammtisch zur NGO mit 600 Mitgliedern

Angefangen hat die Geschichte der Neuen deutschen Medienmacher*innen vor 15 Jahren – mit Stammtischen von Journalistinnen und Journalisten mit Migrationshintergrund. Beim gemeinsamen Austausch erkannten sie, dass sie im Berufsleben ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Viele von ihnen sahen sich mit Hürden wie mangelnder Vielfalt in Redaktionen, Vorurteilen und Schwierigkeiten beim Berufseinstieg konfrontiert. Um etwas an dieser Situation und an der Berichterstattung zu verändern, wurden die Neuen Deutschen Medienmacher*innen gegründet. Heute zählt der Verein über 600 Mitglieder, rund 2000 Medienschaffende sind im Netzwerk der NGO aktiv. In den vergangenen 15 Jahren haben die NdM zahlreiche erfolgreiche Aktionen und Projekte ins Leben gerufen, um den Journalismus in Deutschland vielfältiger zu gestalten.

Sehr begehrt: 1-zu-1-Mentoring für Medienschaffende mit Einwanderungsgeschichte

Besonders gefragt ist ein Mentoring-Programm, das Journalistinnen und Journalisten mit Fluchterfahrung auf ihrem Weg in die deutsche Medienlandschaft unterstützt. Seit über 10 Jahren bieten die Neuen Deutschen Medienmacher*innen es an, über 350 Medienschaffende wurden bis heute gefördert. Mittlerweile gibt es jährlich sehr viel mehr Bewerberinnen und Bewerber als Plätze. Nicht nur Nachwuchs-Medienschaffende bewerben sich. Auch Menschen, die bereits in Herkunftsländern wie Afghanistan oder dem Iran journalistisch tätig waren und geflüchtet sind, wird eine Brücke in den Journalismus und das hiesige Mediensystem geboten.

Wer im Auswahlverfahren überzeugt und einen Platz im Programm erhält, profitiert von einem individuellen Matching mit Mentorinnen und Mentoren, die von den Neuen Deutschen Medienmacher*innen ausgewählt werden. Workshops zu verschiedenen Themen werden angeboten, darunter rechtliche Aspekte der Medienarbeit und kreatives Schreiben. Zudem werden Praktika vermittelt und Besuche in Redaktionen organisiert, unter anderem beim RBB und bei RTL. „Das Ganze ist keine Einbahnstraße, nach dem Motto: „Tolle Mentorin und die Mentee lernt´“, betont Elena Kountidou. Auch die Mentorinnen und Mentoren selbst spiegelten den NdM immer wieder, wie wertvoll der Austausch für sie sei.

Branchenwechsel trotz Talent

Heute arbeiten die Mitglieder und Mentees der Neuen deutschen Medienmacher*innen in einer Vielzahl von Redaktionen, von Zeitungen bis hin zu den öffentlich-rechtlichen Sendern. Trotz ihres Talents haben einige den Journalismus jedoch auch verlassen, sagt Kountidou. Entlassungen, Überlastung, große psychischen Belastung und finanzielle Prekarität seien einige der Gründe. Oft fehle es auch an einer inklusiven Redaktionskultur und Ansprechpersonen bei Diskriminierung. Besonders hart treffe jedoch das Thema Hass im Netz Medienschaffende mit Einwanderungsgeschichte und sichtbarer Diversität. Sie würden in solchen Fällen immer wieder auf ihre Herkunft reduziert und erfahren auch Hasskampagnen im Netz.. Sicherzustellen, dass Menschen mit diversen Perspektiven, die sich ihren Platz hart erkämpft haben, nicht zum Schweigen gebracht werden, ist laut Kountidou eine besonders drängende Aufgabe ihrer NGO.

Bekämpfung von Hate Speech

Das Thema Hate Speech hat somit einen wichtigen Platz in der Arbeit der Neuen deutschen Medienmacher*innen eingenommen. Die NdM sind schon lange Träger des „No-HateSpeech-Movements“, einer Kampagne gegen Hassrede im Netz, die bislang vom Familienministerium gefördert wird. Laut Kountidou waren die NdM die erste NGO, die sich mit Hate Speech auseinandergesetzt, einen Helpdesk eingerichtet sowie Handlungsempfehlungen für Medienschaffende und Betroffene entwickelt hat. Immer wieder waren sie auch an Gesetzgebungsverfahren beteiligt. Ein Beispiel ist die Initiative eines Gesetzes gegen digitale Gewalt des Justizministieriums. Gemeinsam mit der NGO „Reporter ohne Grenzen“ begrüßten die NdM den Gesetzesvorschlag, empfahlen jedoch auch Nachbesserungen. Angesichts der steigenden Gewalt gegen Medienschaffende schlugen die NGOs beispielsweise vor, Medienschaffende als schützenswerte Berufsgruppe explizit zu erwähnen. Letztlich vergeblich, weil das Gesetz nicht verabschiedet wurde. Zusätzlich dazu haben die NdM gemeinsam mit Reporter ohne Grenzen und den journalistischen Gewerkschaften einen Schutzkodex mit Maßnahmen gegen Hate Speech entwickelt und Medienhäuser überzeugt, diesen zu unterzeichnen und umzusetzen.

Die enge Zusammenarbeit mit anderen Organisationen erfolgt jedoch nicht nur im Themenbereich Hate Speech. Je nach Thematik arbeiten die NdM mit verschiedenen Verbündeten zusammen, um ihre Anliegen voranzutreiben. Unter anderem haben die NdM einen Diversity Guide mit Empfehlungen für Medienhäuser erarbeitet. Dieser wurde dann in Zusammenarbeit mit Organisationen wie ProQuoten-Medien, Leitmedien sowie Queer Media um weitere Diversitätsaspekte ergänzt. Ein wichtiger Baustein der Arbeit der NdM ist es außerdem, die Medienberichterstattung auch inhaltlich zu verbessern und Medienschaffenden zu helfen, diversere Inhalte zu produzieren. Dafür hat der Verein beispielsweise ein Glossar mit Formulierungshilfen erstellt und den „Vielfaltfinder“, eine diverse Expert*innendatenbank, ins Leben gerufen.

 Positive Entwicklungen

Seit der Gründung der Neuen deutschen Medienmacher*innen hat sich in Deutschland einiges getan. „Wir haben durch unsere Arbeit erreicht, dass wir dieses Thema überhaupt publik gemacht haben. Vor 15 Jahren hat man kaum über Diversität gesprochen“, schätzt Kountidou die Situation ein. Es gebe heute kaum noch Medienentscheider, die keinen Wert auf Diversität legten. Und auch das Thema Rassismus sei gesamtgesellschaftlich medial angekommen. Es werde endlich konkret benannt, anstatt Ausflüchte in Formulierungen wie „Fremden-“ oder „Ausländerfeindlichkeit“ zu finden. „Ich glaube, da ist uns was gelungen. Und es ist uns glaube ich auch gelungen, gemeinsam mit anderen auch ein Schlaglicht auf das Thema Hass im Netz und digitale Gewalt zu setzen“, sagt Kountidou.

Auch unter Medienschaffenden hat sich die Lage in den vergangenen 15 Jahren weiterentwickelt: Viel mehr Menschen mit Einwanderungsgeschichte arbeiten heute vor der Kamera und auch die Situation an den Redaktionstischen habe sich verbessert. In den Leitungsebenen sehe es jedoch nach wie vor anders aus: Laut einer Erhebung der NdM aus dem Jahr 2020 haben nur 6,4 Prozent der Chefredakteure in großen deutschen Medienhäusern eine Einwanderungsgeschichte. Dieser ohnehin geringe Anteil stamme vor allem aus Nachbarländern wie zum Beispiel Luxemburg oder Dänemark, schwarze oder muslimisch gelesene Personen seien nicht dabei gewesen. Dabei seien gerade in Zeiten von globalen Kriegen und Krisen internationale Perspektiven und interkulturelle Kompetenzen sehr wertvoll. Bedingt sei dieses Phänomen zum Teil auch psychologisch. Oft sei es so, dass Menschen in Machtpositionen vor allem Leute förderten oder nachbesetzten, die ihnen ähnlich seien, sagt Kountidou. Zudem fehlten in vielen Redaktionen auch weitere Diversitätsmerkmale. Es gehe nicht nur um Migrationsgeschichte, sondern auch um Menschen mit Behinderung und queere Personen.

Eine Zeit der Herausforderungen

Trotz zahlreicher positiver Entwicklungen in den vergangenen Jahren betrachtet Kountidou die aktuelle Zeit als eine Zeit der Herausforderungen. Die Finanzierung der NdM ist laut Kountidou prekär und hauptsächlich von Bundesförderungen abhängig, mit einem kleineren Anteil an Zuwendungen von Stiftungen und anderen Vereinen. Die Projektgelder haben oft eine Laufzeit von ein bis zwei oder drei Jahren, was strukturelle Weiterentwicklung einschränkt. Darüber hinaus erhalten die NdM keine strukturelle Förderung für ihre konkreten Vorhaben und müssen sich immer wieder neuen Ausschreibungen anpassen.

Diese Gegebenheiten stellen sich für die Neuen deutschen Medienmacher*innen als enorme Hürden dar – insbesondere in einer Zeit der Erstarkung des Rechtsextremismus und deren Einfluss auf die Berichterstattung. „Man sieht, dass sehr viel Eingang gefunden hat in unsere Sprache – Wörter wie „Überfremdung“ oder „Migrationskrise“. Da ist ein beunruhigendes Wording und auch ein Framing gesetzt worden“, sagt Kountidou. Daher sind die NdM aktuell besonders viel im Gespräch mit Redaktionen. Das Credo sei dahingehend, weniger Menschen Raum für ihr Narrativ zu geben, sondern eher durch analytische Berichterstattung die Folgen eines solchen Parteiprogramms in den Fokus zu nehmen. „Das Beste, was uns passieren könnte, wäre, dass wir einen so guten Job machen, dass wir uns selbst abschaffen. Es wäre eigentlich toll, wenn es uns nicht bräuchte.“, sagt Kountidou. Doch dem sei in der aktuellen Situation leider noch nicht so.

Zur Autorin:

Karla Kallenbach studiert Journalistik an der TU Dortmund und volontierte beim Hessischen Rundfunk. Neben dem Studium arbeitet sie als crossmediale Journalistin für den WDR.

 

 

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